Bernays / Painter | Was wäre, wenn? | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Bernays / Painter Was wäre, wenn?

Schreibübungen für Schriftsteller
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-89581-238-5
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Schreibübungen für Schriftsteller

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-89581-238-5
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



WHAT IF? ist das erste Handbuch zum Thema Schreiben, das auf einer praktischen Überzeugung beruht: Die wirkungsvollste und provokativste Methode, die Kunst des Schreibens zu erlernen, liegt darin, spezielle Übungen zu meistern. Alle fünfundsiebzig Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene bestehen aus einer knapp formulierten Aufgabe, dem damit verbundenen Ziel sowie zahlreichen Lösungsbeispielen aus der Weltliteratur und von Studentinnen und Studenten der beiden Autorinnen. Die Autorinnen greifen in ihrem Handbuch ganz konkrete Situationen heraus: Wie fängt eine Geschichte an, wie endet sie? Wann verwendet man direkte, wann indirekte Rede? Wie verwandele ich tatsächliche Ereignisse in Fiktion? Wie finde ich eine Sprache, die sowohl Melodie als auch präzisen Ausdruck hat? Welche Sinne werden beim Leser angesprochen? Jede Übung isoliert ein bestimmtes Element von erzählender Literatur, wie Dialog, Charakterisierung, Subtext usw. Manchmal sollen beim Schreiben zwei Seiten nicht überschritten werden, um den Übenden dazu zu bringen, klar, knapp und direkt zu sein, Weitschweifigkeit zu vermeiden und nicht vom Thema abzukommen. Dieses Buch ist für Anfänger wie für Fortgeschrittene konzipiert, und auf viele Passagen wird man immer wieder zurückkommen. Die Übungen, die kombiniert und abgeändert werden können, und die ausgewählten Textbeispiele bilden einen unerschöpfbaren Quell von Stoffen und Methoden.

Anne Bernays ist eine amerikanische Romanautorin und leitet seit über fünfundzwanzig Jahren Kurse zum kreativem Schreiben, u.a. in Harvard, den Universitäten von Vermont und Massachusetts. Pamela Painter ist eine amerikanische Autorin und leitet seit über fünfundzwanzig Jahren Kurse zum kreativem Schreiben. Sie lebt in Boston, wo Sie am Emerson College kreatives Schreiben und Literatur lehrt.
Bernays / Painter Was wäre, wenn? jetzt bestellen!

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1. Erste Sätze: In der Mitte anfangen

In einem Interview mit der Paris Review meinte Angus Wilson: »Theaterstücke und Kurzgeschichten sind sich darin ähnlich, daß beide beginnen, wenn alles bis auf die Handlung fertig ist.« Dies stimmt mit Horaz’ Forderung überein, am Beginn einer Erzählung in medias res zu gehen – mitten ins Geschehen hinein.

Anfänger winden sich jedoch oftmals drei oder vier Seiten lang, bevor die Geschichte sich allmählich herauskristallisiert. Aus Neugier beschlossen wir eines Tages, die ersten Sätze von Erzählungen in großen und kleinen Zeitschriften, Erzählbänden und Anthologien zu untersuchen. Dabei entdeckten wir, daß viele erste Sätze den Leser mitten ins Geschehen hineinführen. Diese Erkenntnis wurde die Grundlage der nachfolgenden ersten Übung.

Die Übung

Führen Sie sich vor Augen, auf welche Weise viele der folgenden Anfangssätze Sie mitten in die Geschichte hineinziehen. Was erfahren Sie aus den Überschriften und den Anfangssätzen über die Geschichte – über Situation, Figuren, Geographie, Schauplatz, Klassenzugehörigkeit, Bildungsstand, potentielle Konflikte und so weiter? Welche Entscheidungen in bezug auf Standpunkt, Distanz, Hintergrund, Tonfall und so weiter hat der Autor bereits getroffen? Beachten Sie, wie viele der folgenden Titel direkt auf den Anfangssatz des Texts bezogen sind.

»Die Dame mit dem Hündchen« ANTON TSCHECHOW

Es hieß, auf der Strandpromenade sei ein neuer Kurgast aufgetaucht – eine Dame mit einem Hündchen.

»Gesturing« JOHN UPDIKE

Sie sagte es ihm mit einer kleinen Geste, die er vorher noch nie bei ihr gesehen hatte.

»Exchange Value« CHARLES JOHNSON

Mein Bruder Loftis und ich kamen durch das Fenster der alten Dame herein.

