Bierter | Wege eines Wanderers im Morgengrauen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Bierter Wege eines Wanderers im Morgengrauen

Auf den Spuren Gotthard Günthers in transklassischen Denk-Landschaften
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7460-0292-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Auf den Spuren Gotthard Günthers in transklassischen Denk-Landschaften

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-7460-0292-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lassen Sie sich verführen und sich mitnehmen auf eine Reise in den neuen Kontinent des transklassischen, mehrwertigen Denkens, den Gotthard Günther (1900 - 1984), der Kolumbus des 20. Jahrhunderts, entdeckt und uns den Schlüssel in die Hand gegeben hat, der dazu dienen kann, aus dem binären Gefängnis auszubrechen und das Tor zu neuen Sphären des Lebens und des Seelischen aufzustossen, so dass wir neue Modelle des In-der-Weltseins entwickeln, unser Selbst- und Weltverständnis von anderen Fragestellungen und aus anderen Perspektiven her in den Blick nehmen, neue Möglichkeitsräume für denkerische, seelische und spirituelle Spielfähigkeit erkunden, aber auch ganz praktische Fähigkeiten im Umgang mit komplexen Konstellationen einüben können. Aus dem Inhalt: - Die geheimnisvolle Waldkapelle - Erwachen im Labyrinth - Wege in der Landschaft - Gedanken an spielenden Wassern - Botschaften aus dem binären Gefängnis - Das Denken denken - oder: Wenn Du denkst Du denkst, dann denkste nur Du denkst!? - Die Triade "Ich-Du-Es" - Erkennen und Wollen oder wie Neues in die Welt kommt - Maschine - Kybernetik - Transklassische Technik - Die Diamond-Technik - praktische Einübung in das transklassische Denken

Willy Bierter, geb. 1940 in Basel/Schweiz. Er studierte theoretische Physik und arbeitete als Wissenschaftler in Heidelberg, Berkeley (Kalifornien) und München. Seine nächsten Stationen waren wirtschaftspolitische Beratung, Leiter der Planungsgruppe der Gesamthochschule Kassel, Gründung und Aufbau des Ökozentrums in Langenbruck/Schweiz, danach selbständiger Wissenschaftler und Berater auf den Gebieten Wirtschaft, Technologie und Umwelt, Leiter der Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt & Energie und Co-Leiter des Instituts für Produktdauer-Forschung in Genf. Seit bald 10 Jahren bewegt er sich im Bermuda-Dreieck von transklassischer Logik, Poetik und altchinesischem Denken.
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1. Die geheimnisvolle Waldkapelle – Erwachen im Labyrinth


Dieser Wald nördlich der Kleinstadt zog ihn unwiderstehlich an. Nicht zuletzt, weil die Einheimischen ihm am gestrigen Abend in der schummrigen Kneipe – etwas geheimnisvoll – erzählt hatten, es gäbe da eine Waldkapelle, die aber nur sehr wenige besucht und gesehen haben wollen. Und so machte er sich am nächsten Tag frühzeitig auf den Weg.

Bedächtig schritt er aus, sein Blick eher ausdruckslos, weil auf nichts fixiert, nicht auf seinen Schritt, seinen Atem, den Weg oder auf irgendeinen Gedanken. Auf rein nichts fixiert, und vor allem: er musste nirgendwo zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt sein. Er musste nicht rennen, sich beeilen, sich nicht beklagen, er hätte keine Zeit, er hätte zu viel zu tun, zu viel Arbeit, noch dieses, schnell, unbedingt, noch heute, jetzt, für jenes aber reiche es leider nicht mehr, obschon es doch so interessant wäre ... nein, nichts von alledem, sagte er sich, als er sich dem Bettzeug entwand und fröstelnd seine Kleider überstreifte, und gleich wie üblich mit weit ausholenden Schritten die Dorfstrasse hinaufstürmen wollte. Schrecklich, es scheint, dass du dir nie angewöhnen kannst, alles ein wenig behutsamer anzugehen. Tu endlich das, was du gerade tust, und trage nicht immer bereits das im Kopf herum, was nachher zu tun wäre. Überzeuge dich endlich davon, dass der Weg das eigentlich Befriedigende ist.

