Berthold | Verbotene Spiele | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Berthold Verbotene Spiele


1. Auflage 2019
ISBN: 978-87-11-72714-0
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-87-11-72714-0
Verlag: Saga Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im verträumten, pittoresken Mainbach wird getratscht und sich gelangweilt, der perfekte Nährboden für Doppelmoral. Denn tatsächlich brechen viele Bewohner abends und auch des nachts gern aus dem Kleinstadtleben aus und verwandeln Mainbach in ein Sündenparadies. Auch Flugkapitän Merks, der mit seiner Bekanntschaft Nancy, einer anrüchigen eurasischen Schönheit, ein paar Tage in seiner Heimatstadt ausspannen wollte, wird ungewollt Zeuge der erschreckenden moralischen Abgründe. Als Martin Kübrich, Bruder seiner Jugendfreundin Lydia, ihn zu einer Veranstaltung des ortsansässigen Gesangsvereins einlädt, ahnt Merks noch nicht, dass die musikalische Darbietung nur der Auftakt zu einer sehr viel delikateren Abendveranstaltung ist - an deren Ende ein handfester Mord geschieht, der die Kleinstadt in einen hochexplosiven Skandal verwickeln soll ...-

Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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Eigentlich hatte ich nur über das Wochenende nach Mainbach kommen wollen, doch dabei war ich blindlings in diese brisante Geschichte gestolpert, die mir ihren Griff an die Kehle setzte, mich von einer turbulenten Situation in die andere hetzte, und schließlich mein Leben völlig veränderte.

Wenn ich vorher gewußt hätte, daß ich ausgerechnet hier hängenbleiben würde, wäre es vielleicht nicht einmal der rassigen Nancy gelungen, mich zu einem Besuch dieser Stadt zu verführen.

Doch es war Frühling, das Quartal der Torheiten, und die Star-Stewardeß der Inter-Air war mir gestern in Frankfurt so unerwartet in den Weg gelaufen wie ein Lottotreffer.

Wir kannten uns von Acapulco oder von Bangkok oder von Rio de Janeiro her-weder sie noch ich wußten es genau zu sagen –, denn wir waren beide Vagabunden der Luft, gewohnt, die Kontinente zu wechseln wie Kleingeld.

Wenn ich mit meiner Boeing zur Landung ansetzte, startete Nancy gerade in eine andere Richtung. Mitunter reichte es zu einem Plausch, zu einem Flirt, dann mußte ich weiter und drehte mich noch einmal um, sah Nancy Pepper, das große schlanke Mädchen mit den dunklen Augen, sah sie lachen und winken, und nur der Wind vergriff sich an ihr.

Es war ein Flirt der kleinen Gesten und der großen Pausen.

Bis gestern.

Ich hatte in der Hotelhalle des Intercontinental gesessen, mit dem Rücken zum Eingang, und aus Langeweile eine Zeitung von vorne bis hinten gelesen. Flugzeugentführung. Aktiensturz. Ein Kalb mit drei Köpfen. Wieder eine Priesterehe.

Ich begann, die Zeitung von hinten nach vorne zu lesen, sie wurde nicht interessanter. Ich gab es auf, auf die Amerikanerinnen mit den betonierten Gesichtern in den tiefen Klubsesseln zu sehen, die herumsaßen, wie in einer Wartehallte des Lebens, obwohl ihre Zukunft doch nur ihre Vergangenheit sein konnte.

Es ging mich nichts an; ohnedies hatte ich meine eigenen Sorgen. Ich war am Boden zerstört – eine ziemlich fatale Situation für einen Flugkapitän.

Jedenfalls drohte mir auch dieser Abend in der Hand zu bleiben wie ein abgerissener Koffergriff.

Ich hörte Schritte hinter mir, sah aber nicht auf. Jemand beugte sich über mich: »Nicht zu fassen«, sagte eine helle Stimme, »Michael Merks.«

Ein Mädchen hielt mir die Hände vor die Augen, und ich horchte der Stimme nach: Juliane? Eileen? Oder Betsy?

