Bettauer | Das blaue Mal | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Bettauer Das blaue Mal


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0615-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0615-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman eines Ausgestoßenen und für die damalige Zeit (1922) eine lupenreine Abrechnung mit der Diskriminierung der Afroamerikaner in den Staaten.

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II. Teil - Carletto



Es war um die Mittagsstunde eines sonnigen Maitages, als Carlo Zeller, von seinen Freunden gerne Carletto genannt, und Clemens von Ströbl die Herrengasse hinunterschritten, dem Michaelerplatz zu. Sie kamen aus dem altertümlichen, grauen Gebäude, in dem man die juristischen Examina ablegt, und wo Carlo eben seine erste Staatsprüfung bestanden hatte. Durch ein Übermaß von Kenntnissen hatte er sich gerade nicht ausgezeichnet, aber für genügend hatten die Professoren sein Wissen immerhin gehalten.

Sein um einige Jahre älterer Freund Ströbl, ein etwa 26jähriger junger Mann, blond und untersetzt, mit englisch gestutztem Schnurrbart, vollen Backen und verschlagenen, frechen, grauen Augen, hatte es sich nicht nehmen lassen, der Prüfung beizuwohnen. Wie schon vorher verabredet war, gingen sie nun zu Sacher, damit sich Carletto dort nach den Anstrengungen der letzten Stunden kräftige und erhole.

Zeller trug über dem Frack einen schwarzen Überzieher, hatte Zylinder und weiße Glacés. Er war ein bildhübscher Junge: mittelgroß, schlank, sehr grazil gebaut, mit schmalen Hüften und abfallenden Schultern; aus dem länglichen Gesicht von olivenfarbenem Teint leuchteten nachtschwarze, schwermütige, von langen Wimpern beschattete Augen und ein weichgeschnittener, hellroter, genießerischer Mund, dessen zu kurze Oberlippe die schönen, weißen Zähne sehen ließ. Seine ganze Erscheinung wirkte anziehend, fremdartig, etwa wie die eines Spaniers oder Südamerikaners, und besonders den Frauen stach dieser interessante junge Mensch offensichtlich in die Augen, denn sie schenkten ihm sehr freundliche Blicke.

Clemens von Ströbl, der neben ihm den Typus des echten Wiener Dandys repräsentierte, schob gerade seinen Arm in den des Freundes:

"Na, du könntest schon wieder ein freundliches Gesicht machen, meine ich. Jetzt ist ja die ganze fade Geschichte vorüber!"

"Mir liegt der Klimbim noch etwas in den Gliedern, weißt du, Clemens," erwiderte Carletto. "Wir müssen an einem Telegraphenamt vorbeigehen, ich will nach Graz depeschieren."

"Hat das denn solche Eile?" wandte Ströbl ein. "Wird der Herr Vormund das freudige Ereignis eben um ein paar Stunden später erfahren."

"Ich habe aber dem alten Herrn bestimmt zugesagt, daß ich sofort telegraphiere."

"Deine Anhänglichkeit ist wirklich rührend!" lachte Ströbl Zeller aus. "Das muß man dir noch abgewöhnen, du bist doch kein Kind mehr. Jetzt wird anständig gegessen und getrunken, und dann kannst du dem Herrn Professor Wendrich nach Graz meinetwegen Liebesgedichte telegraphieren." Mit diesen Worten zog er Carletto, der unschlüssig auf dem Michaelerplatz stehen geblieben war, energisch mit sich fort.

Der Oberkellner im Hotel Sacher, der Clemens von Ströbl kannte, führte sie in eines der kleinen, rot ausgeschlagenen Zimmer, wo nur vier Tische standen, von denen augenblicklich keiner besetzt war. "Ausgezeichnet," rief Ströbl, "die Ruhe wird dir gut tun, Carlo!" Er machte sodann das Menü, bestellte eine Flasche Chateau Lafite und ließ auch gleich eine Flasche Veuve Cliquot einkühlen. "Der Sieg muß gebührend gefeiert werden," meinte er. Zeller, der dagegen Einspruch erhob, bereits zu Mittag Champagner zu trinken, mußte sich fügen.

Während des Speisens wurde von den beiden jungen Leuten noch einmal die Prüfung durchgesprochen. Es war dies die erste gewesen, nun standen noch fünf in Aussicht. Carletto seufzte schwer.

Wie schon öfters vorher, hielt ihm Ströbl die Unsinnigkeit solcher Mühe vor:

"Vermögend bist du doch, und du weißt ja, daß dich mein Alter in eine Bank bringt – wenn du durchaus diese Karriere einschlagen willst – wenn es dir paßt, auch ohne den Doktor."

"Wenn der Vormund aber darauf dringe, daß er seinen Doktor mache, und wenn dies nun einmal der Wunsch des seligen Vaters gewesen sei?" – entgegnete Carlo, der sich innerlich nur zu gern der Ansicht seines Freundes anschloß und lieber heute als morgen das Studium, das ihm schwer fiel und wenig Freude machte, aufgegeben hätte.

