Berthold | Adams Letzte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Berthold Adams Letzte


1. Auflage 2018
ISBN: 978-87-11-72697-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-87-11-72697-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine geheimnisvolle Unbekannte, verführerisch wie kaum eine andere, erscheint auf einem Rotarier-Kongress in Bangkok. Die Männer, die aus aller Welt angereist gekommen sind, sind allesamt reich und mächtig. Jeder von ihnen ist fasziniert von der schönen Fremden. War sie eine reiche Erbin? Eine frühe Witwe? Oder gar eine Hochstaplerin? Und das ist Ilka gewohnt: Stets verdreht sie den Männern den Kopf, attraktive Karrieretypen verfallen ihr reihenweise, niemand entgeht ihrer Verführungskunst. Doch Ilka ist nicht alleine in Bangkok erschienen: An ihrer Seite ist der sehr viel ältere Industrielle Martin Laimer. Genießen die beiden ein ehrliches, spätes Glück? Oder ist etwas dran an den Gerüchten über Ilka, sie habe ihren letzten Freund - ebenfalls ein schwerreicher älterer Herr - vergiftet?Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.-

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1


Sie saß beim Fünf-Uhr-Tee in der Halle des berühmten Hotels und ignorierte das Aufsehen, das sie auslöste. Mit übereinandergeschlagenen Beinen, leicht in den tiefen Polstersessel zurückgelehnt, erschien sie den Umsitzenden wie eine unbändige Versuchung; dabei tat sie nichts dazu. Die schöne Unbekannte war höchstens dreißig, vermutlich ein paar Jahre jünger. Ihr ovales Gesicht mit der glatten Haut sah unverbraucht aus. Und unbeschrieben. Ihre Augen waren von einem leuchtenden Braun. Sie trug keinen Schmuck, auch keinen Ehering. Ihre Aufmachung unterschlug nicht ihre körperlichen Reize, doch präsentierte sie das Sehenswerte auch nicht im Schaufenster.

Schon auf den ersten Blick bemerkte man, daß die Dunkelhaarige keine sterile Plakatschönheit war. Sie saß schon über eine halbe Stunde allein am Tisch in dem großen Raum mit dem Fluidum gediegener Vergangenheit und anhaltenden Wohlstands, doch sah es nicht aus, als sei sie versetzt worden und erwarte noch immer ihren Begleiter. Die Blicke Neugieriger liefen von ihr ab wie Rinnsale von einem aufgespannten Regenschirm.

Alleinreisende Damen ihres Alters waren in Thailands renommiertestem Hotel äußerst selten — sie mußten reiche Erbinnen, frühe Witwen, austauschbare Begleiterinnen eines Ölmoguls oder schlichtweg Hochstaplerinnen sein. Die Gäste lösten das Rätsel nicht, aber sie ergriffen Partei — meistens zugunsten der unbekannten Schönen. Nichts deutete darauf hin, daß diese attraktive Provokation schon in nächster Zukunft zum Schicksal einiger Anbeter werden würde, die ihr hier und heute zufällig begegneten. Vermutlich hätte sie in Bangkoks Hotel »Oriental« weniger Furore gemacht, wäre dieser Jet-set-Tummelplatz am späten Nachmittag nicht vorwiegend von Herren besetzt gewesen, und solche sind in erster Linie schließlich Männer. Ab heute bot sich in allen Luxusherbergen der südostasiatischen Metropole das gleiche Bild: Eine Spätausgabe von Adams Geschlecht, gewissermaßen auf Hochglanzpapier und in goldenen Lettern, zeigte sich in absoluter Überzahl.

Rotary-international, eine exquisite Männervereinigung, war zu einem Weltkongreß zusammengetreten, um alte Bekanntschaften zu pflegen, neue Beziehungen zu knüpfen und hochherzige Spenden abzuliefern.

Die Eröffnungsveranstaltung heute morgen hatte den Teilnehmern einen schweren Schock versetzt, als vom Tagespräsidenten mit kippender Stimme ein Telegramm verlesen worden war: Zu den vierzehn Mordopfern des Bombenanschlags vom letzten Freitag in der Schalterhalle der »Banca Nazionale dell’Agricultura« in Milano gehörte auch einer der bekanntesten Rotarier; sein Referat über die derzeitige Lage der italienischen Industrie stand als zweite Veranstaltung im ausgedruckten Programm.

