E-Book, Deutsch, 320 Seiten, E-Book
Reihe: Haufe Fachbuch
Berlage Zukunft sichern durch Strategic Foresight
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-648-13436-8
Verlag: Haufe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Handlungsoptionen erkennen, Zukunft aktiv gestalten
E-Book, Deutsch, 320 Seiten, E-Book
Reihe: Haufe Fachbuch
ISBN: 978-3-648-13436-8
Verlag: Haufe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Berlage hat sich mit seiner Unternehmensberatung „Essential Futures“ auf Strategic Foresight spezialisiert. Daneben ist er als Dozent zum Thema an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel tätig. Nach seinem Wirtschaftsstudium war er lange in verantwortungsvollen Positionen bei verschiedenen führenden Banken im In- und Ausland tätig, u.a. bei der Dt. Bank, wo er die Abteilung Corporate Finance in Norddeutschland leitete. Im Anschluss arbeitete er als Geschäftsführer bei einer großen deutschen Venture Capital Gesellschaft und bei einem Beratungsunternehmen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 Einführung – Wie mit der Zukunft umgehen?
Nun also wollen wir etwas Licht in die Angelegenheit des Strategic Foresight bringen, denn wie schon der dänische Philosoph Kierkegaard formulierte,
Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden.
S. Kierkegaard
Da ist es hilfreich, sich den Ursprung der Disziplin zunächst einmal als ein Gespräch zwischen drei alten und weisen Männern vorzustellen:
Der erste bedenkt die Lage und erklärt: «Unsere Einstellung hinsichtlich der Zukunft lässt sich gut mit einer Autofahrt in stockfinsterer Nacht vergleichen. Wir sausen in einem schnellen Auto auf einer unbekannten und unebenen Straße voller Schlaglöcher dahin. Bäume zur Rechten, Abhänge zur Linken. Schon ein schwacher und flackernder Scheinwerfer wäre da hilfreich, um ein Desaster zu vermeiden.«4 Nun ergänzt der Zweite: »Ja, und je schneller wir fahren, desto weiter und breiter sollten wir die Straße ausleuchten!«5 Und der Dritte fügt hinzu: »Viele Leute behaupten, man könne nichts über die Zukunft wissen. Diese Leute haben zu 99,999++ Prozent Recht im buchstäblichen Sinne, aber beträchtlich Unrecht im praktischen Sinne. Praktisch alles, was wir nicht über die Zukunft wissen, hat wenig praktischen Wert für uns, wohingegen das Bisschen, das wir erkennen können, extrem wichtig ist. Lückenhaftes Wissen ist immer noch besser als kein Wissen!«6
Die englische Zeitschrift »The Economist« hat das Problem vor Jahren so zusammengefasst: »Sie finden es schwer, die Zukunft vorherzusagen? Dann versuchen Sie doch, sie zu ignorieren!«7 Die Zukunft zu ignorieren ist aber nicht so leicht, da alle unsere Handlungen auf die Zukunft gerichtet sind. Dem französischen Gründungsvater des Strategic Foresight Gaston Berger ist die Zukunft aus diesem Grund Sinn und Zweck der Gegenwart.
Wie kann also unser Scheinwerfer aussehen und was sollten wir ausleuchten? In diesem Buch schlage ich vor, dass ein geeigneter Scheinwerfer auf der Straße in die Zukunft die Disziplin des Strategic Foresight sein kann. Man kann heute bereits viele Dinge erkennen, die unsere Zukunft prägen werden. Aber damit ist es nicht genug, denn wir wollen uns auch der Frage stellen, wie wir unsere Zukunft aktiv und wissentlich mitgestalten wollen oder sollen. Denn überall dort, wo wir eine inakzeptable Zukunft erkennen, sollten wir vom eingeschlagenen Weg abweichen und neue Pfade erkunden. Doch hierzu mehr in den entsprechenden Kapiteln.
Der US-amerikanische Wissenschaftler Russell Ackoff beschreibt vier typische Herangehensweisen an die Zukunft. Diese sind:
- Inaktivität akzeptiert die Zukunft und den Wandel so, wie es kommt, ohne Aufbegehren, oft begleitet von einem Gefühl der Ohnmacht. Die Gegenwart wird als besser als die Vergangenheit gesehen.
- Reaktivität nimmt Wandlungsimpulse auf, um sie abzuwehren. Das Feuer wird gelöscht und man kehrt zur historischen Konfiguration zurück. Die Vergangenheit ist besser als die Gegenwart.
- Proaktivität deutet mögliche Entwicklungen in der Zukunft und bereitet sich aktiv auf diese vor. Die Zukunft ist besser als die Gegenwart. Dies hat ein gestalterisches Element.
- Interaktivität betont die gesellschaftliche Zusammenarbeit, um die gewünschte Zukunft zu realisieren. Auch hier ist die Zukunft besser als die Gegenwart.
Strategic Foresight ist grundsätzlich einem proaktiven und interaktiven Verständnis der Zukunftsgestaltung verpflichtet. Die Zukunft »geschieht« uns nicht, vielmehr erschaffen wir sie täglich neu. Wir haben immer die Wahl hinsichtlich unserer Handlungen und damit hinsichtlich deren Konsequenzen. Wir müssen nur rechtzeitig agieren. Der Sinn und Zweck von Strategic Foresight ist es daher, die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft mit einem umfassenden Verständnis der Zukunftsdimensionen und mit angemessenen Methoden auszustatten, um heute wohlfundierte Entscheidungen über das Morgen, die Zukunft, zu treffen.
