Bierter | Den Planeten zum Singen bringen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Bierter Den Planeten zum Singen bringen

Von der Maschine zum Netz des Lebens - Ein Denkraum für die Krise der Gegenwart
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-0279-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Von der Maschine zum Netz des Lebens - Ein Denkraum für die Krise der Gegenwart

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-6957-0279-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nicht die Welt ist zu komplex, unser Denken ist zu klein. Worum es geht Was, wenn die planetarische Krise nicht zuerst ein Ressourcenproblem ist, sondern ein Denkproblem. Dieses Buch stellt die unbequeme Frage, ob unser gewohntes lineares Denken der Komplexität von Erde, Leben und Mitwelt überhaupt gewachsen ist. Was dich erwartet 'Den Planeten zum Singen bringen' verbindet Philosophie, Wissenschaft und poetische Imagination zu einer transdisziplinären Erkundung. Es zeigt, wo eindimensionale Lösungsmodelle abbrechen, und eröffnet einen Denkraum, in dem Denken dem Handeln vorausgeht. Verantwortung erscheint dabei nicht als moralischer Druck, sondern als bewusste Förderung des Lebens aller Geschöpfe. Was du daraus mitnimmst Du gewinnst eine neue Sprache für Zusammenhänge, eine präzisere Sensibilität für Komplexität und eine Ethik, die nicht bei Appellen stehen bleibt. Statt schneller Antworten bekommst du tragfähige Fragen, die dein Weltbild weiten und dein Handeln begründen. Für wen dieses Buch ist Für Leserinnen und Leser, die bereit sind, Gewissheiten zu verlassen. Für Menschen, die sich von der ökologischen Krise nicht nur informieren lassen wollen, sondern sich in ihrem Denken verwandeln möchten. Für die nächsten Generationen, die nicht mehr mit dem Komfort einfacher Erklärungen leben können. Warum jetzt Technologische Möglichkeiten wachsen rasant, doch ohne ein planetarisches Bewusstsein bleibt jede Lösung brüchig. Dieses Buch setzt dort an, wo Veränderung beginnt: im Denken, das Verantwortung möglich macht.

Willy Bierter, geb. 1940 in Basel/Schweiz. Er studierte theoretische Physik und arbeitete als Wissenschaftler in Heidelberg, Berkeley (Kalifornien) und München. Seine nächsten Stationen waren wirtschaftspolitische Beratung, Leiter der Planungsgruppe der Gesamthochschule Kassel, Gründung und Aufbau des Ökozentrums in Langenbruck/Schweiz, danach selbständiger Wissenschaftler und Berater auf den Gebieten Wirtschaft, Technologie und Umwelt, Leiter der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt & Energie und Co-Leiter des Instituts für Produktdauer-Forschung in Genf und Senior-Mitarbeiter am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit in Berlin. Seit mehr als 10 Jahren bewegt er sich im Bermuda-Dreieck von transklassischer Logik, Poetik und altchinesischem Denken.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. Die zweite Schöpfung: Die Verwandlung der ursprünglichen Natur in eine zweite künstliche Natur mit der Maschine als Höhepunkt der faustisch-abendländischen Hochkultur


„Uns ficht des Schicksals Feindschaft bloss von aussen an …
(Es) kann uns nicht in unsre ewige Seele langen,
In Glück und Unglück bleibt mein Geist zusammenhangen.
Prometheus heiss ich. Was mir aussen widerfährt,
ob Lust und Leid, das acht ich nicht bemerkenswert.
Der Wert, der Stolz, das Selbstbewusstsein wohnt mir innen.
Ich hab ein Schloss aus Luft gebaut mit Turm und Zinnen,
Ein Tausendwandergarten ist darum geländet
auf dreizehn Bogen. Zwölf der Bogen sind vollendet,
den letzten, schönsten Bogen aber werd ich biegen,
wenn wir gefangen in des Hades Kerker liegen.
Wie eng er sei, er muss dem Geist ein Plätzlein räumen,
und wenn der Schlaf mich zwingt, je nun,
so werd ichs träumen.“1

