E-Book, Deutsch, 263 Seiten
Berthold Parole Heimat
1. Auflage 2017
ISBN: 978-87-11-72729-4
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 263 Seiten
ISBN: 978-87-11-72729-4
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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Zweiter Teil
Jugoslawien
Den langen Meier erwischte es als ersten, er flog kopfüber vom Trittbrett des Horch-Kübelwagens und knallte wie ein Sack auf die Erde. Sein Kumpel Lehmann beugte sich über ihn, aber allen beiden war nicht mehr zu helfen, denn im nächsten Moment wurde auch Lehmann von einer MG-Garbe getroffen.
Und das war noch das beste Schicksal, das der 2. Oktober 1943 gegen elf Uhr morgens, fünfzehn Kilometer hinter Topola in Belgrads weiterer Umgebung, einem Suchkommando des Nachrichtenregiments 521 zu bieten hatte.
»Volle Deckung«, brüllte Leutnant Birner. Das war leichter gesagt als getan. Im Feuerhagel der Partisanen sprangen seine Männer von den Lkws, quollen sie aus dem brennenden Kübelwagen, warfen sie sich auf die flache Erde, die ihnen keinen Schutz bot.
Das Massaker fand an der Serpentine einer Bergstraße statt. Die langsam fahrende Kolonne – drei schwere Laster und zwei Kübelwagen – war mitten in die Falle gerollt.
Links lagen Maisfelder, die rechte Seite war von Buschund Waldparzellen umsäumt. Hier hatten die Partisanen, gut getarnt und mit seit Stunden auf das Ziel eingerichteten Visieren, im Hinterhalt gelauert.
Schon unter den ersten Feuerstößen blieb fast die Hälfte des zweiundvierzig Mann starken Suchkommandos liegen. Der Funker Kübler spürte einen brennenden Schmerz im Rücken. Dann im rechten Oberarm. Er konnte sich nicht mehr rühren, er konnte nicht mehr kämpfen, er konnte nur noch auf sein elendes Ende warten.
Unter dem Schutz der MG robbten die dunklen Gestalten der Partisanen heran, hechteten in kurzen Sätzen näher, zogen Handgranaten ab. Das deutsche Abwehrfeuer wurde immer dünner. Den Überlebenden ging die Munition aus, so daß Leutnant Birner die Feuereinstellung gar nicht mehr zu befehlen brauchte. Er stand auf und hob die Hände. Die anderen folgten ihm.
Mit dem halbtoten Kübler und einigen anderen Verwundeten waren es noch vierzehn Mann. Am Morgen um fünf Uhr war das Kommando in der jugoslawischen Hauptstadt aufgebrochen, um die Vermißten eines siebenköpfigen Fernsprechtrupps zu suchen. Nun gerieten sie als Gefangene in die Hände eines Feindes, der sie im besten Fall formlos umlegen würde.
Die Partisanen waren herangekommen. Ein ganzes Rudel. Angeführt von einem untersetzten Burschen in der Uniform eines serbischen Hauptmanns. Die anderen trugen zum Teil deutsche Uniformstücke, viele nur Lumpen mit roten Armbinden und aufgesteckten Sowjetsternen.
Einige dieser Gestalten mit den finsteren Gesichtern stürzten sich sofort auf die Gefallenen und fledderten sie.
Die Gefangenen wurden über einen Bergabhang talwärts getrieben. Kübler konnte nicht gehen; sie wickelten ihn in eine Plane und schleppten ihn mit.
In einer kleinen Waldlichtung, von einem Bach durchflossen, endete der Marsch. Jetzt wurden auch die lebenden Gefangenen bis auf das Hemd ausgeplündert. Dann mußten sie durch das seichte Gewässer an das andere Ufer des Bachs waten und sich dort niedersetzen.
Sie hörten die scharfen Kommandos des Partisanenanführers, ohne sie zu verstehen. Dann begriffen sie, daß er seine Leute bis auf drei wegschickte: So viele würden ja wohl genügen, um aus vier Meter Entfernung vierzehn Wehrlose zu massakrieren.
»Mensch, die legen uns glatt um«, sagte der Spieß, aber das wußten die anderen ohnedies. Sie starrten auf ihre Mörder. Einige wirkten wie gelähmt, andere schrieben an unsichtbaren Briefen. Keiner redete ein Wort. Was gab es auch noch zu sagen?
Leutnant Birner, ein Mann ohne Nerven, stand auf und trat ganz dicht an das Ufer heran. »Sprechen Sie deutsch?« rief er dem Partisanenchef zu.
»Was wollen Sie?« erwiderte der Mann nach kurzem Zögern mit hartem Akzent. Nur einen Moment sah er mit seinen kalten Augen den deutschen Offizier an, dann verfolgte sein Blick automatisch, wie die MG-Schützen neue Gurte einlegten.
»Ich mache Ihnen ein Angebot«, fuhr der Leutnant fort, während seine Leute die Köpfe hoben, denn keine Angst konnte so beschissen sein, daß sie nicht noch Platz für Hoffnung gelassen hätte. »Sie können uns gegen einhundertvierzig gefangene Partisanen eintauschen. Sie können sich Ihre Leute aussuchen. Zehn zu eins.«
Der Mann schüttelte fast phlegmatisch den Kopf, aber er hörte noch zu.
»Ich gebe mein Ehrenwort, daß die Sache klappt«, unternahm Birner einen zweiten Anlauf.
Vielleicht war der Partisanenoffizier gar nicht so unmenschlich, aber er hatte seine Befehle, wie der deutsche Leutnant auch. Die Vergeltungsschläge beider Seiten machten Jugoslawien zur säuischsten Ecke eines schweinischen Krieges.
