E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Binder Biker Tales: Das dunkle Herz
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96215-283-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-96215-283-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Sandra Binder, geboren 1985, lebt mit ihrem Mann im Herzen Oberschwabens. Noch bevor sie lesen und unzählige Bücher verschlingen konnte, kam sie mit dem Theater in Berührung und stand im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Die Liebe zum Theater erweckte eine tiefe Leidenschaft für Märchen und phantastische Geschichten in ihr. Und ließ sie sich bald schon ihre eigenen Welten auszudenken. Bereits in jungen Jahren versuchte sich Sandra immer wieder an verschiedenen Erzählungen und zeichnete Comics. Aber erst im Jahr 2015 wagte sie mit einer Kurzgeschichte den ersten Schritt an die Öffentlichkeit. Heute freut sie sich darüber, in verschiedenen Genres schreiben zu dürfen.
Autoren/Hrsg.
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Chapter One – Back to Hell
Wolfville, Nevada. Ein Provinzkaff mitten in der Pampa, irgendwo vergessen zwischen Bergen und Wüste. Hier lag sozusagen der Wolf begraben: der eine kümmerliche Streuner, der vor der Stadtgründung einmal in der Gegend gesichtet worden war und dem das Städtchen seinen Namen verdankte. Vermutlich war es auch nur ein Kojote gewesen.
Um es auf weniger hinterwäldlerische Weise auszudrücken: Die Zivilisation lag ungefähr einen Tagesmarsch entfernt.
Peinlicherweise war Bea hier aufgewachsen.
Glücklicherweise sollte ihr jetziger Aufenthalt hier nicht lange andauern. Es war schon schlimm genug, mit Mitte Zwanzig wieder zu Hause einziehen zu müssen, das wollte sie bestimmt nicht unnötig in die Länge ziehen. Und das war garantiert auch im Sinne ihrer Mutter.
Schon bei dem Telefonat, in dem Bea sie darum bat, eine Weile lang bei ihr wohnen zu dürfen, weil sie nirgendwo anders hinkonnte, hatte sie mehr gebrummt als gesprochen. Und bei Beas Ankunft hatte sie dann nur gemeint: »Du weißt, wo dein Zimmer ist. Kauf dir dein Zeug selbst und bau nicht wieder irgendwelche Scheiße, klar?«
Nun ja, wenigstens war sie nüchtern gewesen.
Tief seufzend schlug Bea die Haustür hinter sich zu und schaute sich draußen um. Ihr Elternhaus stand inmitten eines gepflegten Wohngebiets, in dem vorwiegend junge Familien mit Kindern wohnten. Vor den Häuschen reihten sich liebevoll angelegte Blumen- und Kräuterbeete aneinander, und an den blütenweißen Gartenzäunen lehnten kleine, bunte Kinderfahrräder. Sehr idyllisch. Bea drehte sich dabei der Magen um.
Nicht, dass sie etwas gegen glückliche Familien mit hübschen Häusern hätte – im Gegenteil. Aber die Umgebung machte ihr nur jedes Mal schmerzlich bewusst, dass das Haus der Kramers, ihr Elternhaus, von jeher ein Schandfleck gewesen war. Mit der krummen Tür, dem halb ausgehängten Fliegengitter, der wild wuchernden Wiese ums Haus und dem Müll, der hier überall herum lag, spiegelte es das Chaos, das in der Familie herrschte, nach außen wider. Doch erst am Nachmittag wurde das Bild in seiner Hässlichkeit abgerundet. Dann, wenn Beas Mutter auf der vergammelten Veranda auf ihrem lädierten orangefarbenen Plastikstuhl saß, ein Bier nach dem anderen kippte und die Kinder anbrüllte, die auf der Straße spielten.
Rosemary Kramer war nie eine dieser Vorzeigemütter gewesen. Es schien jedoch noch schlimmer geworden zu sein, seit Bea fortgegangen war. Sie wunderte sich ernsthaft, warum ihre Mutter hier noch geduldet wurde. Sie wunderte sich ebenso, wie die chronisch abgebrannte Alkoholikerin das Haus halten konnte. Seit Bea wieder hier war, hörte sie eigentlich gar nicht mehr auf, sich zu wundern – auch über den Kellnerjob ihrer Mutter in einer zwielichtigen Bar am Ortsende.
