Beutler | Die Schweiz und ihr Geheimnis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Beutler Die Schweiz und ihr Geheimnis

Warum dieses Land anders ist
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-03848-462-2
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Warum dieses Land anders ist

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-03848-462-2
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kurt Beutler ist Interkultureller Berater bei MEOS Interkulturelle Dienste und verantwortlich für Arabischsprechende in Zürich. In dieser Funktion hat der mit einer Ägypterin verheiratete Theologe schon mehrere Bücher zum Thema 'Islam und Christentum' veröffentlicht. Doch diesmal schrieb er ein Buch, das nur indirekt mit dem Islam zu tun hat. Jetzt beschäftigt ihn unsere eigene Identität: das Gesicht und die Seele der westlichen Welt - und der Schweiz im Speziellen. Denn die Schweiz ist auf viele Weisen so ganz anders. Wie stellt sich dieses Land heute dar? Wo hat es seine Wurzeln? Was ist sein Weg? Und was seine Mitte? Beutler sagt es in deutlichen Worten: 'Der Einfluss des christlichen Glaubens in der Schweizer Geschichte ist riesig. Ich glaube, dass eine Rückbesinnung jetzt dran ist, weil es bei der gegenwärtigen Bedrohung nicht mehr angeht, dass wir unseren eigenen Glauben und die eigenen Wurzeln mit Füßen treten. Es geht darum, zu einer neuen Wertschätzung zu finden, um anderen Religionen und Immigranten mit Selbstbewusstsein begegnen zu können. Fest und stark in dem Wissen, was uns im Tiefsten zusammenhält.'

Kurt Beutler wurde 1960 in Affoltern am Albis im Kanton Zürich geboren und wuchs in der Stadt Bern auf. Er studierte an der Universität Bern und am 'London Bible College' evangelische Theologie. Danach ließ er sich als Theologe im Bund Evangelischer Gemeinden ('Newlife') in Bern anstellen. Es folgten Aufenthalte in Japan, Ägypten und im Libanon. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz war er acht Jahre für die Heilsarmee in Zürich tätig; er gründete und leitete dort den Bereich 'Open Heart', einen Treffpunkt für Randgruppen im Langstrassenquartier. Heute ist er Mitarbeiter bei MEOS Interkulturelle Dienste in Zürich und arbeitet als interkultureller Berater.
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Kapitel 1


Spyris Heidi – die berühmteste Schweizerin


Die berühmteste Schweizerin ist Heidi. Dies jedenfalls erklärte mir jener syrische Asylsuchende, der ebendiesen Namen für seine Tochter ausgewählt hatte. Er erzählte, dass er die Geschichte von Heidi und dem Geißenpeter schon von klein auf geliebt habe und sich darum für seine Tochter keinen anderen Namen hätte vorstellen können. Durch ihn wurde mir bewusst, dass das Mädchen aus den helvetischen Alpen weltweit bekannt und beliebt ist.

Wer «Heidi» googelt, der trifft tatsächlich eine ganze Reihe von Superlativen an. Dieses Buch sei das mit Abstand bekannteste Werk der gesamten Schweizer Literatur, habe es doch eine Gesamtauflage von über fünfzig Millionen Exemplaren erreicht. Es gehöre zu den bekanntesten Kinderbüchern überhaupt und zu den am meisten übersetzten Büchern der Welt (über fünfzig Sprachen).

Als Johanna Spyri 1881 die Geschichte schrieb, soll sie damit sogar eine neuartige Literaturgattung geschaffen haben, kann man da erfahren. Zum ersten Mal in der Geschichte sei ein Buch aus der Perspektive eines Kindes geschrieben worden. Auch der Heimatfilm «Heidi» von 1952 war ein weltweiter Erfolg, die Fortsetzung «Heidi und Peter» von 1955, der erste Schweizer Farbfilm, ein noch größerer. Und das Interesse nimmt keineswegs ab. Die Geschichte soll mehr als ein Dutzend Mal neu verfilmt worden sein.

Während unzählige Kindergeschichten kommen und gehen, gibt es nur wenige Dauerbrenner. Wieso fasziniert gerade diese Geschichte seit Generationen die Welt? Darüber ist viel gerätselt worden. Berührt Heidi die Herzen, weil sie ein schutzloses Waisenkind ist? Oder weil das vermeintlich überflüssige Mädchen zur Hauptperson wird? Trotz ihrer Schwäche wird sie ja zur Heldin der Geschichte. Damit kann sich die Leserschaft offenbar identifizieren.

