E-Book, Deutsch, 223 Seiten
Berthold Doppelt oder aus
1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72712-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 223 Seiten
ISBN: 978-87-11-72712-6
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Sehr zuversichtlich war HU-Mueller nicht gewesen, als er sich dem näherte. Er schlich um den Hotelkoloß herum wie ein Vierbeiner um den heißen Freßnapf und entschied sich, die Auseinandersetzung mit der unerwünschten Kandidatin in den Morgen zu verlegen. Da er Rampendahl immer tunlichst in seiner Nähe hielt, lebte er auf Zimmer 557 Wand an Wand mit der Störenfriedin.
Er schlief kurz und schlecht, war aber dann der erste im Frühstücksraum. Zuvor hatte er Rampendahls Rechnung beglichen und sich beim Geschäftsführer für die nächtliche Ruhestörung entschuldigt.
»War halb so schlimm«, bestätigte der Mann. »Herr Rampendahl ist für uns ja auch eine Reklame.« Er lächelte in professioneller Manier. »Da drücken wir schon mal ’n Auge zu.«
Vorsichtig versuchte Mueller sich an Ina heranzutasten. Verblüfft stellte er fest, daß sie längst ausgezogen war. Mitten in der Nacht. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Mueller mußte versuchen, sich ihre Adresse zu verschaffen und zu diesem Zweck in den Sperrkreis einzudringen, den Grotehoff um seine Büros zu ziehen pflegte.
Ein lobender Anruf des Intendanten nach Sendeschluß von doppelt oder aus hatte sich mit Windeseile im Funkhaus verbreitet. Man sah im Generalstabschef des Ratespiels bereits den kommenden Programmdirektor. Grotehoffs Kollegen wurden neidischer und höflicher.
»Sie sind doch nicht nachtragend.« Der Redakteur schwang sich dem Produzenten gegenüber zu einer Entschuldigung auf. »Wir waren alle ein wenig durchgedreht und hatten zuviel getrunken.«
»Wollte mich gerade deswegen bei Ihnen entschuldigen«, behauptete Nasen-Mueller grinsend.
»Hat sich unser Freund Erwin wieder beruhigt?« fragte Grotehorf. Der Produzent merkte sofort, daß der beiläufige Ton nur gespielt war: schlecht gespielt.
»Ich habe ihm einen kurzen Erholungsurlaub verordnet.«
»Wo ist er jetzt?«
»Unterwegs – er ruft mich in ein paar Tagen an.«
»Hoffentlich.«
»Sicher«, antwortete Mueller. »Sie können sich auf mich verlassen.«
»Das weiß ich ja«, konterte der Redakteur mit ungewöhnlicher Freundlichkeit.
Sie reichten sich die Hand, schlossen Frieden. Vielleicht nur auf Zeit. Oder doch für immer: Grotehoff wußte, was er an Mueller hatte, und Mueller war nicht mehr sicher, ob der Redakteur gegen seinen Schützling intrigierte. Als Mann hinter den Kulissen würde er es vermutlich weiter bringen denn als Akteur auf der Bühne.
Die Überwachung schien heute milder. Unter dem Vorwand der Abrechnung drückte sich Mueller so lange auf dem Fernsehgelände herum, bis er über die Spesenabteilung die Anschrift der Kandidatin Ina di Monti erhielt.
Zu seiner Verblüffung erfuhr er, daß sie in München lebte, wo seine Firma ihren Sitz hatte. Es war ein erster Lichtblick, ein gutes Omen, denn in München nimmt man die Dinge nicht gar so ernst, da entweder Föhn, Starkbierzeit, Fasching oder Oktoberfest herrschen.
Er rief sie an, erhielt aber keine Antwort. Nicht an diesem Tag und nicht am nächsten. Er hatte ja noch Zeit – drei Wochen und fünf Tage.
Als Erwin Rampendahl über die Europabrücke rollte, wußte er, daß aus der Fahrt ins Blaue eine Zielfahrt geworden war: Rom. Er kannte und liebte die Sieben HügelStadt und hatte dort ein Jahr als Korrespondent gearbeitet. Er hatte Freunde und Bekannte am Tiber, und er freute sich auf ein Wiedersehen.
Der Quizmaster fuhr ohne Halt an Mailand vorbei, weiter auf der Autostrada del Sole und nahm in dem modernen Rasthaus einen ersten Schluck auf seine nähere Zukunft.
Am Abend erreichte er Rom und schlief sich erst einmal aus.
Mit dem Morgen kam die Sonne und mit der Sonne die Freude am Leben. Über den Dächern der Ewigen Stadt flimmerte das Licht, und die Heiterkeit schien zwischen ihren sieben Hügeln zu schaukeln.
Erwin Rampendahl ließ sich durch die Stadt treiben, blicklos für die Standbilder der Cäsaren und der Päpste, die sich, Sockel bei Fuß, längst miteinander arrangiert hatten. Er schloß sich im Omnibus einer Sightseeing-Tour an, fotografierte und genoß Spaghetti und Wein; am meisten aber die Tatsache, daß ihn hier niemand kannte.
Er konnte es nicht glauben und machte immer wieder die Probe aufs Exempel: in der U-Bahn, in Omnibussen, in Warenhäusern, auf öffentlichen Plätzen. Der Quizmaster war frank und frei und benahm sich wie ein alberner Tourist: Er fütterte die wilden Katzen am Pantheon und warf Münzen in den Trevi-Brunnen.
