E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Berner Fussfassen schmerzt
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-85820-406-6
Verlag: Neptun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-85820-406-6
Verlag: Neptun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der exotische Reiz der Karibik-Insel Providencia, die schöne Manuela und eine verwirrende, abenteuerliche Liebesgeschichte über zwei Kontinente hinweg sind der Kern von Urs Berners Roman «Fussfassen schmerzt». Es sei im Kern eine wahre Geschichte, schreibt der Autor. «Doch auch in diesem Buch vermischen sich die hellen und finsteren Welten der Fantasie mit der Atmosphäre der Wirklichkeit.»
Der Roman beginnt wie eine Novelle: In einem Epilog wird der Rahmen für die Geschichte konstruiert. Wir erfahren, dass die junge Kolumbianerin Manuela Posada in Zürich fleissig Deutsch lernt, doch eines Tages nicht mehr zum Unterricht erscheint. Ihr Schriftsteller-Deutschlehrer, Arturo Amon Ammann, macht sich Sorgen und will die Wahrheit über Manuelas Verschwinden herausfinden. Warum? Wir wissen es nicht.
Zielgruppe
Für Leser*innen von Liebesgeschichten, die sich vor verschiedenen kulturellen Hintergründen abspielen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eins
Manuela würde Haifisch essen. Sie war nicht auf der Insel aufgewachsen. Einheimische assen keinen Hai. Niemals. Sein Fleisch, sagten sie, sei schwarz, Fleisch aus der Tiefe. Sie fürchteten sich, es sich einzuverleiben. Es würde in ihnen rumoren, sie hätten keine Ruhe mehr. Sie würden aus ihren kleinen Booten geworfen, glaubten sie. Wie ferngesteuert schwämmen sie dann aus der Bucht aufs offene Meer. One way.
Manuela war auf dem Festland gross geworden. In Cartagena de Indias, der kolumbianischen Stadt am Karibischen Meer, in der es viele Häuser mit üppigen Holzbalkonen gab. Spanische Kolonialisten waren früher eine lange Zeit dort gewesen, hatten schöne Häuser gebaut und getötet. In dieser Stadt hatte sie die Schulen besucht. Bis zu einem Abschluss im College. Sie hatte bei ihrer zwanzig Jahre älteren, verheirateten Schwester Estela gelebt in einem gesichtslosen Randquartier, wo es ein Fussballfeld gab. Die Schwester hatte die Rolle ihrer Mutter übernommen und sie neben ihren eigenen zwei Kindern grossgezogen.
Ihren Vater hatte sie nicht gekannt. Er hatte im Hafen von Cartagena de Indias gearbeitet und war vor ihrer Geburt davongelaufen. „Hund” hatte ihn Estela genannt. Solche Hunde laufen einem eines Tages zu, und dann laufen sie einem irgendwann wieder davon. Zum Wildern. Du hörst nie mehr von ihnen. Auch kein Bellen. Bellen konnte er gut. Deine Mutter liebte sein Bellen, hatte ihr Estela erzählt.
Sie hatte sich als Mädchen ausgemalt, wie das klingen musste: Schaurig-schön. Wenn bei Vollmond die Hunde im Quartier heulten, dachte sie immer an ihren Vater, der davongelaufen war vor ihrer Geburt.
An ihre Mutter, die zwei Jahre nach der Geburt an Dengue-Fieber gestorben war, hatte sie nur eine verschwommene Erinnerung.
Sie war das jüngste, Estela das älteste von sechs Kindern. Ihre Geschwister wohnten verstreut. In Nordamerika. In Kanada. Ihr Bruder Alvaro, der Zweitjüngste, zwei Jahre älter als sie, lebte auf der kleinen Insel Providencia. Sie hatte ihn schon oft besucht. Alvaro war ihr Lieblingsbruder, Providencia ihre Lieblingsinsel. Sie hatte dort ihre Plätze, an denen sie sich für ihr Leben gern aufhielt. Kleine Verstecke, Unterschlüpfe, Blattdächer, Hochsitze, Astgabeln. Vergessene Ecken. Eine befand sich im Südwesten der Insel am Ende der Mangrovenbucht. Beim Felsbrocken, wo selten Touristen hinkamen.
