E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
Bernard Dunkle Gemäuer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-1759-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Baden-Krimi
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-1759-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In einem alten Siechenhaus lauert der Tod
Nachdem die Kamerafrau einer Horrorfilm-Produktion unter mysteriösen Umständen spurlos verschwunden ist, werden die Privatermittler Suzanne Griesbaum und Henry Marbach vom Regisseur auf den Fall angesetzt. Wenig später taucht die Kamerafrau am Set im Willstätter Horrorhaus wieder auf, allerdings als Leiche.
Hat sich die Tote wirklich bei einem Unfall auf der steilen Kellertreppe das Genick gebrochen, wie Staatsanwalt Paul vermutet? Suzanne und Henry sind nicht davon überzeugt und schließen auch einen Mord nicht aus. Als dann auch noch einer der Hauptdarsteller des Films aus dem Horrorhaus verschwindet, scheint sich der Verdacht des badisch-schwäbischen Duos zu bestätigen: Hier ist ein Verbrecher am Werk!
Julia Bernard ist ein Pseudonym der Autorin Julia Hofelich. Die Juristin und gebürtige Schwäbin hat lange in der Ortenau gelebt und sich währenddessen in die Region verliebt. Auch hat die Autorin in einem Offenburger den Mann fürs Leben gefunden. Kein Wunder also, dass ihre Krimireihe im wundervollen Baden spielt.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Nachdem die Autoscheinwerfer erloschen waren, war es auf dem Parkplatz stockfinster. Privatermittlerin Suzanne Griesbaum stieg aus ihrem Renault aus. Der Fall der verschwundenen Kamerafrau, der sie hergeführt hatte, war eindeutig einer der seltsamsten Ermittlungsaufträge, die sie je übernommen hatte. Aber auch hier musste es logische Erklärungen für all die scheinbar unerklärlichen Vorkommnisse geben, und die würde sie finden. Sie schloss ihre Jacke. Es war kalt, und der Novemberwind heulte gespenstisch. Am dunklen Himmel zogen Wolkenfetzen dahin.
Zügig ging sie zu dem alten, mit kahlen Weinranken bewachsenen Fachwerkhaus hinüber. An der Eingangstür schwankte eine Glühbirne an einem Kabel und ließ zwei verkrüppelte Büsche Monsterschatten werfen.
Suzanne schaute an der Fassade hoch. Hier, im Willstätter Horrorhaus, das im Moment als Kulisse für den Horrorfilm »Dunkle Gemäuer« diente, war vor drei Tagen die Kamerafrau Mona Laurent auf geheimnisvolle Art und Weise mitten in den Dreharbeiten spurlos verschwunden. Da seit dem Verschwinden niemand mehr etwas von ihr gehört hatte, hatte die Produktionsfirma Suzanne vorgestern damit beauftragt, die Frau wiederzufinden.
Kurz vor ihrem Verschwinden war die Kamerafrau von mehreren Leuten in einem der Zimmer im oberen Stock gesehen worden, dann war sie plötzlich weg gewesen, als habe sie sich in Luft aufgelöst. Wenn Suzanne den panischen Bericht des Regisseurs Danilo Petrow am Telefon richtig verstanden hatte, konnte die Frau das Haus unmöglich ungesehen verlassen haben. Im Haus war sie allerdings auch nicht mehr gewesen, denn sämtliche anwesende Filmmitarbeiter hatten erfolglos nach ihr gesucht. Die Sache schien unerklärlich, und Petrow hatte von einem »übernatürlichen Phänomen« gesprochen. Bislang war es Suzanne noch nicht gelungen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, aber das würde sie sicherlich noch hinkriegen.
Ihre Schritte knirschten auf dem kalten Boden, als sie an dem Gebäude entlangging.
