E-Book, Deutsch, 159 Seiten
Bettauer Die freudlose Gasse
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-947-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 159 Seiten
ISBN: 978-3-95676-947-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
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Maximilian Hugo Bettauer (* 18. August 1872 in Baden bei Wien, Österreich-Ungarn, † 26. März 1925 in Wien, Österreich), war ein österreichischer Schriftsteller und Drehbuchautor. 'Bei der Lektüre dieses hochinteressanten, spannend zu lesenden Schlüsselromans fält als erstes auf, dass Bettauer ein ausgezeichneter Beobachter und unbestechlicher pointierter Chronist der sozialen und politischen Umstände seiner Zeit war. In struktureller Hinsicht wird deutlich, dass der Fortsetzungsroman mit seinen gut verdaulichen, überschaubaren Häppchen und seinen zahlreichen überraschenden Wendungen auch für die Bedürfnisse des heutigen Lesers das ideale Medium ist. (...) Bettauer benutzt die sich entfaltende Kriminalhandlung, um tief in das Milieu der Hoffnungslosen, der Missbrauchten und Verlorenen einzutauchen, um herauszufinden, ob man sich mit eigener Kraft aus dem Elend zu befreien vermag. Wie in fast allen seiner Romane porträtierte sich der zur Selbstüberschätzung neigende Autor auch hier wieder selbst: als 'einer der geistvollsten Causeure der Wiener Journalistik', der am Ende nicht nur eine rein gebliebene weibliche Seele vor dem drohenden Elend der Gasse zu retten vermag, sondern auch ihre Liebe gewinnt.' Jüdische Zeitung, Nr. 69, Nov. 2011 (Auszug aus Wikipedia)
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Das große Souper.
Bei Generaldirektor Rosenow ist Gesellschaft. Mehr als hundert Gäste sind zum Souper geladen. Die große, schloßähnliche Villa in der Pötzleinsdorfer Allee strahlte im Glanz der elektrischen Kronleuchter, auch die Bogenlampen im Park, der die Villa umgibt, leuchten blau und erhellen auf hundert Meter die ganze Gegend. Ein Auto nach dem anderen fährt vor das Gartenportal, vor dem zwei livrierte Diener die Gäste in Empfang nehmen. Ein dritter Diener geleitet sie die gedeckte Gartentreppe zur Villa hinauf, wo sie von Zofen der Pelze und Mäntel entledigt werden. In der mächtigen Halle begrüßt Generaldirektor Jonas Rosenow zappelnd, aufgeregt, jovial, ehrfurchtsvoll oder schäkernd seine Gäste, und führt sie zu einem Tisch, auf dem jeder Herr, jede Dame die Tischkarte findet. Dann betritt man den ersten, in Empire gehaltenen Salon, in dem die Frau Rosenow die Honneurs macht. Der dicken kleinen Dame mit rundem, freundlichem Gesicht fällt das nicht leicht. Von Zeit zu Zeit wirft sie einen flehenden Blick auf die schlanke, hohe, magere Gestalt neben ihr, die ihr dann beispringt. Es ist dies die verwitwete Gräfin Stuppach, jetzt Hausdame bei Rosenows. Generaldirektor Rosenow hatte noch im Jahre 1918 Rosenstrauch geheißen und eine kleine Wechselstube in der Taborstraße gehabt, in der auch Klassenlose, Theaterkarten und Versatzzettel verkauft wurden. Das kleine Männchen hatte aber Blick für die Möglichkeiten der Zeit, wurde von Tag zu Tag reicher, kaufte und verkaufte mit fabelhafter Geschicklichkeit Häuser und Güter, übersiedelte bald aus der Pazmanitengasse, in der er seit seinem Zuzug aus Bielitz gewohnt, nach dem Palais in der Pötzleinsdorfer Allee, gründete mit anderen zusammen die Mitteleuropäische Kreditbank, wurde ihr Generaldirektor und gab nun auf Veranlassung seiner Tochter Regina, die eben im kleinen Biedermeiersalon den um sie versammelten Herren den neuesten Schlager von Leopoldi und Wiesenthal, "Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir", vorsang, die erste große Gesellschaft. Geschickt hatte das schlanke, pikante Mädchen, das die