Berthold | Heißes Geld | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 332 Seiten

Berthold Heißes Geld


1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72692-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 332 Seiten

ISBN: 978-87-11-72692-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Werner Nareikes, eigentlich Horst Linsenbusch, hat sich die Hände schmutzig gemacht. Mit Menschenhandel und Erpressung hat er Millionen verdient, und das Geld liegt sicher auf einem Schweizer Nummernkonto. Nach siebzehn Jahren im Untergrund will er sein Doppelleben nun endlich beenden. Die Einzige, die seine wahre Identität und seine schmutzige Vergangenheit kennt, ist seine Frau Hannelore, die er tatsächlich dazu gebracht hat, ihn bei den Behörden als verstorben zu melden. Dies soll Hannelores letzte Aktion werden, denn Linsebusch will sie beseitigen und sich an der Seite seiner knapp dreißig Jahre jüngeren Geliebten ein schönes Leben machen. Doch der Millionär hat die Rechnung ohne seine Frau gemacht, und ehe er sich versieht, geraten seine Pläne durcheinander ...

Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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»Freut mich riesig, dich zu sehen, Henry«, begrüßte der Verbindungsmann des US-Geheimdienstes zum Weißen Haus in seinem Washingtoner Office den Besucher: »Laß dich anschauen, mein Junge. Du hältst dich wirklich prima – für einen, der demnächst auch schon 40 wird.« Aus Major Rings, dem Chef Fellers während seiner Besatzungszeit in Deutschland, war inzwischen ein Drei-Sterne-General geworden, der immer noch wie Clark Gable aussah: »Nimm doch Platz. Zigarette? Bourbon?« Er bückte sich, holte aus seinem Schreibtisch eine angebrochene Flasche »Jack Daniels« und zwei Gläser: »Ich habe in unserem Archiv so ziemlich alles gefunden, was du wissen möchtest«, fuhr Rings ohne Pause fort. »Diese Dewako-Geschichte ist eine üble Sache, für uns freilich längst abgeschlossen. Deshalb hat es einige Zeit gedauert, bis ich fündig wurde. Die wichtigsten Akten haben wir auf Mikrofilm gespeichert.« Er griff nach der Flasche, goß den Bourbon ein, fingerbreit. »Ich habe dir Fotokopien zusammenstellen lassen. Du kannst sie behalten, wenn du mir garantierst, daß niemand erfährt, woher du sie hast.«

»Okay, Lionel«, erwiderte der Anwalt und wunderte sich, daß er schon so bald zu Wort gekommen war: Früher hatten sie Major Rings, den CIC-Chef im Raum Frankfurt, einen von General Donovans alten Haudegen, wegen seiner Fähigkeit, pausenlos Energien zu erzeugen, »the generator« genannt. In dieser Zeit motivierte man als Chef seine Mitarbeiter noch nicht, sondern trieb sie an, und dieses Clark-Gable-Double hatte stets dafür gesorgt, daß das Feuer unter ihren Hintern nicht ausging. Feller lächelte, sah zum Fenster hinaus, stellte fest, daß man von hier aus das Weiße Haus sehen konnte. Wenn der CIA-Spitzenmann zu Mr. President gerufen wurde, brauchte er weniger als eine Minute, um bei ihm zu erscheinen.

»Cheers«, sagte Rings und hob das Glas, seine leicht gewaltsame Dynamik kam ins Stocken: »Bevor ich zur Sache komme, muß ich dir noch etwas sagen, mein Junge.« Einen Moment lang wich er den Augen des Besuchers aus. »Ich war bis vor sieben Monaten im Ausland gewesen, über eineinhalb Jahre ohne Unterbrechung. Erst nach meiner Rückkehr habe ich diese furchtbare Sache mit Jessica erfahren.« Rings schwieg, betrachtete Fellers Gesicht, wie um zu prüfen, ob er weitersprechen könne: »Zu diesem Zeitpunkt warst du schon ein paar Monate Witwer.« Er senkte die Stimme. »Ich habe mich bewußt nicht bei dir gemeldet, weder telefonisch noch brieflich. Aber glaube nicht, daß mir der Tod deiner Frau nicht unter die Haut gegangen wäre.« Er griff nach seinem Glas. »Ich weiß, was dir Jessica bedeutet hat. Ich weiß aber auch, daß ein Mann mit einem solchen Schicksalsschlag allein fertig werden muß, und daß alles, was man ihm sagen könnte, doch nur dummes Geschwätz wäre. Deshalb habe ich gar nicht erst versucht, die kaum vernarbte Wunde wieder aufzureißen. Verstehst du das, Henry?«