Er betrat den inmitten seiner Gehölze schlummernden Wald. Es herrschte eine intensive Stille. Ein leiser Wind wiegte die Äste der hohen, uralten Waldkiefern mit ihren Höhlungen und Löchern. Im Unterholz überwucherten von Altersschwäche geknickte Stämme – steingrau und kahlgefressen – den mit Blaubeergestrüpp bedeckten Waldboden. Mit silbrigen Flechten und grün-bläulichen Moosen übersäte Felsbrocken lagen weithin verstreut. Wind, Regen, Schnee und eisige Kälte haben ihnen pittoreske Formen verliehen. Zusammen mit dem fahlen Licht erzeugte dies eine seltsam anmutende Stimmung – wie in einer Kathedrale der Besinnung, aber ohne Kanzel. Nur wenige und blasse Farben. Die lockere Waldlandschaft erschien ihm wie mit verdünnter Tusche gemalt, von aller Undurchsichtigkeit geläutert und von jeder Schwere entlastet. Nichts hielt den Blick fest oder erzwang seine Aufmerksamkeit. Keine übermässigen sinnlichen Reize überwältigten ihn. Er fühlte eine innere Loslösung. Ruhe und Ausgeglichenheit kehrten bei ihm ein.

„Lass deine Seele wandeln jenseits der Sinnlichkeit, sammle deine Kraft im Nichts, lass allen Dingen ihren freien Lauf und dulde keine eigenen Gedanken: und die Welt wird in Ordnung sein.“ 6

Er horchte in die Waldlandschaft hinein. Nach einer Weile, bei aufmerksamerem Hinhören, vernahm er etwas, das er so noch nie gehört hatte. Seltsame Klänge und Klangfolgen erfüllten den Wald. Da war ein Rufen, Schnaufen, Klagen, Dröhnen, Zischen, Keuchen und Knarren. Mal etwas deutlicher, mächtiger, dann wieder diskreter, kaum hörbar. Wurden diese Klänge immer weniger wahrnehmbar, wurde das Jenseits, in dem sie sich verloren, immer stärker spürbar, wurde er gleichsam an die Schwelle der als Fülle empfundenen Stille geführt. Nur die Zweige sah er noch, wie sie sanft hin und her wogten.

„Wenn ich mein Selbst in den von-selbst-so vor sich gehenden Gang der Dinge eingehen lasse und dem spontanen, natürlichen Zusammenspiel der Dinge folge, dann folgt es – ganz ins Horchen auf die ,Musik des Himmels‘ () verloren – dem ,himmlischen ‘ ().

Wenn ich mich selbst verliere (), zum Nicht-Ich () werde, folge ich von selbst den Dingen in ihrem natürlichen Lauf (), so wie die vollkommene ,Musik der Menschen‘ von selbst entsteht, indem die ,Musik des Himmels‘ () in ihr wirkt.

Die ,Musik des Himmels‘ ist eine stille Symphonie ohne himmlischen Dirigenten, dessen tonlosen Ton ich nur dann wirklich hören und auf ihn hören kann, wenn ich aufhöre, den alles übertönenden Begierden meines Ego-Direktors nachzugehen. Der himmlische Dirigent ist nichts als eine Spiegelung meines irdischen Ego. Das Verlieren dieses irdischen Ego ist zugleich das Sich-Finden in das freie Zusammenspiel der Dinge. Dieses ist mit der Einsicht verbunden, dass die Spiegelung eines himmlischen Dirigenten eitel ist und sich selbst zu wichtig nimmt. Erst nachdem das Ego und mit ihm auch Gott gestorben sind, beginnt das gelassene Leben des Von-selbst-so. Dieses ,stille Leben‘ spiegelt im Freien die offene Weite des Himmels.“ 7

Für einmal waren es nicht primär seine Augen, seine Blicke, die in die Welt hinausschweiften, sondern sein Gehör. Ist das Ohr vielleicht sogar das wesentlichere Organ menschlicher Annäherung an die Welt? Zumindest ist es das für das Ungeborene, das noch gar nicht da draussen in der Welt ist, sondern noch in seinem intimen, dunklen Refugium verharrt, aber doch schon an der Türe zur Welt lauscht.

Sein Horchen in die Waldlandschaft hinein erschien ihm jedenfalls nicht als Effekt eines Gegenüberstehens von ihm als „Subjekt“ in Bezug auf eine „Geräuschquelle“. Vielmehr empfand er sein Hören als Eintauchen des sensiblen Organs in dieses zauberhafte Klangfeld. Ton und Stille – kein unvereinbares Oppositionspaar mehr. „Happy new ears!“ hat John Cage einmal gesagt.

