Beuse | Die Nacht der Könige. Roman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Beuse Die Nacht der Könige. Roman


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944818-71-9
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-944818-71-9
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
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Stefan Beuse hat einen sehr wirkungsvollen und atmosphärisch dichten Roman geschrieben, der die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verwischt. Ein Text, der länger bei einem bleibt, als die Zeit, die man braucht, um ihn zu lesen. Eine, höchstens zwei Wochen hofft der Werbetexter Jakob Winter, für seinen aktuellen Auftrag zu brauchen, dann will er seiner Familie in den Sommerurlaub folgen. Doch sein Auftraggeber verhält sich während des ersten Termins merkwürdig vertraulich, er scheint Winter zu kennen. Auch seine junge, schweigsame Assistentin Lilly irritiert ihn. Wer ist sie? Und woher kommt diese soghafte Faszination? Bald erinnert sich Winter schemenhaft an eine Nacht vor 10 Jahren, an ein teures Management-Seminar, in dessen Verlauf Moral- und Wertvorstellungen der Teilnehmer aufgeweicht wurden, zur hemmungslosen Entfaltung des eigenen Egos. Ist er am Ende gar in ein Verbrechen verwickelt? Stefan Beuse führt Winter an Abgründe seiner Existenz und uns in poetischen Bildern mitten in das dunkle Herz eines entfesselten Willens zur Macht. Psychologische Hochspannung! »Eine überaus spannende Geschichte, die satt und süffig nach dem Muster eines Psychothrillers erzählt wird.« Martin Lüdke, DIE ZEIT

Stefan Beuse, 1967 in Münster geboren, lebt in Hamburg. Er hat u. a. als Fotograf, Texter und Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Alles was du siehst«. Stefan Beuse gewann zahlreiche Preise und Stipendien, u. a. den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 1999 und den Hamburger Förderpreis für Literatur (1998, 2006 und 2013). Im Frühjahr 2005 war er Writer in Residence an der Cornell University in Ithaca, New York. Bei CulturBooks sind bisher die Single »Der Wal«, die Alben »Warten auf die Löwen« und »Wir schießen Gummibänder zu den Sternen« sowie der Longplayer »Kometen« erschienen.

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-2-
Vor der Agentur überfuhr er fast eine Taube. Den ganzen Tag saßen sie in der Einfahrt und pickten in halb verfaulten Kadavern. Winter fiel auf, daß er noch nie einen blutenden Vogel gesehen hatte, er fragte sich, ob es überhaupt Blut gab in so einem Vogel, während er den Wagen zwischen Torbens Citroën und Tatjanas Alfa parkte, in die Reihe der Marketingexperten und Kreativen: heißes Blech in allen Farben der DULUX-Palette. Die Verwesung flirrte über dem Asphalt, sechs oder sieben Tauben hatten sich vor dem Eingang versammelt, und gleichmäßig rollten seine Sohlen ab, drei, vier, sie saßen da, als warteten sie auf ihn, und er zählte weiter, in seinem Inneren, wie immer, wenn er in Situationen geriet, die ihn bedrängten: eine Angewohnheit, die er seit jener Nacht nicht hatte ablegen können. Plötzlich stob der Schwarm auseinander. Winter hielt die Luft an. Nah an seinen Ohren klangen ihre Flügelschläge wie die Rotorblätter eines startenden Hubschraubers; er duckte sich und spürte, daß sein Haaransatz zu jucken begann. Wie Autoscooter prallten sie gegeneinander, stumpf und plump, und er hielt weiter die Luft an, bis ihm die Lunge brannte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und die Tauben wirbelten in Zeitlupe Dreck auf und Federn; er trat nach ihnen, schlug blind mit den Armen, als kämpfte er gegen eine unsichtbare Armee, dann lehnte er sich gegen die Eingangstür, drückte die Klingel und wartete auf das Summen, mit dem die Verriegelung aufgehoben wurde. »Guten Morgen, Herr Winter«, sagte Alina vom Empfang aus, während sie sich auf ihrem Sessel hin und her drehte, Winter atmete aus und wieder ein, »sind Sie etwa gerannt?