»The Remission« MAVIS GALLANT

Als klar wurde, daß Alec Webb weit kränker war, als irgendjemand ihm zu sagen gewagt hatte, beendete er sein englisches Leben und entschied sich dafür, an der Riviera zu sterben.

»Das verlorene Sommerhaus« DAVID LEAVITT

Die Dempson-Familie verbrachte die letzten beiden Juniwochen traditionell in der Nähe von Hyannis, in einem gemieteten Ferienhäuschen mit dem Namen »Leicht angeschlagen«.

»Medley« TONI CADE BAMBARA

Schon als ich durch die Tür trat und meine Tasche abstellte, wußte ich, daß ich nicht bleiben würde.

»Der Wintervater« ANDRÉ DUBUS

In der Ehe waren die Jackmans treulos und gewalttätig gewesen, aber während ihrer letzten gemeinsamen Tage wurden die beiden wieder zu einem Paar, wie sie vielleicht auch eines geworden wären, hätte einer von ihnen sterben müssen.

»A School Story« WILLIAM TREVOR

Abends, nachdem das Licht im Schlafsaal ausgeschaltet worden war, wurden immer Geschichten erzählt.

»Kathedrale« RAYMOND CARVER

Dieser Blinde, ein alter Freund meiner Frau, war auf dem Weg, um bei uns zu übernachten.

»Forgiveness in Families« ALICE MUNROE

Ich habe oft gedacht, angenommen, ich müßte zu einem Psychiater gehen, dann würde er sich natürlich nach meinem familiären Hintergrund erkundigen, so daß ich ihm von meinem Bruder erzählen müßte, und er würde nicht einmal abwarten, bis ich fertig wäre, der Psychiater, sondern mich auf der Stelle einweisen.

»Appaloosa« SHARON SHEEHE STARK

Die Freundin meines Vaters hieß Delores, und meine Mutter wurde Dusie genannt, weil sie genau das war: außergewöhnlich wie ein Duesenberg.

»Der schönste Ertrunkene der Welt« GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ

Die ersten Kinder, die das dunkle, schweigsame Vorgebirge auf dem Meer sahen, glaubten, es sei ein feindliches Schiff.

»Nickel a Throw« W. D. WETHERELL

Dies sind die Dinge, die Gooden von seinem Sitz zweieinhalb Meter über dem Taufbecken vom Wohltätigkeitsbasar der Kongregationskirche von Dixford sieht.

»Inventing the Abbotts« SUE MILLER

Lloyd Abbot war nicht der reichste Mann in unserer Stadt, aber er hatte in Gestalt seiner Töchter ein Vehikel, seinen Reichtum auszustellen, das einige reichere Männer nicht hatten.

»Judgement« KATE WHEELER

Wenn Mayland Thompson stirbt, möchte er mit dem Körper eines zwölfjährigen Mädchens begraben werden.

»Covering Home« JOSEPH MAIOLO

Der Coach entdeckte Dannys Arm, als Dannys Eltern sich am Beginn der Saison trennten.

»Die blauen Männer« JOY WILLIAMS

Bomber Boyd, dreizehn Jahre alt, erzählte in jenem Sommer seinen neuen Bekannten, daß sein Vater vom Staate Florida wegen Mordes an einem Hilfssheriff und dessen nach Drogen schnüffelndem deutschen Schäferhund hingerichtet worden war.

Schreiben Sie jetzt fünf eigene Anfangssätze für fünf verschiedene Geschichten auf. Achten Sie bei Ihrer Lektüre auf Anfangssätze, die den Leser in die Geschichte hineinziehen. Und wenn Sie ein Tage- oder Notizbuch führen, sollten Sie vielleicht einen neuen Abschnitt einrichten, in den Sie jeden Tag einen Anfangssatz eintragen – für den Rest Ihres Lebens.

Das Ziel

Sich anzugewöhnen, eine Geschichte mitten im Geschehen zu beginnen. Da Sie nicht verpflichtet sind, diese Geschichten zu beenden, ist der emotionale Einsatz bei dieser Übung relativ gering, während die Phantasie in Schwung kommt.

Studentenbeispiele

Sie versuchte den Witz richtig zu erzählen, aber es war sein Witz, und sie mußte dauernd bei ihm nachfragen.

