E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Bind Heute mit Kuhglockensound in weiter Tal-Arena
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-7277-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Journalroman der Mitgegenwart
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-7494-7277-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ruedi Bind, * 1950 in Basel, lebt in Arlesheim (Schweiz), Autor von Kurzprosa, Minigeschichten, Gedichten, Theater- und Hörstücken, Filmkunststücken und Videopoems.
Autoren/Hrsg.
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Heute, Samstagvormittag, nach elf, die Leute im Dorf am Einkaufen, habe ich Ruth und Markus an der Haltestelle getroffen. Sie warteten auf die Tram. Ruth strahlte, war sozusagen festlich, sonntäglich gekleidet, mit Sorgfalt hergerichtet, sie hatte mit Makeup und Lippenstift nachgeholfen. Unübersehbar, die beiden hatten heute etwas Besonderes vor. Wir gehen in die Hauptstadt. Und was macht ihr da, demonstrieren, shoppen? Mein Patenkind hat uns eingeladen. Er heiratet. Wie alt? 29, er ist Käser und Schwinger. So ein Schrank von einem Mann? Genau. Er ist wirklich gut, ein diplomierter Käser, eine Art Diplom-Ingenieur-Käser.
Heute Morgen habe ich eine Mail von B. erhalten. Er war auf Anweisung des Physiotherapeuten auf dem Gang vor seinem Zimmer zum ersten Mal mit Stöcken auf und ab gegangen, vielleicht zweimal sieben Meter, mehr war nicht zu schaffen. »Ich setzte mich wieder in den Rollstuhl und weinte. Es war die Rührung darüber, dass ich wieder – zum zweiten Mal – gehen lerne. Der Anfang vom Gehen. Was vorher so selbstverständlich war, muss ich jetzt wieder Stück für Stück, Schritt für Schritt erlernen. Draussen ist alles weiss, es hat mindestens 15 Zentimeter Schnee. Der kleine Teich ist fast zugefroren.«
Mit siebzig lernt B. umzugehen mit Gehen und Fühlen. Ja, in die Welt hinausgehen. Und fühlen, Beziehungen wahrnehmen und erleben zwischen Innen und Aussen, hier und da, ich und du. Kindlich neu entdecken, ertasten, überwältigt werden, mit grenzenlosem Vertrauen in die Welt und in die eigenen Möglichkeiten. Wie schön, wenn da einer am Anfang daneben steht und sagt, vielleicht nur mit seinen Blicken: Steh auf, nimm oder lass deine Krücken und geh. Und es geht.
Milan, jetzt drei Monate alt, liegt nur auf dem Rücken. Das grosse Abenteuer, Aufstehen und Gehen, steht ihm noch bevor. Er weiss es noch nicht. Doch sein Blicken und seine Bewegungen gehen in diese Richtung. Und mit dem Gehen wird auch das Sprechen kommen, Beziehung aufnehmen im Gehen und Sprechen, hin- und hergehen, losgehen, aussprechen, zu dir sprechen, zu mir sprechen, zu ihr sprechen, offenes Vertrauen, stille Geduldsschneedecke, darunter alles bereit für den grossen Aufstand und die Überfülle der vielen gleichzeitigen Beziehungen.
Euphorie. Ich bin euphorisch, ich befinde mich auf einer hellroten Wolke (selten), so weit, so gut. Aber die Wolken sind nicht immer so stabil. Vielleicht ist deshalb die Euphorie oft von kurzer Dauer.
(Hansen)
Heute habe ich meinen Nachbarn Willi im Lift getroffen. Gerade Nachbarn haben manchmal die grössten Geheimnisse voreinander. Sie leben nahe zusammen, näher als irgendjemand anders, verstecken sich aber in ihren Burghäusern oder verschliessen sich in ihren Wohnungen voreinander – mehr als vor allen anderen Menschen. Ich kannte Nachbarn, die sich über viele Jahre nicht mehr grüssten.
Man stelle sich vor. Ein junges Ehepaar. Ein Dorf mit einer kleinen Poststelle, einem Restaurant, einer Tankstelle. Beim Frühstück in der kleinen Küche ihrer Dreizimmerwohnung in einem zweistöckigen Haus am Zedernweg hatte jeder seinen festen Platz neben dem aufgehängten Heisswasserboiler am Tisch mit den silbernen Metallbeinen und dem rotweissen Plastiktischtuch. Sie blieben ohne Kinder. Zuerst waren sie zu jung, um sich gleich festzulegen, dann wars zu spät. Zu spät in jeder Beziehung. Sobald er krachend die Holztreppe hinunter trampelte, aus dem Haus stürzte und zur Arbeit bei der Post eilte, griff sie sich den Staubsauger, heulte mit ihm wie eine aufgebrachte Sirene dem Boden entlang und schnüffelte bis in alle Ecken der drei Zimmer, des Badezimmers und der Küche. Rundherum um ihre Wohnung, ums Haus, ums Quartier, ums Dorf, im Land rumorte es. Überall war es unordentlich, unruhig, die Verhältnisse verwilderten, Ruinen stürzten ein, Leitungen unter der Erde brachen auf, aber in ihrer Wohnung, innerhalb der Oberflächenverhältnisse ihrer eigenen Wände, war alles tiptop. Sie träumte gern vom Metzger und davon, wie ihr Mann den Laden des Metzgers führen könnte, anstatt für die Post zu arbeiten. Die Dorfbewohner würden zu ihnen kommen. Willi müsste ihnen nicht im ganzen Dorf nachrennen.
