Beyer | Tante Helene und das Buch der Kreise | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Beyer Tante Helene und das Buch der Kreise

Roman
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8437-2712-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2712-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein mit viel Zeitgeschichte versehener Familienroman über die Rebellion gegen gesellschaftliche und familiäre Erwartungen und den Mut, den es erfordert, sich selbst treu zu bleiben Tante Helene, das ist Helene Klasing, Künstlerin unter Künstlern, Freigeist unter Engstirnigen und Tochter einer Mutter, die sie nach der Geburt zur Adoption freigab, um der gesellschaftlichen und familiären Ächtung zu entgehen. Doch davon weiß Helene nichts. Erst als sie Anfang der 1960er-Jahre ihren Freund Harald heiratet, erfährt sie von ihrer adeligen Abstammung. Sie muss nicht nur mit dem Gefühl, ihr ganzes Leben lang belogen worden zu sein, zurechtkommen, sondern auch mit einer Familiengeschichte, die konträr zu all dem steht, wofür sie als junge Frau kämpft. Eine Generation später reist Alexander, der früh seine Mutter, die Halbschwester Helenes, verloren hat, von New York nach Frankfurt, um das verstoßene Kind der Familie endlich näher kennenzulernen. Er begegnet einer beeindruckenden Frau und in ihrer Geschichte seinen eigenen großen Lebensfragen.

Martin Beyer, geboren 1976, hat mit 18 Jahren seine erste Erzählung veröffentlicht und macht seitdem nichts lieber, als an seinen Geschichten zu arbeiten und daraus vorzulesen. Für seine Texte wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Walter-Kempowski-Literaturpreis und dem Bayerischen Kunstförderpreis. In Workshops vermittelt Martin Beyer kleinen und großen Menschen den Zauber des Erzählens und hilft ihnen, ihre künstlerische Identität zu stärken. Er lebt mit seiner Familie in Bamberg.  http://www.hinter-den-tueren.de/
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Jemand, an den ich mich erinnern werde


Die Räder standen still. Es ging nicht weiter. Minutenlang schon ging es nicht weiter. Mit dem üblichen Verkehrsaufkommen zur Rushhour war das nicht zu erklären. Alexander blickte auf die Armbanduhr, ohne die Zeit abzulesen. Kurz darauf noch einmal. Und noch einmal. Als er es bemerkte, musste er lächeln. Der Automatismus des Zu-spät-Kommens. Als würde es irgendetwas nutzen, auf die Uhr zu schauen, als würde Gott deswegen die Straßen schneller frei machen (wobei es äußerst unwahrscheinlich war, dass sich Gott für das Verkehrswesen in New York interessierte).

Dumm gelaufen.

Alexander fühlte sich an dieses unselige Kinderlied erinnert, »die Räder vom Bus gehen rundherum«, nur dass er in einem Taxi war und sich die Räder schon seit geraumer Zeit nicht mehr drehten. Der Fahrer nahm einen Funkspruch entgegen und informierte Alexander, dass irgendwelche Leute die Brooklyn Bridge blockiert hätten. Eine Demo an der City Hall. Wenn er wolle, könne er versuchen, zu Fuß bis zur nächsten U-Bahn-Station zu laufen, und wenn nicht, dann könne er gerne im Taxi warten, bis die Polizei diese Idioten festgenommen hätte. »Was ist nur aus dem Westen geworden«, maulte der Mann am Steuer, er war ganz in Khaki gekleidet und heute Morgen beim Versuch gescheitert, das Resthaar so über den Schädel zu verteilen, dass es nicht nach einer Groteske aussah. Alexander stellte eine Berechnung an:

  1. Standort: direkt an der Brücke, Downtown türmte sich auf, Gott sei Dank hatten sie noch die Ausfahrt vom Roosevelt Drive geschafft, sonst hätte er nicht einmal aussteigen können (vielleicht unterschätzte er Gott, und der himmlische Vater war, weil er alles war, auch eine Art Verkehrspolizist). Wie lange würde er von hier zu Fuß zur nächsten U-Bahn-Station benötigen? – fünf Minuten bei flotter Gangart, je nachdem, was auf den Straßen wegen der Demo los war.
  2. Würde er ins Schwitzen kommen? – Vermutlich in einem verantwortbaren Maße, es war kühl heute.
  3. Würde er zu spät zum Termin mit der Taylor-Familie kommen? – Sehr wahrscheinlich, es stünde diesen neureichen Welteroberern allerdings gut zu Gesicht, wenn sie einmal auf jemanden warten mussten, und dann gab es ja noch Dad; Dad war schon längst in der Firma. Er war immer in der Firma.
  4. Interessierte es ihn, welche »Idioten« den Platz vor der City Hall und damit die Zufahrt zur Brücke blockierten? Und bedeutete das, dass er den Termin mit den Taylors einfach sausen lassen und sich das einmal genauer anschauen sollte? Bei ehrlicher Betrachtung: ja. Allerdings hatte er wegen des Taylor-Termins diese Kostümierung an, vermutlich würde er sofort in Gespräche über die Systemfehler des Kapitalismus verwickelt werden. Höchstwahrscheinlich aber würden sie ihn gar nicht beachten.

Das Ergebnis war eindeutig: Er ging los. Der Himmel versprach zu viel mit diesem euphorischen Blau, die Blätter der Bäume waren herbstgelb, Honigbäume hatte Grandma sie auf Deutsch genannt, viele Leute trugen bereits Mützen oder hatten sich Kapuzen über den Kopf gezogen. Er kam an einer Polizeistation vorbei, vermutlich waren alle Uniformierten ausgeflogen, alle bei der Demo, er passierte die üblichen Ladengeschäfte und Bistros, auf einer Fensterfront der Vers »Ra-men, könnt’ ich heut gut vertra-gen«, Shakira sang von irgendwoher »Underneath your clothes …«. Wäre ich doch im Museum geblieben, dachte er, eine Arbeit von Betye Saar hätte er am liebsten gestohlen: ein rustikaler Fensterrahmen aus braunem Holz, und statt hindurchzuschauen, blickt man auf verschiedene Bilder, machtvolle und rätselhafte Symbole, ein Skelett, zwei tanzende Menschen, ein Löwe schluckt die Sonne. In der großen Aussparung unten blickt ein nachtschwarzes Gesicht zurück und zwei Hände, mit astrologischen Zeichen verziert, pressen sich an die Scheibe. Rein oder raus? Das hatte ihn an Helenes Arbeiten erinnert, und er dachte an die Tante aus Deutschland und ob sie vielleicht eine Seelenverwandte von Betye Saar war, und wie es wäre, wenn sie einmal eine Ausstellung im MoMA haben und ihn einige Tage in New York besuchen würde. Helene Klasing: Wäre das zu abgedroschen? Vielleicht: . Nein, das war auch nichts. Anrufen, er sollte sie dringend einmal wieder anrufen, viel zu lange hatte er nichts mehr von ihr gehört. Seit sie ihm das Bild geschickt hatte. Das Bild. Viel zu schade, es in seinem Büro zu verstecken. Aber wo ist es besser aufgehoben, in deiner Wohnung? Als er darüber nachdachte, hatte er die City Hall erreicht.

»Ich hab hier eine dringende Medikamentenlieferung«, rief ein Mann, er war aus dem Wagen gestiegen und schleuderte seine Fäuste in Richtung Demonstration, »und wenn mir einer verreckt, dann sind diese Gammler daran schuld!« Die Säulen der Stadthalle, niemand hatte einen Blick dafür, niemand schlenderte, hielt inne, sah sich etwas an. Die meisten wirkten noch gehetzter, aus der Routine geworfen, verschlossene Mienen, und wahrscheinlich könnte man, wenn es ganz still wäre, die knirschenden Kiefer hören.

Die Gesichter änderten sich jedoch, je näher er der Blockade kam, denn jetzt waren auch Sympathisanten des Geschehens darunter, und die waren aus einem ganz anderen Grund wütend, oder sie waren überhaupt nicht wütend, sondern in gewisser Weise überwältigt, bei diesem Ereignis dabei zu sein; manche strahlten und lächelten dieses Kirchenlächeln, und tatsächlich stand da an einer Ecke ein selbsternannter Priester mit einem Megaphon und verkündete: »GLAUBE! Gott will, dass ihr sanft zueinander seid. Das ist SEIN Wille.«

