Bierter | Pilgerfahrt ins Morgen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Bierter Pilgerfahrt ins Morgen

Gespräche abseits ausgetretener Pfade
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-18424-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gespräche abseits ausgetretener Pfade

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-347-18424-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus Erfahrungen und Beobachtungen beim Zusammenspiel von Denken und Fühlen, von Wahrnehmen, Wollen und Handeln werden Thesen formuliert, die neue Möglichkeitsräume für denkerische, seelische und spirituelle Spielfähigkeit hin zu mehrwertigen Formen des Denkens, Fühlens und Wahrnehmen aufzeigen, und so die Vielgestaltigkeit des gelebten Lebens widerspiegeln.

Willy Bierter, geb. 1940 in Basel/Schweiz. Er studierte theoretische Physik an der Universität Basel (Promotion 1965) und arbeitete als Wissenschaftler in Heidelberg, Berkeley (Kalifornien) und München. Seine nächsten Stationen waren wirtschaftspolitische Beratung, Leiter der Planungsgruppe der Gesamthochschule Kassel, Gründung und Aufbau des Ökozentrums in Langenbruck/Schweiz, danach selbständiger Wissenschaftler und Berater auf den Gebieten Wirtschaft, Technologie und Umwelt, Leiter der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt & Energie und Co-Direktor des Instituts für Produktdauer-Forschung in Genf. Seit bald 10 Jahren bewegt er sich im Bermudas-Dreieck von transklassischer Logik, Poetik und altchinesischem Denken.
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2. Wo nur anfangen?

„Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ 33

Wo soll man anfangen? Frühmorgens beim zögernden Erwachen aus dem Halbschlaf, wenn man mit noch steifen Gliedern und schlaftrunkenen Augen sich aus den Laken herauswindet – vielleicht noch der vagen Erinnerung nachhängend, ob und was von den gestrigen Träumen noch übrig geblieben ist – und ganz allmählich in den Lauf der Dinge dieser Immer-schon-gewesenen-Welt wieder eintaucht, vorwärts zum Anfang einer neuen Tageswirklichkeit mit ihren gewohnten Abläufen, Illusionen, Kümmernissen und – so die leise Hoffnung – einigen unerwarteten Lichtblicken, als Wesen mit inzwischen wachen Augen, das neu entscheidet und entscheiden muss statt weiter vor sich hinzudösen? Heinz von Foerster meint jedenfalls 34: Jeder Moment in unserem wachen Leben ist immer ein Anfang. Das Jetzt und Hier ist der Anfang jeden Anfangs, es ist immer eine Neuschöpfung, eine Art „Genesis“.

„Werden wir nicht nachlassen in unserm Kundschaften

Und das Ende unseres Kundschaftens Wird es sein, am Ausgangspunkt anzukommen

Und den Ort zum erstenmal zu erkennen. Durch das unbekannte, erinnerte Tor, Wenn der letzte Fleck Erde, der zu entdecken bleibt,

Jenes ist, das den Anfang gebildet;

An dem Quellengrund des längsten Stromes

Die Stimme des verborgenen Wasserfalls,

Und die Kinder im Apfelbaum, Unerkannt, weil nicht erwartet,

Aber gehört, halb-gehört, in der Stille Zwischen zwei Wellen der See.

Rasch nun, hier, jetzt, immer –

Ein Zustand vollendeter Einfalt (Der nichts weniger kostet als alles)