Die Arbeit war sehr gut bezahlt, was bereits ein Widerspruch in sich war. Davon abgesehen, konnte sie sich einfach nicht vorstellen, dass Rosemary beim Kellnern zuverlässiger war als in anderen Bereichen ihres Lebens. Was wiederum eben die Frage aufwarf, wieso sie dort noch arbeiten durfte.
Etwas anderes, über das sich Bea nicht weniger wunderte, waren die laut knatternden Geräusche, die ständig durch den Ort hallten. Ungewöhnlich viele Motorräder schienen Wolfville zu passieren.
Bea schüttelte den Kopf. Wieso machte sie sich überhaupt Gedanken über all diesen Kram? Sie blieb ohnehin nicht lange hier. Sobald sie genügend Geld zusammengekratzt hatte, würde sie verschwinden und nur eine Staubwolke zurücklassen. Wie der Roadrunner aus der Zeichentrickserie.
Sie klopfte ihre Hose ab – sie hasste die staubige Luft hier draußen – und begutachtete nochmals ihr Outfit: Schlichte weiße Seidenbluse, schwarze Stoffhose, Lederpumps. Sie war nicht sicher, welche Garderobe für den ersten Arbeitstag im Bürgerbüro des Rathauses angemessen war, aber sie hatte eben nur ihre New Yorker Kleidung. Außerdem verbog sie sich für diese alberne Hiwi-Stelle bestimmt nicht.
Sie unterdrückte ein Schnauben und machte sich bewusst, dass sie pleite war und froh über den Job sein sollte. Sie hatte Glück, in diesem Kaff überhaupt anständige Arbeit gefunden zu haben, wenn auch nur, weil der Bürgermeister ihrem Vater einiges verdankte. Sie hatte all die Jahre nicht mehr daran gedacht, aber nachdem Jacob sie rausgeworfen und sie auf der Straße gestanden hatte, ohne Job, ohne Freunde, aber dafür mit einem Berg Schulden und einer Strafanzeige am Hals, war sie wohl verzweifelt genug gewesen, um sich daran zu erinnern.
Als Leiter der städtischen Baubehörde hatte ihr Vater damals ziemlichen Einfluss, den er unter anderem dafür genutzt hatte, dem heutigen Bürgermeister zu seinem Amt zu verhelfen. Bea hatte Mister Cornwall nicht einmal daran erinnern müssen, sie hatte am Telefon lediglich ihren Namen und ihr Anliegen genannt, da versicherte er ihr bereits, sie bei ihm unterzubringen. Er versprach ihr sogar, eine neue Stelle für sie zu schaffen, was aus bürokratischen Gründen jedoch eine Weile dauern konnte. Die Mühlen der Verwaltung … Da würden vorher noch Jahre ins Land gehen.
Deswegen musste sie sich in der Zeit, in der sie hier war, mit einem beschissenen Aushilfsjob abgeben, der eben gerade frei geworden war. Bei der miesen Bezahlung würde sie nie ihre Schulden abstottern und aus Wolfville rauskommen können, doch für den Anfang musste sie sich damit zufriedengeben. In ihrer Lage durfte sie nicht wählerisch sein.
Sie seufzte erneut, dann überwand sie sich schließlich und ging auf den rostigen Pick-up ihrer Mutter zu. Sie wusste nie, ob der Schrotthaufen sie ans Ziel brachte, bevor er auseinanderfiel, aber – sie wiederholte es gedanklich wie ein Mantra – in ihrer Lage durfte sie nicht wählerisch sein.
Bea fuhr aus dem Wohngebiet und auf der Hauptstraße entlang in Richtung Rathaus. Wolfville hatte sich kaum verändert – von wenigen hübschen Wohngebieten abgesehen, war es lediglich eine Ansammlung grauer Betonklötze mit staubigen Dächern. Im Gegensatz zu New York schien die Stadt winzig und die Straßen waren so menschenleer, dass sie erwartete, Strohballen über die Fahrbahn rollen zu sehen. Auf dem Weg kam sie an den denselben kleinen, von Einheimischen geführten Läden vorbei wie früher, und im Hintergrund erhoben sich die vertrauten alten Berge. Ihr fehlte New York mit seinen Hochhäusern, dem Gewimmel auf den Straßen, Taxis, bunte Lichter, schicke Läden und Restaurants … Leider konnte sie sich die Metropole nicht mehr leisten.
