Bischof Der Enklavenmann
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-939832-77-5
Verlag: KUUUK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 314 Seiten
ISBN: 978-3-939832-77-5
Verlag: KUUUK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„Er“, ambitionierter Läufer, Anfang 60, Hochschuldozent für das Fach Übersetzen, trifft auf jene bedeutungsvolle „Sie“, Naike Behning, eine außerordentlich begabte Studentin.
Sofort fühlt „Er“ sich unwiderstehlich von ihrer dominant-selbstsicheren Aura angezogen. Das bringt sein fragiles Gleichgewicht ins Wanken. Denn es überlagern sich in seinem Inneren sowieso schon jene Beziehungsaltlasten aus Jahrzehnten sowie der ständige Ärger mit seiner aktuellen, zudem so komplizierten Partnerin namens Angela.
Die neu auf der Bildfläche erschienene junge Naike konfrontiert den „Enklavenmann“ – einen dereinst traumatisierten Menschen, der mit zwischenmenschlichen Beziehungen seine ganz speziellen Probleme hat – nun erbarmungslos mit all seinen ungelösten Konflikten. Das sorgt für einige Unordnung auch in ihrem Leben. Zugleich ist sie aber tief beeindruckt und überdeutlich angezogen von der Weltgewandtheit und Intellektualität des viel älteren Mannes.
Da entwickelt sich ganz konsequent eine seelenverwandte und erotisch aufgeladene Mann-Frau-Beziehung. Jedoch: Die beiden Hauptpersonen verzweifeln immer wieder, weil keine Seite weiß, was die andere eigentlich will. Grenzüberschreitungen und Zerwürfnisse, neue Annäherungen – ein großes Hin und Her, welches man beim Lesen mit durchlebt.
Wer, was, wie? Eine Psychogramm wird in diesem klugen Roman fein und fast sezierend Schnitt für Schnitt entwickelt: Mann und Frau sind in ihren eigenen Verstrickungen und den sich dauernd abspielenden Missverständnissen scheinbar sehr verfangen.
Und: Es gibt noch eine Besonderheit dieses Romans. Alles hier wird von der Schriftstellerin Katrin Bischof in der Erzählrolle des Mannes beschrieben – jenes so aufregende und doch auch gern verdammt komplexe Mann-und-Frau-Beziehungsleben, dem sich Abermillionen im Alltag immer wieder neu stellen müssen.
Zwei Leben also, die gegeneinander „zu übersetzen“ sind – samt der garantierten Unverständnisse. Daraus wurde ein changierender Roman, der uns vollkommen ins Geschehen hineinzieht. Man kann nicht dagegen an, wird selber zum Bestandteil der geschilderten Anziehungs- und Abstoßungswirrnisse. Am Ende muss eine Entscheidung gefällt werden. Aber welche?
Zielgruppe
1. Alle Menschen, die sich für moderne, intelligente und anspruchsvolle Literatur interessieren.
2. Alle Menschen, die sich für Beziehungen zwischen Mann und Frau interessieren.
3. Alle Menschen, die sich für das Thema "Übersetzen" interessieren.
4. Alle Menschen, die sich für Romane interessieren, deren "Setting" eine Universität samt Umfeld ist.
5. Alle Menschen, die sich für Romane interessieren, die eine Frau aus der Männerrolle heraus schreibt.
6. Alle Menschen, die sich für Romane interessieren, in denen es eine Dreiecks- bzw. Viereckskonstallation gibt.
7. Alle Menschen, die sich für das Thema Partnerschaft, Liebe, Anziehung, Erotik interessieren.
8. Alle Menschen, die sich für Auseinandersetzungen und Brüche in der menschlichen Kommunikation interessieren.
9. Alle Menschen, die etwas über Beziehungen zwischen einer jüngeren und einer älteren Person lesen wollen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2.
Vor diesem Moment hätte ich schon überlegen müssen, wenn mich jemand gefragt hätte, wie sie aussah, und dann vermutlich so etwas geantwortet wie braunhaarig, schlank und mittelgroß, ein Passepartout, das auf unzählige andere Studentinnen genauso zutraf.
Naike Behning war keine dieser Schönheiten im konventionellen Sinne, die einem sofort ins Auge fallen. Attraktiv an ihr war gerade, dass ihr daran auch offensichtlich gar nichts lag. Naike Behning war vor allem eines: So unbekümmert authentisch, dass es mir den Atem verschlug. Nimm mich so, wie ich bin, oder lass es bleiben, das war die Botschaft, die sie aussendete, auch wenn ihr das selbst (wie ich heute denke) möglicherweise nicht einmal bewusst war. Aber auch das war Teil ihres Charmes.
