E-Book, Deutsch, 297 Seiten
Berndt LOTSENGOLD
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8476-0778-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stralsund-Roman
E-Book, Deutsch, 297 Seiten
ISBN: 978-3-8476-0778-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Birgit Berndt, geboren 1954 in Hamburg, arbeitete zunächst als kaufmännische Angestellte. Nach ausgedehnten Reisen und längeren Aufenthalten in München, im Kleinwalsertal und im Allgäu zog sie zusammen mit ihrem Mann 2009 an die Ostseeküste nach Barhöft, wenige Kilometer nordwestlich von Stralsund. Seitdem arbeitet sie als freie Autorin, Gästeführerin und Textilkünstlerin. Ihr erstes Buch 'Ein gemischtes Blatt. Auf den Spuren der Spielkarten', ein Sachbuch, erschien 2011 im Verlagshaus Kruse in
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Kapitel 2 Montag 11. Januar
Jochen stemmte sich hoch, klappte ein Auge auf und blickte gerade in zwei braune, belustigt dreinschauende Augenpaare. „Die Jo is' wach. Dachten schon, du bis' tot. Ha,ha.“
„Na toll, und da sitzt ihr seelenruhig da und wartet, bis ich aufwache. Habt ihr wenigstens mal meinen Puls gefühlt?“
Giovanni grinste über beide Ohren: „Brauchten wir nicht, du hast laut genug geschnarcht. War doch nur ein Scherz, nich' Luca.“ Er stieß seinem Nachbarn in die Rippen, dass der beinahe aus der Lukenöffnung fiel.
Luca schimpfte: „Blödmann, stoss mich nich' um. Ja“, meinte er dann zustimmend, „war nich' böse von uns, nur kleiner Ärger.“ Luca hatte mit der deutschen Sprache noch Schwierigkeiten, was immer wieder für Mißverständnisse sorgte und so manchen Lacher auslöste.
Giovanni baumelte mit den Beinen und bekräftigte nochmal, dass sie es nicht böse meinten. Die beiden arbeiteten auf der Werft in dem kleinen italienischen Hafen, wo Jochen und Fraukes Traum, die 'BarFrauJo', ein kleines Segelboot an der Pier lag. Luca und Giovanni hatten Jochen aus mancher technischen Patsche geholfen. Mit der Zeit hatten sich die drei angefreundet. Giovanni war das Ebenbild eines Italieners schlechthin, als hätte Michelangelo persönlich ihn geformt. Die dunklen Augen in einem klassisch geschnittenen Gesicht, mit einer leicht gebogenen Nase und einem vollen Mund. Den schmalen Kopf umgab eine ungebändigte schwarze Lockenpracht.
Luca dagegen war eher unscheinbar, zwar auch mit dunklen, aber kurzgeschnittenen Haaren, braunen Augen, aber einer breiten Nase und schmalen Lippen in einem vollen Gesicht. Giovanni war groß, schlank und drahtig, Luca dagegen zur Fülle neigend und untersetzt. Ein bißchen wirkten sie wie Dick und Doof, was aber höchstens dem Äußeren entsprach, denn doof waren sie ganz sicher nicht, sondern sehr intelligent und dabei auch noch äußerst liebenswürdig und hilfsbereit. Jochen mit seiner stattlichen Größe überragte beide um einen Kopf und wenn sie alle drei zusammenstanden, wirkten sie wie Orgelpfeifen. Ein lustiges Trio, im ganzen Hafen bekannt.
„Haut' ab, lasst mich in Ruhe,“ fegte Jochen die beiden unwirsch an.
„Hört, hört, unsere Jo hat die schlechte Laune heute. Wohl nich' gut geschlafen was?“ trompetete Luca.
Giovanni hielt sich zurück. Er wusste, wenn Jo so reagierte war einfach nicht gut Kirschen essen mit ihm und man ließ ihn am besten in Ruhe. Hatte wahrscheinlich einen dicken Kater von gestern abend. Wein und Bier waren reichlich geflossen und dazwischen immer mal wieder ein Grappa.
