E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Bildungsrisiken und -chancen im Globalisierungsprozess
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-531-90936-3
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Jahresgutachten 2008
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-90936-3
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Der Globalisierungsprozess hat das deutsche Bildungssystem als eine Herausforderung erreicht, auf die bisher keine überzeugende Antwort gefunden wurde. Daher widmet sich der Aktionsrat Bildung in seinem zweiten Jahresgutachten dem Thema 'Bildungsrisiken und Bildungschancen im Globalisierungsprozess'.
Die Experten stellen Globalisierungsprozesse mit ihren vielschichtigen Konsequenzen dar, insbesondere einer zunehmenden Unsicherheit für individuelle Lebensläufe, und zeigen daraus resultierende Herausforderungen für Bildungsinstitutionen auf. Zentrale Erfordernisse für alle Bildungsphasen von der frühen Kindheit bis hin zur Weiterbildung werden nach einer Analyse der Situation beleuchtet und konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert.
vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. - in Zusammenarbeit mit dem Aktionsrat Bildung
Der Aktionsrat Bildung ist ein politisch unabhängiges Gremium, dem folgende Experten angehören:
Prof. Dr. Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung, Präsident der Freien Universität Berlin;
Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld, Universität Bamberg, Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung (ifb);
Prof. Dr. Wilfried Bos, Universität Dortmund, Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS);
Prof. Dr. Detlef Müller-Böling, Universität Dortmund, Leiter des CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Gütersloh;
Prof. Dr. Manfred Prenzel, Universität Kiel, Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschafen (IPN);
Prof. Dr. Ludger Wößmann, Ludwig-Maximilians-Universität München, Bereichsleiter Humankapital und Innovation am ifo Institut für Wirtschaftsforschung.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;5
2;Vorwort;9
3;Einleitung;11
4;1 Globalisierung;15
4.1;1.1 Globalisierung als soziales Phänomen;15
4.2;1.2 Das Ende des Nationalstaats im Globalisierungsprozess?;18
4.3;1.3 Konsequenzen der Globalisierung;20
5;2 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der frühen Kindheit;39
5.1;2.1 Pädagogische Konzepte und die Förderung von Kompetenzen unter Globalisierungsperspektive;40
5.2;2.2 Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien;47
5.3;2.3 Vernetzung von Kindergarten und Grundschule sowie Weiterentwicklung von Bildungsplänen;48
5.4;2.4 Ausbildung des frühpädagogischen Fachpersonals;50
5.5;2.5 Unterstützung von Eltern;51
6;3 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der Primarschule;53
6.1;3.1 Frühe Fremdsprachenförderung Englisch;53
6.2;3.2 Empirische Erkenntnisse zur Bildungsbeteiligung von Primarschülern mit Migrationshintergrund;56
6.3;3.3 Die sprachliche Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund;63
6.4;3.4 Interkulturelle Pädagogik in der Grundschule: normative Forderungen und Umsetzungskonzepte;64
6.5;3.5 Literacy-Konzept und Bildungsstandards;65
7;4 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung im Sekundarbereich;67
7.1;4.1 Ziele und Inhalte von Bildung;68
7.2;4.2 Institutionelle Strukturen;71
7.3;4.3 Unterrichtskonzeptionen;73
8;5 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Berufsausbildung;77
8.1;5.1 Organisationsformen der Berufsausbildung im internationalen Vergleich;77
8.2;5.2 Das duale System – Zurückbleiben hinter den Möglichkeiten durch zahlreiche Probleme und Rigiditäten;77
8.3;5.3 Erforderliche Veränderungen des dualen Systems;84
9;6 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Hochschul(aus)bildung;93
9.1;6.1 Der Bologna-Prozess als europäische Globalisierungsstrategie;93
9.2;6.2 Kompetenzorientierung als Antwort auf Herausforderungen der Globalisierung;98
9.3;6.3 Globalisierung in der demogra. schen Entwicklung;104
10;7 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für lebenslanges Lernen;115
10.1;7.1 Globalisierung, beschleunigter struktureller Wandel und die Arbeitsmarktsituation älterer Menschen;115
10.2;7.2 Die Arbeitsmarktsituation älterer Menschen – Deutschland im internationalen Vergleich;116
10.3;7.3 Bildungsbeteiligung älterer Erwachsener;120
10.4;7.4 Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem;125
11;8 Zusammenfassung der Befunde;131
11.1;8.1 Globalisierung mit ihren länderspezi. schen und überstaatlichen Auswirkungen auf den Bildungsbereich und ihre Konsequenzen für Institutionen und Individuen;131
11.2;8.2 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der frühen Kindheit;133
11.3;8.3 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der Primarschule;135
11.4;8.4 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung im Sekundarbereich;136
11.5;8.5 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Berufsausbildung;137
11.6;8.6 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Hochschul(aus)bildung;140
11.7;8.7 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für lebenslanges Lernen;142
12;9 Handlungsempfehlungen an die Politik;145
12.1;9.1 Globalisierung;145
12.2;9.2 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der frühen Kindheit;146
12.3;9.3 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung in der Primarschule;146
12.4;9.4 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Bildung im Sekundarbereich;147
12.5;9.5 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Berufsausbildung;148
12.6;9.6 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für die Hochschul(aus)bildung;149
12.7;9.7 Globalisierung und ihre Konsequenzen und Erfordernisse für lebenslanges Lernen;149
13;Literatur;151
14;Abbildungsverzeichnis;177
15;Tabellenverzeichnis;178
16;Verzeichnis der Mitglieder des AKTIONSRATSBILDUNG;179
17;Verzeichnis der externen Experten;181
1 Globalisierung (S. 15)
Der Begriff „Globalisierung" wird heute in. ationär und oft unscharf gebraucht. Für Zusammenhänge des Bildungssystems ist Globalisierung als soziales Phänomen internationaler Arbeitsprozesse mit seinen Folgen für Bildung und Ausbildung (vgl. 1.1) von solchen Globalisierungsvorgängen zu unterscheiden, wie sie international in überstaatlichen Organisationen gezielt betrieben werden, um Austauschprozesse zu erleichtern (vgl. 1.3.1).
