Berner | Tschogglit und andere Feinheiten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Berner Tschogglit und andere Feinheiten


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-85820-401-1
Verlag: Neptun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-85820-401-1
Verlag: Neptun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Geschichten von eigenwilligen Menschen bevölkern Urs Berners Buch. Ein Schriftsteller wird unverhofft zum Schokoladefabrikanten, ein Tankwagenfahrer sieht plötzlich rot, einem Mann läuft die Frau davon. Erzählt wird von Kindern, die stärker als Erwachsene sind, die zeigen, dass ein Leben ohne Fantasie kein ganzes wäre, von Menschen mit Höhen und Tiefen.

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KELLERÜBUNG

Er stellte sich einige Aufgaben, um seine Heimkehr hinauszuzögern. Die erste bestand darin, dass er sich fragte, wie viele Schritte es von der Bushaltestelle Neu-Paradies bis zum Haus mit den roten Fensterläden seien, in das er noch nie jemanden hatte hineingehen sehen … Fünf … Die Zahlen der Fünferreihe betonte er stärker als die anderen. Schliesslich kam er auf vierundzwanzig Schritte. Er blieb an der Ecke des Hauses stehen, äugte die Fassade hoch und entdeckte, dass sich im oberen Stock ein Vorhang bewegte. Vielleicht benützen die Leute, die da wohnen, unterirdische Ein- und Ausgänge. Er wünschte sich auch einmal ein Haus mit einem unterirdischen Zugangssystem. Sein Haus, das verliesse er allerdings durch die Haustür, ganz normal, ja sogar noch laut pfeifend, damit alle auf ihn aufmerksam würden. Doch heimkehren würde er unterirdisch, dann träte er sofort da oben, wo sich der Vorhang bewegt hatte, ins Zimmer und risse das Fenster auf. Halli, hallo, bin wieder da, riefe er, und alle glaubten, er sei ein Geist, der durch verschlossene Türen zu gehen vermöge. Er hüpfte am Gartentor des total stillen Hauses mit den dunkelroten Fensterläden vorbei und summte: Husche durch alles, durch jede Tür: Küchentüren, Fernsehzimmertüren, Schlafzimmertüren und auch – auf einmal machte er einen grossen Sprung, die Schultasche auf seinem Rücken schoss ihm in den Nacken – und auch durch Kellertüren.

Beim nächsten Haus zählte er die Holzlatten des Gartenzauns, wobei er mit steifer Hand darüber strich. Das dunkel klopfende Geräusch, das dadurch entstand, war Musik in seinen Ohren. Er war noch nicht bei zwanzig angelangt, als ihn aus einem Busch im Garten eine Stimme anherrschte: Mach, dass du fortkommst!

Er sprang zwei Meter weit, fasste sich, klopfte und zählte weiter. Erst als eine dürre Gestalt aus dem Busch erschien, in der Hand eine Heckenschere, rannte er ausser Sichtweite.

Auf seinem Heimweg kam er auch an einer Baugrube vorbei. Über Mittag standen die Trax still, niemand war zu sehen. Er kletterte über die Absperrung, huschte in die Grube, setzte sich ans Steuer eines Traxes. Er hebelte, als würde er einen Gang einlegen, gab Gas. Seine Lippen vibrierten. Locker hielt er das Steuerrad, so locker wie sein Vater, nun sogar nur mit der linken Hand, während er sich mit der rechten den Nacken rieb, er gähnte, lange Fahrt, nicht wahr, rutschte dann auf dem Sitz nach hinten und streckte sich. Rheinhafen Basel, rief er, Umschlagplatz Olten. Güterbahnhof Limmattal. Flughafen Genf. Es waren alles Orte, die er seinen Vater hatte nennen hören. Eines Tages führe er weiter als Vater, das wusste er. Er würde erst am Ufer des Schwarzen Meeres stoppen. Schwarzmeer!, brüllte er in die Baugruppe hinab. Dann blickte er sich um, horchte, aber keiner schrie zurück, er solle von hier verschwinden. Bei dieser Sachlage war es nicht interessant, nochmals Gas zu geben. Er schaltete in den Leerlauf, stieg vom Trax, trottete aus der Grube.

Zum Mittagessen würde er sicher zu spät kommen. Immer wenn er zur Kellerübung antreten musste, kam er zu spät. Diese bedrückenden Kellerübungen. Wegen ihnen war er auch an den schulfreien Nachmittagen am Mittwoch und Freitag nicht frei.

Ich bin ein Flamingo, sagte er mit gepresster Stimme. Die neue Aufgabe beanspruchte seine ganze Konzentration. Er stand auf einem Bein, das andere angezogen, und zählte. Bis zu welcher Zahl würde er es einbeinig schaffen, bevor er das Gleichgewicht verlöre? Rechtes Bein: 51. Linkes Bein: 111, das linke war sein Sprungbein. Ich fliege, wohin ich will. Als er hinter sich ein Auto herannahen hörte, drehte er blitzschnell den Kopf, schätzte ab, wie weit es noch entfernt war, und flog knapp vor dem Fahrzeug auf die andere Strassenseite, wo er dem langgezogenen, schrillen Hupen den Freudenschrei der wild lebenden Flamingos entgegensetzte.

Er hätte jetzt das flache Dach des Mehrfamilienhauses, in dem er wohnte, wahrnehmen können, aber er starrte auf den Asphalt. Erst beim Parkplatz vor dem Haus sah er hoch. Was? Auf einmal zitterte er vor Erregung. Vaters Lastwagen da. Der Wagen, der in der Sonne funkelte. Eine Schatztruhe auf Rädern. Er gab Vorlage, spurtete über den Platz, stiess die Haustür auf, flog die Treppe hoch, keuchte vor der verschlossenen Wohnungstür, drückte die Klingel und liess sie nicht mehr los. Seine Mutter öffnete. He, was ist in dich gefahren? Der Bub ist wild geworden.