Dann erkannte ich Nancy und wußte, daß sie allein besser war als die drei anderen zusammen.

Auf einmal roch die Hotelhalle nicht mehr nach morbidem Parfum – das frühlingshafte Prickeln war durch die Drehtüre ins Haus gespült worden.

»Was machst du hier?« fragte sie.

»Urlaub«, antwortete ich, »unfreiwillig.« Ich zog sie an die Bar. »Und du?«

»Zwangspause«, versetzte sie. »Bis Montag.«

»In Frankfurt?«

»Nichts gegen Frankfurt«, entgegnete sie lachend, »aber es wäre mir lieber gewesen, das Fahrgestell unseres Jets hätte auf dem Pariser Flughafen Orly gestreikt, statt hier.«

Wir nahmen einen Whisky on the rocks, und ich ließ den Zufall hochleben, der mir dieses aparte Mädchen beschert hatte: Nancy Pepper, 27, war die Tochter einer thailändischen Mutter und eines englischen Geschäftsmannes. Sie hatte leicht vorspringende Backenknochen, ein flächiges Gesicht mit den mandelförmigen Augen der Eurasierin. Sie war in den Staaten aufgewachsen, finanziell unabhängig, ungewöhnlich selbständig, und sie hatte Verstand und Geschmack.

Als ich sie ansah, schritt ich in Gedanken bereits über eine gemähte Wiese.

Die Zeit der Trübsal war vorbei, ich war entschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen, und dieser Schopf war reizvoll, appetitlich, löwenmähnig, von blauschwarzer Tönung.

Wir hatten weder Alkohol noch Umwege nötig. Wir sangen sofort ein Lied ohne Worte. Stumm, doch zweistimmig. Es übertönte den Motorlärm des Leihwagens, der uns über die Autobahn nach Mainbach karrte.

Eine großartige Stadt, in die Schleife des Flusses geschmiegt wie eine schöne Frau in die Arme ihres Liebhabers. Sitz eines Bischofs und Hort der Bildung. Anmutig, verträumt, historisch und verfressen. Ein zartblauer Himmel über den grünen Weinbergen. Sinfonie von Lebenslust und Rebensaft. Die Bewohner leben zwischen Arbeit und Erfolg, zwischen Tratsch und Trott, gottes-fürchtig und sangesfroh. Mainbach ist kleiner als die Nachbarstadt Würzburg, fast so alt wie Bamberg und weit anheimelnder als Frankfurt.

Mainbach und ich standen in vertrauter Distanz.

Wir kannten uns gut, vielleicht zu gut.

Ich war hier aufgewachsen und hatte die Stadt vor einem guten Jahrzehnt verlassen müssen, als mir ihr idyllisches Pflaster zu heiß geworden war:

Ich hatte keine Dummheit, und schon gar kein Verbrechen begangen.

Ich hatte mich lediglich in das begehrteste Mädchen der Stadt verliebt – nicht ohne Erfolg.

Die Erinnerung an Lydia Kübrich hatte ich längst verdrängt, aber jetzt wurde sie in allen Ecken und Enden, in jeder Straße und auf jedem Platz wieder freigeschaufelt. Überall prangte der Name des mächtigen Industriekonzerns und wurde mir vorgehalten wie einem Kampfstier das rote Tuch.

Ich lief nicht dagegen an.

Ich war viel zu verwundert; meine Heimatstadt hatte sich verändert. Sie war jünger geworden, moderner, sie hatte sich mit mondänen Hochhäusern und komfortablen Wohnanlagen garniert, sie hatte ihr fast 1200 Jahre altes Gesicht liften lassen, und so wirkten die Passanten, vor allem die weiblichen, keineswegs wie Provinzler.

Man sah ihnen an, daß sie in Großstädten einkauften und ihren Urlaub auf Teneriffa oder in St. Moritz verbrachten.

»Wie fühlt sich der verlorene Sohn der Stadt?« fragte Nancy.