« fragte sie mit gespielter Überraschung, und er vermutete, daß sie sich dabei wahnsinnig geistreich vorkam, weil sie sich ja eigentlich duzten. Aber vielleicht war das nur eine gespielte Ermahnung, weil er noch nie zu spät gekommen war, vor allem nicht zu so wichtigen Terminen, also nichts weiter als eine kokette Art auszuprobieren, wie weit sie bei ihm gehen konnte. Er lächelte und erwiderte ihren Gruß freundlich, aber unverbindlich, professionell also, als hätte es diesen Unterton nie gegeben, und war seltsam stolz auf die Souveränität seiner Reaktion. Alinas Lipgloss glänzte im Licht des Halogensternenhimmels über ihnen, und kurz hatte er Lust, an ihrem Hals zu riechen, die warme Haut um ihr Schlüsselbein zu spüren, doch in diesem Moment kam Tatjana aus der Grafik, in einem dunkelblauen Kostüm, dessen Stoff ihn entfernt an Schmetterlingsnetze erinnerte. Sie streckte ihm die schwarze Präsentationsmappe entgegen und sagte, »wir müssen los«, gab ihm einen Kuß in den Nacken und zog ihn zur Tür. Sie roch nach frisch aufgetragenem Make-up und schwerem Parfüm, eine Mischung, die er auf nüchternem Magen kaum ertrug. Winter drehte sich noch einmal um und lächelte Alina zu, bevor er die Tür hinter sich schloß. Als er mit Tatjana zum Wagen ging, klingelte sein Handy. Er tastete danach und bekam den Inhalator zu fassen. Die Tauben saßen jetzt wieder in der Einfahrt und pickten in etwas herum, von dem er nicht wissen wollte, was es war; das Telefon klingelte weiter, und Winter wühlte in seinen Taschen, spürte die kurze Antenne und zog daran. Sein Handy fiel auf die Steinplatten. Der Akku sprang ab. Er bückte sich, um beides aufzuheben, Tatjana lachte, und als der Akku wieder einrastete, sah Winter, daß er Taubenflaum in das Handy geklemmt hatte. »Drecksviecher«, sagte er und zog die Nase hoch. Im Wagen drückte Tatjana eine Kassette ins Radio. Lloyd Cole. Es war so stickig, als hätte das Auto den ganzen Tag in der Sonne gestanden; noch bevor sie eingestiegen waren, hatten sie die Fenster heruntergekurbelt, und zum wiederholten Mal war Winter froh, alles Elektrische aus seinem Wagen verbannt zu haben. Die Vorstellung, im Notfall von der Funktionstüchtigkeit irgendwelcher Schaltkreise abhängig zu sein, hatte ihm immer angst gemacht; unter dem Kopfschütteln des Verkäufers hatte er seine Liste vorgelesen: keine Zentralverriegelung, keine elektrischen Fensterheber, keine Klimaanlage. Er beschleunigte, bis der Fahrtwind die heiße Luft aus dem Wagen gesaugt hatte, dann gab er Tatjana den Glückskeks. »Oh, süß von dir«, sagte sie und riß die Plastikfolie auf. Seitdem Winter das erste Mal bei ihr gewesen war, brachte er ihr manchmal irgendwelchen Esoterik-Kram mit, Mondkalender, Stimmungsringe, Räucherstäbchen. Sie hatte damals eine CD mit den Gesängen von Buckelwalen im Hintergrund laufen lassen, während sie über die Kampagne für ein Versicherungsunternehmen gesprochen hatten, und Winter war das ziemlich grotesk vorgekommen: Tatjana auf ihrem handschuhweichen Ledersofa, umringt von Anzeigenentwürfen, die überall auf ihrem Tropenholz- Parkett verstreut lagen und milchgesichtige BWL-Studenten zeigten, die den Daumen nach oben gereckt hielten und lachten, als gehörte ihnen die Zukunft; die Buckelwal-CD drehte sich dazu in der Bang & Olufsen-Anlage, und aus den Lautsprechern stöhnte und fiepte es zum Steinerweichen. Er brauche sich gar nicht darüber lustig zu machen, hatte Tatjana gesagt, das sei gut zum Entspannen. Außerdem verkörperten die Gesänge sozusagen das Gewissen der Welt. Winter hatte auf das lachende Gesicht eines blonden Mädchens gestarrt, das mitten in einem Rapsfeld an ein rotes Cabrio gelehnt stand, und versucht, sich zu entspannen. Es war ihm nicht gelungen. Aber wenn in den Klagelauten auch nur ein Bruchteil von dem war, was es zu beklagen gab, wußte er nicht, was daran entspannend sein sollte. Der Geruch des Glückskekses – Plastik, Backtriebmittel und roher Teig – mischte sich mit Tatjanas Parfüm und dem