E-Book, Deutsch, Band 3, 502 Seiten
Reihe: Nermberg-Saga
Bernhardi Opalus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2987-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 502 Seiten
Reihe: Nermberg-Saga
ISBN: 978-3-6951-2987-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Bernhardi wurde 1981 in Leverkusen geboren. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Ihre Diplomarbeit »Die Kelten« wurde im Gerstenberg Verlag veröffentlicht. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin und Autorin für namhafte Verlage, Museen und andere Auftraggeber. Sie lebt mit ihrer Familie und zwei kleinen Hunden in Ostwestfalen und hat eine große Liebe für historische Themen jeglicher Art.
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GEORG
Nermberg
1641
Georg warf einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster. Wenige Wochen waren verstrichen, seit sie nach Nermberg zurückgekehrt waren, und so vertraut die Burg seiner Vorfahren ihm in manchen Momenten schien, so fremd blieb sie. Er war froh, dass die Tage von früh bis spät vollgestopft waren mit Verpflichtungen, die Johannes von Rothenberg aus der Tasche zauberte, als wäre er ein Hexenmeister. Auf diese Art kam Georg gar nicht erst dazu, sich den Kopf über die Frage zu zerbrechen, die sich ihm immer wieder stellte: Weshalb, um alles in der Welt, er in Nermberg saß und seinem Vater folgte, obwohl so vieles noch Monate zuvor ganz anders ausgesehen hatte? Nur noch dunkel konnte er sich an die Zeit erinnern, als er die Aufgaben eines Arztes in der kleinen Stadt Steinlingen übernommen hatte. Wo sein Leben aus Husten, Schnupfen und eitrigen Beinen bestanden hatte, bisweilen durchzogen von Grannen, die sich in Hundeohren verirrten. Sieben Jahre hatte er so gelebt, mit Ianthe an seiner Seite, als einfacher Bürger, frei in jeglicher Hinsicht. Und dann hatten sie ihn gefunden. Johannes von Rothenberg, den alle nur den grauen Grafen nannten, und der ewig polternde, lebenslustige Arendt Jacobi, seines Zeichens Baron. Sie hatten Georg zurückholen wollen, wo er doch der Erbe seines Vaters gewesen war. Aber er hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt. Bis Hieronymus von Graalfs auf dem Spielfeld erschienen war, wenn auch auf die gegenteilige Art. Sobald der von Georgs Existenz erfahren hatte, war die Hölle losgebrochen. Nichts war mehr sicher gewesen, erst recht nicht das einfache Leben in Steinlingen. Es war hinweggefegt worden.
Graalfs, unter diesem einfachen Namen kannte er ihn, war inzwischen tot. Erschossen bei dem Versuch, Georg Gleiches anzutun. Zumindest wirkte er tot, stellte Georg fest. Denn die Tage verbrachte er mit unzähligen Dokumenten, auf denen Graalfs hektische, ausladende Schrift noch immer umherwaberte, als wäre ihr Schreiber lebendig.
Es war eine Ironie des Schicksals, dass er sich in dieser Anfangszeit weit weniger mit der eigenen Vergangenheit beschäftigte als mit jener seines ärgsten Widersachers. Es galt aufzuräumen. Ordnung in einen Augiasstall zu bringen, der seit gefühlten Jahrzehnten nicht ausgemistet worden war. Und er war kein Herkules! Er stand hüfttief in einem Misthaufen aus Intrigen, Verfolgungen und Hinrichtungen, die sich an Scheußlichkeit überboten.
Georg warf einen Blick auf den nächsten Stapel Schriftstücke. Er durchblätterte sie, las jedes einzelne und zerbrach sich den Kopf darüber, wie er Unrecht wiedergutmachen konnte, wenn die Betroffenen nicht mehr lebten.
Während dieser Arbeiten traf er auf einen Kabinettschrank im ehemaligen Schlafzimmer, der vor Graalfs Georgs Vater gehört hatte. Das imposante wie feine Möbelstück war aus dunklem Ebenholz gearbeitet und mit filigranen Elfenbeinintarsien versehen, die sich auf den kleinen Schubladen einem Urwald gleich hin- und herrankten. Er öffnete ein Fach nach dem anderen, bis er auf ein Büchlein, eine Art Tagebuch, traf, dessen lederner, abgenutzter Umschlag von reger Nutzung zeugte.
In den darin befindlichen Notizen stieß Georg auf sich selbst und die irrsinnige Verfolgung, welche Graalfs startete, sobald er bemerkte, dass es ihm nicht gelungen war, Georg in den Tod zu schicken. Doch alles daran war längst bekannt. Fremd hingegen war der vordere Teil des Tagebuches. Dort galt sämtliche Aufmerksamkeit einem etwa vierzehnjährigen, rothaarigen Jungen, der laut Hieronymus’ Worten plötzlich in der Burg erschienen war, als Wilhelm von Wichtern noch lebte. Graalfs schrieb von einer merkwürdigen Ähnlichkeit dieses Kindes zu Georg. Er musste versucht haben, den Jungen entführen und töten zu lassen, wenn auch ohne Erfolg, denn es folgte ein Bruch. Mit einem Mal war Georgs Vater verstorben, und sofort, ohne groß zu ruhen, befand sich der Schreiber auf der Suche nach dem Unbekannten.
Georg rieb sich über die verschwitzte Stirn. Die Wärme des Spätsommertages kroch selbst durch die geschlossenen Blendläden. Oder war es etwas anderes, das ihn in Schweiß ausbrechen ließ?