Und alles wird gut sein,

Jederlei Ding wird gut sein und Wenn die Feuerzungen sich nach innen falten

Zum Schifferknoten aus Feuer Und eins werden Feuer und Rose.“ 35

Tatsächlich? Treffen wir nach dem Aufwachen nicht oft die Entscheidung, das zu tun, was wir jeden Morgen und jeden ganzen Tag tun und schon immer getan haben? Sortieren wir sorgfältig, was uns dabei so passiert – unsere Bewegungen, Tätigkeiten, Gedanken, Gefühle und Erinnerungen –, so fällt uns alsbald auf: Wir sind Gewohnheitstiere, geben vor, lediglich der Notwendigkeit zu gehorchen, auch wenn wir insgeheim wissen, dass wir auch anders könnten. Sehr viele Tätigkeiten führen wir gewohnheitsmässig aus, ohne nachzudenken, mechanisch, gleichsam „bewusstlos“ – in der stillen Hoffnung auf eine reibungslose Litanei der Lebensfunktionen. Die Gewohnheit, der unhörbar befehlende Zwang – sei dieser innerer, äusserer, affektiver oder sozialer Natur – ist seit jeher eine der wohl mächtigsten Triebfedern. Beispielsweise frühmorgens: waschen, aufknöpfen, zuknöpfen, frühstücken, dabei auf dem Smartphone herumfingern und sich der selbstverordneten Zwangsfütterung mit Kurzmeldungen unterziehen, von Medien, die nicht müde werden, jeden Tag neue Schreckensnachrichten in die Welt zu setzen, die wir häppchenweise konsumieren und dabei entweder erschauern oder gleichgültig wegklicken. Und unbedingt nicht vergessen die Pflege unseres Ich-Denkmals: obsessiv-hedonistisch unter all den beliebig vielen Optionen 36 – die von einer unaufhaltsam expandierenden Konsum- und Unterhaltungsindustrie mit den sozialen Medien als wichtigstem Treiber in verführerischer Marketing-Pose angepriesen werden – noch der einen oder anderen hinterherhecheln. Was gibt es Schlimmeres, als nicht begehrt zu werden, in den Augen anderer banal und gewöhnlich zu erscheinen? Deshalb noch rasch zwei oder drei Twitter-Nachrichten absondern, unbedingt unser neuestes Selfie hochladen, alles in der vagen Hoffnung, der tief in uns wuchernden Angst, spurlos von dieser Welt verschwinden zu müssen, wenigstens etwas entgegenzusetzen. Also Spuren hinterlassen, was uns mit unserer Sterblichkeit etwas versöhnen mag, die wir als angeblich selbstbestimmte und selbstbestimmende Wesen als Skandal par excellence empfinden.

Manch einer wird darauf erwidern: nein, bei mir ist nichts Zwanghaftes, ich bin einfach spontan. Wenn die Situation dieses oder jenes erfordert, so tue ich es einfach. Was immer ich tue, tue ich selten mit bewusster Absicht oder von langer Hand vorbereitet. Es kommt einfach, und dann handle ich so gut ich eben kann, sonst könnte ich meinen Alltag kaum bewältigen. Das sei intelligentes Verhalten, denn Intelligenz bedeute, wissen was zu tun ist, wenn man nicht wisse was tun! Es ist zu vermuten, dass hier der Betreffende Intelligenz mit Chaos verwechselt, weil er vergessen hat, dass man ja nirgendwo anders als im Chaos, in einem durch Ordnung kompensierten Chaos leben kann – was oft Situationen sind, in denen wir endgültig den Durchblick verloren haben. Oft verstehen wir ja ohnehin nicht allzu viel von dem, was um uns herum so alles geschieht – ganz zu schweigen von dem, was sich in uns selber abspielt. Chaos ist eben die Regel und Ordnung die ziemlich unwahrscheinlichste Ausnahme. Zutreffender könnte also sein, dass wir nur selten Herr unserer Handlungen sind, weil wir im Alltag immer wieder zufällige und zerstreute Personen sind, nie ganz uns selbst gehören, sondern durch die Umstände „regiert“ werden – vielleicht auch, weil wir nie so verrückt sind, die Ereignisse in unser mentales System zu zwingen, sondern es im Gegenteil den Ereignissen anpassen.

