Berthold | Die gelbe Mafia | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Berthold Die gelbe Mafia


1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72695-2
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-87-11-72695-2
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erpressung und Mädchenhandel sind nur einige Verbrechen, mit denen sich die von Hongkong aus operierenden Triaden auch in Deutschland etablieren wollen. Eine eigens eingesetzte Sonderkommission, die sogenannte HOKO, soll die Verbrecherorganisation bekämpfen. Was gut anläuft, endet schnell darin, dass die HOKO auf einen Schlag drei ihrer Agenten verliert. Es muss also eine undichte Stelle im System geben. Eine schwierige Ausgangssituation für den Agenten 'Kamikaze', der nun in die Verbrecherorganisation eingeschleust wird. Welche Rolle spielt die schöne Li Williams? Das ist eine der Frage, die 'Kamikaze' schnell lösen muss, denn viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, will er weiteren Schaden verhindern.-

Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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1


Er saß rechts in der neunten Reihe in der DC-10 aus Bangkok, ein unauffälliger, unaufdringlicher Mann mit etwas zu langen Beinen, der seinem Gesicht eine nichtssagende Miene wie eine Brille aufsetzen konnte. Er gab sich bei der bevorstehenden Untergrund-Operation in Hongkong – wohin alle Spuren führten – als Ralf Parker aus, doch sein Name war so falsch wie ein Hurenkuß. Nach jedem Auftrag landeten seine Reisepapiere, seine Garderobe und seine Legende im Reißwolf und wurde eine Episode aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Echt an dem Geheimagenten war nur die aufgeweckte Blondine an seiner Seite, mit der er nach übereinstimmender und mitunter neidvoller Meinung der geschlossenen Reisegesellschaft mindestens seit Singapur – wenn nicht schon seit Bali – schlief. Die Mittdreißigerin aus Düsseldorf, eine gutverdienende Direktionsassistentin namens Babs, wirkte ohne Make-up nicht gerade wie das Gedicht von einer Frau, aber ihre Prosa konnte sich durchaus sehen lassen. Vom Zwang des Alltags befreit, war ihre Vitalität regelrecht explodiert.

Ralf Parker – oder wie immer er heißen mochte – war nicht der Typ, der eine Gelegenheit ausließ, noch dazu, wenn sie sich als zusätzliche Tarnung eignete. Der Kurschatten, der ihm über den Weg gelaufen war, paßte vortrefflich zu seiner derzeitigen Rolle in der Eselshaut eines Pauschaltouristen, in der er seinen neuesten Auftrag anging.

Im Dschungel der unsichtbaren Front führte der Mann aus Pullach den Spitznamen ›der Kamikaze‹, seitdem er ein Himmelfahrtskommando im Urwald von Malaysia und andere halsbrecherische Unternehmungen überstanden hatte. Gemessen an seinem jetzigen Auftrag in Hongkong waren allerdings die damaligen Todesraids Kinderspiele gewesen.

Der erste Anlauf der ›Operation Taifun‹, des Versuchs, in das Triadennetz eines übermächtigen chinesischen Gangstersyndikats einzudringen, war gründlich danebengegangen: Parkers Vorgänger, zwei an der Zahl, hatten vor kurzem dabei ihr Leben verloren. Was einem dritten Mann, dem Agenten Latzke, der sich – seelisch gebrochen und körperlich ruiniert – telefonisch im Hauptquartier zurückgemeldet hatte, widerfahren war, erwies sich als so schlimm, daß man den Mann wie nach einem schweren Betriebsunfall isolierte, ihn sofort in einem Krankenhaus und anschließend unter strenger Geheimhaltung in einem Sanatorium unterbrachte, Besuche unterband und seine Frühpensionierung beantragte.

Diese Tatsache hatten die Auftraggeber dem Kamikaze verschwiegen, weil seine Vorgesetzten befürchteten, er könnte kalte Füße bekommen und aussteigen. Auch wenn Parker der Fall Latzke unterschlagen worden war, kannte er sein Risiko gut genug; er wußte, daß holländische, amerikanische und englische Agenten im Kampf gegen den kriminellen Polypen vor die Hunde gegangen waren, mindestens sechs oder sieben erstklassige Männer.