»Hier bist du also!«
Er hob überrascht den Kopf und entdeckte Ianthe, die sich ihm näherte. Kaum dass sie ihn erreicht hatte, strich sie ihm zärtlich über die Schulter.
»Schau dir an, was ich gefunden habe«, hielt Georg ihr das Büchlein hin, den Daumen an die Stelle haltend, wo er aufgehört hatte zu lesen.
Sie warf einen interessierten Blick darauf.
»Es ist Graalfs’ Handschrift«, erkannte sie und nahm es vorsichtig in die Hände, während sein Daumen noch immer die Stelle markierte. »Was schreibt er? Erzähl’s mir, bitte«, bat sie. Sie musste merken, wie wichtig es ihm war.
»Er berichtet von mir, von uns, im hinteren Teil«, begann Georg.
»Von uns?«
»Ja, auch von dir. Ab dem Zeitpunkt, als man mich fand, warst du immer an meiner Seite. Aber was aus uns wurde, das wissen wir ja. Viel spannender ist, was er über meinen Bruder zu erzählen hat!«
»Deinen Bruder?«, staunte Ianthe.
»Er scheint ein Bastard meines Vaters zu sein, aber ich weiß rein gar nichts über ihn«, grübelte Georg. Er lehnte sich mit einem Ellbogen auf den Sekretär und barg den Kopf nachdenklich in seiner Hand. »Damals, als die Soldaten Hankenshorst überfielen und Jonas und ich nach Überlebenden suchten, da fanden wir bloß den einen Offizier. Einen Mann namens Waldseemüller, der schon unter Vater Leutnant gewesen war. Eigentlich ein guter Mensch, deshalb war ich so entsetzt, ihn dort zu sehen.«
Ianthe erschauderte bei der Erinnerung an Hankenshorst. Alles begann mit Jacobis Ergreifung und Folter und endete in einem sinnlosen Blutbad. Zu dieser Zeit begriff sie zum ersten Mal, dass Graalfs nicht einfach nur ein Gespenst aus Georgs Vergangenheit war, sondern furchtbar real und mit Plänen, die ihre kühnsten Albträume weit überstiegen.
»Ich werde es niemals vergessen können«, meinte sie leise und setzte sich auf die kleine, gepolsterte Bank, die am Fußende des prächtigen Bettes stand, das niemand mehr nutzte.
»Er wunderte sich über meine Kenntnisse der Medizin, und erzählte mir von Graalfs und meinem Vater. Wie die Menschen auf der Burg Hoffnung schöpften, kurz vor dem Tod meines Vaters, weil ein Junge erschienen war, der sich als mein Bruder ausgab.«
»Kann das sein?«
»Alles ist möglich. Aber da er wieder verschwand, blieb er ein Phantom. Deshalb habe ich nicht weiter über ihn nachgedacht. Niemand hier sprach je von ihm. Bloß, dieses Buch erzählt eine andere Geschichte.«
»Laut dieses Soldaten war dein Bruder hier, und dann?«
»Er ging mit Friedrich.« Georg stockte. Selbst mit seinem Ziehvater hatte er noch nie darüber gesprochen. Erst die Krankheit, dann kaum genesen der Kampf mit Graalfs, der Weg zum Kaiser, all das hatte ihn schlichtweg vergessen lassen, was ihm auf der Seele lag. »Ich werde ihn fragen, alsbald möglich.«
»Tu das«, war nun auch Ianthe sichtbar interessiert. Sie stand auf und suchte nach Georgs schmaler Hand. »Und nun komm, wir erwarten heute Abend noch Gesellschaft und du siehst wieder aus wie ein Gärtner nach einem Tag im Moor.«
Georg musste lachen. Diese kruden Vergleiche waren eine Eigenart, die er an Ianthe sehr liebte. »Ich weiß nicht, was Gärtner in Mooren treiben, aber wenn’s so schlimm steht, dann gut, laufen wir schnell und lassen uns herrichten für die Gäste. Ich werde nach Jost rufen.«
»Besser wäre es«, befand Ianthe schmunzelnd.
Gleich am nächsten Morgen öffnete Georg die flache Schublade des Sekretärs erneut und zog das Buch heraus. Je mehr er über seinen Bruder las, desto unruhiger wurde er. Denn mit der gleichen Akribie, mit der Graalfs Georg wie ein seltenes Tier gejagt hatte, folgte er der Spur dieses Jungen.
Wie Georg herausgefunden hatte, hatte Hieronymus von Graalfs im Frühjahr 1636 zwanzig Tage im Kerker gesessen. Dann war er hervorgestürzt wie ein Tiger, den man wochenlang hatte hungern lassen. Durch die Gefangenschaft war er weder verängstigt noch gebrochen worden, sein Ziel war klar gewesen. Eine Handvoll Wochen später hatte er in Händen gehalten, wofür er so vieles bereit gewesen war zu opfern. Seine Herzogskrone. Georg stellte es sich bildlich vor, wie Graalfs sie sich auf den Kopf gesetzt hatte, allein in seinen Gemächern, und mit dieser dunklen, warmen Stimme gelacht hatte. Zufrieden. Unendlich bestätigt in sich selbst. Wann immer Georg dieses Bild überkam, musste er das Buch schließen.
Um sich abzulenken, spazierte er in manch ruhiger Stunde allein durch die Burg. Hinaus in den, an der Südwestseite angelegten, Garten, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Hügel hatte. An manchen Morgenden sammelte sich unten in den Tälern der Nebel. Wie Buckelwale schauten dann die Hügel aus dem Dunst hervor. Auch ein Vergleich, der einer Ianthe würdig war, fand Georg. Er kannte Buckelwale nur aus Büchern. Seit seiner Kindheit...