Eltern an Wuchs, Bildung und Geist hoch überragte, bei der Einladung unter die führenden Bank- und Finanzgrößen ein Dutzend Schriftsteller, Maler, Musiker und sogar einen Journalisten gestreut. Dieser, Otto Demel, Redakteur des "Wiener Herold", war eben im türkischen Rauchsalon von Herren umringt, die von ihm die neuesten Nachrichten aus dem Deutschen Reich hören wollten. Demel, einer der geistvollsten Causeure der Wiener Journalistik, gefürchtet wegen seiner boshaften Witze, aber bei den Lesern beliebt wegen seiner tiefgründigen Beleuchtung alltäglicher Dinge, erstattete kurz Bericht und fragte dann launig: "Also, wie ist das, meine Herren? Wird die Börse morgen flau sein oder fest? Werde ich mit den fünfundzwanzig Eos-Aktien, die ich besitze, Milliardär werden oder muß ich als armer Mann sterben?" Nathan Großkopf, ein kahlköpfiger, asthmatischer Riese, den man auf etliche hundert Milliarden schätzte, erwiderte achselzuckend: "Wenn ein Mensch von Ihrer Begabung und Ihrem Geist noch nicht Milliardär ist, so beweist das nur, daß Geist und Klugheit zwei ganz verschiedene Dinge sind. Aber, wenn Sie es mir gestatten, kaufe ich morgen für Sie hundert Alpine –" "Ich gestatte nicht, womit ich zwar noch nicht beweise, daß ich Geist habe, wohl aber, daß ich nicht klug bin. Meine Herren, Sie haben keine Ahnung, wie wohl das tut, unter so vielen klugen Menschen der einzige zu sein, der nur Geist und kein Geld besitzt." Großkopf und einige andere Herren lächelten ein wenig verächtlich und verließen den Raum, in dem der Journalist mit dem Rechtsanwalt Doktor Leid und einem großen, schlanken Mann von kaum dreißig Jahren, Egon Stirner, einem Beamten der Mitteleuropäischen Kreditbank, zurückblieb. Otto Demel hatte beobachtet, daß Dr. Leid in Zwischenpausen von kaum einer Minute auf seine Uhr sah. Er legte den Arm um die Schulter des blassen, ersichtlich ermüdeten und nervösen Rechtsanwaltes, dessen große Kanzlei als die bestgehende von Wien galt, und sagte scherzend: "Wo ist denn deine schöne Frau? Ich wette, daß du nur deshalb so nervös bist, weil sie nicht ununterbrochen neben dir steht! Mensch, du bist jetzt doch schon drei Jahre verheiratet – höchste Zeit, die Flitterwochen zu beenden." Verlegen wehrte der Rechtsanwalt ab: "Lia ist in der Oper, bei ‚Tosca‘, und hat mir versprochen, schon nach dem zweiten Akt fortzugehen. Es wäre doch peinlich, wenn ihr Platz an der Tafel leer bliebe und sie dann inmitten des Soupers hereinkäme." Egon Stirner lachte hell auf. "Peinlich! Einem Mann wäre das peinlich! Aber einer schönen, jungen Frau? Für die ist es ein geradezu herrliches Gefühl, einen vollen Saal zu betreten und alle Augen auf sich gerichtet zu wissen." "Nicht übel beobachtet," meinte Deme], "Sie sind entschieden Frauenkenner, Herr Stirner. Wie ich deine schöne Frau kenne, wird es ihr wirklich ein Hochgenuß sein, allein in ihrer ganzen imponierenden Lieblichkeit in den Speisesaal zu rauschen." Leid lächelte geschmeichelt, aber es zuckte dabei um seine Mundwinkel. Hatte denn irgend jemand, sein bester Freund, Otto Demel, mit eingeschlossen, eine Ahnung, wie er Lia liebte und –wie er um sie bangte? Wußte jemand etwas von den Qualen, die er litt, wenn er fühlte, wie sich Lia innerlich immer mehr von ihm entfernte, in seinen Armen kalt wie Eis blieb, sich in seiner Gesellschaft langweilte, müde und verdrossen war, wenn aber andere Männer kamen, ihr Temperament lichterloh aufflammen ließ? Ein sanft abgetönter Gongschlag rief die Gäste aus den zwanzig oder mehr Zimmern in den Speisesaal, in dem zwei lange Tafeln schneeweiß unter Gold, Silber, Blumen und Kristallglas schimmerten. Doktor Leid überzeugte sich, daß seine Frau noch immer nicht da war. Er eilte zur Hausfrau, um eine Entschuldigung