Der Regisseur, ein schlanker, kleiner, etwa sechzigjähriger Mann mit einer dicken schwarzen Intellektuellenbrille und einem Vollbart, wartete bereits an der Hausecke auf sie. Er wirkte angespannt. »Danke, dass Sie sofort nach meinem Anruf vorhin vorbeigekommen sind, obwohl es Sonntagabend ist«, sprudelte er los, nachdem sie sich die Hand gegeben hatten. »Aber ich mache mir große Sorgen um Mona. Als ich jetzt noch die Zeichnung gesehen habe, bin ich einfach panisch geworden.« Er atmete gepresst aus. »Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.«
»Ich helfe Ihnen gerne«, sagte Suzanne und folgte dem Regisseur ums Haus herum. »Außerdem war ich gerade auf dem Heimweg von München. Über Willstätt zu fahren war nur ein winziger Umweg.«
Sie verspürte einen schmerzlichen Stich im Magen, weil sie wieder an das hinter ihr liegende Wochenende denken musste. Bis gegen siebzehn Uhr war sie in der bayrischen Hauptstadt bei einem Musikwettbewerb gewesen, um ihre Lieblingsband Dieselskandal und vor allem deren Sänger Liam zu unterstützen, für den sie seit Langem von ganzem Herzen schwärmte. Die Death Metal Band hatte eine geniale Show abgezogen, und »Scotch and Skeletons« und »My Bitch drives an old Banger« waren Hammersongs, aber trotzdem war Dieselskandal auf dem letzten Platz gelandet. Auf dem letzten. Eine schreiende Ungerechtigkeit. Keine Ahnung hatten diese Juroren von guter Musik. Liam, den sie seit Kurzem nicht nur von der Bühne, sondern auch persönlich kannte, war so geknickt gewesen, dass sie es kaum hatte ertragen können. Sie hatte daher all ihren Mut zusammengenommen und ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, sich ein paar Tage bei ihr auf dem Hof zu erholen, wo er schon einmal kurze Zeit gewohnt hatte. Und wundervollerweise war er, spontan wie er war, tatsächlich in ihr Auto gestiegen und mitgefahren. Sein Manager Achim, ein Anwalt, war unerwarteterweise auch gleich noch mitgekommen, weil er Liam in seiner gedrückten Stimmung nicht hatte alleinlassen wollen.
»Hier«, sagte Petrow in diesem Moment, blieb stehen und richtete den Strahl seiner Handytaschenlampe auf einen offenbar von der Filmcrew angebrachten Pappfensterladen im Untergeschoss. Dort hatte jemand ein großes, krakeliges Strichmännchen gemalt, dessen Kopf wie eine abgeknickte Blüte nach unten hing. Petrow zeigte auf den Hals des Männchens und sagte mit zitternder Stimme: »Für mich sieht das wie ein Genickbruch aus.«
»Glauben Sie nicht, dass sich hier nur ein Kind verewigt hat? Eines, das nicht sonderlich gut malen konnte, und dann ist ihm der Hals krumm geraten?«, versuchte Suzanne, den Regisseur zu beruhigen.
»Ein Kind?« Petrows Stimme überschlug sich fast. »Niemals.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich kann nur hoffen, dass diese abscheuliche Zeichnung nicht Mona darstellen soll.«
»Bisher gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Ihre Kamerafrau tot ist, und schon gar nicht, dass ihr das Genick gebrochen wurde. Auch die Polizei geht nicht von einem Verbrechen aus«, sagte Suzanne.