Das Auffälligste an ihr war sicher das Haar – sehr dunkel, lang und unruly –, das ihr in dichten Wellen über den Rücken fiel. Trotz schmalknöcheliger Handgelenke, fein modellierter Knie und deutlich ausgeprägter Fesseln hatte sie nichts Fragiles an sich; dazu waren ihre Taille zu stabil und ihre Schultern zu breit. Die Augen – groß, rund und von unbestimmter Farbe, grünbraun vielleicht wie der Kern einer Sonnenblume – dominierten ein Gesicht, das einem weniger durch gefällige Hübschheit als durch wache Intelligenz in Erinnerung blieb.
Ihr Gang war entschlossen und zielstrebig, als ob sie immer genau wusste, wohin sie wollte und was sie dort zu tun hatte – und als ob sie es nicht schätzte, auf ihrem Weg dorthin aufgehalten zu werden. Und so wie sie ging, so sprach sie auch, das hatte ich ja bereits am eigenen Leib erfahren dürfen. Ich hätte gewarnt sein müssen. Aber ach, es hat mich Zeit meines Lebens zu Frauen hingezogen, die wussten, was sie wollten, oder wenigstens diesen Eindruck machten.
Ich bemerkte, dass ich auf ihre Schritte horchte, wenn ich vor Veranstaltungsbeginn im Raum war und die Studenten nach und nach hereinkamen. Ich versuchte, von der Art, wie sie gekleidet war, auf ihre Stimmung zu schließen. Und ich fing an, ihr Gesicht wie einen Kompass zu lesen, der mir die Marschrichtung vorgab.
Dann kam der Tag, an dem sie sich freiwillig für die Übersetzung eines Textes meldete, der mehrere Fachtermini des amerikanischen Rechtssystems ohne begriffliche Entsprechung im Deutschen enthielt. It was a pretty hard case to crack.
An sich hatte ich vorgehabt, ihre Übersetzung wie immer im Plenum besprechen zu lassen. Da Beiträge anderer Teilnehmer diesmal jedoch gänzlich ausblieben, lief das Ganze sehr bald auf ein exklusives Zwiegespräch hinaus. Es waren einige Fehlleistungen in ihrem Text, nicht viele, und weit weniger, als ich erwartet hatte. Sie diskutierte vehement mit mir über jedes Detail und ließ nicht eher locker, bis sie selber einsah, warum ihre Lösung noch verbesserungsfähig war. Nun endlich zeigte sich das, was ich hinter ihrer beherrschten Lässigkeit schon längst vermutet hatte: die andere, impulsive Seite.
„Wären Sie so freundlich, Ihre Fassung noch einmal zu überarbeiten und uns zur Verfügung zu stellen?“, beendete ich die Debatte schließlich.
Sie nickte verdrießlich. „Natürlich.“
Ich nahm ihren Verdruss nicht persönlich. Sie mochte es nicht, wenn die Qualität ihrer Arbeit nicht so war, wie sie es selbst von sich erwartete. Mittelmaß, Durchschnittlichkeit, das war nichts für sie. Sie gehörte zu den Menschen, die perfekt sein wollen.
Eine Woche später reichte sie eine überarbeitete Fassung ihrer Übersetzung ein, an der es nicht das Geringste mehr auszusetzen gab. Sie nickte nur knapp, als ich ihr das mitteilte, als hätte sie nichts anderes erwartet, aber das kurze, befriedigte Aufleuchten in ihren Augen sah ich doch.
Nach der Übung kam sie zu mir. „Ich habe den Text letztes Wochenende mit meinem Vater durchgearbeitet“, sagte sie. „Der ist Jurist. Deswegen war ich mir ziemlich sicher, dass es jetzt in Ordnung sein würde.“
„Da haben Sie sich ja richtig viel Mühe gemacht“, entgegnete ich mit meinem freundlichsten Lächeln.
Zum ersten Mal sah ich nun auch sie lächeln. „Eine schwierige Aufgabe ist es wert, dass man sich Mühe macht.“ Das war ihre Erwiderung. Diese Worte hätten sehr überheblich klingen können, wenn sie nur Pose gewesen wären. Aber sie meinte sie tatsächlich genau so, wie sie sie sagte.
Von diesem Tag an kreisten meine Gedanken immer häufiger um sie. Ich versuchte, mehr über sie zu erfahren. Aber wen konnte ich fragen? Andere Studenten? Nein. Zu den meisten meiner Kollegen hatte ich keinen näheren Kontakt, sie wären nur misstrauisch geworden. Der einzige, der in Frage kam, war Rudolf, der sie ganz sicher kannte, da ihre Drittsprache Russisch war und sie mehrere seiner Kurse besucht haben musste. Rudolf und ich gingen seit Jahren fast täglich zusammen laufen, wir hatten unseren allerersten Marathon gemeinsam bestritten, da wusste man manches voneinander.