Eines Morgens verlief das Frühstück ein ganz wenig anders als üblich. Für einen Aussenstehenden, falls es so etwas in dieser Situation auf engem Raum überhaupt geben könnte, kaum zu bemerken. Durch widrige Umstände, es türmte sich das Geschirr vom letzten Abend, den sie überstürzt in der Küche abgebrochen hatten, um eine überwältigende lange Nacht im gemeinsamen Bett zu verbringen, kam Willi für einmal auf einen anderen Platz am Frühstückstisch mit dem rotweissen Tischtuch und den silbernen Metallbeinen zu sitzen. Sein Sitzgefühl war ganz anders. Das ganze Raumgefüge irritierte ihn. Er sprach tatsächlich von Raumgefüge. Vor allem sah er Sofia plötzlich ganz anders, ohne dass er begriff, was es genau war, und ohne dass er es selbst in Worte hätte fassen können. An diesem Morgen blieb er noch schweigsamer als eh schon immer beim Frühstück und überhaupt. Sofia muss es ähnlich ergangen sein. Denn an diesem Vormittag unterliess sie das Staubsaugen, fuhr in die Stadt, sobald sie das Geschirr abgewaschen hatte, und vergnügte sich beim Einkaufen. Bald nach diesem Frühstücksmorgen verliess er, ohne gross zu packen, seine Frau, zog ins Nachbardorf und fing beim Metzger an zu arbeiten. Es war natürlich ein viel schweinischerer Job, als er sich das vorgestellt hatte. Er gewöhnte sich jedoch schnell an elektronische Pistolen, lange Spritzen, scharfe Messer, schwere Kettensägen, spritzendes Blut, toten Fleischabfall, abgehauene Köpfe, Zehen und Schwänze.
Nach drei Jahren besuchte er seine Frau in der alten Dreizimmerwohnung im Nachbardorf. Vielleicht hatte Willi einen Durchhänger, oder er wollte sich rächen, ich weiss es nicht, er hatte nicht darüber gesprochen. Sie war überrascht, denn mit ihm rechnete sie natürlich zuallerletzt. Ausserdem war noch ein Mann bei ihr, den Willi nicht kannte. Es wurde kaum geredet. Worüber auch? Kurz nach der Begrüssung packte er sein Beil aus der Plastiktasche und erschlug sie. Ein Schlag genügte, sagte er. Es war in der Küche, als sie sich bückte. Die ganze Küche war blutrot verspritzt. Der andere Mann verharrte tatenlos, konnte aber der Polizei und den Nachbarn und Freunden den Tatvorgang ganz genau beschreiben. Der Metzger-Postmann bekam schliesslich mildernde Umstände, musste aber doch ein paar Jahre sitzen. Im Gefängnis bekam er Rückenprobleme. Das führte zu einer vorzeitigen Entlassung. Später würde er sich vielleicht operieren lassen.
Ein wuchtiger, grosser Kerl, vielleicht Mitte Vierzig. Er war früher mein Nachbar. Kennengelernt haben wir uns erst jetzt bei den morgendlichen Fahrstuhl-Aufenthalten auf dem Weg zur Therapie im Kantonsspital. Ich hatte es am Bein, er am Rücken. Er fiel mir sofort durch seinen treuherzigen Blick auf. Schon bei unserer ersten Begegnung oder Wiederbegegnung erzählte er mir von Sofia und dem Schlachtfeld in der Küche. Wenn er schon spricht, von was hätte er sonst reden wollen! Er erzählte trocken, sachlich, ohne weinerliches Pathos oder Selbstmitleid oder Bedauern, es hatte einen klaren, logischen Aufbau. Das war sicher das Resultat von den hunderten von Wiederholungen, in denen sich diese, seine Geschichte eingeschliffen hatte. Mir gefallen diejenigen, die zur Sache kommen, sowieso viel besser als diese ewigen Um-den-heissen-Brei-rum-Schleimschleicher.
Nach den Therapieübungen setzte ich mich auf die Kloschüssel, ergriff die Zeitung, wie ich es immer in solchen Situationen zu tun pflege, wenn eine rumliegt, schlug sie irgendwo auf, und mein Blick fiel als erstes auf die Schlagzeile »Im Bus erstochen«. Ein Mann ist am Freitagnachmittag – das war also vor drei Tagen – erstochen worden, weil sein Hund im Bus an einer Einkaufstasche geschnuppert hatte. Der Täter, ein 40-jähriger Kanistani, stieg mit seiner Tochter in Aumatten in den Bus Nummer 42. An der Haltestelle Inselstrasse stieg das spätere Opfer, ein 41-jähriger Mann mit seiner Freundin und deren Hund, in den Bus ein. Der Hund schnupperte an der Einkaufstasche des latenten Täters. Darauf kam es zu einem Wortgefecht. Die Situation eskalierte, obwohl ein dritter Buspassagier versuchte, den 40-jährigen Kanistani zu beruhigen. Kurz darauf stach dieser dem Mann mit der Freundin und dem Hund ein Messer in die Brust. Der Busfahrer stoppte vor der Polizeiwache Grauholz. Die alarmierte Notfallärztin konnte das Opfer jedoch nicht mehr retten. Ende der Zeitungsnachricht.
Ich hörte also heute von Willi im Fahrstuhl die Geschichte, wie er seine Frau mit dem Beil erschlug. Jetzt ging ich auf die Toilette im Spital und las diese Geschichte in der Zeitung. Ich weiss wirklich nicht mehr, was ratsamer ist: nicht mehr auf die Strasse zu gehen oder die Zeitung nicht mehr aufzuschlagen.
Heute habe ich aus der Presse mitbekommen, dass Stan Wawrinka sich die kurzen Sätze »Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.« von Beckett auf den Unterarm...