Das Buch beginnt schon im ersten Kapitel damit, dass Heidis Tante Dete das Kind los sein will. In ihrem Egoismus hört sie nicht auf die Warnungen der Dorfbewohner. Sie bringt es fertig, das Kind auf den lebensfeindlichen Berg ausgerechnet zum Alpöhi zu bringen, vor dem sich sogar die Erwachsenen fürchten. Sie bringt es auch fertig, eines Tages die Kleine völlig überraschend einfach wieder zu holen und in das ferne Frankfurt zur wohlhabenden Familie Sesemann zu verfrachten. Dort soll sie nicht nur lernen, artig zu sein, sondern auch zu lesen und zu schreiben.

Dies sind allerdings nur vorgeschobene Gründe. In Wirklichkeit ist sie geholt worden, um die Einsamkeit der gelähmten Klara erträglicher zu machen. Wenn die Tante auch behauptet, Heidis Wohl im Sinn zu haben, stellt sich doch unweigerlich heraus, dass es ihr wieder einmal nur um den eigenen Vorteil geht.

Heidi erscheint in der Geschichte zweimal als Opfer. Zunächst einmal bei ihrer erzwungenen Ablieferung beim menschenfeindlichen Alpöhi, der sie zuerst nicht haben will. Dies scheint sie aber gar nicht zu bemerken. Sie fühlt sich auf dem Berg sofort wie ein Fisch im Wasser. Umgekehrt wird ihr späterer Aufenthalt im Hause Sesemann in Frankfurt, der eigentlich als die große Chance ihrer Kindheit gesehen werden könnte, für sie zunehmend zum Albtraum.

Nicht nur die Handlungen der Erwachsenen überraschen den Leser, sondern auch Heidis Reaktionen darauf. Diese bleibt aber immer sich selbst treu. Gerade dadurch gewinnt sie die Herzen der Leser. Sie fürchtet sich nicht vor dem gewaltigen Alpenwind und kann mit dem verbitterten Großvater genauso umgehen wie mit dem genauso eigenbrötlerischen Geißenpeter. Dessen Großmutter liebt sie und möchte ihre Armut und ihr Leiden irgendwie lindern.

Mit kindlicher Unschuld sammelt sie in den ersten Tagen im reichen Frankfurter Haus Brötchen, die sie für die blinde Frau aufheben will. Sie sieht diese nämlich nicht nur als die Großmutter des Geißenpeters, sondern auch als ihre eigene. Für derartige Gefühlsduseleien hat aber die Erzieherin Fräulein Rottenmeier kein Verständnis. Damit beginnt eine endlose Serie von Problemen.

Während sie sich vorher an das Leben auf der Alp sofort anpassen konnte, bleibt sie in Frankfurt ein Fremdkörper. Physisch ist sie zwar in Deutschland, aber innerlich lebt sie immer noch in den Bergen. Schrittweise zieht sie sich in sich selbst zurück und wird seelisch krank. Sie isst und freut sich nicht mehr und erschreckt das ganze Haus dadurch, dass sie schlafwandelt.

Der Arzt ist es schließlich, der sie rettet. Er setzt das Undenkbare durch, und Heidi wird wieder auf die Alp geschickt, wo schließlich die gesamte Frankfurter Familie sie besucht. Nun sind sie es, die als Fremdkörper wirken. So wie sie einst über Heidi geredet haben, kommen sie nun ins Gerede der Bergdorf-Bewohner. Doch auf wundersame Weise führt der Besuch der Familie auf der Alp zur Heilung der gelähmten Klara. Zudem versöhnt sich der Alpöhi nicht nur mit Gott und den Menschen, sondern zieht sogar um – zurück in sein Haus im Dorf, das er nun mit dem deutschen Arzt teilt, welcher Heidi sogar als seine Erbin einsetzt.

Johanna Spyri war offensichtlich begabt darin, unterschiedliche Persönlichkeiten zu schildern. Sie malt dem Leser nicht nur die fröhliche Heidi und den verbitterten Großvater Seite um Seite vor Augen, sondern auch den wortkargen, denkfaulen Geißenpeter und dessen mausarme Familie mit der gefühlvollen Großmutter. Die pedantische, von Ängsten geplagte Erzieherin Rottenmeier bringt jeden zum Schmunzeln. Sie wird im Hause Sesemann offensichtlich in Kontrast zur herzensguten Großmutter von Klara gesetzt. Heidis ungewollte Streiche bringen das noble Frankfurter Haus durcheinander, und man kann sich darüber ein ums andere Mal mit der gelähmten Tochter Klara mitfreuen.