1.1 Globalisierung als soziales Phänomen
Grundsätzlich wird Globalisierung als ein Bündel von Prozessen verstanden, die zu wachsender internationaler Vernetzung geführt haben (vgl. Robertson 1992, S. 396, Alasuutari 2000, S. 259). Damit ist Globalisierung sicherlich kein grundsätzlich neues Phänomen, das sich erst in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten abzeichnet. Es ist aber unumstritten, dass die Intensität und Reichweite grenzüberschreitender Interaktionsbeziehungen – seien es ökonomische Transaktionen oder informationelle, kulturelle und politische Austauschprozesse – in der jüngeren Vergangenheit in den meisten Industrieländern schubartig zugenommen haben (vgl. Robertson 1990, S. 27, Sutcliffe/Glyn 1999, S. 112, Alasuutari 2000, S. 260, Held u. a. 2000, S. 54, Castells 2004, S. 108, Blossfeld 2006, S. 2).
Vor allem mit den rasanten technologischen Fortschritten der vergangenen Jahre sowie mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der damit verbundenen schlagartigen Öffnung neuer Märkte wurde der grenzüberschreitende Austausch zwischen Ländern deutlich intensiviert und erreichte damit eine neue, bisher nicht da gewesene Qualität. Die meisten Sozialforscher verstehen den Globalisierungsprozess heute als das Zusammenwirken von vier makrostrukturellen Entwicklungen, die sich vor allem seit den 1980er Jahren zunehmend durchgesetzt haben (vgl. auch Abbildung 2):1
Als erster Prozess wird die zunehmende Internationalisierung von Finanz-, Produkt- und Arbeitsmärkten benannt. Güter, Dienstleistungen und auch Arbeitskräfte können immer einfacher und immer kostengünstiger über Ländergrenzen hinweg ausgetauscht werden. Ehemals isolierte einzelne Nationen wurden damit in einen Weltmarkt integriert. Entsprechend haben Ländergrenzen für Marktprozesse und Austauschbeziehungen an Bedeutung verloren. Dies ermöglichte ganz neue Formen der Arbeitsteilung auf internationaler Ebene.
Als Folge der zunehmenden Internationalisierung von Märkten wurde zweitens ein verstärkter Standortwettbewerb zwischen Ländern ausgelöst. Vor allem seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Integration asiatischer Länder in den Weltmarkt konkurrieren Länder mit sehr unterschiedlichen Lohn- und Produktivitätsniveaus sowie verschiedenen Sozialstandards auf einem globalen Weltmarkt. Um sich für diesen Wettbewerb zu wappnen und um das eigene Land wettbewerbsfähig zu halten, setzte sich in vielen Ländern zunehmend eine Politik der Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung und damit eine Stärkung des Markts als Koordinationsmechanismus in modernen Ländern durch.
Die dritte Entwicklung betrifft den sprunghaften Fortschritt neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Erst durch moderne Technologien wurde eine rasche weltweite Vernetzung von Personen, Unternehmen und Staaten ermöglicht. Sie haben den Umfang, die Intensität und die Geschwindigkeit von globalen Austauschprozessen grundlegend verändert. Von vielen wird die rasante und sprunghafte Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien in den vergangenen Jahren als Grundlage des Makrophänomens Globalisierung gesehen (vgl. Kaufmann 1998, S. 6f., Castells 2004, S. 42ff.).
Diese neuen Technologien haben vielfach die Prozesse, die der Globalisierung zugeschrieben werden, erst ermöglicht. Sie sind somit als die „Infrastruktur" der Globalisierung zu betrachten. Als vierter Prozess der Globalisierung werden der Bedeutungszuwachs von weltweit vernetzten Märkten und die damit verbundene zunehmende Instabilität und Verwundbarkeit lokaler Märkte benannt.




