E-Book, Deutsch, Band 1, 386 Seiten
Reihe: Nermberg-Saga
Bernhardi Liontu
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3865-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 386 Seiten
Reihe: Nermberg-Saga
ISBN: 978-3-6951-3865-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Bernhardi wurde 1981 in Leverkusen geboren. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Ihre Diplomarbeit »Die Kelten« wurde im Gerstenberg Verlag veröffentlicht. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin und Autorin für namhafte Verlage, Museen und andere Auftraggeber. Sie lebt mit ihrer Familie und zwei kleinen Hunden in Ostwestfalen und hat eine große Liebe für historische Themen jeglicher Art.
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September 1634
Der Schimmel neben ihm erstarrte, stand mit hocherhobenem Kopf und zischendem Atem da und fürchtete etwas Unerklärliches. Außer eines rastlosen Brausens und Donnerns, welches sich nicht näherte, ließ sich jedoch nichts ausmachen, was sie hätten fürchten müssen.
Der junge Mann senkte verwirrt den Kopf. Ein warmes Rinnsal suchte sich den Weg über Stirn, Nase, Schnurrbart und Lippen und bildete am Kinnbart einen lästigen Tropfen, der schließlich auf ein Blatt am Boden fiel und zersprang. Blut! Er war verletzt. Wie es dazu gekommen war, wusste er nicht.
Kurz darauf brachte ihn ein Seitwärtsschritt des Pferdes beinahe aus der Balance, und er musste sich mit dem Arm am Sattel abstützen, um nicht zu stürzen. Der Hengst wollte weiterlaufen. Er beschloss, ihm zu folgen.
Während er über Brombeerranken stolperte, an umgefallenen Baumstämmen hängen blieb und sich, stur wie ein alter Ochse, wieder aufraffte, begann er zu grübeln. Er hatte den Namen vergessen. Den Namen des Schimmels, von dem er sich sicher war, dass er ihn hätte wissen müssen. Seinen eigenen noch dazu. Nichts war da mehr.
Am Nachmittag rasteten sie unter einer uralten Eiche am Wegesrand, die von vielen Stürmen und Blitzeinschlägen verkrüppelt war und nur noch an wenigen der knorrigen Äste Blätter hervorgebracht hatte. Der Schimmel hatte sich losgerissen, war aber nicht fortgelaufen, sondern graste etwas abseits nahe einer Schlehenhecke. Der junge Mann beobachtete ihn, während er hoffte, sich so an den Stamm der Eiche setzen zu können, dass sein Kopf, der entsetzlich schmerzte, endlich Ruhe geben würde. Mühsam rutschte er nach rechts und wieder nach links, aber die harte, unregelmäßige Borke störte im Rücken.
Schwer atmend blickte er vor sich hin, beobachtete die rauschenden Wipfel der Bäume, verfolgte die jagenden Wolken und entschied sich, die Augen lieber zu schließen. Das berstende Pochen verwandelte sich in einen dauerhaft ziehenden Schmerz, der weit besser erträglich war und eine bleierne Müdigkeit nach sich zog. Gerade wollte der Verletzte wegdämmern, als ihn der Klang von Hufschlägen zurück in die Wirklichkeit riss.
Der Schimmel wieherte. Das Geräusch war so grell, als bliese jemand neben dem Ohr des jungen Mannes in eine Posaune. Er wandte den Kopf und bemerkte einen Reiter, der sich ihnen näherte. Aufgeregt trabte der Schimmel ihm entgegen, wieherte erneut, wölbte den Hals und tänzelte.
»Verdammt, verschwinde!«, fauchte der Unbekannte, jedoch nicht heftig genug, um den Hengst auf Abstand zu halten. Die beiden Pferde blieben voreinander stehen und bliesen einander interessiert in die Nüstern. Nicht willens auf weiteren Kontakt, schlug die Stute mit dem Vorderhuf aus, woraufhin der Hengst frustriert den Kopf warf. Seine lange Mähne wirbelte durch die Luft. Er akzeptierte die Zurückweisung und begann sich etwas abseits dem frischen Gras zu widmen.
»Wer lässt sein Pferd derart frei herumlaufen?«, zischte der Reiter, als er den jungen Mann erreichte. Doch das letzte Wort war nur noch schwach zu verstehen. Der Mann bedauerte, überhaupt etwas gesagt zu haben. Zu Beginn mochte es nur eine dunkle Vermutung gewesen sein, eine viel zu abwegige, inzwischen befürchtete er, den jungen Mann zu kennen, und je näher er ihm kam, desto sicherer wurde er. Sie stammten aus demselben Ort, waren zusammen gereist und befanden sich in diesem Moment aus offenbar dem gleichen Grund an einem Ort, an dem sie nicht hätten sein dürfen.
Das Leder des Sattels knarzte leise, als er absaß.
»Bitte verzeiht, Herr«, brachte er besorgt hervor und zog seinen Hut. »Benötigt Ihr Hilfe?«
Der Verletzte drehte den Kopf zur Seite, so als wolle er der Stimme entkommen, die zu ihm sprach. Er versuchte den Kopf zu schütteln, doch er brachte es nicht fertig.
»Wartet, ich bringe Euch dahin zurück, wo Ihr herkommt. Man wird sich um Euch kümmern. Ihr braucht einen Arzt.«
»Nein, nein«, krächzte der junge Mann. »Nein.« Er schlug nach dem Unbekannten, versuchte zu treten. »Auf keinen Fall, nein …« Er wusste nicht, wovon der Reiter sprach, spürte aber tief im Herzen, dass er alles wollte, nur nicht .
