Berthold | Zärtlichkeit in kleinen Raten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Berthold Zärtlichkeit in kleinen Raten


1. Auflage 2018
ISBN: 978-87-11-72713-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-87-11-72713-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Katrin ist eine auffallende Schönheit und eigentlich Modeschülerin in Hamburg, doch als sie bei einem Wettbewerb den ersten Preis für einen ihrer Kostümentwürfe gewinnt, verschlägt es sie nach Paris. Stadt der Lichter, Stadt der Mode, Stadt der Liebe! Und tatsächlich: Am Place du Tertre begegnet sie André, der gerade entschieden hat, aus der elterlichen Bettenfabrik zu fliehen und in die Welt der Tagträumer und Vagabunden einzutauchen. Die beiden verlieben sich auf den ersten Blick. Doch das junge Glück ist nicht von Dauer, es gibt einen Streit, und die beiden gehen getrennte Wege. Doch womit hätte Paris seinen Namen als Stadt der Liebe verdient, wenn es die beiden nicht am Ende wieder zusammenbrächte? In der Zwischenzeit passieren allerdings eine ganze Reihe unvorhergesehener Zwischenfälle, und zwischendurch scheint es, als würden sie beide in eine Sackgasse laufen ...

Will Berthold (1924-2000) war einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Schriftsteller und Sachbuchautoren der Nachkriegszeit. Seine über 50 Romane und Sachbücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von über 20 Millionen. Berthold wuchs in Bamberg auf und wurde mit 18 Jahren Soldat. 1945 kam er vorübergehend in Kriegsgefangenschaft. Von 1945 bis 1951 war er Volontär und Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung', u. a. berichtete er über die Nürnberger Prozesse. Nachdem er einige Fortsetzungsromane in Zeitschriften veröffentlicht hatte, wurde er freier Schriftsteller und schrieb sogenannte 'Tatsachenromane' und populärwissenschaftliche Sachbücher. Bevorzugt behandelte er in seinen Werken die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie Themen aus den Bereichen Kriminalität und Spionage.
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Katrin bemerkte, daß die Einschränkung sein Gesicht verhärtete, sie legte bittend ihre Hand auf seinen Arm, und von der Stelle aus, an der sie ihn berührte, zog über seinen ganzen Körper wohlige Wärme. André sah nicht mehr verkniffen aus, er war wieder der Junge mit den hellen Augen und den dunklen Haaren, halb verwildert, halb verträumt.

Paris zeigte sich von seiner besten Seite, die Weltstadt trug ihren Sonntagsanzug. Die City glich heute nicht einem überhitzten Kochtopf, die sonst überfüllten Straßen und berstenden Plätze wirkten fast leer, und die Passanten ließen sich Zeit wie der kleine Renault.

André fuhr im ersten Gang, aber er spürte, wie schnell er vorankam, nicht auf den vier Rädern, sondern bei Katrin.

Sie rollten am Louvre vorbei.

»Eigentlich sollten wir ihn heute besuchen«, sagte Katrin.

»Aber doch nicht bei diesem schönen Wetter«, erwiderte der Junge.

»Aber sonntags ist der Eintritt frei.«

Er lachte. »Bist du auch so schlecht bei Kasse?« fragte er.

»Immer«, versetzte das Mädchen. »Aber ich brauch’ ja auch nicht viel.«

»Weißt du«, stellte er optimistisch fest, »wir passen wirklich in jeder Hinsicht prima zusammen.«

Er legte die Hand um Katrins Schultern, zog sie an sich. Sie machte sich nicht schwer.

»Du bist doch mindestens schon 18?« fragte der Junge.

»Sogar schon ein bißchen darüber.«

»Wieso bist du dann so ganz anders als die anderen, so natürlich, so unüblich, so…« Er wollte unverdorben sagen, aber das schaffte er nicht.

Sie lachte hell, übermütig. »Ich glaub’, du hast dich ein bißchen in mich verliebt«, stellte sie dann fest.

»Wäre dir das unangenehm?«

»Ich weiß nicht«, versetzte sie. »Es käme auf einen Versuch an.«

Er trat das Gaspedal so ungestüm durch, als wollte er mit Vollgas das Experiment wagen. Der Wagen machte einen Satz, die Sessellehne wuchtete ihnen ins Kreuz.