vorzubringen. "Jammerschad," klagte Frau Sabine Rosenow, "jammerschad, das Essen wird ihr kalt werden." Sie war in diesem Augenblick eben nicht die Milliardärsgattin, sondern die brave Hausfrau aus Bielitz, die bei dem Gedanken zitterte, daß Jonas, ihr Gatte, oder Regi, das Töchterl, eine kalte Suppe bekommen könnte. Gräfin Stuppach, der ob dieser Bemerkung sich die grauen Haare sträubten, rettete die Situation. Sie lächelte verbindlich und sagte: "Frau Generaldirektor beliebt natürlich nur zu scherzen. Herr Doktor, Ihre Frau Gemahlin ist willkommen, wann immer sie auch erscheinen wird. Selbstverständlich wird für verspätete Gäste nachserviert." Das kleine Streichorchester, das auf der Galerie des mächtigen, im altenglischen Stil gehaltenen Speisesaales untergebracht war, begann zu spielen, lautlos, auf Gummisohlen einherhuschend, trugen die Diener die köstlichen Speisen auf, weniger lautlos schmatzten, schlürften, unterhielten sich die Gäste. Rubinroter, grünlichgelber, goldgelber Wein funkelte in den Gläsern. Doktor Leid bemühte sich vergeblich, seine Tischnachbarin zu unterhalten. Gesprächsstoff wäre genug vorhanden gewesen, da er innerhalb weniger Jahre dreimal ihre schmerzlose Scheidung erwirkt hatte. Aber er war zerstreut, immer flog sein Blick nach dem leeren Platz hinüber, der für seine Frau bestimmt war, und seine Gedanken gingen zurück auf die Zeit, da er sich in Lia verliebt hatte. Er vierzig, sie zwanzig. Er, der vielbeschäftigte Anwalt mit einem für diesen Beruf exorbitant hohen Einkommen, sie ein armes Tippmädel, aus kleinem jüdischen Haus, das eben durch Protektion in seiner Kanzlei untergekommen war. Dr. Leid pflegte nur mit seinen zahlreichen Konzipienten zu verkehren, dem weiblichen Personal schenkte er kaum einen Blick, wenn er durch die Schreibzimmer ging. Aber einmal traf es sich, daß er nach Kanzleischluß zurückkehrte, um noch einen vergessenen Brief zu diktieren. Es war niemand mehr anwesend, als das neue Fräulein, Lia Holzer, die sich eben auch zum Fortgehen anschickte. Dr. Leid diktierte ihr den Brief direkt in die Maschine, und da er nicht wollte, daß die Reinemachefrauen zuhören, beugte er sich zu ihr hinab. Sog das Aroma des jungen schönen Mädchens ein, sah die schwellenden Formen der mädchenhaften Büste, wurde verwirrt, atmete schwer, vergaß weiter zu diktieren. Und wie sie sich aufrichtete, um ihn fragend anzublicken, berührte die atlasweiche Haut ihrer Wange sein Gesicht, versenkte sich sein Blick in ihre großen, feuchten Augen, in denen das Temperament eines jungen, leidenschaftlichen Weibes mühsam verhalten glühte. Innerhalb weniger Tage ging die Saat dieses unbedeutenden Geschehnisses auf. Bevor ein Monat um war, schied Lia Holzer wieder aus der Anwaltskanzlei, aber nicht als Entlassene, sondern als Braut ihres Chefs. Bald fand die Hochzeit statt und es kamen Wochen, während der sich Dr. Leid wieder als Jüngling fühlte und dachte, daß das größte Glück der Welt ihm zu eigen geworden sei. Bedenken über den großen Altersunterschied verscheuchte er mit triftigen Argumenten. Sein Lebensernst, seine restlose Liebe zu Lia, nicht zuletzt sein Reichtum würden ausgleichend wirken. Und dann – Lia würde ihm Kinder schenken und als Mutter unlöslich mit ihm verknüpft sein. Aber Lia bekam kein Kind, wollte keines bekommen. Stürzte sich in den Strudel des gesellschaftlichen Lebens, tanzte nachmittags im Trocadero, im Bristol-Grillroom, im Tabarin, während er in der Kanzlei arbeitete, schmollte, wenn er spät abends todmüde nicht mehr in Gesellschaft gehen wollte, gähnte, wenn er ihr von seinen beruflichen Erlebnissen erzählte, ließ die guten Bücher, die er ihr brachte, ungelesen umherliegen, hatte nur Toiletten, Nachmittagstees, Autofahrten, Theater...