»Mona wurde hier im Willstätter Horrorhaus das letzte Mal gesehen. Jetzt taucht hier ein Strichmännchen mit gebrochenem Genick auf«, widersprach Petrow. »Das kann doch kein Zufall sein. Kennen Sie die Geschichte des Gebäudes nicht?«
»Ich weiß, dass sich einige düstere Legenden …«
»Das sind keine düsteren Legenden, sondern wahre Begebenheiten.« Er tippte mit dem Finger mehrfach auf den Hals des Männchens. »Immer wieder wurden im Laufe der Jahre Menschen im Horrorhaus ermordet, und alle Ermordeten hatten ein gebrochenes Genick! Das sind Fakten. Glauben Sie mir, ich habe das Drehbuch zu diesem Film selbst geschrieben und mich wirklich ausführlich mit sämtlichen Forschungsergebnissen und historischen Quellen befasst.«
Er räusperte sich. »Das Haus ist uralt und diente viele Jahre als Siechenhaus, in dem man ansteckende Kranke isoliert hat, wussten Sie das? Die Mittelalterversion von Quarantäne. Nur dass damals so gut wie niemand das Haus lebend wieder verlassen hat.« Erneut tippte er auf den Hals des Männchens. »Und dann haben die hier zu allem Unglück auch noch Gottlieb Arnoldus Hildebrandt als Hausmeister und Nachtwächter eingestellt. Ein Monster. So hat das Morden angefangen. Schon in der ersten Nacht fiel er ohne Vorwarnung die Vorsteherin des Hauses an, die Siechenmutter Christina, und brach ihr das Genick. Einfach so. Er hatte Spaß am Töten, und in den folgenden Nächten hat er neben Christina noch mindestens fünf dahinsiechende Kranke und einen Müller getötet. Durch Genickbruch. Als er schließlich erwischt wurde, hat er behauptet, er habe die Leute ›seinem Haus‹ opfern müssen, um es gnädig zu stimmen. Können Sie sich das vorstellen? Am Ende wurde Hildebrandt von einem wütenden Mob die Kellertreppe hinabgestoßen, wobei er – seltsamerweise ebenfalls durch Genickbruch – gestorben ist.«
Petrow stieß pfeifend Luft aus. »Aber das Morden hat damit nicht aufgehört. Hildebrandt wurde zum Wiedergänger oder zum Geist, hier unterscheiden sich die Quellen etwas. Nur eines ist sicher: Bis heute kommen immer wieder Menschen im Horrorhaus um.« Er zeigte auf sein Genick. »Und das sind keine Legenden. Man hat die Skelette gefunden. Im Boden des Kellers und eingemauert in Zwischenwänden. Vielleicht liegt Mona jetzt auch schon da unten verscharrt.«
»Gibt es dafür irgendeinen konkreten Hinweis?«, fragte Suzanne. Nun wurde ihr doch etwas mulmig zumute.
»Das glücklicherweise nicht, aber vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich eine Zeichnung mit einem abgeknickten Hals in diesem Zusammenhang für so beunruhigend halte.«
Suzanne strich ihre schulterlangen blonden Haare hinter die Ohren. An Übernatürliches glaubte sie zwar nicht, aber es war selbstverständlich vorstellbar, dass das Strichmännchen als Drohung gemeint war, so kindlich es auch aussah. »Hat Ihre Kamerafrau Feinde?«
Petrow schien zu überlegen. Schließlich sagte er: »Hier am Set nicht, nein. Kleine Querelen vielleicht, aber nichts Gravierendes.« Er schürzte die Lippen. »Und über ihr Privatleben weiß ich so gut wie nichts. Aber sie ist ein ruhiger und zuverlässiger Mensch. Wen sollte sie so verärgert haben?« Er knetete seine Hände. »Wenn ich ehrlich bin, gibt es nur einen, den ich mir da vorstellen … Halten Sie mich bitte nicht für verrückt, aber ich glaube mittlerweile, dass diese Dreharbeiten verflucht sind. Es hört sich absurd an, aber was, wenn Hildebrandt etwas dagegen hat, dass wir seine Geschichte verfilmen, und gerade mit allen Mitteln versucht, uns aus seinem Haus zu vertreiben? Wenn er deswegen Mona etwas angetan hat?« Er zog seinen eleganten Mantel enger um sich.
»Hildebrandt ist seit Jahrhunderten tot. Ich glaube nicht, dass er etwas mit der Sache zu tun hat.« Suzanne machte mit dem Handy Fotos von dem Strichmännchen. »Aber es wäre natürlich schon möglich, dass jemand, und zwar jemand aus Fleisch und Blut, etwas gegen Ihren Film hat. Erst die ganzen Requisiten, die verschwunden sind. Jetzt auch noch die Kamerafrau. Und dann taucht dieses Strichmännchen auf. Vielleicht hängt das alles zusammen?«
Petrow schaute auf den Boden und nickte langsam. Suzanne steckte ihr Handy wieder ein. Seit Beginn der Dreharbeiten geschahen tatsächlich seltsame Dinge am Set. Angefangen hatte es damit, dass immer wieder Kamerazubehör und Requisiten auf merkwürdige Weise abhandengekommen waren. Als ob wirklich jemand versuchte, die Dreharbeiten zu behindern. Ihre Detektei bearbeitete auch diese Vorkommnisse, bislang ohne Ergebnis. War es vorstellbar,...




