Billingham | Die Schande der Lebenden | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Billingham Die Schande der Lebenden


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-03792-085-5
Verlag: Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-03792-085-5
Verlag: Atrium Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Fünf Menschen, die sich zufällig begegnen, bilden einen Kreis. Jeder von ihnen hat ein dunkles Geheimnis. Doch eines davon ist schwarz wie die Nacht.Fünf Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versammeln sich jeden Montag im selben Haus. Sie alle sind Verlorene, die in ihrem Leben Schande auf sich geladen haben und sich nun auf der Suche nach Hilfe zufällig begegnet sind. In ihrer Mitte sitzt der Therapeut Tony De Silva, der eine ganz eigene Vergangenheit hat. In ihrem Kreis offenbaren sich die fünf gegenseitig ihre dunkelsten Geheimnisse. Dabei gibt es nur eine Regel: Nichts von dem, was zwischen ihnen besprochen wird, darf jemals nach außen dringen. Selbst als einer der fünf ermordet aufgefunden wird, bricht keiner sein Schweigen. Und doch ist nichts mehr wie zuvor. Denn zum Kreis gehört nun auch ein Mörder - der alles über die anderen weiß.

Mark Billingham, 1961 in Birmingham geboren, ist einer der international erfolgreichsten britischen Krimiautor:innen, seine Bücher erscheinen in über zwanzig Sprachen. Einem großen deutschen Publikum wurde er erstmals mit seinem Thriller ?Die Lügen der Anderen? bekannt, der 2014 bei Atrium erschien und zum Bestseller wurde. Billingham lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Norden Londons und in Florida.
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Zweiter Teil Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt


Der erste Besuch Er sitzt schon einige Minuten hier, als sein Besuch endlich eintrifft. Er sieht, wie der Wachmann ihn in der Menge der Häftlinge entdeckt, die an den Nachbartischen schon in gedämpfte Gespräche mit Ehefrauen, Müttern, Kindern vertieft sind. Er streckt sich und zupft an dem grünen Überwurf, den er über dem Gefängnis-Sweatshirt trägt.

»Danke, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit mir zu sprechen.« Sein Gegenüber nimmt ein Notizbuch und einen Stift aus der Tasche.

»Also, dann erzählen Sie doch mal, um was es bei diesem Projekt eigentlich geht«, sagt der Häftling und hält den Brief hoch, den er zwei Wochen zuvor bekommen hat. »Für mich klingt das alles ziemlich bescheuert.«

Ein Lächeln. »Ich schreibe an einer Diplomarbeit über fragwürdige Verhaftungen.«

»Was ist daran fragwürdig?«

»Richtig, in Ihrem Fall beunruhigt mich eher das Verbrechen selbst. Die Umstände, die dazu führten.«

Er betrachtet sein Gegenüber eingehend. »Sind Sie nicht etwas zu alt für die Uni?«

»Ich war schon etwas älter, als ich mich für das Studium entschieden habe. Und bin jetzt im letzten Jahr meines Jurastudiums.«

»Na dann.« Er greift nach einer verbeulten Tabakdose, öffnet sie und fängt an, sich eine zu drehen.

»Also … natürlich habe ich das Protokoll der Verhandlung gelesen, und die Beweise wirken ziemlich erdrückend. Jede Menge Zeugen, die Mordwaffe wurde am Tatort gefunden, und Sie haben sich offenbar unwidersprochen schuldig bekannt.«

»Unwidersprochen?«

»Sie haben nie bestritten, dass Sie es waren.«

»Hätte keinen Sinn gehabt. Wie Sie sagten, jede Menge Zeugen.«

»Sie hatten im Pub Streit mit dem Opfer.«

Er nickt, leckt am Zigarettenpapier.

»Und worum ging es? Ich habe nirgends etwas darüber gefunden.«

»Daran konnte ich mich nicht erinnern. Kann ich immer noch nicht.«

Ein skeptischer Blick. »Man hat Sie angeklagt, jemanden nach einem Streit ermordet zu haben, und Sie können sich nicht erinnern, worum es dabei ging?«

»Ich hab einfach rot gesehen.« Er wendet sich ab, sieht einen Häftling neben sich, der über den Tisch nach der Hand einer jungen Frau greift. »Ich war wütend, kapiert?«

Ein Nicken. »Ich glaube, das war es, was überhaupt erst mein Interesse geweckt hat. Ihr Verteidiger hat ständig betont, wie ungewöhnlich es war, dass Sie völlig die Beherrschung verloren haben. Das war mehr oder weniger die ganze Verteidigung. Er betonte immer wieder, dass Sie vorher noch nie in so etwas verwickelt waren. Er hat Sie dargestellt, als könnten Sie keiner Fliege etwas zuleide tun.« Eine Pause. »Auch Ihre Freunde und Ihre Familie sagen das.«

»Mit wem haben Sie gesprochen?