»Schon gut, Lionel«, erwiderte der Besucher, er versuchte die Erinnerung, die sich schwer an ihn hängte, zu verhehlen. »Eigentlich habe ich es mir auch genauso vorgestellt.«

»Gut«, erwiderte der General: »Dann wäre das erledigt.«

Er schwieg, auch Henry W. Feller sagte nichts. Sie legten wohl gleichzeitig eine Gedenkminute für eine junge Frau mit blassem Gesicht, rötlichen Haaren, auffallend blauen Augen und einer zärtlichen Stimme ein, die vor 16 Monaten mit 27 Jahren im Wochenbett gestorben war.

Der General griff nach der Bourbonflasche, sah, daß sein Gast den Kopf schüttelte, und räumte sie weg. Er griff nach einem Päckchen Pfefferminz, kaute ein paar Dragees, schluckte mit angewiderter Grimasse den Brei hinunter und grinste. »Sicherheitshalber«, erläuterte er. »Unsere Number One schätzt es nicht, wenn man nach Whisky riecht, selbst nicht um fünf Uhr nachmittags.« Sie lachten beide. »Well«, sagte der General. »Dann laß uns mal in diese dreckige Niederung hinabsteigen.« Er lehnte sich zurück, sprach jetzt konzentriert, in seiner typischen Art, und das hieß: Kein Wort zuviel und jeder Satz ein Fact: »Also, Dewako, Paris, eine Scheinfirma der Deutschen Ausrüstungswerke GmbH, und diese wiederum ein Tochterunternehmen des Wirtschaftsverwaltungshauptamts, bekannter unter der Abkürzung WVHA, geleitet von dem früheren Marine-Oberzahlmeister und späteren SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, den wir genauso gehängt haben wie die Israelis heute morgen diesen Eichmann.« Er schweifte ab: »Ist soeben in den Nachrichten durchgegeben worden.«

Feller nickte.

»Eine Erpresserfirma«, fuhr Rings wieder fort: »So geführt, wie es in dem Brief des Mr. …« Er überlegte, aber Feller half ihm mit dem Namen nicht aus, weil er wußte, wie sehr der General Gedächtnislücken haßte, eigene wie fremde: »Greenstone?«

»Richtig«, versetzte der Anwalt.

»Mindestens 50, vielleicht auch mehr als 100 solcher Freikauffälle. Sie wurden über eine Schweizer Anwaltskanzlei in Genf abgewickelt. Ihr Chef war Maître Krautwald, ein ziemlich bekannter Mann, der nach dem Krieg von Genf nach Zürich übersiedelte und vor ein paar Jahren gestorben ist. Der Dewako-Chef – er hieß übrigens Linsenbusch, nicht Lindsberg oder so ähnlich – war an Krautwald wegen Rohstoffeinkäufen via Schweiz herangetreten, und der Advokat hatte die Chance gewittert, einige Angehörige seiner jüdischen Klienten in den USA freizukaufen.«

»Menschlichkeit oder Profit?« fragte Feller.

»Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, Henry. Der Mann hätte natürlich als Honorar einstreichen können, was immer er verlangte. Er nahm nur die üblichen Sätze.« Rings lächelte verdrossen. »Dieser kleine Schönheitsfehler freilich bleibt unserem teuren Toten.« Er kam wieder zum Thema: »Über diese Dinge wußte unsere Donovan-Crew übrigens schon während des Krieges bestens Bescheid. Einem unserer Leute war es gelungen, den Vertrauten des Dewako-Chefs in Paris rechtzeitig umzudrehen. Nach dem Krieg hatte sich herausgestellt, daß die Informationen, die uns dieser Bursche – es ist natürlich Saumweber – gab, in allen Einzelheiten stimmten. Der Mann war uns auch behilflich, die Verantwortlichen für diesen Menschenhandel einzufangen. Schließlich stand er uns auch noch als Kronzeuge der Anklage zur Verfügung. Das Militärgericht von Nürnberg verurteilte alle Angeklagten zum Tode durch den Strang. Ich habe vergessen zu erwähnen, daß der in Greenstones Brief erwähnte Hauptsturmführer Eckel kurz vor Kriegsende wegen Korruption von den Nazis selbst noch an die Wand gestellt worden ist; aber Obersturmführer Dumbsky wurde in Landsberg gehängt.«