»Ihr könnt hier doch nicht derart sitzenbleiben.« Der Reiter hob den Blick, sah zu dem Waldstück, durch das der Verletzte geirrt sein musste. Geirrt würde des Rätsels Lösung sein, es wirkte nicht so, als hätte der junge Mann bei vollem Bewusstsein entschieden, davonzulaufen. Aber er mochte sich täuschen, so heftig wie der Verletzte reagierte. Noch lag das Unterholz ruhig vor ihnen, man war zu beschäftigt, aber es wäre nur eine Frage der Zeit, bis man ihnen folgte, und diese Zeit rann ihnen wie Sand durch die Finger.
Der Verletzte hatte sich inzwischen beruhigt und versuchte mit zitternden Fingern, die Schnallen des Kürasses zu öffnen. Es wollte ihm nicht gelingen. Er gab auf und strich fahrig über den kalten, ziselierten Stahl.
»Moment, das haben wir gleich.«
Kurz darauf lagen der prächtige Brustpanzer und das Rapier mit seinem goldverzierten Gehänge im Gras. Der Reiter hatte den Verletzten von allem befreit, was ihn gefangen hielt, nun sah er aus wie ein normaler Mensch, der vom Baum gefallen war.
»Kommt«, forderte er ihn leise auf. »Wir werden einen besseren Ort finden, an dem Ihr Euch ausruhen könnt.«
Er zog den Verletzten auf die Beine, stützte ihn, grübelte, ob es eine gute Lösung sei, den jungen Mann auf den Hengst zu setzen, und entschied sich dazu, es lieber mit seiner eigenen Stute versuchen zu wollen. Der Schimmel wirkte zu verstört, als dass es Sinn ergeben hätte, ihm eine halbe Leiche in den Sattel zu setzen.
Während die Sonne langsam ihre Bahn zog, suchten sie sich den Weg nach Westen, immer entlang des Waldes, um im Notfall untertauchen zu können. Es waren mühsame Meilen, eine nach der anderen. Zehn Tage lang hatte es nicht geregnet, was fast schon wunderlich gewesen war nach diesem kalten und verregneten Sommer, der eine solche Bezeichnung nicht verdient gehabt hatte. Nun tat die Trockenheit in doppeltem Sinne gut, denn der Boden würde ihre Schritte nicht verraten. Sobald sich der leichte Staub wie ein raues Tuch über Fuß- und Huftritte gelegt hätte, würde ihnen so schnell niemand folgen. Wenn sie nur nicht so furchtbar langsam wären, befand der Reiter, aber ein Blick auf den Verletzten machte seine Hoffnung zunichte, dass sie ihre Flucht beschleunigen könnten. Wie ein Halm im Wind wippte der Oberkörper des jungen Mannes vor und zurück, hin und her. Er brachte gerade einmal die nötige Kraft auf, nicht bewusstlos vom Pferd zu stürzen. Also mussten sie weiterhin so schnell und gleichzeitig so langsam wie möglich fliehen, ein Zustand, der an den Nerven zerrte. Hinzu kam der Hengst, der mal ein Stück vorausgaloppierte, dann zurückblieb, sie aber nie aus den Augen ließ. Immer wieder näherte er sich dem Verletzten und wirkte enttäuscht, wenn sein gewohnter Reiter kein Lebenszeichen von sich gab. Unwirsch schüttelte er den Kopf. Das prächtige Kopfstück klirrte leise.
Sie würden die Nacht über nicht in der Nähe des Weges lagern können, also wurde es Zeit, sich ins Unterholz zu schlagen. Der Reiter zog die Stute hinter sich her. Sie zögerte kurz, dann stieg sie gehorsam in die Büsche hinein, kämpfte sich durch das Dickicht aus Brombeeren und Heckenrosen, bis sie nach wenigen Fuß Wegstrecke auf offenen Waldboden trafen. Nur noch wenige dürre Schösslinge kämpften hier um ein Leben im Schatten der großen Bäume. Der Hengst folgte ihnen, trabte mit erhobenem Kopf, glücklich prustend, durch das Unterholz, so als sei er es gewohnt, derart umherzustromern. Einige späte Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blattwerk der Eichen und Buchen, wie Spinnweben durchzogen sie die Luft, nur dass man durch sie hindurchreiten konnte, ohne dass sie einen einfingen und festhielten. Irgendwann bemerkte der Reiter einen schmalen Pfad, bei dem es sich um einen Wildwechsel handeln mochte. Da er in der Ungewissheit einladend wirkte, beschloss er, ihm zu folgen. Gewunden führte der rätselhafte Weg mal durch einen kleinen Bach, dann einen seichten Hügel empor, bis er schließlich auf einer Lichtung endete, auf der eine winzige Holzhütte stand. Zur Freude des Reiters war das Dach heil, und zudem sah sie verlassen aus. Einzig die Katze, die vor dem Haus faul in der Sonne lag, hätte man als Zeichen deuten können, dass in dieser Hütte jemand wohnte.
»Wir scheinen Glück zu haben«, sagte er leise zu dem Verletzten, der zwar kurz die Augen öffnete und ihn ansah, aber sofort wieder wegzudämmern schien.»Ich denke, hier finden wir Ruhe.«
Der Plan sollte so einfach nicht aufgehen.
»He!«
Erschrocken sprang der Reiter herum und wollte sein Rapier ziehen, doch er stockte, als er sah, dass sich ihnen nur ein schmächtiger junger Mann näherte. Dessen Alter war schwer zu bestimmen, durch Hunger und Auszehrung mochte er jünger sein, als er wirkte....