Die Delegierten waren erschüttert und verstört, nicht nur, weil sie den Ermordeten gekannt und geschätzt hatten, sondern weil diese neue Dimension wahnwitzigen Terrors von Rechts- und Linksextremisten letztlich jeden bedrohte, der eine bedeutende Position innehatte.

Rotarier standen, in welchem Beruf auch immer, stets an der Spitze. Die letzten Headlines eines Jahres, in dem der frühere US-Präsident Eisenhower und der Vietkong-Chef Ho Chi Minh gestorben waren, verbreiteten Horror. Das Jahr 1969 lief aus wie ein faules Ei.

Wegen des Rotariertreffens waren in dieser Vorweihnachtswoche die Nobelquartiere Bangkoks schon seit Monaten ausgebucht. Man hatte diesen ungewöhnlichen Termin gewählt, damit die Teilnehmer eventuell in einem anschließenden Urlaub die Festtage mit ihren Frauen, Familien oder sonstigem Anhang in exotischen Paradiesen verbringen konnten.

Gäste drängten von draußen in die Hotelhalle, verschwitzt und abgekämpft, auf der Flucht vor Hitze — Advent bei fünfunddreißig Grad im Schatten —, Staub und Lärm. Das »Venedig des Ostens« war ein strapazierender, wenn auch großartiger Schauplatz, so chaotisch wie exotisch. Ein frommes Babylon mit stillen Oasen der Besinnung gleich neben den plärrenden Aufreißschuppen. Eine wildwuchernde Steinwüste voller Pretiosen. Orchideen im Schlamm. »Krung Thep« nennen die Thailänder die Fünf-Millionen-Stadt, die unter ihrem westlichen Pseudonym Bangkok weit bekannter ist. Der einheimische Name der Mammutmetropole lautet in wörtlicher Übersetzung: »Die Stadt der Engel«. Wenn man damit die gefallenen meinte, gab es laut Expertenschätzung weit über 500 000. Sie gingen in Tanzschuppen und Massagesalons ihrem Gewerbe nach und konnten nach Bezahlung der Lady-off-Taxe an ihre Manager von ihren Kunden gleich mitgenommen werden wie frische Ware in einem Supermarkt, zum alsbaldigen Gebrauch bestimmt.

Weitere Versprengte der Sightseeing-Tour betraten die Hotelhalle, gefolgt von einem hochgewachsenen, eleganten Einzelgänger, der am Eingang stehenblieb wie der Hauptdarsteller beim Betreten der Bühne, auf Ovationen wartend: Cecil Casagrande, der Schriftsteller.

Er sah sich in der gutbesetzten Halle nach einem Platz um und ließ sich dabei Zeit, um von den Anwesenden erkannt zu werden. Casagrande hatte einen Panoramablick. Keine Einzelheit entging ihm, schon gar nicht die dunkelhaaarige Attraktion in der Ecke, die kurz von der »New York Times« aufsah, vermutlich lange genug, um zu wissen, wer er war. Für ein paar Sekunden gelang es Casagrande, der faszinierenden Lady die Schau zu stehlen, doch im nächsten Moment siegte sie wieder spielend über drei, vier Bestseller.

Der Protagonist überlegte, ob er sich zu ihr setzen sollte — ein Mann wie Casagrande wäre wohl an jedem Tisch willkommen. Er ging in ihre Richtung, doch kurz vor dem Ziel fing ihn George Bannister, sein amerikanischer Verleger, ab.

»Das ist ja eine VIP-Galerie«, schmeichelte der Autor der Tischrunde und verbeugte sich vor den gesetzten Herren, die am Revers das Zahnrad auf blauem Grund, das Abzeichen der Rotarier, trugen. Zu seinem Leidwesen war Casagrande noch immer nur Gast, nicht Mitglied dieses exklusiven Zirkels. Der gebürtige Elsässer sollte am letzten Tag in nichtoffizieller Sitzung aus seinem neuesten Roman »Der Biß der Jahre« lesen.

