E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Binder Inseln aus Schatten und Schimmer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-80973-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-80973-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen Binder, geboren 1961 in Butzbach, Wetteraukreis, lebt seit 1993 mit seiner Frau in Frankfurt am Main. Im tredition-Verlag sind bereits seine beiden Romane "Die vergessene Zeugin" und "Staub der Himmel" sowie die Erzählung "Das einsame Herz des Nebelfängers" erschienen.
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Mahabalipuram, Golf von Bengalen
Ein milchiger Dunstschleier bedeckte den Himmel über der Küste und ließ das hindurchdringende Sonnenlicht, das auf den Strand der kleinen Stadt fiel, merkwürdig diffus und kraftlos erscheinen. Die Schatten der in den Sand gezogenen Fischerboote und der Bäume, die weiter hinten die Bucht säumten, waren blass und ohne Tiefe, wenig mehr, als konturlose Schemen.
Und als würde die feucht-heiße Luft des Vormittags schwer auf ihr lasten, erstreckte sich die Wasserfläche des Meeres fast spiegelglatt in die Ferne, wie mattes Metall, dessen Farbe irgendwo am Horizont mit der des Himmels verschmolz, zu einem unwirklichen Etwas, das einem Kopfschmerzen verursachte, wenn man den Blick zu lange darauf gerichtet ließ.
Es war einer der seltenen windstillen Tage an der Küste vor Mahabalipuram, wo sich sonst beständig die Wellen brachen, und selbst den alteingesessenen Fischern des Ortes schien die brütende Hitze zu schaffen zu machen, denn bis jetzt war kaum eines der vielen Boote vom Strand hinausgefahren, und überall im Sand verteilt lagen die Netze noch genauso, wie sie Gestern zum Trocknen dort ausgebreitet worden waren.
Nur um den alten Küstentempel herum war vereinzelt Bewegung zu sehen, wenn unverzagte Touristen erschienen, um das Bauwerk zu bewundern, einen dem Gott Shiva geweihten Schrein aus dem Ende des 8. Jahrhunderts, der zu den ältesten Steintempeln Südindiens zählte.
Direkt am Strand gelegen, war auch er normalerweise von den heranrollenden Wogen des Meeres umspült, doch heute schwappte das Wasser des Golfs von Bengalen nur träge an die zu seinem Schutz errichteten Wellen-brecher, zu schwach, um Gischt emporspritzen zu lassen, die den Touristen vielleicht etwas Abkühlung hätte verschaffen können.
Mahabalipuram, ein Ort mit rund 16.000 Einwohnern, lag im Südosten Indiens, im Bundesstaat Tamil Nadu an der Koromandel-Küste, circa 60 Kilometer entfernt von Madras und war berühmt für seinen Tempelbezirk, der seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählte.
Ebenso wie der Küstentempel, gehörten auch die Bauwerke dieses mitten in der Stadt liegenden Areals zu den ältesten des Landes, allesamt entstanden im 7.und 8. Jahrhundert, als Mahabalipuram der wichtigste Hafen des Pallava-Reiches gewesen war, des Herrschaftsgebietes eines gleichnamigen altindischen Geschlechts.
Die Baudenkmäler an Land waren jedoch nicht die einzigen, die Mahabalipuram zu bieten hatte.
Schon seit langer Zeit waren im Meer vor der Küste weitere antike Bauten vermutet worden, eine Vorstellung, die genährt wurde von alten Überlieferungen und den Erzählungen von Fischern, die sie bei klarem Wasser von ihren Booten aus gesehen haben wollten.
Die Legenden besagten, dass der Küstentempel der einzig erhalten gebliebene aus einem Komplex von sieben Tempeln war, der sich einst über eine Strecke von 10 Kilometern die Küste entlang gezogen hatte, bevor die ganze Anlage von einer Flut vernichtet und auf dem Meeresgrund begraben worden war.
Und tatsächlich hatten diese Geschichten eine unerwartete Bestätigung erfahren, als am 26. Dezember 2004, ausgelöst von einem starken Seebeben im Indischen Ozean, ein verheerender Tsunami auch auf die Küsten des Golfs von Bengalen zugerollt war.
Vor Eintreffen der gewaltigen Flutwelle, im ihr vorauseilenden Sog, hatte sich das Meer zunächst weit zurückgezogen und für kurze Zeit den Blick freigegeben auf Ruinen, die bis dahin unter der Wasseroberfläche verborgen gewesen waren.
In den Jahren nach der Flutkatastrophe hatten diese Beobachtungen schließlich verstärkt Unterwasserarchäologen auf den Plan gerufen und bis heute waren an mindestens fünf verschiedenen Stellen vor der Küste die Überreste einander ähnelnder Anlagen entdeckt worden, bestehend aus rechteckigen Steinquadern, Mauern und Treppen sowie weiteren bearbeiteten, Gebäude-strukturen.
Jene Funde waren es auch, die den Mann angezogen hatten, der sich jetzt mit einigen kräftigen Schlägen der Flossen an seinen Füßen nach oben bewegte, auf den Rumpf des kleinen Fischerbootes zu, das über ihm auf der Oberfläche der glatten See dümpelte.
