Berthold | Die Frauen nannten ihn Charly | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Berthold Die Frauen nannten ihn Charly


1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72710-2
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

ISBN: 978-87-11-72710-2
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist ein dramatischer Roman voll Spannung und überraschender Wendungen.Charly ist für viele Frauen ein aufregender Typ, ein Raubritter mit Herz. Kein Wunder, dass sich auf der ausgelassenen Party im Schwabing des Jahres 1948 einige Frauen von Rang eingefunden haben, die alle hinter Charly her sind. Groß ist daher die Bestürzung, als sie im Laufe der Party erfahren, dass ihr Gastgeber gar nicht mehr am Leben sein soll. Trotzdem sollen sie weiterfeiern. Das lässt die Hoffnung aufkeimen, dass sein Tod nur ein Gerücht ist und Charly einen letzten Coup landen möchte. So wie er sich auch schon in der Nachkriegszeit als charmanter Tausendsassa und Abenteurer hat durschlagen müssen. Holt ihn seine Vergangenheit gerade in diesem Moment ein?-

Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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II


Sie steht am Gipfel eines ansteigenden Feldweges neben ihrem Jeep, der es nicht mehr tut, in einer herrlichen Landschaft, die sie entzückt hat und die ihr jetzt gestohlen bleiben kann. Seit über einer halben Stunde wartet sie vergeblich auf Hilfe, und es sieht nicht so aus, als könnte sich daran etwas ändern. Trotz aller Warnungen und auch entgegen dem Befehl war der weibliche Leutnant der US Army ohne Fahrer heute mittag losgerollt, aufs Blaue in diesen entlegenen Winkel des Werdenfelser Landes, der auch noch in einem überfüllten Germany menschenleer ist, und hatte dabei die Orientierung verloren. Während sie hin- und herrollte, mußte sie aus dem Kanister nachtanken, und auf einmal begann der Motor des Wagens zu spucken. Schließlich blieb er stehen wie ein störrisches Maultier, aber mit Peitschenhieben läßt sich ein Jeep nicht antreiben.

Die Sonne steht schon tief im Westen. Statt sich bei dem General in Garmisch-Partenkirchen zum Rapport zu melden, würde Leutnant Cynthia Macomber voraussichtlich im Jeep nächtigen müssen. Daß der Drei-Sterne-General ihr Vater ist, macht die Sache eher noch schlimmer. Auch in der Familie versteht er bei Befehlsverweigerung wenig Spaß.

Sie zündet sich die letzte Zigarette an, starrt um sich. Noch immer nichts zu hören, nichts zu sehen. Sie überlegt, ob sie den Jeep stehen lassen und sich zu Fuß weiter durchschlagen soll, aber vermutlich würde die Nacht früher kommen als die nächste Ortschaft, in der womöglich der Werwolf lauert. Cynthia fummelt an dem Motor herum, aber sie hat wenig Ahnung von Technik, und sie macht sich nur die Hände schmutzig. Die Zwanzigjährige in der schicken, olivgrünen Uniform wirft die Kippe mit der leeren »Camel«-Packung zornig auf den Boden. In den Staaten könnte sie das 100 Dollar Strafe kosten, aber in Deutschland ist für die Alliierten zu dieser Zeit nahezu alles erlaubt.

Ein Millionenheer überseeischer Soldaten hält die US-Zone in Germany besetzt, und erstaunt registriert dabei General Dwight D. Eisenhower, daß es sich um einen eigentlich überflüssigen Aufwand handelt. Die Angst vor einer ominösen Festung Alpenland, in der sich Hitlers letzte Fanatiker verschanzen würden, und vor Anschlägen des Werwolfs hatte den alliierten Oberbefehlshaber im letzten Stadium des Krieges zu der Fehlentscheidung verleitet, die deutsche Reichshauptstadt Berlin den Russen zu überlassen. Bei Kriegsende hatte sich die Gebirgsruine als schierer Bluff erwiesen, und wenn es irgendwo knallte, dann war allenfalls an einem amerikanischen Fahrzeug ein Reifen geplatzt. Jedenfalls spritzten die GIs nicht mehr auseinander, um sich in Deckung zu hauen. Die befürchteten Anschläge aus dem Hinterhalt fanden nicht statt, gehörten in die braune Märchensammlung, auf die der übervorsichtige Ike hereingefallen war. Die einzigen Partisanen, die olivgrüne Soldaten attackieren, sind die Spirochäten und Gonokokken der »Fräuleins« schlimmster Sorte, der »Amizonen«.