»Sie haben sich ja eine entzückende Nachbarschaft ausgesucht«, stellte er mit einem offenen Blick zum Nebentisch fest und fragte dann mit gedämpfter Stimme: »Kennt jemand diese reizende Dame?«

Zwischen Odermatt, dem Gnom aus Zürich, und dem deutschamerikanischen Industriellen Laimer war für den Autor noch ein Sessel frei — für einen Mann wie ihn rückte man gerne zusammen. »Leider nein«, erwiderte der Schweizer.

»Aber Sie würden sie vielleicht gerne kennenlernen«, konstatierte der Erfolgsautor mit einem gewissen Lächeln. Er konnte mit dem Bankier durchaus in dieser Weise sprechen. Der Mann verwaltete sein schweizerisches Konto.

»Lieber Freund«, erwiderte der Untersetzte, der seine Figur durch Bodybuilding trimmte und seine Körpergröße durch Spezialschuhe im Stehen um sieben Zentimeter vergrößerte. »Ich bin bereits zum dritten Mal verheiratet …«

»Sie Anfänger«, versetzte Casagrande launig und brachte seine Zuhörer zum Lachen; sie schätzten seinen frivolen Witz und seinen unbestreitbaren Charme. Selbst wenn er giftig wurde und maßlos überzog, war der Romanschriftsteller noch immer unterhaltsam. »Exhausted?« fragte der New Yorker Publisher seinen Starschreiber.

Der Elegant schüttelte den Kopf; er war auch nicht erschöpft. »Du kasteist dich doch immer so, George«, sagte er zu Bannister. »Ich soll dich vom goldenen Buddha im Wat Trimitr grüßen«, spöttelte er. »Er wiegt fünfeinhalb Tonnen in Edelmetall — er ist richtig stolz auf sein Gewicht.«

Die Umsitzenden begriffen die Anspielung; sie wußten, daß der hagere Amerikaner einen seltsamen Kampf gegen die Kalorien führte: Sowie er über die Stränge schlug, nahm er zu, aber nur im Gesicht und im Nacken.

Der Literat hatte sich bereits geduscht und umgezogen: er tat es mindestens viermal täglich. Er war immer eine Nuance zu gut gekleidet. Selbst wenn er sich am Morgen an seinen Schreibtisch setzte, trug er Anzug und Krawatte, als wollte er das leere Blatt Papier freien. Er war vor knapp sechzig Jahren — zweiundfünfzig gab er zu — in Straßburg als Clemens Großhaus zur Welt gekommen. Nach den ersten Bucherfolgen hatte er seinen deutschen Namen des Wohlklangs wegen in das Italienische übersetzt, und damit es nicht zu südländisch klang, das englische »Cecil« als Vornamen gewählt. Böse Zungen behaupteten, er hätte das Pseudonym Casagrande gewählt, weil es phonetisch an Casanova erinnere. Tatsächlich war der einstige Starreporter des »Paris Match« ein Frauenfreund, wenn man damit reifere Damen meinte, wie sie wohl auch das Gros seiner Leserinnen darstellten. Er war ein Modeautor, doch modern war er nicht und wollte er auch nicht sein. Sein literarisches Reservoir war meistens die Vergangenheit, ein Hauch von — ein wenig schwermütiger Glanz — und seine Dialoge waren Florett mit der Zunge. Die Gegenwart war ihm zu unromantisch. In zwanzig Sprachen übersetzt, erreichten seine Bücher Millionenauflagen. Bei der Verlegung seines Wohnsitzes nach Monte Carlo war der Patriotismus für seine Wahlheimat die Steuerersparnis gewesen.

Casagrande stellte belustigt fest, daß nicht nur sein Blick immer wieder den Weg zu der schönen Unbekannten von nebenan suchte. Die perfekte Lady, schlicht und teuer angezogen, trug ein mäßig ausgeschnittenes Kleid aus grüner Thaiseide, in der Taille gestrafft und im Rock weit ausschwingend. Ihre Nähe machte offensichtlich den Herren am Tisch zu schaffen.

Die meisten der Seh-Löwen standen schon aus Altersgründen dem Verzicht näher als dem Verlangen, doch die Gesichter ließen erkennen, daß dieser herrliche Blickfang die Phantasie beflügelt haben mußte, diese Grauzone...



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