FRANCES LEFKOWITZ

Ich weiß nicht, wer mich fand oder warum ich in einem Müllcontainer ausgesetzt worden war, aber etwas war über meine Rettung bekannt, was man nicht vergessen hatte und mir ständig unter die Nase rieb: Mit einem dunkelblauen Marker hatte mein ursprünglicher Besitzer das Wort »Gem« auf meine Brust geschrieben, und das ist mein wirklicher und einziger Name.

BRIGID CLARK

Mit zehn Jahren war ich der Meinung, der Tod sei nur eine Art Umzug.

CHRISTY VELADOTA

Am ersten Schultag im Saint Boniface stellte Mrs. Riordan fest, daß ihre vierte Klasse nichts anderes war als Schwester Marys dritte Klasse vom letzten Jahr, bis auf einen stillen Jungen mit Augen von der Farbe des Wassers, der in der ersten Reihe auf dem Fensterplatz saß und ihn ausfüllte, wie ein Vakuum einen Raum ausfüllt.

BRIDGET MAZUR

Bist du Mutters echte Tochter, fragte mich Rona nach Berthas Tod.

LYNDA STURNER

2. Die Geschichte der Geschichte

In der vorangegangenen Übung zeigten wir, daß die meisten Erzählungen und Romane mit einer Situation beginnen – mitten im Geschehen. Aber, fragen Sie vielleicht, was ist mit dem »Beginn« der eigentlichen Geschichte? Vor einigen Jahren sagte ein Kursteilnehmer in einer Diskussion über eine Rückblende: »Sie meinen also, es sei so, als hätte jede Geschichte ihr eigenes Gedächtnis, ihre eigene Geschichte?« Ja, das trifft es genau. Jede Geschichte hat eine Geschichte, jede Figur eine Vergangenheit, und die Plots der meisten Erzählungen und Romane hängen mit Dingen zusammen, die vor dem ersten Satz der ersten Seite passiert sind. Doch diese Geschichte ist geschickt in die Erzählung verwoben, und es fällt uns nicht auf, daß wir eigentlich etwas über die Vergangenheit der Geschichte lesen.

Es mag hilfreich sein, sich die Geschichte als eine Gerade vorzustellen: Der erste Satz erscheint an einem gewissen Punkt nach dem Anfang dieser Gerade – idealerweise ungefähr in der Mitte. An irgendeiner Stelle gehen die meisten Erzählungen und Romane in die Vergangenheit zurück, zum Anfangspunkt jener gedachten Geraden, um den Leser über die Situation aufzuklären – darüber, wie und warum X gegenüber Y in eine derart mißliche Lage geraten ist. Leo Tolstois Roman Anna Karenina beginnt mit der Schilderung eines Haushalts, der sich wegen der Affäre des Hausherrn mit der ehemaligen Gouvernante in heller Aufregung befindet. Und Margaret Atwoods Roman Die Unmöglichkeit der Nähe setzt ein, nachdem sich jemand das Leben genommen hat. Diese Ereignisse kündigen die nachfolgende Geschichte an und beeinflussen sie. Die Vorwärtsbewegung von Flannery O’Connors »A Good Man Is Hard to Find« ist derart zwingend, daß leicht übersehen wird, wie die Vergangenheit der Großmutter die Handlung antreibt. In Amy Hempels »Today Will Be a Quiet Day« ist die Vergangenheit voller ominöser Ereignisse: Streitigkeiten zwischen den Kindern, die den Vater dazu bringen, sich auf seinem Grabstein die Inschrift »Heute wird es ein ruhiger Tag« zu wünschen; die Scheidung der Eltern; der Freund des Sohnes, der dem Jungen rät, er solle niemals mit einem Psychiatriepatienten Pingpong spielen, »weil wir nichts anderes tun und dich fertigmachen würden«, und der später Selbstmord begeht; die Kinder, die einen Guillotine-Witz lernen; der Hund, der eingeschläfert werden muß. All dies ist vor der ersten Seite geschehen. So schreibt man eine Geschichte.

Die Übung

Zuerst suchen Sie sich eine Ihrer...


Anne Bernays ist eine amerikanische Romanautorin und leitet seit über fünfundzwanzig Jahren Kurse zum kreativem Schreiben, u.a. in Harvard, den Universitäten von Vermont und Massachusetts.

Pamela Painter ist eine amerikanische Autorin und leitet seit über fünfundzwanzig Jahren Kurse zum kreativem Schreiben. Sie lebt in Boston, wo Sie am Emerson College kreatives Schreiben und Literatur lehrt.



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