Der Geheimbund des organisierten Verbrechens, die Triaden, in China eine traditionelle Institution, hatte seine Tatorte seit einiger Zeit in die westliche Welt verlegt. Nicht nur in Deutschland wurden Polizei, Staatsanwälte und Richter mit Verbrechen konfrontiert, gegen die sie fast machtlos waren. Nach Ermittlungen der ›Royal Hongkong Police‹ soll es, über die ganze Welt verteilt, 27 Triaden mit mehr als 300000 Mitgliedern geben. Diese Gangs führen so harmlose Bezeichnungen wie ›Alte Armee‹, ›Rote Tür‹, »Stiller Pfad‹, ›Morgenlicht‹ oder ›KK‹. Der Begriff Triade stammt aus dem Altchinesischen und bedeutet ›Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Mensch‹. Aus dieser romantischen Vorstellung hat sich ein krimineller Milliarden-Konzern von beispielloser Grausamkeit entwickelt.

In Fernost hat man meistens ein anderes Empfinden gegenüber Tieren wie in Europa oder Amerika: An Verkaufeständen werden flatternde Hühner gewogen und dann vor aller Augen geköpft. Nach der Preisabsprache entnimmt man den zuckenden Körpern lebender Schlangen die Galle, die bei Gourmets als besondere Delikatesse gilt.

Auch gefährdeten oder gestrauchelten Komplizen der Geheimbande oder ihren Verfolgern droht ein furchtbarer Schlangentod. Das gelbe Kartell geht so erbarmungslos gegen seine Opfer vor, daß die sizilianische Mafia – nach Meinung von Experten – vergleichsweise wie ein harmloser Sparverein wirkt.

Der Kamikaze hatte sich auf den Kampf gegen den gelben Mob gründlich vorbereitet und, soweit es möglich war, auch sein Aussehen verändert: neuer Haarschnitt, veränderte Augenfarbe durch Color-Haftschalen, neu einstudierter Gang, veränderte Körpergröße durch spezielle Schuhe, meisterlich beherrschte Mimik, geänderte Haltung und Sprechweise. Das Untergrund-As ist keineswegs ohne weiteres zu erkennen. Aber auch für einen Meister der Tarnung gilt die chinesische Redensart: »Du magst einen Affen aufs Pferd setzen, doch seine Hände und Füße bleiben immer behaart.«

Der Kamikaze war keine besonders hohe Charge in der beamteten Hierarchie des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes, aber seinen Rang bestimmte der Erfolg. In der Zentrale galt er als verwegen, umsichtig, intelligent und aufsässig. Er aaste mit Vertrauensspesen, die der Verwaltungschef – ohne Kenntnis der Arbeit in der Drecklinie – voller Mißtrauen und nur zögernd abzeichnete. Der Erbsenzähler gehörte zu den zwei, drei Spitzenleuten der Firma, die den Mann fürs Grobe lieber heute als morgen gefeuert hätten, aber der Kamikaze war bisher immer wieder, wie ein Bumerang von den gefährlichen Raids zurückgekehrt. Die meisten im Hauptquartier wußten genau, was sie an Parker hatten. Von dem gerissenen Spitzenagenten waren in vielen Jahren immer wieder Fälle gelöst worden, bei denen sich andere ›Undercovers‹ die Zähne ausgebrochen und dann mitunter zahnlos ins Grab gebissen hatten.

Die Düsenmaschine überflog Vietnam, ein Land, das vor kurzem noch umflogen werden mußte.

»Sieh dir das an«, sagte die Direktionsassistentin aus Düsseldorf und deutete auf trostlos verödete Landstriche. Von oben sah es aus, als hätten sich große Kahlflächen in einen riesigen Schädel hineingefressen, so daß er fast wie ein Totenkopf wirkte.