»Leicht verwirrt«, entgegnete ich. »Vor allem wegen der verwunschenen Prinzessin an seiner Seite.«

Sie hängte sich bei mir ein, wir schritten durch die Hauptstraße. Den Passanten riß es die Köpfe förmlich herum. Manche erkannten mich, verspätet, aber die meisten starrten uns wohl wegen meiner eurasischen Begleiterin an, die durch die Stadt schritt wie über einen Laufsteg, eine Botschafterin der großen weiten Welt.

Als erster erkannte mich ein vormals verhaßter Mitschüler: Franz-Joseph Hühnlein, früher ein Streber, ein Schwätzer. Er war dick und stolz geworden, Schulrat durch politische Verbindungen und Laiendirigent aus Wichtigtuerei und Wonne.

»Wieder mal im Lande?« hudelte er seinen Universal-Kalauer herunter, gab mir die Hand und starrte dabei Nancy an: »Wo wohnst du? Wenn du etwas brauchst«, er warf sich in die Brust, »ich habe jetzt Beziehungen. Wirklich außergewöhnlich gute Beziehungen.«

Er ließ sich nicht so leicht abschütteln. Wir bildeten eine kleine Insel auf dem Gehsteig. Gaffer umstanden uns wie Verunglückte.

Wir mußten eine Art Fahrerflucht verüben.

»Der Mann hat mich mit seinen Augen förmlich aufgespießt«, sagte Nancy.

»Kunststück«, entgegnete ich lachend. »Schließlich ist er ja auch ein Spießer.«

»Bist du der Vogel, der das eigene Nest beschmutzt?«

»Ich bin das schwarze Schaf, das weise Sprüche schmettert«, antwortete ich.

Ich wußte nicht, warum mich die späte Wiederbegegnung mit meiner Heimatstadt so erregte. Vielleicht war es die Arroganz des Globetrotters. Oder heimliche Sehnsucht, hier still genüßlich und friedlich zu leben. Oder die Erinnerung an Lydia Kübrich, die Jugendfreundin, war wie eine schlecht vernarbte Wunde wieder aufgebrochen.

Nancy verliebte sich regelrecht in diese Stadt: Sie kannte London, Paris, Rom, New York, kannte die Weltstädte so gut wie die Lebeplätze der High Society, und so war für sie Mainbach genau der Ort, auf den sie hereinfallen mußte.

Wir liefen uns die Füße wund und merkten es nicht.

Wir zählten die Weinstuben und die Kirchen, und gaben es auf, als wir uns die Zahl nicht mehr merken konnten.

Ich beabsichtigte nicht, eine Begegnung mit den Küb-richs zu suchen, aber wie von selbst schritt ich auf einmal an ihrer residenzartigen Villa entlang, vorbei an der hohen weißen Mauer, an der sich Neid und Gerüchte die Köpfe einrannten.

»Erinnerungen?« fragte Nancy.

»Wenn ich dich betrachte, zählt nur die Gegenwart«, antwortete ich, »aber wer in dieser Stadt nicht aufgewachsen ist, kann sie nicht kennen. Nicht ihre geistige Inzucht, nicht die kühle Hitze, mit der hier die Bürger ihre Träume und Triebe ausschwitzen.«

»Wie kann man nur so häßlich über eine so schöne Stadt urteilen?« fragte Nancy.

»Nicht nur über diese: Überall«, entgegnete ich, »wo die Mucker der Natur eine Schürze umhängen, ist Mainbach: Am Main, an der Mosel, am Rhein, von der Etsch bis an den Belt.«

»Sie sehen nicht aus wie Mucker«, sagte Nancy.

»Sie sind es natürlich auch nicht alle«, erwiderte ich und blieb vor dem Villenportal der Kübrichs stehen.

Ein Gärtner sprengte den Rasen.

Die Garagentür stand offen. Vier Boxen unter einem Dach. Fast bescheiden, wenn man das Wirtschaftsimperium der Kübrichs kannte. Aktienpakete der Automobil-industrie. Interessen am Stahlmarkt. Verflechtungen mit dem...



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