Cynthia Macomber aus Madison im US-Staat Wisconsin, vor kurzem noch Studentin, vor drei Wochen zum Lieutenant des »Women Auxiliary Corps« (WAC) befördert, fürchtet sich nicht gerade, aber mulmig ist ihr doch. Sie sieht nervös auf die Uhr, der Zeiger rückt weiter, stur auf die Dunkelheit zu.

Die Stille ist friedlich, doch bedrückend. Die mittelgroße Amerikanerin mit den kastanienbraunen Haaren und der niedlichen Stupsnase wird von Geräuschen genarrt, die sich als Halluzinationen erweisen. Als sie jetzt aus dem toten Blickwinkel ein leicht ansteigendes Brummen hört, fürchtet sie wieder eine Sinnestäuschung.

Cynthia sieht erst auf, als ein seltsames Gefährt mühselig die Anhöhe hochklettert.

Sie hebt die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen – doch der Mann am Steuer des alten Vorkriegs-Opel P 4 ist nicht der Typ, der, wo und wann auch immer, ein hübsches Mädchen übersähe.

Cynthia wird bewußt, daß der Fahrer ein Deutscher sein muß; ihr ausgestreckter Arm sinkt klamm nach unten.

In ihrer Lage kann man sich den Helfer nicht erst aussuchen, aber jetzt fallen ihr die Werwolf-Räubergeschichten wieder ein, und tatsächlich haben ja – noch im Krieg – Unverbesserliche den in Aachen von den Amerikanern eingesetzten deutschen Bürgermeister ermordet.

Der Wagen hält; ein junger, hochgewachsener Mann steigt aus, betrachtet die Amerikanerin eher herausfordernd als devot, lächelt zufrieden und kennerisch. »Hello, Miss«, sagt er mit auffallend melodischer Stimme und deutet dann auf den Jeep mit der geöffneten Motorhaube: »You have trouble with the car?« Er kratzt sein bescheidenes Schulenglisch zusammen. »Is it the engine which doesn’t work?«

Die Amerikanerin nickt.

»Can I give you a hand?« fragt er.

»Maybe«, erwidert die Wartende.

Es soll abweisend klingen, doch es hört sich erleichtert an.

Der Unbekannte beugt sich über den Motor, dreht sich wieder zu der alliierten Augenweide um. »By the way – my name is Charly«, stellt er sich vor, seinen Namen wie ein Programm nennend. Aber nichts ist der Amerikanerin im Moment gleichgültiger als der Name des Pannenhelfers.

Er betrachtet die Innereien des Militärfahrzeugs mit dem weißen Stern, geht zu seinem alten Karren zurück, holt Werkzeug. Er untersucht die Zündspule, die elektrischen Zuleitungen, schraubt die Kerzen heraus, reinigt sie, setzt sie wieder ein, versucht den Jeep anzulassen. Der Starter funktioniert, der Motor nimmt einen schwächlichen Anlauf, spuckt und stirbt gleich wieder.

»Perhaps there is dirt in the carburettor«, stellt er fest.

Charly schraubt den Luftfilter ab, um ihn zu säubern. Er hantiert mit geschickten Händen. Cynthia stellt es fest und betrachtet dann von der Seite das Gesicht ihres Pannenhelfers. Daß der Mann ihr gefällt, mißfällt der Generalstochter. Er sieht wirklich prächtig aus, ist gut gewachsen, wirkt sportlich und adrett. Sichere Bewegungen, dunkle Haare mit einem blauschwarzen Metallschimmer, gewellt und vorteilhaft geschnitten, dazu unbekümmert leuchtende Augen in einem ganz bestimmten Blau.