Der Auspuff des Pick-ups knallte laut wie ein Pistolenschuss, als Bea auf den Parkplatz vor dem Rathaus abbog. Sie stellte den Wagen ab und stapfte widerwillig auf den Eingang zu. Im Gegensatz zu den anderen winzigen Häusern wirkte das Rathaus mit seinen vier Steinsäulen und dem pompösen Kuppeldach überaus protzig. Selbst die Kirche konnte da nicht mithalten. Bea hatte nie verstanden, wieso das so war.
Sie trat durch die schwere Holztür und meldete sich in Zimmer Dreizehn – bei ihrer neuen Chefin Mrs Sanchez. Es handelte sich um eine dickliche Dame in gehobenem Alter, die allem Anschein nach ein Faible für knallige Farben hatte, ihrer bunten Garderobe und den scharlachrot gefärbten Haaren nach zu urteilen. Dieser fröhliche Look war allerdings ein krasser Gegensatz zu dem strengen und durchdringenden Blick, mit dem sie Bea bedachte.
Mrs Sanchez führte sie in einen langen Flur im Erdgeschoss, wo reihenweise winzige Abteile mit Schreibtischen untergebracht waren, separiert durch dünne Trennwände aus Dämmstoffmaterial. Die Arbeitsplätze erinnerten Bea an Schubladen. Und ihre Schublade schien die kleinste und engste überhaupt zu sein. Als hätte man nicht mit ihr gerechnet und sie nachträglich hinten ins Eck gequetscht.
Mrs Sanchez warf einen Stapel Papier auf Beas Miniatur eines Schreibtisches und deutete auf den Drehstuhl.
»Dies ist Ihr Reich, Miss Kramer«, sagte sie schnippisch. »Ein so schlaues Köpfchen wie Sie wird sich bestimmt allein zurechtfinden. Immerhin haben Sie Betriebswirtschaft studiert, oder nicht?«
Sie zog die Nase kraus und schaute Bea von oben bis unten missfällig an, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte und ohne weitere Erklärung davonrauschte. Was für ein Empfang …
Entweder hielt sie Bea für ein Yuppie-Püppchen und dachte, dass sie ihre Zeit hier lediglich absaß, bis sie einen besserbezahlten Job fand. Oder – die viel schlimmere Variante – sie war schon hier gewesen, als Beas Vater noch im Rathaus gearbeitet hatte. In diesem Fall wäre ihr Verhalten sogar nachvollziehbar. Unbestreitbar kompetent in seinem Job, war ihr Vater in sozialer Hinsicht schlicht unfähig gewesen. Frank Kramer, der frauenverachtende Säufer, war bekannt und berüchtigt für seine Pedanterie, Launenhaftigkeit und seinen Jähzorn. Bestimmt waren einige dieser Leute hier sehr froh über den frühen Tod ihres Kollegen.
Bea schlüpfte in ihre Schublade, ließ sich auf den Stuhl plumpsen und beäugte den Papierstapel.
»Sie sind also die Neue.« Das Grinsen war unüberhörbar.
Sie drehte sich um und musterte den Kerl, der ihr mit seiner Kaffeetasse zuprostete. Von seiner gestylten schwarzen Tolle über den lachsfarbenen Schal bis hin zu der viel zu engen Jeans war ihm deutlich anzusehen, dass er sich offensichtlich für unwiderstehlich hielt. Bea unterdrückte ein Augenrollen.
»Ähm, ja, ich –« Sie erhob sich halb und streckte ihm die Hand entgegen, um sich vorzustellen, aber er drückte ihr nur seine Tasse in die Finger.
»Kommen Sie doch gleich in mein Büro und bringen Sie mir einen frischen Kaffee mit. Ich habe einige aufgelaufene Kopieraufträge, derer Sie sich annehmen müssten.« Er grinste sie derart dreist an, dass es ihr die Sprache verschlug. »Milch und Süßstoff«,...