Er stürmte an ihr vorbei. Sein Vater sass am Küchentisch bei Kaffee und Kuchen. Mit der ganzen Wucht seines kleinen Körpers prallte er auf ihn, schlang die Arme um seine Brust. Du bist schon da, jubelte er. Vater mittags am Küchentisch! Das war ein ungewohnter Anblick.

Nicht so stürmisch, Hugo. In seinen Augen lag ein warmer Schimmer. Wir schütten sonst den Kaffee aus. Aber er liess sich nicht davon abhalten, seinen Vater fest zu drücken. Er roch so gut. Nach Teer, nach Schmieröl, nach Gummi und so nach Explosivem. Als er die Nase in seinem Hemd vergrub, sah er eine lange Strasse vor sich, die über weite Landstriche führte, vorbei an Häusern, an allen Kellerlöchern vorbei. Wenn sein Vater zu Hause war, musste er nicht zur Kellerübung antreten. Kommst du mit mir an den Fluss, ich zeige dir eine Stelle, wo ich einen Fisch gesehen habe, so gross. Er breitete die Arme aus, und ohne Vaters Antwort abzuwarten, wirbelte er herum und umarmte auch Mutter, die sich Vater gegenüber hingesetzt hatte. Du kommst auch mit. Wie wunderbar seine Mutter erst roch! Geheimisvoll wie hinter einem Schleier hervor.

Wie von ferne hörte er seinen Vater sagen: Ich muss heute Nachmittag nochmals wegfahren, aber geht doch hin ohne mich.

Er liess seine Mutter los, rannte zum Vater zurück. Nimm mich mit!, bettelte er.

Das geht nicht.

Doch, bitte! Er klammerte sich an ihn.

Hugo, heute geht es wirklich nicht, besänftigte er ihn, es wird tiefe Nacht sein, bis ich zurück bin. Oder vielleicht sogar Morgen. Und Morgen musst du wieder zur Schule.

Kein Problem. Ich nehme eine Wolldecke mit. Wir zwei, wir machen eine Nachtübung, eine ganz lange. Um anzudeuten, wie lange, breitete er wieder seine Arme aus.

Da mischte sich seine Mutter ein. Wenn Vater sagt, es geht nicht, geht es nicht. Iss jetzt, sonst wird das Essen noch ganz kalt.

Immer geht etwas nicht. Die Schultasche flog in eine Ecke. Er schaufelte das Essen in sich hinein. Die Kellerübung, die Kellerübung, schrie es in ihm, nun würde er doch noch antreten müssen. Er hätte das verhasste Wort herausschreien mögen, aber dann hätte er sein Versprechen gebrochen, und was mit denen geschah, die ihre Versprechen nicht hielten, das wusste er, das hatte er in einem Buch gelesen. Den Verrätern wird eine schwarze Kapuze ohne Sehschlitze über den Kopf gestülpt. Schwarz-kapuzig-blind müssen sie dann umherirren. Er stopfte eine weitere Gabel Nahrung in den Mund.

Vater und Mutter waren ins Wohnzimmer hinüber gegangen, die Tür hatten sie einen Spalt breit offengelassen. Musst du schon bald gehen?, hörte er sie fragen. Er nahm auch das Vibrieren in ihrer Stimme wahr.

Leider ja, antwortete sein Vater mit einer Brummbärenstimme, wahrscheinlich wird es später werden als das letzte Mal. Der Brummbär schnaufte schwer, und dann, plötzlich stellte er eine Frage, eine glasklare Frage: Warum will der Bub unbedingt mitkommen? Wie der sich an mich geklammert hat. Und das mit der Nachtübung? Will mit mir eine Übung machen? Im Militär reden sie von Übung. Wie kommt er denn darauf? Kurios.

Das dunkle Lachen des Brummbären drang in die Küche und erfüllte sie. So angespannt horchte er, dass er in der einen Faust das Messer, reglos die Gabel in der anderen hielt. Verrät sie’s? Wie oft hatte sie ihm eingebleut, es für sich zu behalten, niemandem, aber auch gar niemandem von der Kellerübung zu erzählen. Nur sie beide allein wüssten von diesem Härtetest. Hülfe ihm, schneller Mann zu werden. Würde Mutter immer besser beschützen können, wenn Vater weg wäre. Er hielt den Atem an, jetzt spricht sie: Nachtübung? Ich weiss auch nicht, was er damit meint. Sie lachte, die Mutter lachte – so fröhlich, so laut. Der bringt manchmal die verrücktesten Wörter nach Hause.

Da lachte auch der Brummbär wieder und sagte dann: Komm. Etwas raschelte. Lass das, raunte seine Mutter, nicht jetzt. Die Tür ist offen, er könnte uns hören.

Er hatte genug gehört. In ihm jubilierte es: Sie hat es nicht verraten! Nicht einmal meinem Vater! Er klimperte mit dem Besteck fröhlich auf dem leeren Teller. Eigentlich ist die Kellerübung gar nicht so schlimm, redete er sich ein, er würde sie durchstehen und sich wieder einmal nichts anmerken lassen. Er wollte ja gross und stark und mächtig werden wie ein König. Und wenn sie kämen, sobald er allein im Kellerloch hockte, wenn sie wiederkämen, diese schaurigen Gestalten, die ihre Fratzen einfach durch die Wände stiessen, stände er auf einem Bein und hurtig...



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