Geruch, den ihr Kostüm verströmte, und Winter fragte, ob sie seinen auch aufmachen könne, weil er heute noch nichts gegessen habe. Er mochte es, sie zu beobachten, während sie etwas für ihn tat, sie war dann ganz versunken. Selbst wenn sie Fusseln von seinem Revers entfernte, eine Geste, die er eigentlich haßte, hatte ihr Gesicht diesen Ausdruck: ein kurzer Moment der Selbstvergessenheit, hingebungsvoll und gleichzeitig vollkommen absichtslos; sie war dann wie in Trance, und würde er in solchen Momenten in die Hände klatschen und fragen, was sie da mache, wäre er sicher, daß sie hochschrecken und ihn verwundert ansehen würde; in diesen kurzen Augenblicken der Echtheit spürte Winter eine tiefe Zuneigung zu ihr. Er sah sie an, wie sie neben ihm saß, in diesem Schmetterlingsnetz-Ding, und seinen Glückskeks auspackte. Er fragte sich, ob sie das extra machte, ob Torben ihr aufgetragen hatte, so etwas anzuziehen oder ob sie sich irgendwas davon versprach, aber im Grunde, dachte er, war sie immer so gewesen, immer ein bißchen zu viel von allem: ein bißchen zu freundlich, ein bißchen zu sexy, ein bißchen zu stark geschminkt. »Du mußt den Spruch lesen, während du kaust«, sagte sie, als sie ihm den Glückskeks gab, »sonst wirkt es nicht«, und Winter knackte eine Hälfte mit den Zähnen ab. Der Keks schmeckte so, wie er roch: nach vergammelter Pappe. Winter hielt den Kopf aus dem Fenster. »Warum hast du auch keine Klimaanlage«, stöhnte sie, während ihr der Wind die Haare durcheinanderwirbelte. »Ich hasse Klimaanlagen«, sagte Winter, unter dem Stoffgitter sah er ihre Haut schimmern, nur über den Brüsten verdeckte ein schmaler Balken die Sicht. »Was?« »Ich mag keine Klimaanlagen«, sagte er, und Tatjana lachte und warf den Kopf in den Nacken: »Da hat sich Torben ja den Richtigen ausgesucht.« Er brauchte eine Weile, bis er begriffen hatte, was sie damit meinte, und fragte mit gespielter Langeweile, ob sie sich an die Kitty’s Diner-Kampagne erinnere. »Ich bin allergisch gegen Katzen«, sagte er, »trotzdem haben uns die Anzeigen eine Medaille eingebracht.« Tatjana guckte ihn von der Seite an. »Gegen was bist du eigentlich nicht allergisch«, fragte sie und zupfte ihr Kleid zurecht. Winter stellte sich vor, wie sehr sie darin schwitzen mußte. Er nahm die leeren Zellophantütchen, in denen die Glückskekse verpackt gewesen waren, von der Konsole, hielt sie in den Fahrtwind und beobachtete im Rückspiegel, wie sie in Richtung Asphalt schwebten: zwei winzige Segel, aus voller Fahrt rückwärts gerissen. »Weißt du überhaupt was über den Kunden?« fragte sie. Winter kurbelte das Fenster ein Stück hoch. »Ach komm«, sagte er, »du hältst ein bißchen die Pappen hoch und lächelst an den richtigen Stellen, und ich versuche, so wenig Fremdwörter wie möglich zu benutzen, damit sie denken, ich platze vor Kompetenz. Im Grunde funktionieren Klimatechniker nicht anders als Bäcker oder Wirtschaftsleute.« Weil ihr das augenscheinlich nicht reichte, holte sie ein paar Prospekte hervor, auf denen Sonnenuntergänge, Windmühlen und Iglus abgebildet waren. Auf den Titelseiten stand immer sowas wie »Die Natur als Vorbild- oder »Für ein gesundes Raumklima«, während innen dann die »genial einfachen Ideen der Natur« in der »einfach genialen XY-Klima-Lösung« ihre kongeniale Übersetzung fanden; links ein Bienenvolk, rechts ein Bürogebäude, dazu technische Einklinker mit farbigen Pfeilen, die die Molekülbewegungen im Klimasystem veranschaulichen sollten. Seit Jahren funktionieren diese Dinger so, kein Grund für eine Revolution also, dachte Winter. »Wir treten gegen drei Agenturen an«, sagte Tatjana und steckte die Prospekte hintereinander, als würde sie ein Kartenspiel mischen. »Der Etat ist siebenstellig. Ich glaube nicht, daß Torben begeistert wäre, wenn wir das vergeigen.« Winter imitierte ein Gähnen und dachte kurz an seine Frau und die Kinder und daran, daß er versuchen wollte, den...



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