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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 380 Seiten

Reihe: Nermberg-Saga

Bernhardi Orioni


6. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3864-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 380 Seiten

Reihe: Nermberg-Saga

ISBN: 978-3-6951-3864-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Winter 1636 erhält der heruntergekommene Hauptmann Jakob Wenterodt den Auftrag, zusammen mit seinen Männern den Verräter Heinrich Orioni zu fangen. Diese Aufgabe führt sie bis ins südliche Frankreich hinein. Während der feingeistige Orioni ihnen immer wieder entkommt, heftet sich die 14-jährige Pascale an seine Fersen. Was hat es mit dem Mädchen auf sich, dessen Herkunft ebenso rätselhaft erscheint, wie die Zukunft aller Beteiligten? - Illustrierter historischer Abenteuerroman. Band 2 der Reihe

Anne Bernhardi wurde 1981 in Leverkusen geboren. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Ihre Diplomarbeit »Die Kelten« wurde im Gerstenberg Verlag veröffentlicht. Seitdem arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin und Autorin für namhafte Verlage, Museen und andere Auftraggeber. Sie lebt mit ihrer Familie und zwei kleinen Hunden in Ostwestfalen und hat eine große Liebe für historische Themen jeglicher Art.
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PASCALE


Der Schnee schien etwas in ihrem Kopf durcheinandergewirbelt zu haben, denn hinter der Stirn tobten die wirrsten Traumstürme. Sie war daheim in ihrem Dorf; wie hätte sie sich auch woanders hinträumen können, wo sie bisher kaum aus dieser kleinen Welt herausgekommen war? Sie lief in der Schenke umher, die aus allen Nähten zu platzen drohte, so viele Gäste hatten sich darin versammelt. Und egal, wie oft Pascale in den Keller eilte, der Wein wollte nie ausreichen, um den Durst zu stillen. Ähnlich ging es mit dem Brot. Das Korn wuchs, wurde gemahlen, verarbeitet und als Brot verteilt, und doch musste es gleich wieder nachwachsen. Pascale staunte und schwitzte.

Erst als das Fieber sank, ihr Körper die Anstrengung vergaß, die er im Schnee erlebt hatte, fand ihr Kopf Ruhe. Sie schlief eine weitere Weile, ohne zu wissen, wie lang. Es war kein Husten gekommen, das musste zu etwas gut sein, fand sie. Und stellte fest, dass man längst bemerkt hatte, dass sie kein Junge war.

Pascale glaubte, sehr lange krank gewesen zu sein, doch am Ende waren es nur drei Tage gewesen. Am vierten Tag fühlte sie sich gut genug, um mit der Bauernfamilie am großen Tisch zu sitzen und etwas von dem Wenigen zu essen, was nach dem verregneten Sommer und dem furchtbar kalten Winter geblieben war. Pascale betrachtete die dünne Suppe, in die man ein paar schrumpelige Wurzeln geschnitten hatte. Es gab ein wenig geräucherten Speck, aber für jeden nicht mehr als eine halbe Kinderhand voll. Immerhin gab die Kuh noch etwas Milch, das freute die Kinder und Pascale, wenn sie auch auf ihren heißgeliebten Honig verzichten musste.

Schon am Abend des nächsten Tages fühlte sich Pascale so gut, dass sie vorgab, keinen Hunger zu haben. Die Bauersfrau betrachtete sie eine Weile und kam zu dem Schluss, dass es wohl nicht daran lag, dass es Pascale schlechter ging. Also ließ sie Pascale ihren Willen und lächelte dankbar.

Zu Pascales Freude hatten die Männer Casper zurückgelassen. Sie ahnte, dass sie es Orioni zu verdanken hatte, und machte sich daran, Casper gründlich zu striegeln. Ließ ihren Blick durch die geöffnete Stalltür schweifen und bemerkte erfreut, dass es taute. Überall tröpfelte es leise, selbst innerhalb des Stalls fand das Wasser einen Weg durch winzige Lücken zwischen den Schindeln und versah sämtliche Mähnen, Federn und Heuhaufen mit kleinsten, glitzernden Kugeln.