Wohltuend sich wieder einmal fern des sonst allgegenwärtigen Lärms und ohrenbetäubenden Getöses aufzuhalten: keine heulenden Explosionsmotoren, kein Hupen, Rufen, Pfeifen, Schreien, kein autoritäres Piepsen von Elektronikgeräten im Haushalt, am Arbeitsplatz und im Verkehr, keine unaufhörliche Beschallung in Konsumtempeln, kein lautes Gemäkel, Gekreische, moralisierendes Geraune und zänkisches Polemisieren, bei dem niemand jemandem zuhört und jeder den anderen zu übertönen versucht, kein Beifall und Geklatsche an Versammlungen, Symposien, Wahlveranstaltungen und in der Vorhölle der Talkshows, wo Argumente durch Lautstärke – Lautstärke als Überzeugungskraft – ersetzt werden, jeder Teilnehmer in seiner Begriffsfestung verschanzt, und kein unentrinnbares Gerede und Geschwätz von Mitmenschen ... – die Nachrichten sprechen nur von diesem kollektiven Getöse, ein Unterschied zwischen Rauschen und Information ist kaum auszumachen. Ihm schien schon lange, das Senden siege über das Hören, wir verstünden nicht mehr zu empfangen – und dieser schmerzende Lärm überdecke zumeist den Ruf der Dinge. Zu üben wäre das Schweigen als wahrhaftige, wiewohl stumme Rede, die die Dinge überhaupt erst als solche unverstellt, unverfälscht hervortreten lässt – als ein möglicher Einstieg vielleicht das Musikstück „lectures on nothing“ von John Cage 8, das aus nichts anderem als zehn Minuten Schweigen besteht! Zu üben wäre das Hören, das im Schweigen beginnt. In der Stille. Zum Hören von Stille gehört Wachheit – wer nicht ganz wach ist, hört nur die Abwesenheit von Geräusch.

*

Er wurde aufgeschreckt, als eine rostbraun gesprenkelte Birkhenne laut kreischend mit wippenden Flügeln auf ihn zuflatterte. Wahrscheinlich hatte sie in der Nähe ein Nest und wollte mich ungebetenen Eindringlich verscheuchen. Er beschleunigte seine Schritte, damit sie sich wieder beruhigen konnte.

Nach zwei Stunden Marsch war von einem eigentlichen Weg nichts mehr zu sehen. Und ob die Richtung noch stimmte, um zur Kapelle zu gelangen, da war er sich zusehends unsicher. Er schaute zu den Baumwipfeln hoch. Vielleicht war es möglich, anhand des Lichteinfalls durch die Baumwipfel Anhaltspunkte für seine Orientierung zu gewinnen. Doch der Himmel war grau. Er kam an einem kleinen, sumpfigen Teich vorbei. Die kleine Waldlichtung bestätigte seine Vermutung, dass der Himmel bedeckt war. Und von der wundersamen Waldkapelle nach wie vor keine Spur und kein Hinweis.

„Von einem Augenblick zum anderen richtet ein Mensch den Kopf hoch, wittert, horcht, überlegt und erkennt, wo er steht: er denkt nach, holt Atem, zieht seine Uhr aus der Tasche – neben seiner Rippe und sieht nach der Zeit. Wo bin ich? und Wieviel Uhr ist es? Das ist unsere unerschöpfliche Frage an die Welt ... “ 9

Seine bangen Fragen: „Wie komme ich da hin? Und wie komme ich aus dem Labyrinth dieses lichten Waldes je wieder heraus? Finde ich überhaupt wieder zurück zum Ausgangspunkt, zumal ich weder Karte noch Kompass bei mir habe?“ Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn; er kannte es aus manchen Situationen in seinem bisherigen Leben. Nichts als pfadlose Wege, soweit das Auge reichte, und keinerlei Orientierung. Sein Unterwegssein: ebenso sehr Reise wie kein Ankommen oder Fortkommen. In jedem Moment zugleich Anfang und Ende, wie kein Anfang und kein Ende. Kein fester Bezugspunkt mehr, kein Plan zum „wie weiter?“, was jeden verwirrt, der noch daran glaubt, dass alles in der Welt prinzipiell zu verstehen und darzustellen ist. War er so einfältig wie einer von Borges’...



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