E-Book, Deutsch, 143 Seiten
Berthold Iwans Doktor
1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72719-5
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 143 Seiten
ISBN: 978-87-11-72719-5
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
Autoren/Hrsg.
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Die Russen und Polen vertrugen sich schlecht, das wußte jedes Kind in Breslau … Die Abneigung, die sie gegeneinander hatten, führte oft dazu, daß sie Deutsche in Schutz nahmen, nur um dem andern entgegenzuarbeiten. Mitunter waren es Polen, die Deutschen halfen. Und dann wieder Russen. Es kam auf das Glück, auf den Bezirk, auf den Mann an.
Der Hunger war unerträglich. Aber sicher würde es eines Tages aufwärtsgehen.
Und keiner der vielen, die die Hoffnung nicht aufgaben, wußte, welch entsetzliche Tragödie sich anbahnte. Wußte, daß vor den Augen der Welt eine Massenaustreibung beginnen würde, die kein Beispiel in der Geschichte hat.
Es ist vier Uhr. Im Osten geht gerade die Sonne auf. Im Hospital ist es ruhig.
Irene verläßt das Lazarett. Sie kommt ohne weiteres am Posten vorbei. Sie hat einen Ausweis, von Major Soslow unterschrieben.
Zehn Minuten später folgt ihr Richard Wieland. Seine Verletzungen am Oberschenkel sind kaum ausgeheilt. Er hat ein schmales Paket in der Hand: Lebensmittel, die die Schwestern für ihn gesammelt haben.
Er will mit Irene Gabert, dem Mädchen, das ihn vor dem Tode gerettet hat und das er liebt, gemeinsam nach dem Westen fliehen. Aber wird ihm das gelingen?
Zuerst kommt es darauf an, den Posten zu täuschen. Richard hat mit Irene und Dr. Brenner die Flucht ausführlich besprochen. Brenner hat ihm eine Bescheinigung ausgestellt, auf der in russischer und deutscher Sprache vermerkt ist, daß Wieland als geheilt aus dem Lazarett entlassen wird.
Dieser Schein kann für ihn die Freiheit bedeuten, wenn der Posten ihn aus dem Tor läßt. Und er kann für ihn und den Chefarzt den Untergang besiegeln, wenn der Posten Verdacht schöpft.
Der Zeitpunkt der Flucht ist genau ausgeklügelt. Der Soldat, der früh von vier bis sechs Uhr auf Posten steht, ist ein ehemaliger Patient Brenners. Brenner hat ihn von einer Lungenentzündung kuriert. Seither blickt der Russe mit Verehrung zu ihm auf wie zu einem Wundertäter.
Richard Wieland ist beim Posten angelangt. Er holt Brenners Bescheinigung hervor, hält sie dem Posten unter die Nase. »Ich muß mich bei der Registrierstelle melden«, sagt er.
Zwei, drei bange Sekunden. Dann sagt der Posten: »Karascho. Du gesund? Gutt Doktor …«
Wieland geht durch das Tor.
Ein paar hundert Meter weiter erwartet ihn Irene. Sie schenkt ihm ein Lächeln, das ihn aufmuntern soll. Aber es wird ein sehr zaghaftes Lächeln. Sie hat furchtbare Angst. Ein Fluchtweg, der viele hundert Kilometer lang ist, liegt vor ihnen. Die Chancen, daß sie durchkommen, stehen eins zu hundert.
Noch ist kaum jemand auf der Straße. Nur ein paar betrunkene russische Soldaten torkeln ihnen entgegen. Und die kümmern sich nicht um das junge Paar.
Richard und Irene biegen in einen Waldweg ein und gehen später querfeldein über einen Kartoffelacker. Dann haben sie die Landstraße erreicht.