Er genoß es, Privatmann zu sein und sonst nichts, und erinnerte sich an die Worte seines Quizmaster-Kollegen Alfred Biolek: ›Einem Menschen, der sich wie ich oder wie ein Politiker oder Sportlerstar vor der Öffentlichkeit bis auf die Unterhose auszieht, sollte man die Chance geben, wenigstens diese Unterhose anzubehalten.‹
Am Nachmittag hatte er sich müde gelaufen. Nun wollte er seine Bildung auffrischen, zumal übrigens auch bei doppelt oder aus das Sachgebiet Rom eine nicht unwichtige Rolle spielte.
Erwin Rampendahl stand am Forum Romanum, spürte Cäsars Dolchstiche auf der Haut, ging an Ausgrabungen vorbei und blieb vor dem Tempel der Vestalinnen stehen, den Priesterinnen der Keuschheit, die lebendig eingemauert wurden, sofern sie gegen ihr Gebot verstoßen hatten.
Der Quizmaster wurde schon wieder übermütig, als er grinsend überlegte, wie viele Maurer man heute wohl benötigen würde.
In diesem Moment geschah es.
Er prallte mit einem Mädchen zusammen. Als er sich entschuldigte, stellte er fest, daß sie grünäugig und rothaarig war: die römische Sabine.
Seine Kandidatin.
»Na, ist das ein Zufall!« rief er lachend.
Sabines Lächeln zeigte, daß sie auch nicht gerade traurig über die Begegnung war.
»Dürfen wir denn überhaupt miteinander reden?« fragte die Werbetexterin.
»Haben Sie eine Ahnung, was wir alles miteinander dürfen!« antwortete der Quizmaster und dachte an alles andere wie an doppelt oder aus.
Die letzte Woche schmolz wie Waffeleis in den Hundstagen. Eine Hiobsnachricht nach der anderen überrumpelte Florian Feiler.
Auf seine Butler-Anzeige war nicht eine einzige Offerte eingegangen, und auch der clevere Nasen-Mueller versagte und konnte keinen Butler-Ersatz stellen. Es schien so gut wie sicher, daß er nicht mit Nancy ins Blaue reisen, sondern für ein verwildertes Fernsehteam den Butler in der eigenen Wohnung spielen mußte.
»Da bist du schuld«, fuhr er seinen Freund und Makler Wadenklee an. »Du hast mir die ganze Sache eingebrockt, wenn du diesen Trottel von Raguse nicht so beleidigt hättest.«
»Stimmt!« erwiderte der Großsprecher kleinlaut. »Aber hab keine Angst, ich bin ja bei dir.«
»Wie wär’s, wenn du deinen Geistesblitz ausbaden und selbst den Butler spielen würdest?«
»Ausgeschlossen«, entgegnete Wadenklee. »Ich hab’ noch ’ne kleine Nebenbeschäftigung – jetzt wo das Wohnungsgeschäft läuft wie noch nie.«
Es hatte keinerlei Sinn, mit dem problematischen Freund zu hadern. Er war auf ihn angewiesen; und die Wohnung befand sich immerhin zwei Tage vor dem Termin in einem halbwegs bezugsfertigen Zustand. Zwei neue Schlafzimmer waren etabliert und eine Junggesellen-Hochburg auf einen Stand von sieben Betten gebracht worden. Zusätzlich zwei Kammern für Butler und Mädchen. In der Barküche waren Kochherd, vollautomatischer Grill, Tiefkühltruhe und Spülmaschine angeschlossen, die riesige Wohnhalle war mit Seidentapeten bespannt worden. Sie reichte von Süden bis Norden über die ganze Westseite, die Parallelfront zum Olympiagelände.
»Und das Telefon?« fragte Florian entsetzt.
»Das erledige ich«, erwiderte Wadenklee. »Ich weiß nicht wie, aber ich werd’s schon schaffen.«
Er sprach mit vollem Mund: Zwar hatte die Bundespost kräftig für den eigenen Telefonanschluß geworben, aber sie kam mit der Installation einfach nicht mehr nach. Seit vielen Monaten warteten Zehntausende von Münchnern auf den eigenen Anschluß, und wenn sie nicht gestorben sind, warten die meisten vielleicht auch heute noch …
Florian drohten hunderttausend Mark Konventionalstrafe, wenn er den Vertrag mit World-TV nicht einhielt. Daß die Fernsehleute ein Telefon noch nötiger hatten als Alkohol, konnte er sich vorstellen.
Der Hausherr hatte sich hinter das Kultusministerium gesteckt, dieses bei der Post antichambriert. Immerhin war das Kabel bereits gelegt und eine siebenstellige Nummer zugeteilt. Nur der Anschluß mußte genehmigt werden. Die Affäre einer halben Stunde; aber der für Schwabing zuständige Bautrupp arbeitete nur fünfmal acht Stunden pro Woche, und auf seinen Auftritt warteten Hunderte, wenn nicht Tausende.
Die Post konnte übrigens gelassen zusehen, denn sie hatte den entscheidenden Handgriff an eine Privatfirma übertragen und war somit aus dem Obligo.
Während Wadenklee hinter dem Bautrupp herjagte, versuchte sein Freund, der künftige Hochschulprofessor, in den Münchener Buchhandlungen eine Butler-Fibel aufzutreiben.
Es traf sich gut, daß Münchens größtes Antiquariat unter einem Dach mit dem Kultusministerium untergebracht war. Er wühlte und schluckte Staub und fand schließlich in englischer Sprache auf gelbsüchtigen Blättern den Titel: ›The perfect butler.‹
Diese Gebrauchsanweisung kostete nur eine Mark fünfzig. In Wirklichkeit aber würde sie Florian den Verschleiß seines Nervenkostüms, vier Monate Leben und die Liebesreise mit einer Mädchen-Witwe kosten.
Aber es war keine Zeit zu trauern, sondern zu üben. Er kam nur bis Seite sieben, dann warf er die vermoderten Ratschläge in den...