1.1 Der frühgeschichtliche Wesenskern der Technik


Über Hunderttausende von Jahren sind die Menschen als Jäger und Sammler Kleingruppenlebewesen. Über ihre Lebensweisen wissen wir nichts, auch nicht wann und warum der frühe Primat sich aufrichtete. Mittels einer Metapher unternimmt Vilém Flusser den Versuch, uns in jene frühe Ära unserer Vorfahren einzuleben, als sie begannen, sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Vor einigen Millionen Jahren fiel der Primat beim Hangeln zwischen den Bäumen im ostafrikanischen Becken– der damalige Klimawandel liess die Abstände zwischen den Bäumen immer grösser werden, weshalb er sie queren musste – plötzlich vom Baum und landete auf seinen zwei Beinen. Der schwindende Regenwald nötigte ihm etwas bis dahin Unerforderliches auf: den aufrechten Gang. Erstaunt stellte er fest: Aus den Vorderläufen, mit denen er bis dahin steten Kontakt mit dem Erdboden beim Gehen oder mit Baumästen beim Hangeln hielt, wurden zwei freie Arme und Hände. 2 Diese konnte er jetzt für bisher unvorstellbare Funktionen einsetzen, was allerdings das Umorganisieren des Körpers und vor allem des Zentralnervensystems erforderlich machte– ein wahrscheinlich eher mühsames und riskantes Unterfangen. Jedenfalls eröffnete der Fall vom Baum – wenn man so will als Folge einer ökologischen Katastrophe– einen Möglichkeitsraum, den man als den Beginn eines anderen Evolutionsweges betrachten kann. Durch Aktivieren seiner den Naturkräften angehörigen ganzen "Leiblichkeit“ (Muskelkraft von Händen, Armen und Füssen plus einwertige rationale Überlegungen) ist er nun in der Lage, völlig neue Kontaktmöglichkeiten zur Welt herzustellen, hauptsächlich aber den Stoffwechsel mit der Natur, d.h. die Gewinnung und Verarbeitung pflanzlicher und tierischer ”Stoffe“, durch exploratives Tun in Form von körperlicher Arbeit in Gang zu setzen, zu regeln und zu kontrollieren. Dies ermöglicht ihm, die Sphäre rein naturhafter Prozesse zu verlassen, was mit Fug und Recht als Stadium beginnender Technik bezeichnet werden kann.

In diesem Stadium der geschichtlichen Entwicklung formt der Mensch aus Steinen Werkzeuge (z.B. Faustkeile und Steinmesser zu Verarbeitungs-, Jagd- und Kampfzwecken). Er bearbeitet damit beispielsweise ein Stück natürlich gewachsenes Holz, um daraus bspw. einen Löffel zu schnitzen. Dieser Löffel hat am Ende keine natürliche, sondern eine künstliche Form, die aufgrund eines bewussten Zweckes geschaffen worden ist. Das zur Herstellung verwendete Steinmesser ist, wie Hegel sagen würde, ein Stück objektiver Geist. Objektiv insofern, als es ein materielles Stück der Aussenwelt ist, und Geist insoweit, als die Natur von allein keine Werkzeuge hervorbringt und letzteres dem menschlichen Bewusstsein vorbehalten ist, das den blossen Stoff durch bewusste Formung zur Stellvertretung seiner Handlungsabsichten zwingt. Dort wo der Mensch der Frühzeit in Höhlen wohnt, schmückt er deren Wände mit Zeichnungen. Die Höhle ist ein Teil des Naturzustandes der Erde und als solcher unter natürlichen Bedingungen bestimmter Naturprozesse entstanden. Die Zeichnungen hingegen sind etwas, was die Natur nicht als Resultat ihrer rein physikalisch-chemischen Vorgänge hervorbringen kann. Sie sind das Ergebnis einer seelischen Spontaneität des Menschen; in ihnen drückt sich seine Geistigkeit aus, und weil dieser Ausdruck im objektiven Material der Höhlenwände erfolgt, sind diese Zeichnungen ebenfalls objektiver Geist. Solche künstlerischen Höhlenzeichnungen erfüllten vermutlich ganz unterschiedliche Funktionen: die Beschwörung von Geistern und Göttern, die Huldigung verstorbener Vorfahren, das Festhalten von Erfahrungen bei Jagdexpeditionen oder einfach die spielerische Gestaltgebung von alltäglichen Dingen und Erlebnissen. Es ist wohl nicht allzu verkehrt, in diesen Zeichnungen, die symbolhaft menschliche Erfahrungen, Träume, Ängste und Hoffnungen zum Ausdruck bringen, erste „Bausteine“ eines heraufkommenden ideographischen Alphabets zu sehen.