Als wir das nächste Mal unsere Laufstrecke abarbeiteten und wir uns lange genug darüber unterhalten hatten, ob all die in den Läuferforen angepriesenen Wunderpillen denn nun tatsächlich nützten, ob man mit Kompressionsstrümpfen lächerlich aussah und ob Intervalltraining auch mal wieder sein musste, hielt ich die Gelegenheit für gekommen.
„Was hältst du eigentlich von Naike Behning?“
„Naike Behning?“ Rudolf zog überlegend die Stirn in Falten. „Intelligent, ehrgeizig, weit überdurchschnittlich. Stell dir vor, sie hatte überhaupt keine Vorkenntnisse in Russisch und will jetzt schon, nach zwei Semestern, die Sprachkompetenzklausur schreiben. Und die wird sie auch bestehen, zumindest den Teil, für den ich verantwortlich bin. Warum fragst du?“
Rudolf behauptete, dass er sich im Umgang mit Studentinnen nicht von Sympathie oder Antipathie leiten lasse. Was zähle, sei allein die Leistung. Ich nahm ihm das natürlich nicht ab. Auch dabei handelte es sich lediglich um einen simplen Schutzmechanismus. Rudolf will die Unterschiede genauso wenig sehen wie ich.
Rudolf trug Scheußlichkeiten wie geblümte Hemden unter farbenfrohen Strickpullovern mit Norwegermuster und zu kurze grellgelbe Jeans und Tennissocken. Mit diesem Aufzug hielt er sich die Studentinnen vom Leib. Ob bewusst oder unbewusst, die Abwehrstrategie funktionierte; in meiner Umgebung gab es keine Frau, die nicht voller Mitleid und Schaudern die Augen verdrehte, sobald die Rede auf Rudolfs Outfit kam. Rudolf wirkte wie ein kleiner, von seiner Mutter verlassener Junge, der nun irgendwie allein zurechtkommen musste, ebenso tief unglücklich, verunsichert und bockig zugleich. Der Unterschied war nur, dass diese Mischung bei einem erwachsenen Mann von Ende vierzig nichts Rührendes mehr an sich hatte.
Rudolfs Frau hatte ihn zwar noch nicht verlassen, aber dass die Ehe nur noch bestand, weil es, wie Rudolf sich ausdrückte, „steuerlich gesehen vorteilhaft“ war und er ansonsten nach der Pfeife seiner Frau tanzte, wusste das ganze Institut. Seine Frau war eine ehemalige Studentin. Ich hatte ihn von vornherein gewarnt. Als er sie kennen lernte, hatte sie ihm kategorisch mitgeteilt, dass sie mit ihm laufen gehen werde, aber nur um sechs Uhr morgens oder eben gar nicht. Rudolf hatte sich darauf eingelassen. Damit war das weitere Muster vorgegeben.
„Nur so. Sie ist wirklich sehr tüchtig. Und extrem sympathisch.“
„Finde ich auch.“
Wir erreichten den ersten Hügel. Es ging steil bergan. Rudolf konzentrierte sich auf das Atmen, und wir redeten nicht mehr, bis wir oben angekommen waren.
„Sie hat ja schon ein Studium abgeschlossen“, fuhr Rudolf dann fort, als wir wieder bergab trabten. „Französisch und Deutsch für das gymnasiale Lehramt.“
„Ah ja? Woher weißt du das?“
„Sie war bei mir in der Studienberatung, um mich zu fragen, wie sie möglichst schnell ihr Diplom kriegt. Da hat sie es mir erzählt.“
Rudolf nimmt es sehr genau mit Details dieser Art. Er hat auch ein phänomenales Gedächtnis dafür, während mir gerade die Formalia meist sofort wieder entfallen, sobald ein Student den Raum verlassen hat.
Ich musste mich einen Moment sammeln, bevor ich den nächsten Anlauf nahm.
„Sie sagte neulich zu mir, eine schwierige Aufgabe sei es wert, dass man sich Mühe mache.“
Rudolf lachte skeptisch auf.
„Das hat sie gesagt?“
„Ja. Eine ungewöhnliche Frau.“
Im selben Augenblick bereute ich auch schon, das gesagt zu haben. Rudolf warf mir einen seiner strafenden Blicke zu.
„Du wirst doch nicht am Ende eine Schwäche für Naike Behning haben?“
„Schwäche ... Ach wo“, sagte ich ungehalten. „Sie ist eine ausgezeichnete Studentin. Ich meinte damit, dass es mehr von der Sorte geben sollte. Unverfälschte intrinsische Motivation, alert ... Du weißt schon.“
Rudolfs Informationen passten zu dem Bild, das ich von ihr hatte. Ich hatte schon länger vermutet, dass sie ein paar Jahre älter war als die durchschnittliche Studienanfängerin. Das selbstsichere Auftreten, diese extreme Zielstrebigkeit – das war schon etwas anderes als die üblichen Zweit- und Drittsemester, die einen bisweilen wirklich noch an frisch aus dem Ei geschlüpfte Küken erinnerten. Aber...