Die weiße Gefahr war vorbei. Der Rückweg nach La Roque-Gageac würde ein Kinderspiel sein. Es wäre so leicht.

Und dann erinnerte sie sich an Wenterodts Worte. Sie ahnte, dass er es nicht wortwörtlich gemeint hatte, und doch war ihre Abenteuerlust geweckt. In ihrem ganzen bisherigen Leben war sie noch niemals eine von irgendetwas gewesen. Sie wollte nicht in ein Dorf zurückkehren, in dem sie stets unerwünscht gewesen war. Ihre Mutter, ebenfalls unerwünscht, hatte sich mit den Jahren den Respekt der Nachbarn erkämpft, doch das merkwürdige, rothaarige Kind, das hatten die Einheimischen mit wachsendem Misstrauen beobachtet, ganz besonders, als dieses kluge Mädchen dann die Aufmerksamkeit von Monsieur de Tarde erweckte und zu lernen begann. Pascale ahnte seit Jahren, dass sie würde gehen müssen, und wann, wenn nicht jetzt, ergab sich eine brillante Möglichkeit dazu.

Sie verabschiedete sich von ihren Gastgebern, schenkte ihnen die Écus, über welche sie sich mächtig freuten, und gab vor, gen Süden zu reiten. Kaum dass sie um die nächste Ecke war, änderte sie die Richtung und begann ihre lange Reise nach Nordosten. Ins Ungewisse.

***

Gegen Mittag hatte sie mit Casper den nächsten Hügel erreicht und warf einen gedankenverlorenen Blick zurück. Von hier aus konnte man das Dorf nicht mehr sehen, es war verdeckt durch eine Reihe von Pappeln, die wie eine Wand wirkten, die man zum Schutz vor dem Wind in die Landschaft gestellt hatte.

Mehrere Tage ritt sie so. Sie erreichte Brive, besorgte sich von ihrem Ersparten Brot, harten Käse und Wurst und auch etwas Mandelgebäck für die Reise, wärmere Wollsocken und einen richtigen Hut, den sie über der Mütze tragen konnte, weil er so weit war. So ausgestattet fühlte sie sich um Welten wohler, und weiter ging es.

Einmal schloss sie sich einer Gruppe von Händlern an, die auf dem Weg nach Osten waren und ihr wieder und wieder die Ohren volljammerten, wie gefährlich ihre Reise wäre und dass schon zwei Reisegruppen vor ihnen nie zurückgekehrt seien. Marodierende Soldaten hätten sie sicherlich ausgeplündert und womöglich getötet. So ging es permanent, bis Pascale beschloss, den Weg doch lieber allein fortzusetzen, und sei es, um nicht auch noch Opfer eines solchen Angriffs zu werden, ganz gleich, wie viele Tagesreisen die Gefahr noch entfernt lag.

Des Nachts schlief sie in einsamen Scheunen. Die erste dieser Nächte war die schlimmste. Nicht nur, dass es kalt war und selbst die Wollsocken daran nicht viel zu ändern vermochten. Es war so unendlich unheimlich, dass sie sich tief ins Stroh verkroch, in der Hoffnung, dass sie dort niemand finden würde. Am Morgen darauf war sie froh, sich nicht im Spiegel betrachten zu müssen. Da steckte eben doch ein Mädchen in den Männerkleidern.