Da stand sie jetzt bis zum Bauch mutterseelenallein im warmen Wasser. Diesmal war sie nicht nur zu Besuch gekommen, diesmal würde sie bleiben. Sie hatte das Gefühl, die Insel gehöre ihr. Ihr und ihrem Bruder. Kein Wind ging an diesem Nachmittag. Sie setzte sich wie in eine riesige Badewanne. Sie klatschte mit flachen Händen aufs spiegelglatte Wasser. Dann wieder fächelte sie sich Wellen zu.
Dem offenen Meer den Rücken zugekehrt, liess sie ihren Blick über die Bucht schweifen. Brauner Sandstrand. Drei Imbissbuden, die am Mittag frischen, auf offenem Feuer gebratenen Fisch anboten. An Holztischen unter Kokospalmen. Dahinter die Mangroven. Am andern Ende der Bucht einige Häuser. Die beiden zweistöckigen Hotels, das Wave und das Palm, nah am Wasser, daneben das Haus des Bauern. Sie wusste, dass Faustino um diese Zeit in seiner Hängematte lag. Und dass sein Pfau um den schnarchenden Bauern herumstolzierte. Sie sah den letzten Abschnitt der Strasse, die schnurgerade ans Wasser führte. Kein Mensch darauf, aber ein rennendes Schwein, aufs Meer zu. Ein grosser Vogel, der über dem Schwein kreiste. Der über die Mangroven flog und höher über grüne Hänge, Dickicht, Buschwald. Bis zum Round Hill, wo die Mangobäume wuchsen. Dann vor El Pico, dem höchsten Berg der Insel, verschwand, wie weggezaubert aus ihrem Blickfeld.
Sie tauchte unter, hielts lange aus, tauchte auf, Wasser von den Lippen blasend und nach Luft schnappend. Nichts hatte sich verändert. Sie ging weg, sie kam zurück, auf Providencia blieb alles gleich. Es wurden keine Hotelkästen gebaut. Bauer Faustino hatte noch immer seine Kühe, mal zwei weniger, mal zwei mehr, die unter den Mangobäumen auf dem Round Hill grasten. Das Wasser war immer gleich warm. Die Badewanne schön voll. Sie planschte friedlich, mutterseelenallein.
Aber dann wurde sie aufgeschreckt. Ein Dröhnen hinter ihr. Es konnte keines der grossen Schiffe sein, die manchmal draussen vorüberfuhren. Sie drehte sich um und blickte hinaus. Um die Landzunge bog eine Motorjacht, nahm Kurs auf sie zu. Auf einmal dieses Dröhnen in der Badewanne, ein dumpfes Grollen, das anschwoll, dann schwenkte die Jacht ab und ankerte am anderen Ende der Bucht. Ein Mann sprang ins Wasser, watete ans Ufer, und der Bauer Faustino kam hinter seinem Haus hervor gerannt. Er eilte auf den Holzschuppen zu, in dem er die Benzinfässer lagerte, und zog einen Plastikschlauch bis ans Ufer, wo er ihn dem Mann übergab, der ihn weiterzog bis zur Jacht.
Diese wurde aufgetankt.
Sie hatte schon beobachtet, dass Fischer mit Kanistern Benzin bei Faustino holten. Das war ihr vertraut. Aber das hier? Dieses schnittige, gestylte, dröhnende Ungetüm in der Badewanne? Das war neu. Auf Deck stand ein Mann, in Weiss gekleidet, und blickte durch ein Fernglas. Dann setzte er es ab. Er fuchtelte mit den Armen. Es sah wie ein Winken aus. Ein Herbeiwinken. Sie tauchte unter.