»Nur ein paar Hintergrundrecherchen, mehr nicht. Ein paar Telefonate …«

Er betrachtet wieder den Brief, liest, formt die Worte lautlos mit den Lippen. »Sind Sie von der Presse oder so?«

»Ich bin nicht von der Presse.« Ein Nicken in Richtung Brief. »Es ist ein persönliches Projekt, ich schwöre es.«

Er legt die zu Ende gedrehte Zigarette in die Dose und schließt den Deckel. »Wir hatten Streit, ich habe ihm eine reingehauen. Das war’s.«

»Ist er Ihnen vorher schon mal begegnet?«

»Nein.« Schnell und einfach, weil er die Wahrheit sagt.

»Hatten Sie seinen Namen vorher schon einmal gehört?«

Er blinzelt und lässt die Tabakdose unter dem Überwurf verschwinden.

»Ich weiß, die Polizei hat Sie das schon gefragt, also sorry, dass ich noch mal nachhake, aber wenn Sie nur im Pub waren, um in Ruhe was zu trinken, und den Mann nicht kannten, mit dem Sie Streit hatten, warum hatten Sie dann eine Eisenstange in der Manteltasche?«

Er schüttelt den Kopf und sieht auf die Uhr.

»Sie kommen bald raus … in ein paar Monaten, oder? Sie hätten vermutlich schon früher Bewährung kriegen können, wenn Sie jemals auch nur einen Anflug von Reue gezeigt hätten. Ich meine ja nur, was schadet es, jetzt darüber zu reden?«

Er lächelt zum ersten Mal. »Vielleicht empfinde ich ja einfach keine Reue.« Er beugt sich weit über den Tisch, zischt. »Vielleicht hat der Drecksack nur bekommen, was er verdient hat, verstehen Sie?«

Sein Gegenüber zuckt zusammen, umklammert den Stift und lächelt zurück.

… Jetzt Sie kamen in Scharen hinter Ecken und ausgebrannten Autos hervor, brüllten und schwenkten Waffen. Sie waren schwarz gekleidet, manche maskiert, andere hatten dichte Vollbärte und waren erkennbar an die gängige Vorstellung von islamistischen Terroristen angelehnt, ohne dass man den Entwicklern offenen Rassismus vorwerfen konnte. Chris Clemence machte kurzen Prozess mit den Kämpfern und mähte sie mit seinem Maschinengewehr bis auf den letzten Mann in einem wohltuenden Blutrausch nieder.

Mission ausgeführt.

Beiläufig hinterließ Clemence seine Initialen in der Highscore-Liste, dann kletterte er aus dem Sitz und klatschte mit mehreren Jungs ab, die sich um den Automaten versammelt hatten, um zuzusehen und ihn anzufeuern. Es waren vier oder fünf weiße, schwarze und asiatische Jungs. So verschieden sie waren, ihre Einheitsuniform aus Jeans, Trainingsjacke und Hoodie glich der von Chris, obwohl er vermutlich zehn Jahre älter war.

Er drehte sich um und sah zu dem Paar, das ihn vom Eingang der Spielhalle aus beobachtete. Er winkte und wackelte dabei mit den Fingern. Ein kurzer, geflüsterter Wortwechsel mit einigen Jungs, noch einmal Abklatschen, dann schlenderte er hinüber.

»Sehr beeindruckend«, sagte Chall.

»Nicht wirklich«, sagte Clemence.

Tanner hielt ihre Marke hoch, aber Clemence sah gar nicht hin.

»Tony hat mich schon angerufen.« Er sah sich um, als wollte er wissen, wer ihn bei diesem Gespräch beobachtete. »Er hat gesagt, dass Sie vermutlich mit mir reden wollen.«

Tanner wartete, bis sie seine ganze Aufmerksamkeit hatte. »Ich möchte irgendwohin, wo es etwas ruhiger ist.«

»Auf der anderen Straßenseite ist ein Starbucks.« Clemence zeigte in die entsprechende Richtung.

»Aber nur, wenn Sie bezahlen.«

»Ich denke, das lässt sich machen«, sagte Tanner.

Sie gingen über die Wardour Street in das Café, eine Pufferzone zwischen den verdunkelten Scheiben eines Sexshops und einem teuren Fischrestaurant.

»Kann ich auch ein Stück Kuchen haben?«, fragte Clemence.

»Jetzt wirst du frech«, sagte Chall.