„Die ‚Gewohnheit‘, als Wort wie als Sache, steht für die faktische Besessenheit der Psyche durch einen Block von schon erworbenen und mehr oder weniger irreversibel verkörperten Eigenschaften, zu denen überdies die zähe Masse der mitgeschleppten Meinungen gerechnet werden muss. Solange der Block unbeweglich verharrt, kann die neue Belehrung nicht beginnen. Dass Beobachtungen dieser Art auch in der asiatischen Welt gesammelt und festgehalten wurden, zeigt die bekannte Anekdote von dem Zen-Meister, der beim Eingiessen von Tee in eine Tasse zum Erstaunen seines Schülers nicht haltmachte, als die Tasse voll war, sondern fortfuhr einzugiessen. Damit sollte gezeigt werden, man können einen vollen Geist nichts lehren. Das Studium besteht dann im Nachdenken über die Frage, was zu tun sei, um die Tasse zu leeren. Ob die neu gefüllt werden soll oder ob die Leere, einmal erreicht, als Eigenwert gepflegt wird, ist ein anderes Thema.“ 37 Doch wenn wir uns der Gewohnheitsnatur menschlichen Verhaltens allmählich bewusst werden, „ist die Schwelle erreicht, die, sobald sie sichtbar wird, auch schon überschritten werden muss. Man kann die Gewohnheiten nicht entdecken, ohne zu ihnen auf Distanz zu gehen – anders gesagt, ohne mit ihnen in einen Zweikampf zu geraten, in dem ermittelt wird, wer Herr im Ring sei.“ 38

Bereits wenn ein Akteur „Ich“ sagt, wird der Tatbestand „Subjektivität“ eingefordert, d.h. seine Mitbestimmung bei der Aufrichtung der Instanz, die ihm mit innerer Stimme befehlen darf, die Brücke zur Tat – die er selbst baut oder sich errichten lässt – zu überschreiten und ihm selbstbegriffene gute Gründe und sinnvolle Interessen mit auf den Weg gibt und nicht mitreissende Leidenschaften oder unausweichliche Zwänge unterstellt. Der Akteur wird von sich behaupten, dass er selbstredend in der Lage ist, seine Interessen richtig zu deuten, niemand anderem als seiner eigenen inneren „Stimme der Vernunft“ Folge zu leisten – und damit jeglichen Verdacht der Fremdbestimmung von sich weisen. Doch wie oft unterschieben wir unserem alltäglichen Tun gute Gründe, auch wenn wir bei allfälligen Rückfragen keine guten oder hinreichenden Gründe angeben können? Es ist zu vermuten, dass wir über weite Strecken in einer Art schlafwandlerischer Halbwachheit durch die Welt stolpern, ohne uns auch nur im Geringsten um bescheidene Verstehenszusammenhänge zu bemühen, unser Bewusstsein immer nur auf kleine Ausschnitte der Wirklichkeit lenken. Oder könnte es einfach sein, dass das, was wir verstehen oder zu verstehen glauben, bald einmal seinen Reiz oder seine Dringlichkeit verliert, weil es oft nicht das ist, was uns wirklich interessiert? Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Nämlich, dass wir das Verstehen masslos überschätzen, selbst wenn wir keine Erklärung dafür haben, was wir meinen, wenn wir von etwas sagen: Ich verstehe es. Das Geheimnis des Lebens – sofern es ein solches denn geben sollte – könnte ja darin liegen, die Welt nicht verstehen zu wollen, sondern sich ihr zu überlassen. Abzuwarten, was sie bereithält, zuzugreifen, wenn etwas dabei ist, was uns gefällt, und im Übrigen nicht zu viel zu denken.

*

Lassen wir kurz Hannah Arendt zu Wort kommen: Für sie heisst handeln, einen neuen Anfang, etwas Neues, etwas ganz Anderes, eine neue Welt beginnen zu lassen. Für sie gleicht das Handeln einem Wunder. 39 Angesichts der automatischen Prozesse, die in der Welt in wachsendem Masse ablaufen, darf man sich allerdings mit Fug und Recht fragen, ob heutzutage das Handeln allmählich nicht nur zu einem eher seltenen Phänomen verkommt, sondern im...



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