Richard Wielands Beine schmerzen. Er hätte noch acht Tage warten sollen. Aber weiß man denn, was in diesen acht Tagen geschehen wird? »Wir alle sitzen auf einer Bombe«, hatte Dr. Brenner gesagt. »Niemand weiß, wann sie platzen wird. Nur eines ist todsicher: Sie wird platzen.«
Und Claus Wedel, der junge Assistenzarzt, hatte hinzugesetzt: »Wenn ich bloß mit euch gehen könnte. Lieber ein Risiko als gar keine Hoffnung.«
Sie nähern sich einem Dorf.
»Wir müssen außen rum«, sagt Wieland.
Irene nickt. Sie vertraut ihm blind. Ab und zu betrachtet sie ihn von der Seite. Das Glück, ihn bei sich zu haben, ist größer als ihre Angst. Sie möchte Richard stützen, aber ihre Beine kommen selbst nicht mehr mit. Ein paar Stunden sind sie schon unterwegs.
»Glaubst du, daß du durchhältst?« fragt Irene.
»Natürlich«, erwidert er, obwohl er fürchtet, daß er schlappmachen könnte.
Sie gehen weiter und – laufen einer polnischen Streife direkt in die Arme.
»Papiere«, sagt der Pole.
Richard zeigt ihm Dr. Brenners Schein. Der Mann liest ihn mißtrauisch, einmal, zweimal. Dann sieht er das Päckchen in Richards Hand, nimmt es, reißt es auf. Speck, Butter, Brot. Er ist zufrieden über die Beute.
Und die Zufriedenheit stimmt ihn großzügig. Er winkt mit der Rechten. Macht, daß ihr weiterkommt, heißt das.
Richard und Irene sehen noch, wie er ein Messer aus der Tasche zieht, sich an den Straßenrand setzt und genießerisch zu frühstücken beginnt.
Richard hat eine Straßenkarte. Aber er braucht nicht nachzusehen. Er hat den Fluchtweg auswendig gelernt. Wenn sie Glück haben und wenn ihre Beine durchhalten, sind sie in drei, vier Tagen in Sicherheit.
»Wir schaffen es«, sagt Richard.
Das sind die einzigen Worte für Stunden.
Sie vermeiden die Dörfer. Sie sehen von weitem, daß die meisten Häuser ausgebrannt sind. Ab und zu begegnen sie ein paar Deutschen. Die Leute sehen müde und ausgemergelt aus.
Ein Lastauto überholt sie.
»Wir müssen runter von der Straße«, sagt Richard. Aber er fürchtet, im Gelände die Orientierung zu verlieren. Und es kommt auf jeden Tag, auf jede Stunde an.
Sie wollen gerade querfeldein gehen, als ihnen ein Jeep, den die Amerikaner an die Russen lieferten, entgegenkommt. Die Bremsen quietschen. Sowjetsoldaten springen heraus. Ein langer Unteroffizier kommt auf Wieland zu.
»Papiere«, sagt er barsch.
Und wieder zeigt Richard Wieland den Schein Dr. Brenners vor.
Der Mann grinst tückisch. Vielleicht kann er gar nicht lesen. Er nimmt den Schein, zerfetzt ihn zu kleinen Schnippeln, wirft sie in den Wind.
»Du Plenni«, sagt er.
»Nein«, erwidert Wieland.
»Du mitkommen«, versetzt der Russe. Er fuchtelt mit seiner Maschinenpistole herum.
Irene steht da und weint. Aber wer kümmerte sich damals um die Tränen eines jungen Mädchens.
Der falsche Chefarzt Arno Brenner vergißt keinen Augenblick, daß er auf einem Vulkan sitzt, der jede Minute ausbrechen kann. Zwar hat er sich daran gewöhnt, Puls zu fühlen, Fieberkurven zu lesen, Medikamente zu verschreiben. Die tägliche Routinearbeit des Arztes fällt ihm nicht mehr schwer.
Was aber geschieht, wenn er einmal vor eine außergewöhnliche Situation gestellt wird? Wenn sich – zum Beispiel – der Sowjetgeneral Popow tatsächlich von ihm den Blinddarm herausschneiden lassen will?
Am Morgen nach dem Kasinofest der Russen unterhält sich Brenner mit dem Assistenzarzt Claus Wedel.