Was ihre Mutter und ihr Vater wohl dachten? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr schlechtes Gewissen im Zaum hatte. Wäre es nach ihrem Gewissen gegangen, wäre sie längst umgekehrt. Ihr Weg hätte sie in Windeseile zurück in ihr Dorf an die Feuerstelle geführt, wo sie weiterhin Wein für die Gäste geschleppt und die Pferde versorgt hätte. Sie überlegte sich, dass es an ihren Haaren liegen musste, dass sie es nicht tat. Catherine hatte ihr zeit ihres Lebens immer vorgehalten, dass diese roten Haare sie zu einem so furchtbaren Sturkopf gemacht hätten. Dass sie sich nichts sagen ließe. Dass sie ständig so hektisch wäre und niemals zur Ruhe käme. Eines Tages begann sie sich also vorzustellen, dass diese Haare ein Eigenleben führten, mit einem eisernen Willen, dem auch sie sich zu beugen hatte. Und nun war der Plan dieser Haare halt, dass sie den Männern folgen sollte. Da blieb ihr nichts anderes übrig, als ihnen zu gehorchen, denn sie würde sich nicht den Kopf scheren lassen.

Der Winter zog sich immer weiter zurück. Die furchtbare Kälte kehrte nicht wieder, der Schnee schmolz bis auf wenige, sture Reste, und ein Wind wehte aus südwestlicher Richtung, der Wärme und Sonnenschein brachte. Der Boden trocknete, der Schlamm, der an den Stiefelsohlen klebte, wurde weniger, er bröselte und fiel ab. Es gab Stunden, in denen Pascale auf Casper ritt, dann wieder wanderte sie neben ihm her. Er war nicht allzu groß, eigentlich kaum größer als ein Esel, obwohl seine Mutter ja eine Pferdestute gewesen war. Von ihr hatte er sein braunes Haarkleid, vom Vater eindeutig die langen Ohren und den ganz eigenen Willen. Er entschied selbst, wann er geritten werden wollte, und da Pascale es nicht anders kannte, störte es sie nicht. Sein dunkles Auge funkelte immer mal wieder in ihre Richtung, er lief am losen Zügel eine halbe Esellänge hinter ihr, und er entschied auch, wann sie eine Pause einlegten. Das Gras war noch feucht, aber mit etwas Glück fand man schon einen trockenen Stein am Wegrand, auf den man sich setzen konnte.

»Lass es dir schmecken.« Pascale musste grinsen, weil Casper so hastig ein Grasbüschel nach dem anderen aus der winterlichen Erde riss. »Sag bloß, es schmeckt schon nach Frühling.« Sie hätte sich gewünscht, ihr Brot würde ebenfalls nach Frühling schmecken. Seit sie es gekauft hatte, waren drei Tage vergangen, und in dem kleinen Stoffbeutel, den sie am Sattel befestigt hatte, war es feucht, zäh und kalt geworden. Sie verzog das Gesicht und träumte davon, das Geld zu haben, irgendwo einzukehren und etwas Warmes zu essen. Was gäbe sie dafür!

Vor ihnen, in der Saône-Ebene, die so angenehm flach, aber von vielen Weihern und kleineren Gehölzen durchzogen war, dehnte sich ein mächtiges Waldgebiet aus. Pascale hatte es schon vor Stunden bemerkt. Es würde unvermeidbar sein, hindurchzureiten, wenn sie nicht furchtbar viel Zeit auf einem Umweg verlieren wollte.

»Sollen wir umkehren?«, fragte sie Casper und sich selbst nicht zum ersten Mal. Sie hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie nun schon umgekehrt war, und es hatte immer wieder in der Feststellung geendet, dass sie den Männern womöglich näher war als ihrem Zuhause, es also Wahnsinn wäre, den Weg nicht einfach fortzusetzen, wo ihre Suche vielleicht schon hinter der nächsten Hügelkette beendet sein könnte.

Fragend zog sie an Caspers Zügeln. Käme er zu ihr, würden sie ihren Weg fortsetzen, bliebe sein Maul im Gras, würden sie umkehren. Doch sein Kopf wendete sich sofort, als sie auch nur leicht zog, und er trottete tatsächlich auf sie zu, stieß sie leicht an und verlangte, dass sie ihm die Stirn kraulte.

»Dann los!«

Casper war guter Laune. Er stand still wie ein Fels, als sie sich auf seinen Rücken schwang, und trabte los, ohne dass sie ihn hätte antreiben müssen.

»Lauf,...



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