Diese Paarung des Heute mit dem Morgen ist für unsere Betrachtungen durchaus wichtig, denn alle Entscheidungen werden im Heute getroffen, auch jene, die wir aufschieben. Das Handeln findet heute statt – ebenso wie das Entscheiden. Also sollten wir heute auch entsprechend informiert und ausgebildet sein, um diese Entscheidungen angemessen treffen zu können. Der französische Soziologe Auguste Comte forderte uns auf:
Savoir pour prévoir, prévoir pour prévenir.
A. Comte
Frei ins Deutsche übersetzt lautet seine Forderung: Wissen, um vorherzusehen, vorhersehen, um vorzubeugen. Das impliziert zunächst einen Fokus auf negative Entwicklungen, die es zu vermeiden gilt. Während dies zweifelsohne ein wichtiger Antrieb für die Arbeit mit Zukunftsthemen ist, ist die Wahrnehmung zukünftiger Chancen und Gelegenheiten ebenso wichtig. Dem wollen wir nachfolgend Rechnung tragen. Strategic Foresight wird daher angewandt, um zukünftige Chancen und Risiken, die sich aus dem gesellschaftlichen Kontext ergeben, zu erkennen und sich entsprechend vorzubereiten. Der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes fasst diesen Ansatz wie folgt zusammen: «Vorbereitet sein ist schon der halbe Sieg.« Im Folgenden gehen wir von der folgenden Definition von Strategic Foresight aus:
Strategic Foresight ist ein systematischer Rahmen von Konzepten und Methodologien, der heutige Akteure in die Lage versetzt, bewusst und wohlreflektiert mittel- und langfristige strategische Ziele zu wählen und korrespondierende Maßnahmen zu planen und umzusetzen.
Der US-Amerikaner Jim Dator gilt als einer der Väter des Strategic Foresight. Er gründete bereits in den 1970er-Jahren einen Studiengang, der ohne Weiteres als Alma Mater einer Vielzahl bedeutender Futurologen bezeichnet werden kann. Dator beschreibt drei fundamentale Elemente für unsere Zukunft:
- Nachhaltige Strukturen (als Konstanten bezeichnet) sind Faktoren, die immer existierten und dies auch in der Zukunft tun werden. Beispielhaft sei die Gravitationskraft genannt.
- Variabilitäten sind Faktoren, die gestern existierten, heute fehlen, aber morgen wieder auftreten können – oder umgekehrt. Vulkanausbrüche, Konjunktur- oder auch Lebenszyklen sind entsprechende Beispiele. Diese Faktoren sind immer wieder einem Wandel unterworfen, finden aber zu gewissen Grundmustern zurück.
- Neuerungen existierten bislang noch nicht. Innovative Technologien oder gesellschaftliche Revolutionen können unser Umfeld erheblich verändern. Dann haben wir es mit einem disruptiven Wandel zu tun.
Der US-amerikanische Gelehrte E. F. Schumacher formulierte es so:
Die Zukunft ergibt sich aus unveränderlichen und veränderlichen Elementen. Es ist unsere Aufgabe zu differenzieren, welches Element jeweils welches ist. Und wir sollten die Kategorien nicht durcheinanderbringen.
E. F. Schumacher
Hierbei gilt, dass es mehr Konstanten als Variabilitäten und mehr Variabilitäten als Neuerungen gibt. Wandel ist dennoch immer. Wandel, wie wir ihn heute wahrnehmen, ist ein Wandel von einigen wenigen Elementen in einem Meer ansonsten stabiler Elemente. Der Einzelne erfährt einen Wandel in seinem Privat- oder Berufsleben durchaus intensiv, ohne dass sich damit alles andere mitändert. Es mag sogar sein, dass dieser Wandel für den Einzelnen alles ändert, aber kaum etwas in der Gesellschaft oder der Welt. Oder umgekehrt: Der Wandel in einer anderen Region, etwa aufgrund von Klimawandel oder Umweltverschmutzung, mag die Menschen dort treffen, ohne dass er unmittelbare Auswirkungen auf den Einzelnen in meiner Region hat.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft richten, tritt aus Sicht des Strategic Foresight die Bedeutung des Wandels in den Vordergrund unserer Überlegungen. Mit Dingen und Verhältnissen, die stabil und unveränderlich bleiben, muss man sich nicht kritisch auseinandersetzen, denn sie sind sozusagen sicher und verleihen damit auch unserer Zukunft die gewünschte Sicherheit. Dabei ist es aber wichtig zu beachten, dass viele dieser Komponenten fälschlicherweise als Konstanten verstanden werden, dies aber gar nicht sind. Überspitzt formuliert sind auch vermeintliche physikalische Konstanten, wie die Rotationsachse der Erde oder die Lage des magnetischen Nordpols, einem Wandel unterworfen, wenn auch über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Und dann natürlich mit entsprechenden Konsequenzen. Näher an unserem täglichen Leben verändern sich Familienstrukturen, Wirtschaftssysteme oder Arbeitsplätze und deren Qualifikationen häufig viel schneller, als wir es wahrhaben wollen. Die vermeintlichen Konstanten sind leider oft keine.
Anders verhält es sich zweifelsohne mit jenen Dingen...