Halleluja, dachte Alexander und ging weiter, es war wie ein Sog, der ihn in das Innere dieser Zusammenkunft zog. Ein Verkündigungswettstreit der Megaphone, neben dem Priester brüllten mindestens zwei weitere Leute über den Platz, die eine Stimme schien zu den Aktivisten zu gehören, sie sagte, dass die Stadt in wenigen Jahren nur noch von Superreichen bewohnt werde, wenn es so weitergehe. Und im Schatten der neuen Häuser wachse nichts. Die Gegenstimme der Polizei forderte dazu auf, die Fahrbahn freizugeben. Ein junger Mann saß auf einer Laterne und rollte ein Plakat aus, Alexander sah ihm eine Weile dabei zu. Eine Botschaft in die Welt setzen. Überhaupt eine Botschaft haben. Auf eine Laterne klettern im Glauben, etwas bewirken und verändern zu können. Irgendwie beneidenswert.

Viele Aktivisten waren verkleidet, Kinder steckten in Bienenkostümen, einige hatten sich in Kunstblut getaucht und einen rätselhaften Bewegungsablauf einstudiert. Ein Weltuntergangstanz? Es wurde gesungen: , und Alexander hätte es nicht für möglich gehalten, dass man dieses Lied auf eine sarkastische Weise singen konnte.

Ein paar Obdachlose verfolgten das alles stoisch aus ihren Schlafsäcken, heute kamen eben noch die Schlafsäcke der Aktivisten hinzu und die Zelte und Matratzen und Kinderwagen und Rucksäcke. Überall waren Polizisten, Polizeimotorräder standen herum, der Wind frischte auf und Alexander fragte sich, ob dieser Ort gut gewählt war, warum sie nicht etwa am Times Square demonstrierten und sich mit den Phänomenen umgaben, gegen die sie sich so schilderreich wendeten. Und nur ein paar Meilen Luftlinie von hier saß in diesem Augenblick sein Vater am Tisch mit den Taylors; sie halfen kräftig mit, dass dieses (wie auf einem Schild stand) funktionierte. Dad würde die Welteroberer-Familie Taylor in diesem Moment überzeugt haben, ihr neues Hotel in Manhattan mit einer Küche aus dem Hause LeMay auszustatten. Dad sagte vermutlich in dieser Sekunde einen Satz wie: »Wir sind ein Unternehmen mit Tradition, aber unser gesamtes Setup ist rein quantitativ!« Oder würdest du selbst einen solchen Satz sagen, wenn du mit am Tisch sitzen würdest? Die Taylors jedenfalls würde es freuen, das zu hören, denn es bedeutete, sie würden bald noch mehr besitzen, nicht unbedingt mehr Geld, es ging ihnen längst nicht mehr nur um Geld, sie waren eben nicht irgendwelche Investoren, sie wollten etwas bewirken und verändern ( waren sie dem Mann auf der Laterne ähnlich), sie suchten sich ihre Objekte und Partner genau aus. Was war das für ein Gefühl, wenn man aus irgendeinem Kaff in Wisconsin stammte und nun dafür verantwortlich zeichnete, ganze Stadtteile umzubauen? Er hätte neben seinem Vater sitzen sollen, weil die Taylors in den Außenbezirken ihres Geschäftssinns altmodisch und sentimental sind und Wert darauf legen, Kunde bei einem Familienunternehmen zu sein, dessen Potenz sich auch dadurch zeigt, dass es einen Nachfolger gibt, einen Junior. Auch wenn dieser Junior nicht richtig mitmacht, aber das mussten die Taylors nicht wissen.

Alexander ließ sich weiter durch die Menge treiben, er stand nun mitten auf einer Kreuzung; hier hatten sie die Straßensperre errichtet, ein , die Frauen und Männer hatten sich auf den Boden gelegt, summten und klatschten in die Hände, ziemlich lebendige Leichen. Vor dieser Gruppe lagen fünf von ihnen auf diesen glitzernden Rettungsdecken aus dem Verbandskasten, die Beine steckten in...


Beyer, Martin
Martin Beyer, geboren 1976, ist promovierter Germanist und lebt und arbeitet in Bamberg als freier Autor und Dozent für Kreatives Schreiben. 2009 erschien sein Debütroman Alle Wasser laufen ins Meer. Im selben Jahr erhielt er den Walter-Kempowski-Literaturpreis, 2011 den Kultur-Förderpreis der Stadt Bamberg.



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