Alle Ansätze zur Menschlichkeit waren von vornherein an Hitlers Sturheit gescheitert. Ein Vorschlag des Internationalen Roten Kreuzes, die Partisanen wie Kriegsgefangene zu behandeln, wurde von ihm ebenso starrsinnig abgelehnt wie der Gefangenenaustausch: »Mit Rebellen verhandelt man nicht«, erklärte Hitler. »Rebellen werden erschossen.«
Schon am 16. September 1941 hatte das OKW als »Geheime Kommandosache« den sogenannten Keitel-Befehl erlassen. »«,
Um die Umtriebe im Keime zu ersticken, sind beim ersten Anlaß unverzüglich die schärfsten Mittel anzuwenden, um die Autorität der Besatzungsmacht durchzusetzen und einem weiteren Umsichgreifen vorzubeugen. Dabei ist zu bedenken, daß ein Menschenleben in den betroffenen Ländern vielfach nichts gilt und eine abschreckende Wirkung nur durch ungewöhnliche Härte erreicht werden kann. Als Sühne für ein deutsches Soldatenleben muß in diesen Fällen im allgemeinen die Todesstrafe für fünfzig bis hundert Kommunisten als angemessen gelten. Die Art der Vollstreckung muß die abschreckende Wirkung noch erhöhen.
Das umgekehrte Verfahren, zunächst mit verhältnismäßig milden Strafen vorzugehen und zur Abschreckung sich mit Androhung verschärfter Maßnahmen zu begnügen, entspricht diesen Grundsätzen nicht und ist daher nicht anzuwenden.«
»Schluß jetzt«, sagte der Partisanenoffizier und zog die Pistole. Alle vierzehn Mann hatten es gehört. Es brauchte keine Erklärung mehr. »Bleibt ruhig«, sagte der Leutnant, »es geht dann schnell und ist gleich überstanden.«
Es war die letzte Lüge im kurzen Leben des deutschen Leutnants Birner.
Die MG-Schützen gingen in Anschlag, hauten auf die Abzugsballen, schwenkten mit den Läufen von rechts nach links und wieder zurück.
»Ich ließ mich nach rückwärts fallen«, schildert der Augenzeuge Kerbler das Gemetzel in dem Dokumentarbericht der Bundesregierung Band, I/1, Seite 64: »Zwischen Belfern und Hämmern tönten die immer lauter werdenden Schreie der getroffenen Kameraden. Geschosse surrten an meinem Kopf vorbei. Auf einmal fühlte ich einen harten Schlag an meiner rechten Hüfte. Ich spürte, wie das Blut warm über den Schenkel lief, Der Hauptfeldwebel lag dicht neben mir, und ich verspürte sein Zusammenzucken, wenn er von einer Kugel getroffen wurde. Ich war bei vollem Bewußtsein und sah, wie sich meine Kameraden vor Schmerzen krümmten und wanden.
Als die Partisanen die Magazine leergeschossen hatten, kamen sie die Böschung herunter, gingen von Mann zu Mann und setzten denjenigen, welche sich noch rührten, die Pistole an die Schläfen. Ich lag als letzter in der Reihe. Es ist mir nicht möglich, das Gefühl zu beschreiben, welches ich damals empfand, als der Kopf des Hauptfeldwebels herumgerissen wurde, der Pistolenlauf sich senkte, ein Schuß krachte und das Gesicht des Hauptfeldwebels auf einmal blutüberströmt neben mir ins Gras fiel. In mir kroch die Todesangst immer höher, und ich meinte, das Herz stünde still. Da verspürte ich einen harten Tritt an meiner äußeren Ferse. Mit meiner letzten Willenskraft hielt ich mich starr. Die Partisanen hielten mich für tot und entfernten sich. Erst nach geraumer Zeit, nachdem ich mich etwas erholt hatte, schleppte ich mich zur Straße hinauf. Die anderen dreizehn Kameraden waren tot. Ich hatte drei Schußverletzungen im Rücken, den Oberarmdurchschuß und eine Handgranatensplitterverletzung in der Wirbelsäule. Um fünf Uhr nachmittags traf eine Infanteriekompanie ein, welche mich nach Durchsuchung des Geländes mit ins Kriegslazarett nahm. Von dort wurde ich mittels Fieseler-Storch nach Belgrad gebracht.«
In monatelanger Geduldsarbeit wurde Kerbler von den Ärzten wieder zusammengeflickt. Freilich war mit ihm nicht mehr viel Krieg zu machen, und so hatte er zum zweitenmal Glück.
Als mit dem Fall Belgrads – im Oktober 1944 – wie mit einem mächtigen Gongschlag das blutige Finale in Süd-Ost eingeleitet wurde, hatte Kerbler die jugoslawische Hauptstadt bereits verlassen – aber die Rotkreuzschwestern, von denen er gesundgepflegt worden war, wurden zur Belustigung des Mobs nackt in Schaufenstern ausgestellt, bevor man sie erschlug und in die Donau warf.
Das Wasser färbte sich rot. Eine Woche lang. Bis russische Offiziere den Massenmord stoppten. Auf dem Hauptbahnhof war ein vollbesetzter deutscher Lazarettzug überfallen, die Verwundeten bis auf den letzten Mann mit Messern niedergemacht worden.
Im Park der burgartigen Befestigungsanlagen Kalemegdan wurden nach Augenzeugenberichten 10 000 ermordete Soldaten verscharrt. Luftwaffenhelferinnen waren von dem johlenden Pöbel nackt auf Pfähle gespießt, Landser als lebende Zielscheiben verwendet worden.
Nach Feststellungen des »Deutschen Friedensbüros« in Stuttgart sind von den 30 000 deutschen Verteidigern »nur...