Sie rollten jetzt aus der Stadt und begannen, einander ihre kurzen Lebensläufe zu erzählen. Katrin hatte nicht viel zu berichten, und André versuchte zuerst, seine 25 Jahre ein wenig zu frisieren, aber dann fand er es falsch und sagte: »Weißt du, Katrin, ich habe bisher eigentlich ziemlich wild darauflos gelebt.« Er sah starr auf die Straße, als trüge er Scheuklappen. Er horchte seinen Worten nach, er hätte jeden anderen, der so sprach, rundweg für einen Idioten gehalten.

»Das ist doch gar nicht so schlimm«, versetzte das Mädchen. »Männer müssen nun mal… ihre Erlebnisse haben.«

»Woher weißt du das?« fragte er verwundert.

»Von meiner Mutter«, entgegnete sie und lachte sich selbst dabei ein wenig aus.

»Und woher weiß deine Mutter das?« fragte er.

»Aus Romanen.«

»Hat sie denn so viel gelesen?« ging der Junge auf ihren Ton ein.

»Eigentlich nicht«, versetzte das Mädchen ernsthaft, »aber vielleicht zu wenig erlebt…«

Der Bois de Boulogne kam in Sicht. Sie fuhren zur Pré Catelan, ließen den Wagen stehen und promenierten zu Fuß weiter bis zum Jardin Shakespeare, wo man den ›Sommernachtstraum‹ aufführt. Sie brauchten nicht erst eine Eintrittskarte zu lösen, um ihn zu erleben.

»Wie lange willst du in Paris bleiben, André?« fragte sie.

»Bis aus mir etwas geworden ist«, antwortete er. »Und du?«

»Einen Sommer lang«, erwiderte sie, »ob aus mir etwas wird oder nicht. Dann muß ich wieder in die Meisterschule für Mode zurück.«

Sie gingen am Rand des Racing-Clubs entlang, blieben stehen, sahen einander an, langsam legte er die Hände um ihren Hals, zog Katrin an sich.

Sie sah zu ihm auf, er sah in ihre Augen. Dann merkte er, daß ihr Mund sich öffnete, und wurde von der Zärtlichkeit überflutet, als sie einander küßten.

Spaziergänger gingen an ihnen vorbei, sie merkten es nicht.

»Laß mich los«, sagte Katrin schließlich leise.

»Niemals.«

»Du hast auch ganz recht«, entgegnete sie. »Du sollst mich immer festhalten.«

»Willst du?«

»Ja.«

»Kannst du das?«

»Ich hoffe es.«

»Du mußt es«, sagte Katrin schlicht. Ihr Gesicht bestand nur aus Augen, die lächelten, eroberten, verzauberten.

»Magst du mich?« fragte sie.

»Was heißt mögen?« entgegnete er und wurde laut, als müßte er seine Hemmungen überschreien: »Ich hab’ dich lieb.«

»Wie lange wird das bei dir anhalten?« fragte sie.

»Länger als bei dir«, erwiderte er.

Er drehte sie um, sie gingen langsam weiter.

»Magst du mich eigentlich auch ein wenig?« fragte er fast schüchtern.

»Heute mehr als gestern«, antwortete Katrin, »und weniger als morgen.«

So viel Glück bedrängte André. Er schritt vorsichtig über eine Traumbrücke, wartete darauf, daß sie einstürzte, und merkte, daß sie ihn trug, ihn und Katrin; nur in Raten begriff er, daß er nicht träumte.

Sie hob den Blick zu ihm, er konnte sich nicht sattsehen an ihr. Die Augen ließen einander nicht los, signalisierten sich stumme Versprechen, und dann jeweils schlug der Himmel über ihnen zusammen.

Dieser Tag nahm kein Ende und verging doch viel zu schnell, ein Tag, dem sich viele andere anschließen sollten.

»Schließlich liegt es doch nur an uns«, sagte André, »was wir aus uns machen.«

»Du hast ganz recht«, versetzte Katrin.

Sie hörte heraus, daß ihr der Junge versprochen hatte, nicht zu zerstören, was sie von anderen unterschied, und in diesem Moment wußte sie, daß sie ihn liebte.

Sie liefen kreuz und quer durch den Bois de Boulogne. Unter ihren Schuhen knirschte der Sand, doch der Tag streute ihnen Blumen auf den Weg. Schließlich rechneten ihnen ihre Füße die Strecke vor, auf einmal meldete sich auch ganz gewöhnlicher Hunger. Während sie aßen, verspeisten sie sich wieder mit den Augen, sie wurden satt, doch sie blieben heißhungrig aufeinander.