»Denken Sie«, sagte er, »General Popow verspeiste gestern abend eine halbe Gans, trank eine Flasche Wodka dazu und tanzte schließlich Krakowiak. Dazu behauptete er, eine Blinddarmentzündung zu haben. Ist das denkbar?«
Wedel lacht. »Sicher eine Alkohollaune«, sagte er. »Ich habe noch keinen gesehen, der mit einem entzündeten Blinddarm derartige Kunststücke vollbringt.«
Natürlich, beruhigt sich Brenner, es wird eine Schnapslaune gewesen sein. Trotzdem holt er sein Lehrbuch über Chirurgie hervor und schlägt das Kapitel über Blinddarmoperationen auf.
Die Tür öffnet sich. Oberschwester Barbara tritt lautlos ein. Dr. Brenner hat sich längst abgewöhnt, die Lehrbücher verlegen zuzuschlagen, wenn die Oberschwester sein Zimmer betritt. Seit die Nonne bei einer ärztlichen Entscheidung, die er zu treffen hatte, wörtlich erklärte: »Das hätte der Geheimrat genauso gemacht«, weiß er, daß sie seinen Lerneifer bewundert. Der alte Geheimrat Hucks, den er nie gesehen hat, erscheint ihm manchmal nachts im Traum und nimmt ihm das Staatsexamen ab. Dann wacht Dr. Brenner schweißgebadet auf.
»Was gibt es?« fragt Brenner die Oberschwester.
»Ein junges Mädchen möchte Sie sprechen«, sagt die Nonne.
Die Besucherin, die kurz darauf dem Chefarzt gegenübersteht, wirkt gleichzeitig anziehend und abstoßend auf ihn. Ihre Augen sind leer und teilnahmslos. Die wirren Haare hängen ihr tief in die Stirn. In den Fingern der einen Hand dreht sie eine nicht angezündete Zigarettenkippe.
Brenner sieht darüber hinweg. Es ist noch das geringste, über das er hinwegsehen muß.
Sie muß einmal recht hübsch gewesen sein, denkt er. Aber jetzt ist sie völlig verwahrlost. Zwar hat der Chefarzt in den letzten Wochen geschundene und zerlumpte Frauen genug gesehen. Aber dieses Mädchen hier scheint noch mehr abbekommen zu haben als die anderen. Sie wirkt auf ihn, als hätte sie es aufgegeben, sich aus dem Schmutz, in den sie gestoßen wurde, wieder hinauszukämpfen.
»Wo fehlt’s?« fragt er.
»Kann ich bei Ihnen arbeiten?« fragt das Mädchen zurück.
Brenner versteht nicht gleich.
»Können Sie keine Krankenschwester gebrauchen?« fragt sie noch einmal.
»Sie sind Schwester?« Brenner runzelt ungläubig die Stirn. Dieses verwahrloste Ding da, denkt er, müßte ja erst desinfiziert werden.
»Zuletzt war ich Operationsschwester auf einem Hauptverbandsplatz … Haben Sie vielleicht Feuer für mich?«
Brenner sucht irritiert in seinen Taschen nach Streichhölzern. Natürlich braucht er Schwestern. Dringend sogar.
Andererseits versteht er nur zu gut, daß heimatlose Mädchen in dieser Zeit den nächsten besten Unterschlupf suchen, auch wenn er erschwindelt werden muß.
»Auf unserer chirurgischen Station gibt es sicher Beschäftigung für Sie«, meint er zögernd und gibt ihr Feuer.
Sie nickt, inhaliert den ersten Zug aus der Zigarette tief.
»Aber da sprechen Sie am besten gleich selbst mit meinem Chirurgen«, fährt Brenner fort. »Lassen Sie sich draußen von den Schwestern sagen, wo Assistenzarzt Wedel zu finden ist …«
»Wedel?« fragt sie tonlos, ihre Augen aber bekommen plötzlich Glanz.
»Ja«, meint Brenner etwas...