Nach dem College hatte Manuela Posada in New York drei Monate lang als Kellnerin geschuftet und Geld gespart und Englisch gelernt. Es war ein Restaurant, in dem viele Nachkommen von ehemaligen Immigranten verkehrten. Es war hart, aber nicht die Arbeit selbst, das Drumherum war hart, besonders am Anfang, als sie noch keine Erfahrung hatte. Männer, die sie immer wieder in ein kurzes Gespräch verwickelten, die mehr von ihr wollten als Bier, Fleisch, Pommes und Bohnen. Sie waren nie allein, sie kamen in kleinen Rudeln, sie lachten viel. Und einer sprach sie dann an. Es fing immer lustig an, und irgendwie waren sie rührend wie die Jungs auf dem Fussballfeld bei ihrer Schwester Estela in Cartagena de Indias. Sie liess sich auf ein Gespräch ein. Ihre hohe, aber trotzdem sanfte, einschmeichelnde Stimme gefiel den Männern. Einer sagte: Hallo, glänzend schöne Kakaobohne. Und alle lachten. Auch sie lachte. Sie schwärmten von ihrer glatten Haut, dem bronzenen Schimmer. Ihren grossen Augen. Mit ihrer Augensprache liess sich Trinkgeld machen. Aber jetzt lachten auch ihre Augen nicht mehr. Einer drückte sein Bein an ihr Bein, sie wich aus und gab den amerikanischen Schwärmern auf Spanisch zurück: Hola libertinos, que hay!
Das kleine Rudel verstand Fussball. Okay, rief einer entzückt, wir sind die Liberos, wir starten einen Angriff auf dein Goal.
Als sie das Fleisch und die Bohnen brachte, wurde sie als Schokolade begrüsst. Wie ist deine Füllung?
Sie antwortete nicht. Sie stellte das Zeug hart auf den Tisch. Im Rudel kippte die Stimmung. Einer knurrte. Noch so jung und schon so alte Kochschokolade. Hat viel zu lang im Silberpapier gelegen. Hab viel lieber weisse Schokolade.
Dann hatte sich das Rudel über ihr Essen hergemacht.
Als Kind hatten sie ihr in der katholischen Schule Bilder von Engeln gezeigt. Sie waren männlich und immer weiss gekleidet. Manchmal waren weiss gekleidete Männer, die auch noch weisse Schuhe und weisse Hüte trugen, ins Lokal gekommen. Sie waren allein und sie waren stumm. Sie setzten sich in eine Ecke, bestellten, und sonst redeten sie nichts. Wortlos waren sie wieder gegangen.
Die Jacht fuhr die Bucht entlang. Zögerlich. Bis fast zum anderen Ende, wo sie sich befand. Jetzt konnte sie es deutlich erkennen, der Weissgekleidete winkte ihr, fröhlich kam es ihr vor, doch schräg hinter ihm stand der Bursche, der ins Wasser gesprungen war, um den Schlauch zu holen, und machte eine obszöne Gebärde. Sie streckte den Mittelfinger, tauchte wieder unter, den Arm mit dem gestreckten Finger über Wasser wie das Ausfuhrgerät eines U-Bootes.
Als sie aus dem Wasser stieg, fiel ein Schwarm Inselkinder über sie her. Hell zwitschernd. „Manuela, Manuela ist wieder da.“ Wie ein flacher Stein hüpfte ihr Name übers Wasser. Die fröhliche Begrüssung wollte kein Ende nehmen. Die Kinder umringten sie, streichelten ihre salzige Haut, zupften an ihrem blauen Badekleid. Ein Junge umschlang sie, presste sein Gesicht auf ihren nassen Bauch. „Manuela darf nicht mehr fort gehen!“ Und dann wie aus einem Mund: „Was hast du uns mitgebracht?“
Nichts. Sie hatte nichts. Sie hatte in New York nicht an die Kinder auf der Insel gedacht, sagte jetzt aber schnell: „Habs nicht hier. Habs bei Alvaro versteckt.“
Die Kinder liebten sie, weil sie Alvaros Schwester war. Alvaro besass einen Krämerladen. Victoria, die grösste von allen, eine Neunjährige, war Wortführerin. Sie trug zwei rote Maschen in ihrem Kraushaar. Wie Manuela hatte sie eine gerade Nase. Die Nasen der andern waren aufgebogen. Victoria wollte wissen, wo sie so lange gewesen war, während die Kleineren sich weiter an sie drängten, mit ihr schmusten, ihr über die dunklen Härchen auf den Armen strichen. Sie bekam eine Gänsehaut aus Wohlgefühl.
„Ich war in New York.“
„Ist das auch eine Insel im...