Bereits bei der Herstellung der Steinwerkzeuge tritt der Wesenskern der Technik deutlich zutage, nämlich dass der Begriff Technik Ausdruck eines Verhältnisses, eines Beziehungsfeldes ist, in dem sowohl der tätige Behandler als auch das Behandelte (z.B. der Stein) sowie das Verfahren, die Methode enthalten sind, um den Weg des Vorgehens begehbar zu machen, d.h. wie der Behandler etwas behandelt. Um aus einem Stein eine Spitze zu erzielen, hat der Steinzeitmensch mit einem Stein gegen einen anderen geschlagen. Er hielt den zu bearbeitenden Stein wohl in der linken und den schlagenden in der rechten Hand. In der Absicht, beispielweise einen künstlichen Zahn zu erhalten, musste im Zentralnervensystem das Modell eines künstlichen Zahns „errechnet“ und im Sinne dieses Modells die zwei Hände von den beiden Gehirnhälften gesteuert werden. Dabei war der Stein in der linken Hand der „Gegenstand“ im engeren Sinn, während innerhalb der Geste des Steinschlagens der Stein in der rechten Hand kein Gegenstand war, sondern eine Verlängerung der Hand, also ein Werkzeug; somit gehören die beiden Steine zwei unterschiedlichen Wirklichkeitsordnungen an, zwischen denen es keinen graduellen Übergang gibt.

Das Steinschlagen war eine technische Geste, die während hunderttausenden von Jahren ausgeführt wurde. Doch plötzlich tritt eine technische Revolution ein. Der behauene Stein wird verächtlich weggeworfen und stattdessen nach den Splittern gegriffen, die beim Schlagen abfallen und vorher abschätzig beiseitegelassen wurden. Jetzt fügt man diese Splitter in Hölzer und fertigt daraus Speer- und Pfeilspitzen, Messer, Nadeln und Feilen. Dieser technische Sprung führt zu völlig neuen existentiellen Erlebnissen, Erkenntnissen und Werten, allein weil die Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet und geachtet wird, was vor-dem der Verachtung anheimfiel (die Splitter) und zugleich etwas verachtet wird, was bis dato geachtet wurde (behauene Steine). „Wenn eine ‚blosse‘ Umstellung der Einstellung zu Steinen beim Hauen jene Existenz zur Folge hatte, die wir die ‚eigentlich menschliche‘ nennen, welche Folgen wird dann das gegenwärtige Umstellen der Einstellung zur ganzen objektiven Welt haben?“3 Die eben erwähnte technische Revolution wie im Übrigen alle darauffolgenden bis hin zur industriellen Revolution sind im Grunde Umstellungen „im Subjekt“ – erst die gegenwärtigen Revolutionen (Stichworte: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz usw.) sind Umstellungen „aus dem Subjekt hinaus“.

Wird Technik nicht losgelöst als statisches Objekt begriffen, sondern als Beziehungsfeld unter Hineinnahme des technisch Handelnden in die Betrachtung, dann ist alle Technik Ausdruck eines doppelten Verhältnisses des ausübenden Akteurs, zum einen zu seiner Um-Welt, zum anderen zu sich selbst, Hetero-referenz und Selbstreferenz zugleich.4 Dieses doppelte Verhältnis lässt sich bereits beim Faustkeil als erstem technisch gefertigten Objekt deutlich ablesen. Für Vilém Flusser geht die Herstellung von Werkzeugen aus Stein oder aus Holz mit einer zweifachen Geste der Empörung bzw. der Verneinung des Objekts seitens des Subjekts einher. Einerseits richtet sich die Empörung des Produzenten gegen sich selbst, gegen das Unvermögen mit den eigenen Händen Stein oder Holz bearbeiten zu können, andererseits gegen Objekte der Welt, nämlich gegen Steine oder Holz, die als blosse Fundstücke offensichtlich nicht ganz so beschaffen sind, dass sie zu den Zwecken passen, die sie erfüllen sollen, weshalb sie „bearbeitet“ werden müssen. Anders ausgedrückt: „Das Steinschlagen zeigt, dass die Existenz (die technische Einstellung) eine Verneinung des Objekts seitens des Subjekts ist, und zwar wie gesagt in doppelter Hinsicht. Einerseits setzt das Steinschlagen ein Modell voraus (etwa das eines künstlichen Zahns), was beinhaltet, dass für das Subjekt das Objekt (der ‚gegebene‚ Zahn) nicht so ist, wie er sein soll. Andererseits äussert sich das Steinschlagen als eine gegen den Stein gerichtete Geste: Weil der gegebene Zahn nicht so ist, wie er sein soll, ist auch der gegebene Stein nicht so hinzunehmen, wie er ist. Das...



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