»Die Fingerabdrücke des Krieges«, stellte der Angesprochene wie beiläufig fest: »Die Entlaubung der Wälder und Felder.«

»Ein Schandmal menschlicher Dummheit und Verbrechen«, grollte Dr. Zweibein, ein Arzt aus Hamburg, der in Bangkok zugestiegen war: »Mindestens hundert Jahre wird hier kein Baum, kein Strauch wachsen und kein Vogel mehr zwitschern – und bald auch kein Hahn mehr danach krähen.«

Die Umsitzenden stimmten ihm zu. Die Chartermaschine verließ die Zone des Grauens noch schneller als das menschliche Gewissen, das sich nach kurzer Empörung doch wieder angenehmeren Erwartungen zuwendete, den nächsten Zielen der Reiseroute: Hongkong, Macao, Seoul, Manila, Taipeh und wahlweise – gegen Aufpreis – auch noch Tokio.

»Du warst also schon öfter in Hongkong«, setzte Babs das unterbrochene Gespräch fort.

»Ja, schon zweimal«, erwiderte der Gelegenheitsfreund »Immer nur kurz zu geschäftlichen Besprechungen. Aber diesmal – und endlich – ganz privat.«

»Was machst du eigentlich für Geschäfte?«

»Möglichst gute«, versetzte er grinsend. »Ich kaufe in Fernost Textilien billig ein und versuche sie dann in Europa so teuer wie möglich an den Mann zu bringen.«

»So einfach ist das«, entgegnete Babs.

»Mitunter«, räumte der Pseudoimporteur ein. »Aber die Konkurrenz schläft nicht.«

»Sag mal, Ralf«, wechselte die Blondine das Thema,»ist der Landeanflug in Hongkong wirklich so gefährlich?«

»Na ja, er kann dich schon das Fürchten lehren«, versetzte der Wolf im Schafspelz. »Wenn der Pilot die Landeklappen auch nur eine Sekunde zu spät ausfährt, rasiert er mit seinem Fahrgestell die Dächer der Hochhäuser an der Einflugschneise.« Lächelnd fügte er hinzu: »Du kannst ja die Augen schließen, wenn du schwache Nerven hast.« Er griff nach ihrer Hand. »Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir, und bis zur Landung bleiben uns noch über zwei Stunden Zeit.«

»Und du? Hast du keine Angst?« fragte Babs und kuschelte sich an ihren Begleiter. Er wußte, daß sie weder dumm noch problematisch war. Sicher hätte sie ohne große Anstrengung einen besseren Gefährten als ihn aufreißen können, aber vielleicht hatte sie längst den Mann fürs Leben und brauchte nur einen Sparringspartner für die Urlaubstage.

»Ich hab’ keine Zeit für Angst«, erwiderte er. »Glaub mir, man kann sich die Furcht abgewöhnen wie das Rauchen«, stellte er lakonisch fest und gab seiner Eroberung Feuer.

»Hast du für heute abend schon ein Programm?« fragte die Düsseldorferin.

»Ein prächtiges«, versprach er. »Zuerst ein Stadtbummel mit Schaufensterbesichtigung, zwischendurch Snacks und Cocktails, dann ein erstklassiges Lokal mit original-chinesischer Küche.«

»Pekingente?« fragte Babs.

»Das wäre zu gewöhnlich und zu fett«, erwiderte der geliehene Liebhaber. »Schlangen wären eine Spezialität, zum Beispiel Kobras, Pythons oder Boas.«

»Besten Dank!« sagte die junge Frau schaudernd.

»Dann wären da noch Affenhirn, Kamelhöcker, Elefantenfüße, junge Mäuse und Eidechsen als besondere Delikatessen. Auf den Leckerbissen Hundefleisch müssen wir leider verzichten; darauf steht in Hongkong Gefängnisstrafe. In der Volksrepublik China hängen sie mit abgezogenen Fellen an den Verkaufsbuden wie bei uns die Kaninchen.«

»Ich denke, ich werde nur ein Schinken-Sandwich zu mir nehmen«, sagte die Blondine. »Sag bloß, du machst dir was aus solchen Schweinereien.«

»Keineswegs«, erwiderte Parker. »Diese Kostbarkeiten essen die...



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