Der Helfer schraubt den Vergaser wieder zusammen, fordert Cynthia mit einer Geste auf, sich ans Steuer zu setzen und den Anlasser zu betätigen. Er ist in Ordnung, aber der Wagen springt nicht an, und die ersten deutschen Worte, die die Zwanzigjährige aus dem Mittelwesten auffängt, sind ein paar handfeste Flüche.

Charly fummelt noch eine Weile am Motor herum und prüft die Benzinzufuhr; die Leitung ist nicht verstopft. »Did you get the gasoline from the US Army gas-station?«

Cynthia schüttelt den Kopf. »From the can«, antwortet sie und deutet auf den Kanister, aus dem sie nachgefüllt hatte. In einer Pantomime demonstriert der WAC-Leutnant, daß der Motor zuerst gespuckt und gestottert habe und dann ganz stehen geblieben sei.

»I’m sorry, Miss«, sagt Charly und zuckt bedauernd die Schultern. »But I’m sure, there is a lot of water in the tank.« Er sieht in das erschrockene Gesicht des Lieutenant Macomber. »Black market gasoline?« fragt er.

»Never«, versetzt Cynthia entrüstet. »Regular gas.«

Der Helfer lächelt mit wissender Überheblichkeit. Mit diesen Alltagsgeschäften kennt er sich aus. Eine dreckige Hand wäscht die andere, und so bleiben sie alle schmutzig. Deutsche Diebe hätten den Reservekanister wohl gleich ganz geklaut, um ihr Risiko zu amortisieren, Polen oder andere Hilfswillige der Amerikaner in den schwarzgefärbten Uniformen vielleicht nur die Hälfte des Inhalts und dann, um nicht aufzufallen, den Kanister wieder mit Wasser nachgefüllt. Aber auch die Militärpolizisten, die flinkhändige Hilfswillige zu bewachen haben, könnten ein Geschäft in die eigene Tasche gemacht haben: Schnaps ist selbst für alliierte Soldaten schwer zu bekommen, und mehr oder weniger schöne »Fräuleins« kosten Geld.

Charly betrachtet die Enttäuschte, fragt, wohin sie eigentlich will. Cynthia versteht ihn nicht gleich.

»How far is it to Garmisch-Partenkirchen?« fragt sie dann nach dem berühmten Wintersportort.

»About fifteen kilometers, but it’s a terrible road.«

»What shall I do?«

»There are two possibilities«, entgegnet der Mann mit den schräg geschnittenen Augen und dem energischen glatten Gesicht und deutet mit zwei Fingern an, daß es für sie zwei Möglichkeiten gebe, an das Ziel zu kommen. »I can give you a lift«, sagte er und bedeutet Cynthia, in seinen Opel einzusteigen. »I’m going to Garmisch also, you see we’ve the same way.«

»No, thanks«, lehnt sie ab. »What about the second chance?«

Ohne zu antworten durchsucht Charly den Jeep, schnappt sich ein Abschleppseil. Dann setzt er seinen P 4 vor Cynthias Gefährt, verbindet die beiden Wagen mit dem Seil, fordert sie mit einer Kopfbewegung auf, in den Jeep zu steigen. Er steuert seinen Wagen, würgt beim ersten Versuch den Motor ab, doch dann klappt es schlecht und recht.

Sie kommen voran, langsam, doch stetig. Ein Jeep ist viel zu schwer für einen kleinen Vorkriegs-Opel, aber auf ebener Strecke klappt es halbwegs, solange Charly im zweiten Gang fährt. Kritisch wird es erst, wenn die Straße ansteigt. Zweimal kommt er mit Vollgas im ersten Gang durch; beim dritten Versuch, kurz vor Garmisch, kocht das Kühlwasser, und Charly muß anhalten. »It’s terrible«, sagt er und deutet auf die Dampfwolke, die aus seinem Kühler zischt. »We must wait.« Tröstend setzt er hin zu: »Only a few minutes.«

»I’m really in a hurry«, entgegnet Cynthia.

In Eile ist Charly auch. Er hat sich den Wagen bei einem Bekannten der Münchener Stadtverwaltung ausgeliehen und die Fahrgenehmigung selbst ausgestellt. Im Kofferraum liegt ein schwarzgeschlachteter und bereits in Portionen...



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