Viele Deutungen der Heidi-Geschichte sind versucht worden. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass sich das Buch gegen die Verstädterung wenden wolle. Es sieht so aus, als wolle Johanna Spyri mit dieser Geschichte gegen die Entwicklung der modernen Welt und gegen die Industrialisierung protestieren. Zu einer Zeit, als man die Berge wegen ihres rauen Klimas gefürchtet habe, werde das Leben auf der Alp in Johanna Spyris Buch geradezu idealisiert. In der Geschichte werde deutlich gezeigt, dass nicht das Leben in der Großstadt, sondern dasjenige auf der Alp lustig und lohnenswert sei.1

Doch derartige Deutungsversuche sind viel zu weit gegriffen. Sie vergessen, dass es sich um ein Kinderbuch handelt. Darin wird ganz einfach erzählt, wie Heidi die Berge und im Gegensatz dazu die Großstadt empfindet. Nirgends wird behauptet, dass das Leben auf der Alp allen Menschen so leichtfällt und so lustig erscheint wie ihr. Ganz im Gegenteil. So wird in ebendiesem Buch etwa auch berichtet, wie schwer es der Großmutter des Geißenpeters fällt, die in der Nacht nicht schlafen kann, weil sie Angst hat, dass die starken Winde ihr altes Haus einstürzen lassen.

Heidi ist zwar nicht geschaffen für Frankfurt, aber es kommen durchaus Persönlichkeiten in der Geschichte vor, die dorthin besser passen als in die Alpen. Und auch wenn das Kind aus den Bergen in Deutschland nicht glücklich wird, so reift es doch dort. Es lernt nicht nur lesen und schneidern, sondern sammelt Lebenserfahrung, die es bei seiner Rückkehr gewinnbringend einsetzt.

Traurig ist Heidis Misserfolg in Frankfurt. Sie ist nicht anpassungsfähig. Könnten Kinder nicht mehr aus einem Buch lernen, das von Erfolg erzählt? Ist vielleicht die versteckte Aussage der Heidi-Geschichte, dass es zu Hause am schönsten sei, anstatt dass man sich verändern und Neues lernen müsse? Aber wer solches vermutet, hat das Buch missverstanden.

Nachdem die Tante das kleine Mädchen zum Alpöhi bringt, wo es eigentlich gar nicht zu Hause ist, passt es sich sogar unglaublich schnell und gut dem extrem schwierigen Öhi und seinem kargen Alpleben an, obwohl es eigentlich ja zu diesem Zeitpunkt dort noch gar nicht zu Hause ist. Wieso aber kann es sich später in Deutschland nicht zurechtfinden? Weil es einfach nur ein Kind mit seinen Grenzen ist. Es ist durchaus realistisch, dass nicht jeder sich überall zurechtfinden kann – und schon gar nicht ein herumgeschubstes Waisenkind.

Heidi wird zwar als ein aufgewecktes Mädchen geschildert, aber eben gerade nicht als ein Wunderkind. Das macht es umso attraktiver und realitätsnaher. Es kehrt zwar in die Heimat zurück, aber nicht nur, um wieder so zu leben wie früher, sondern um seine Mitmenschen dank der neu gewonnenen Deutschland-Beziehungen und Auslands-Erkenntnisse zu beglücken.

Wer den Sinn des Buches verstehen will, muss im Leben der Autorin suchen. Im Stadthaus von Zürich soll Johanna Spyri 1879 den ersten Teil des Heidi-Romans innerhalb von vier Wochen geschrieben haben.2 Er kam direkt aus ihrem Herzen, weil das, was darin steht, ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen ausdrückt.

Sie war zwar kein Waisenkind, aber sie war auch auf dem Land aufgewachsen und hatte zu einem Anwalt mitten in die Stadt Zürich geheiratet. Während ihr Vaterhaus immer voll von Menschen gewesen war, hatte ihr Ehemann keine Zeit für Gäste.

Es geht in der Heidi-Geschichte überhaupt nicht um versteckte Anspielungen auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen, sondern um das Innenleben eines Menschen. Die Autorin hat ja ebenso wie das Heidi eine psychische Krankheit durchgemacht, und zwar eine längere.

Wie viel ihre unglückliche Ehe dazu beigetragen hat, können wir nicht sagen. Jedenfalls gebar sie nur einen einzigen Sohn und wurde während der Schwangerschaft von Depressionen übermannt. Früh schon zeigte sich, dass der Sohn kränklich war und nicht lange leben würde. Aus derart schwierigen Situationen wurde der Glaube geboren, von dem sie in der Heidi-Geschichte...



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