Bertrand Dubois war kein Unterwasserarchäologe, ehrlich gesagt hasste er Tauchgänge sogar, weil er sich nie ganz von der beklemmenden Befürchtung hatte befreien können, hier unten gleich die Orientierung zu verlieren und dann, wenn ihm der Sauerstoff ausging, jämmerlich zu ertrinken.
Nicht dass er jemals in eine solche Situation geraten wäre, aber das Gefühl wollte einfach nicht verschwinden.
Deshalb war er froh, als er nun die Wasseroberfläche durchstieß und sich das Atemgerät vom Gesicht riss, erleichtert, wieder normale Luft in seine Lungen zu bekommen.
Mit beiden Händen umfasste er den Rand der hölzernen Bordwand und begann, sich nach oben zu ziehen. Fast brachte er das Boot dabei zum Kentern, doch der hagere Inder in dem schmierigen, weißen Hemd, der auf den Planken des Kahns gedöst hatte, jetzt aufgeschreckt durch die plötzliche Bewegung, bemühte sich hektisch, auf der anderen Bordseite ein Gegengewicht zu bilden.
Nach zwei erfolglosen Versuchen gelang es Bertrand Dubois schließlich, sich ins Boot zu hangeln und die Gurte mit den Sauerstoffflaschen abzustreifen.
Keuchend ließ er sich auf einen der Sitzstege sinken und führte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand an die Lippen, um seinem Begleiter deutlich zu machen, wonach ihm jetzt der Sinn stand.
„Cigarettes“, sagte er auf Englisch, der Sprache, in der er sich, in Verbindung mit Handzeichen, hier einigermaßen verständigen konnte.
Von dem Tamil, welches die Einheimischen sprachen, erschloss sich ihm kein einziges Wort, ja, er vermutete sogar, dass nicht einmal sie selbst immer verstanden, was sie sagten. Vielleicht entstand dieser Eindruck aber auch durch andere Aspekte der ganz und gar fremdartigen, indischen Mentalität, welcher er in den vergangenen Tagen häufig ratlos gegenübergestanden hatte.
„Beach“, sagte er jetzt und deutete in Richtung des Strandes, der in vielleicht 500 bis 700 Metern Entfernung im dunstigen Sonnenlicht lag.
Der Inder, der inzwischen Dubois' Zigarettenpackung aus einer Art Seesack hervorgekramt hatte, warf daraufhin den kleinen Außenbordmotor an und begann, das Boot in gemächlichem Tempo zurück zur Küste zu lenken.
Bertrand Dubois, ein Mann von 45 Jahren, mit Neigung zu einem leichten Bauchansatz, ansonsten aber in erstaunlich guter körperlicher Verfassung, war vor einer Woche mit einer Air India Maschine aus Paris gekommen und nach einem 13-Stunden Flug, einschließlich einer Zwischenlandung in Karatschi, endlich in Madras gelandet, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu.
Man schätzte, das Madras mindestens 6,5 Millionen Einwohner hatte, genau schien das niemand zu wissen, und an der Rezeption des Hotels, in dem er eine Nacht verbracht hatte, war ihm dringend davon abgeraten worden, in dieser Stadt selbst Auto zu fahren oder auch die 60 Kilometer bis Mahabalipuram auf eigene Faust zurückzulegen.
Doch er hatte darauf bestanden, die Reise in einem Mietwagen alleine fortzusetzen. Schließlich war er als Einwohner von Paris in Sachen Straßenverkehr einiges gewohnt.
Doch diese Annahme sollte sich als furchtbare Fehleinschätzung erweisen.
Von dem Wagen, der ihm schließlich zur Verfügung gestellt worden war, hatte sich unmöglich sagen lassen, um welche Fahrzeugmarke es sich handelte, möglicherweise war er aus verschiedenen Modellen zusammengeschraubt worden, und nach mehrstündiger Fahrt durch ein unvorstellbares Chaos aus Menschen, Autos, Motorrädern, LKWs, Bussen, Fahrrädern, Karren und heiligen Kühen, das zwischen Müll und Dreck praktisch lückenlos auf allen Straßen herrschte, und nachdem er mindestens zehnmal nur um Haaresbreite schwere Unfälle hatte vermeiden können, war er, der verkehrserfahrene Pariser, am Stadtrand ausgestiegen und hatte zitternd und einem Nervenzusammenbruch nahe im Hotel angerufen, um sich einen Fahrer schicken zu lassen.
Mit einem wissenden Grinsen im Gesicht hatte dieser ihn dann nach Mahabalipuram gefahren, eine Erfahrung, die kaum weniger angsteinflößend gewesen war, als seine eigenen Fahrversuche, doch nach einiger Zeit hatte er einfach die Augen geschlossen und sich seinem Schicksal ergeben.
Verglichen damit fühlte er sich jetzt, in dem kleinen Boot, mit dem sein Begleiter ihn in den vergangenen Tagen für ein paar Rupien hinaus zu den Tauchplätzen gefahren hatte, ausgesprochen wohl.
Die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens war Bertrand Dubois das gewesen, was manche Leute einen Lebenskünstler nennen würden, andere vielleicht einen Taugenichts oder gar Hallodri, der überwiegend sinnlosen Tätigkeiten nachging, mit denen nichts zu verdienen war und sich dabei von Anderen aushalten ließ.
Diese Einschätzung war nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn ja, er hatte sich nach einem abgebrochenen Studium der Anthropologie...