Sie gingen mit den Getränken zu einem Tisch in einer Ecke, von der aus sie über die Straße zur Spielhalle sehen konnten. Ein paar der Jungs, mit denen Clemence gesprochen hatte, lungerten noch auf dem Bürgersteig herum. »Ein normaler Samstagvormittag für Sie, Chris, so ist es doch, oder?«, fragte Tanner.

»Ich hab’s halt geschafft.«

»Schön, wenn man einen Fanclub hat.«

»Oh, ja, ich kann mich kaum noch retten.«

»Sind die nicht etwas zu jung?«, sagte Chall.

»Etwas zu jung für was?«

Chall nickte über die Straße. »Jünger als Sie, meine ich.«

»Und? Sie sind Gamer, wie viele Jungs in ihrem Alter. Wäre es Ihnen lieber, wenn sie Autos knacken oder Leute überfallen würden?«

»Ich nehme an, die meisten gehen noch zur Schule.«

»Und was wollen Sie damit sagen?«

»Gar nichts«, sagte Tanner. »Oder doch?«

»Wir unterhalten uns nur«, sagte Chall.

Clemence schöpfte mit einem Plastiklöffel Schaum von seinem Kaffee und leckte ihn ab. »Ich zocke eben ganz gern.«

Tanner sah zu, wie er drei Päckchen weißen Zucker aufriss und nacheinander in seinen Pappbecher kippte. »Vielleicht ein bisschen zu gern, so wirkt es jedenfalls«, sagte sie. »Die Frau im Obdachlosenasyl, mit der wir gesprochen haben, wusste genau, wo Sie sein würden.«

»Bin halt ein Gewohnheitstier.« Clemence grinste. »Und wie Sie sehr genau wissen, hatte ich schon schlimmere Angewohnheiten als diese.«

»Trotzdem teuer«, sagte Tanner. »Was kostet ein Spiel, zwei Pfund?«

»Ja, aber ich bin gut … das haben Sie ja gesehen. Also krieg ich zwanzig bis dreißig Minuten dafür.«

»Ich schätze, da geht Ihre gesamte Stütze für drauf«, sagte Chall.

»Eigentlich nicht.«

»Wäre es nicht viel billiger, zu Hause zu spielen?« Tanner sah, dass einer der Jungs vor der Spielhalle über die Straße gekommen war und vor Clemence Grimassen schnitt. Sie sah Chall an, der aufstand und den Jungen verscheuchte.

»Wäre es, wenn ich eine Konsole hätte«, sagte Clemence. »Und manchmal muss man eben raus, unter Leute. Sie etwa nicht? Es geht doch darum, Beziehungen zu knüpfen, richtig?«

»Wobei?«

»Ein erfülltes Leben zu führen, weiterzukommen. Tony quatscht andauernd davon.« Er drehte den Kopf und sah dem Jungen nach, der draußen zu den anderen zurückging. »Glauben Sie mir, es Sachen, die ich lieber allein mache.« Er grinste Tanner kurz an. »Aber Leute wie ich sind eben nicht so gern mit sich selbst allein.«

»Leute wie Heather auch?«

Er zuckte die Schultern, dann nickte er. »Und, was ist mit ihr passiert?«

»Sie wissen, was passiert ist, wenn Sie mit Mr De Silva gesprochen haben.«

»Ich weiß, dass sie jemand ermordet hat.«

»Mehr müssen Sie vorerst auch nicht wissen.«

»Wurde sie erstochen? Erwürgt?« Er wartete, sah aber, dass Tanner nicht anbiss. »Ist auch egal, oder? Tot ist tot.«

»Erzählen Sie uns von ihr.«

Clemence...


Körber, Joachim
Joachim Körber, Jahrgang 1958, ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet der phantastischen Literatur. Von 1984 bis 2017 gab er das Bibliografische Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur heraus, die weltweit umfangreichste Enzyklopädie der Fantastik. 1998 erschienen sein erster Roman Wolf und die preisgekrönte Kurzgeschichte „Der Untergang des Abendlandes“. Er übersetzte unter anderem Stephen King, Dean Koontz, Mark Billingham, Sam Millar und Anne Rice.

Billingham, Mark
Mark Billingham, 1961 in Birmingham geboren, ist einer der international erfolgreichsten britischen Krimiautor:innen, seine Bücher erscheinen in über zwanzig Sprachen. Einem großen deutschen Publikum wurde er erstmals mit seinem Thriller ›Die Lügen der Anderen‹ bekannt, der 2014 bei Atrium erschien und zum Bestseller wurde. Billingham lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Norden Londons und in Florida.



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