Es war schon dunkel, als sie am Abend den R4 erreichten. Sie gerieten in den Rückstrom des Ausflugverkehrs, die Autos blieben auf den Straßen liegen wie gestrandete Schiffe, doch die Liebenden hatten nichts dagegen, denn jeder Stau gab ihnen die Gelegenheit zu neuer Zärtlichkeit.

Sie erreichten die Rue de la girafe, nahmen im Bistro ›Chez Margot‹ einen Abschiedstrunk und dann noch einen und dann einen allerletzten. Sie verschoben das Auseinandergehen immer wieder, aber einmal mußte es sein, und das war kurz vor Mitternacht.

Eng aneinandergelehnt schritten sie auf der feineren Seite der Straße ihren Quartieren entgegen.

»Oh, du hast noch Besuch«, sagte Katrin und sah zu Andrés Atelier hoch.

Die Jalousien waren geschlossen, aber ihre Lamellen litten an Altersschwäche, und man konnte sehen, daß sich auf der Bude ein nackter Mann mit zwei Mädchen amüsierte und daß auch die Mädchen wenig anhatten.

»Das ist Maurice«, antwortete André böse. »Du kannst dich drauf verlassen, daß ich diesen Stall ausmisten werde.«

Sie lächelte ihn an.

Sie hatten die Tür der Wohnung Katrins erreicht.

Sie legte die Hand um seinen Hals, einen Moment lang verwoben sich ihre Körper zu einem Schatten.

»Bis morgen«, sagte Katrin leise.

Dann gingen sie auseinander.

Maurice hatte sich jede Mühe gegeben, Leidenschaft für zwei zu entwickeln, doch André, der vierte, fehlte, und so ließen die ›edlen Ferkel‹ Letizia und Nadine ihre schlechte Laune an ihm aus. Die beiden Mädchen, die man nur zusammen oder überhaupt nicht haben konnte, waren noch keine Profis, aber sie würden es über kurz oder lang werden, und so versuchte der dicke Auch-Maler zu ernten, was wohl bald gebührenpflichtig würde.

»Wann kommt denn André endlich?« fragte Letizia ungnädig. »Du hältst uns schon seit zwei Stunden zum Narren.«

Sie war groß, eine Nuance zu groß, und ein wenig zu schlank, sie war das Gegenteil ihrer Freundin, die untersetzt und fast zu üppig war. Die beiden waren unzertrennlich, es war, als wollte eine der anderen geben, was ihr fehlte.

»Gleich, gleich, Mädchen«, entgegnete Maurice zum zehnten oder zwanzigsten Mal. »Wenn er kommt, geht’s rund. «Seine Lippen platzten wie eine faule Schote: »Es lohnt sich, auf André zu warten.«

Sie hatten sich auf die Eßvorräte seines Freundes gestürzt, sie hatten ausgetrunken, was nur flüssig war, sie hatten mit der leeren Flasche Kleiderpoker gespielt, weniger aus Erwartung als aus Gewöhnung. Die beiden Mädchen kannten ihre Körper auswendig, und auf den fetten Maurice, der stets in der Kiellinie seines Freundes schwamm, waren die beiden nicht übertrieben scharf.

Der Flaschenhals zeigte auf Nadine, sie war schon fast nackt, und Maurice fragte sich, ob ihr Busen hielt, was er versprach. Er balzte und schwitzte gleichzeitig, und er merkte nicht, daß ihn die Mädchen nur anheizen und dann stehen lassen wollten.

Er tätschelte gleichzeitig Letizias Hand und küßte Nadines Oberschenkel, er zog alle Register seines Zweite-Hand-Könnens, und die Mädchen ließen ihn gewähren, ohne dabei etwas zu empfinden.

»Du schnaufst wie ein alter Bock, Maurice«, sagte Letizia verächtlich. »Komm, wir arbeiten neue Spielregeln aus.«

Maurice mußte am Fußboden liegen, seinen Kopf unter ein Kissen gebettet, Letizia zündete eine dicke Kerze an und steckte sie Maurice in den nackten Nabel.

»Nicht rühren«, sagte sie, »sonst hast du verloren.«

»Mensch, aber das heiße Wachs verbrennt mir doch die Schwarte«, entgegnete Maurice wonneängstlich.

»Eben, eben«, erwiderte Nadine schadenfroh: »Bleib ganz ruhig liegen. Rühr dich ja nicht von der Stelle.«

Sie mußten sich schon öfter mit dieser neuzeitlichen Folterung...



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