Er stieß Luca an: „Wir gehen, komme' später wieder, wenn Mister Jo's Laune nich' mehr is' auf die Nullpunkt,“ zu Jochen gewandt fügte er hinzu: „Frühstücke erstmal, sollen wir dir eine Bier bringen und eine Sandwich?“
„Macht, dass ihr wegkommt.“
Matt ließ Jochen sich auf die Koje zurücksacken. Die beiden trollten sich. Nochmal machte er einen Versuch, sich aufzusetzen. Alles drehte sich. Sein Kopf hatte vermutlich die Größe des Stralsunder Rathauses, ob er damit überhaupt durch's Luk passte? Er stöhnte herzerweichend, war fast den Tränen nahe. Er quälte sich nochmals hoch und wankte auf's Klo. Eigenlich ging man im Hafen nicht auf die Schiffstoilette, sondern auf die Hafentoilette. Das machte er gewöhnlich auch, aber heute morgen war das unmöglich. Jochen sah sich im Spiegel und erschrak.
„Oh, mein Gott, das bin ich? So furchtbar sehe ich aus? Kein Wunder, dass meine Frauke sich aus dem Staub gemacht hat.“
Blitzartig fasste er in diesem Moment einen Entschluss. Er musste sein Leben wieder in normale Bahnen lenken. Ab sofort war Schluss mit der Sauferei und dem Rumgehänge. So ging es nicht weiter, das war es nicht gewesen, was er gesucht hatte. Endlich ein Ziel, trotzdem er sich wie ausgekotzt fühlte, war ihm irgendwie wohler. Es würde alles wieder ins Lot kommen.
Zurück im Salon angelte er die Wasserflasche unter dem Tisch hervor, schraubte den Verschluss auf und nahm einen tiefen Schluck. Er entschied sich heute für eine Katzenwäsche und für ein Frühstück in der kleinen Hafenkneipe, die ihm fast zu einem Wohnzimmer geworden war.
Mühsam fädelte er sich aus dem Salon den Niedergang hoch und durchs Luk, durchquerte die Plicht und stieg über die achtere Reling, in der Hoffnung, nicht zwischen Steg und Schiff zu landen. Er konzentrierte sich. Auf dem Steg tarierte er sich aus und machte sich auf den Weg zu Paolo.
„Buon giorno Jo“, empfing ihn der Wirt, „Wein, Bier oder Grappa?“ Er war es gewohnt, sich auf seine Kunden einzustellen, das Geheimnis seines Erfolgs in der Marina. Er betrachtete Jochen unauffällig und was er sah machte ihn traurig. Er sah furchterregend aus, eingefallene Wangen, blutunterlaufene Augen, immer Mehrere-Tage-Bartstoppeln im Gesicht, tiefe Falten, die von der Nasenwurzel zum Mund führten. Das dunkle Haar, dem es an Form fehlte, hing ihm ungekämmt und strähnig in die Stirn, von ersten grauen Strähnen durchzogen.
Paolo erinnerte sich schmerzlich an die Ankunft von Frauke und Jochen vor drei Jahren. Ein lebenslustiges, fröhliches und voller Pläne steckendes Paar, das er sofort in sein Herz geschlossen hatte. Nun war Frauke fort, warum, konnte er gut nachvollziehen, in Anbetracht dessen, was aus Jochen geworden war.
„No, no Paolo, bitte einen großen Latte Machiatto, ein großes Glas Wasser und ein Sandwich mit Käse und Schinken, keinen Alkohol heute morgen.“
Erstaunt zog Paolo eine Augenbraue hoch, liess sich ansonsten sein Erstaunen aber nicht anmerken. Schließlich war er Profi auf seinem Gebiet, der geborene Wirt. „Geht klar Jo,“ antwortete er daher ungerührt.
Jochen setzte sich an seinen Stammplatz und starrte ins Leere. Paolo spürte, dass eine Veränderung mit seinem Gast vorgegangen war, dieser offensichtlich mit sich kämpfte und er ließ ihn einfach in Ruhe.