"Ach, der Herr Professor Wendrich!" meinte Clemens wegwerfend. "Den Wunsch des Vaters zu respektieren, das ist natürlich Gewissenssache. Aber konnte dein gottseliger Herr Vater voraussehen, daß das Jus gar so schwer in deinen Kopf will?"

Dem leichtfertigen Ströbl war es nämlich unbequem, daß ihm der anhängliche Schüler und Bummelkumpan durch die Stunden des Studierens entzogen wurde. Die Zukunft Carlos jedoch machte ihm so wenig Gedanken, wie seine eigene, die allerdings, da er der einzige Sohn eines reichen Fabrikanten war, eine weitaus gesichertere schien, als die des Freundes.

"Weißt du, wie ich mir den Verlauf des Nachmittags denke?" fragte er. "Nach dem Essen fahren wir zu dir, ruhen uns ein bißchen aus, und gegen halb fünf geht's hinunter in den Prater, in die Kriau. Ich habe die zwei kleinen Damen vom Ronacher dorthin bestellt, von denen ich dir unlängst erzählt habe."

Carlo schwieg zuerst etwas verlegen. Dann sagte er: "Du mußt entschuldigen, Clemens, aber ich habe den Nachmittag schon vergeben, ich erwarte Besuch."

"Von wem?"

"Das kannst du dir doch denken."

Ströbl zündete sich eine Zigarette an und blies übel gelaunt den Rauch von sich. "Diese Sache fängt an, langweilig zu werden, mein Lieber. Jetzt dauert das schon seit vorigem Sommer. Wie lang soll denn das noch so fortgehen? Warum denn nicht gleich heiraten?"

"Wenn ich sie aber gern habe ..." sagte der andere ernst.

"Ach Gott, man hat jede gern, die hübsch und schick und nett ist. In deinem Alter bindet man sich doch nicht so fest. Wenn man wenigstens endlich wüßte, wer diese dämonische Frau ist, die dich schon so lange an ihrer Kette hält."

In Carlos dunklen Augen glimmte ein zorniger Funke, und mit erhobener Stimme sagte er: "Du weißt, daß man so etwas von mir nicht erfahren kann. Warum drängst du immer in mich?"

"Ich glaube, ich hab' mir soviel Vertrauen verdient – um das große Geheimnis deines Lebens endlich erfahren zu können," gab Ströbl gereizt zur Antwort. – "Oder muß ich dich daran erinnern: wer hat sich denn deiner am wärmsten angenommen, von dem Tage an, als du das erstemal in den Klub gekommen bist? Wer hat denn deine ersten Schritte in der Großstadt geleitet? Wenn ich daran denke, wie du ausgesehen hast, wie schüchtern du warst, der Maturant aus Graz ... Da kann einen so eine Verstocktheit schon ärgern."

Es betrübte Carlo Zeller, als er den Freund gekränkt sah. Besänftigend legte er seine Rechte auf die Ströbls. "Ich weiß, Clemens, ich weiß, aber was nicht sein kann, kann nicht sein. Ich habe mit Ehrenwort Diskretion verbürgt, also nicht böse sein."

"Gut, reden wir nicht mehr davon, es wird vielleicht der Augenblick kommen, wo du dich mir von selbst anvertrauen wirst. Denn so lang andauernde Geschichten gehen nicht immer glatt aus. – Prosit!"

Die Champagnerkelche klangen aneinander, und die Mißstimmung zwischen den beiden war bald wieder verflogen.

Eine halbe Stunde später verließen sie das Restaurant, schüttelten sich warm die Hände, worauf Zeller in ein Auto stieg und nach Hause fuhr, in die Reisnerstraße.

Er hatte eine hübsche dreizimmerige Wohnung inne, mit dem Möblement der väterlichen Wohnung gemütlich und komfortabel eingerichtet. Ein alter Diener, Franz, hielt den kleinen Haushalt in Ordnung. Die Mahlzeiten, die Carletto zu Hause einnahm, holte er ihm aus einem nahen Restaurant. Jetzt beglückwünschte Franz den gnädigen Herrn zur bestandenen Prüfung und half ihm beim Umkleiden. Ströbl war es gewesen, der den alten, glatzköpfigen Franz seinerzeit Carletto ins Haus gebracht hatte. Ströbl hatte ja für alles gesorgt. Er hatte die Garçonwohnung, die in den großen Park eines aristokratischen Palais hinausging, ausfindig gemacht, hatte die Tapeten ausgesucht und die Möbel gestellt, durch sein Zureden erst hatte sich Carlo vor einem Jahr bewegen lassen, das Leben in einer Pension aufzugeben und sich ein eigenes Heim einzurichten! Ja Ströbl! Wahrhaftig, der hatte ihn erst leben gelehrt, dachte Carletto, während er in Erwartung Hellas behaglich in seinem Arbeitszimmer auf einer Ottomane lag und rauchte.

Als Carlo die sechste Gymnasialklasse besuchte, war Professor Rudolf Zeller nach kurzer Krankheit an einem schweren...



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