»Und was ist aus Linsenbusch geworden?«

»Getürmt«, erwiderte General Rings. »Kurz vor seiner Hinrichtung. Inzwischen hatte auch Frankreich, unabhängig von uns, ein Verfahren gegen die Dewako-Leute angestrengt. Linsenbuschs Exekution wurde im letzten Moment gestoppt, weil die Franzosen noch Informationen über einige Verschollene aus ihm herausquetschen wollten. Bei der Überführungsfahrt ist Linsenbusch der Ausbruch gelungen.« Man sah ihm an, daß ihn die Erinnerung zornig machte. »Da ist auch noch eine Doublette passiert: In Unkenntnis unseres Spruchs hatten ihn die Franzosen bereits in Abwesenheit zum Tode verurteilt.« Grimmig setzte er hinzu: »Was nichts daran ändert, daß weder sie noch wir ihn aufgeknüpft haben.«

Er hatte sich in Rage geredet. Sein Gesicht war purpurrot angelaufen, aber der Grimm von gestern änderte nichts an den Verhältnissen von heute: »Wenn wir diesen Linsenbusch jetzt schnappen würden, müßten wir ihn vermutlich auch noch laufenlassen.«

»Das ist nun doch wohl übertrieben, Lionel«, versetzte der Anwalt.

»Paß mal auf, mein Junge«, erwiderte Rings. »Wir, die Amerikaner, Engländer und Franzosen haben insgesamt 806 Nazikriegsverbrecher zum Tode verurteilt, von denen tatsächlich 486 hingerichtet worden sind. Auf die anderen fiel die Gnade wie ein warmer Mairegen: Aus dem Strick wurde lebenslänglich, das verkürzte sich dann auf zehn Jahre, und die waren nach ein paar dutzend Monaten ausgestanden. In der Praxis heißt das, daß die Engländer 1957 den letzten laufenließen und wir ein Jahr später, und der wäre heute in Freiheit, von keinem amerikanischen Gericht mehr bedroht, selbst wenn er Linsenbusch heißen würde.«

»Wenn ich dich recht verstehe«, entgegnete Feller, »dann schlägst du mir vor, wieder nach New York zurückzufliegen und mich künftig mit Miller gegen Miller, oder Brown contra Blomfield zu befassen.«

»Das wäre das Zweitbeste, Henry«, erwiderte der CIA-General. »Aber du bist ja der glänzende Vertreter einer erstklassigen Anwaltsfirma und auch noch bei uns in die Schule gegangen.« Er lächelte nachsichtig, als wolle er ihm verjährte Fehler verzeihen: »Fahr jetzt in die Lexington Avenue zurück. Auf dem Nachttisch deines Zimmers 304 im ›Watergate‹ findest du Fotokopien. Du kannst dich bis morgen früh mit ihnen befassen. Ich habe mir morgen freigenommen, den ganzen Tag.« Er nickte Feller zu. »Für dich, denn alerten Idealisten sollte man weiterhelfen. Ich hole dich Punkt zehn Uhr zu einer Landpartie ab und stelle mich dann deinen weiteren Fragen.«

»Okay«, erwiderte der Anwalt lächelnd. »Du bist großartig, Lionel. Darf ich dich vielleicht jetzt auch noch fragen, wie es dir geht?«

»Zwischen den Ehen«, brummelte er. »Ich sattle gerade von der dritten auf die vierte um.«

»Dear me«, entgegnete Feller. »Und das muß sein?«

»Schließlich will ich noch was vom Leben haben«, sagte der Generator sarkastisch. »Bevor ich in zwei Jahren in Pension gehe.«

Sie rauchten noch eine Zigarette...



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