Jochen war froh über Paolos Verständnis. Die hatten wirklich Einfühlungsvermögen, diese Italiener. Er fühlte sich in ihrer Nähe wohl, nicht nur bei Giovanni und Luca, die er heute morgen so blöde angefegt hatte, was ihm natürlich schon leid tat, sondern auch bei Paolo. Giovanni und Luca, das wusste er aus Erfahrung, waren jedoch nicht nachtragend, sie nahmen Jochen so wie er war und spätestens heute nachmittag würden sie wieder auftauchen und so tun, als wäre nichts gewesen. Ich möchte wieder ein normales Leben führen, dachte Jochen bei sich, deshalb ist ab heute Schluss mit der Sauferei. Ihm war klar, dass es nicht einfach werden würde, vor allem so ganz allein, aber da musste er durch.
Paolo stellte den Latte Machiatto und das Wasser vor Jochen auf den blankgescheuerten Tisch. „Sandwich kommt gleich, dauert noch eine Momente.“
„Grazie, Paolo.“
Jochen legte seine Hände um das warme Glas, füllte Zucker ein und rührte nachdenklich um. Es würde ein anstrengender Tag werden, soviel war sicher. Als das Sandwich kam, biss er heißhungrig hinein und im Nu war der Teller leer. Mmmmmhhhhhh, das tat gut.
„Paolo, das Gleiche nochmal, prego.“
„Un momento,“ kam es von diesem, denn zwischenzeitlich waren weitere Gäste eingetroffen.
„Si, si, no problemo.“
Wenigstens ein paar Brocken Italienisch hatten sich Frauke und Jochen angeeignet, aber spärlich für die Zeit, die sie hier verbrachten. Auch das hatten sie anders geplant. So war das mit Planungen, zu oft machte das Leben sie zunichte, stellte andere Weichen. Jochen grübelte, was bei ihm schiefgelaufen war. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen, schonungslos ehrlich wollte er Bilanz ziehen. Im tiefsten Inneren wusste er den Grund für sein Scheitern, den er die ganze Zeit wegzuspülen versuchte.
Er kam mit der Freiheit, der grenzenlosen Freiheit, nicht klar. Wie gestaltet man Freiheit? Er hatte es nicht gelernt, plötzlich war sie da. Alles war möglich, und er wollte sich seinen größten Traum erfüllen. Er wollte ein Segelboot, mit dem er unterwegs sein und auf dem er leben konnte. So weit er zurückdenken konnte, hatte dieser Traum sein Leben bestimmt und er hatte darauf gespart. Was er an Berichten über diese Lebensweise, die in den 70er-Jahren viele im Westen umsetzten, ergattern konnte, hatte er verschlungen. Ja, das war es, was ihm vorschwebte, alles Überflüssige verkaufen, die Wohnung auflösen und rauf auf's Schiff. In seinem gut bezahlten Job in der IT-Branche war er zwar nicht glücklich, aber er verdiente gut. Das eröffnete ihm die besten Chancen. Als die Wende kam, war er seinem Ziel fühlbar nähergekommen.
Aber sie kam zu plötzlich, die Freiheit. Innerlich war er darauf nicht gut genug vorbereitet. Als er Frauke traf, fühlte er sich sicherer. Sie konnte offenbar mit den neuen Gegebenheiten besser umgehen und verstand es, seine Zweifel zu zerstreuen und stattdessen ihre Begeisterung auf ihn zu übertragen. Ja, ein solches Leben könnte ihr gefallen, schließlich war sie mit der Seefahrt aufgewachsen, ihr Vater war ja ein angesehener Lotse gewesen.
Frauke war auch nicht an Besitz interessiert, brauchte keinen überflüssigen Krempel und ihren langweiligen Bürojob könnte sie leichten Herzens aufgeben. Auch sie hatte genügend gespart. Er zögerte noch, war eben in einem System aufgewachsen, das ihm die meisten Entscheidungen abnahm, kaum Wahlmöglichkeiten ließ. Nach und nach schob Jochen seine Zweifel beiseite und sie malten sich ihr kommendes Leben in den leuchtendsten Farben aus. Unterwegs...




