E-Book, Deutsch, 361 Seiten
Bischofberger Karriere im Transit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-593-45950-9
Verlag: Campus Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Musikerinnen und Musiker zwischen Kuba und Europa (1830-1920)
E-Book, Deutsch, 361 Seiten
ISBN: 978-3-593-45950-9
Verlag: Campus Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexandre Bischofberger ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sophie Drinker Institut in Bremen.
Autoren/Hrsg.
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2.Von Zuckerhüten, Tanzveranstaltungen und Musikzeitschriften: Kubas Musikwelt und die Bedeutung von musikalischem Wissen
Einen guten Startpunkt für die Geschichte kubanischer Musikerinnen und Musiker im 19. Jahrhundert böte natürlich Havanna, die Hauptstadt der Insel. Spannender aber ist es, auf das östlich davon gelegene, kleinere Matanzas zu blicken. In der gleichnamigen kubanischen Provinz gelegen, hat es heute seine einstige Bedeutung verloren. Reisende kennen Matanzas meist nur als Transitstadt, die sie auf dem Weg von der Tourismushochburg Varadero nach Havanna und zurück durchqueren. Wenige von ihnen lernen die illustre, aber wechselhafte Geschichte der Stadt an der Nordküste kennen.
Heute noch trägt Matanzas den Beinamen »Venedig Kubas«. Dieser verweist zum einen direkt auf die einundzwanzig Brücken im Stadtbild. Zum anderen aber klingt in der Bezeichnung die ökonomische Rolle an, die Matanzas einst einnahm. Es war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der wichtigste Zuckerhafen der Insel und ein Hauptumschlagspunkt für versklavte Menschen. Umgeben war die Stadt von Plantagen.110
Die Orientierung der kubanischen Gesellschaft nach Europa beschränkte sich jedoch nicht auf wirtschaftliche Vergleiche. Schon 1860 hatte der Direktor des Liceo Artístico y Literario von Matanzas die Stadt als »Athen Kubas« bezeichnet und damit auf die ausgeprägte Kunst- und Kulturwelt der Stadt Bezug genommen, die durch die ökonomische Schlagkraft vor Ort ermöglicht wurde.111 Dazu gehörte eine große literarische Tradition, die von Poeten wie Plácido oder José María Heredia geprägt war. Vor allem aber spielte Musik eine zentrale Rolle im Kulturleben der Stadt. Die schwedische Reisende Fredrika Bremer stellte nach einem Besuch in der Stadt fest, nie wieder habe sie einen solchen Strom an schöner Musik gehört wie in Matanzas.112
Als José White am 31. Dezember 1835 als Sohn eines französischen Händlers und einer freigelassenen Sklavin in eben diesem »kubanischen Athen« geboren wurde, waren die Voraussetzungen für eine künstlerische Karriere also gegeben. Es waren zahlreiche Lehrer in der Stadt, bei denen er Unterricht nehmen konnte, und das örtliche Theater bot Raum für Konzerte sowohl lokaler als auch internationaler Musiker:innen, die Kuba im Rahmen ihrer Tourneen immer wieder besuchten.
Gerade in der Person Whites und seiner Heimatstadt Matanzas vereinen sich grundsätzliche Konfliktlinien, welche die kubanische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchzogen und damit die Voraussetzungen für das Musikleben dieser Zeiten boten: das Verhältnis zwischen kubanischer Kolonie und spanischer Metropole, die Bedeutung kolonialer Hierarchien, die substanzielle Funktion von Sklaverei und Rassismus sowie die geografische Schlüsselposition zwischen den beiden Amerikas im Norden und Süden.
Die titelgebenden Zuckerhüte, Tanzveranstaltungen und Musikzeitschriften sind deshalb Sinnbilder für drei eng miteinander verwobene und aufeinander aufbauende Themenkomplexe, die in diesem Kapitel einführend dargestellt werden. Vor einer Betrachtung der Musikwelten Kubas, die im Zentrum dieses Kapitels steht, erfolgt daher ein kurzer historischer Abriss der kubanischen Geschichte und der kubanischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Nach einer Vermessung der kolonialen Musikwelt ausgehend von Havanna, für die vor allem Reiseberichte als Quellen herangezogen werden, wird die Untersuchung in Hinblick auf die kubanischen Musikerinnen und Musiker zugespitzt. Dafür analysiere ich die Funktionsweise und den Vermittlungsprozess von musikalischem Wissen sowie dessen Bedeutung für eine professionelle Musikkarriere in Kuba.
2.1Eine »verdorbene« Gesellschaft? Kubanische Lebenswelten im 19. Jahrhundert
a) Ein Königreich für eine Insel: Entdeckung, Eroberung, Kolonialismus
Der kubanische Anthropologe Fernando Ortiz stellte im frühen 20. Jahrhundert fest, dass die kubanische Gesellschaft um 1800, die er in eine Schwarze und eine Weiße Hälfte einteilte, verdorben gewesen sei. Das habe insbesondere am schlechten Vorbild der Weißen Bevölkerung in Bereichen der Kultur und Zivilisation gelegen habe. Wie habe man von der fast überwiegenden Masse der Schwarzen, die erst kurz zuvor aus den afrikanischen Dschungeln nach Kuba gebracht worden seien, Moral und ein ehrliches Leben verlangen können?113
Wenngleich Ortiz hier den Versuch unternimmt, eine dezidiert gesamtgesellschaftliche Untersuchung durchzuführen, um die Lebenssituation und Verhaltensweisen Schwarzer Bevölkerungsgruppen im 19. Jahrhundert zu erklären, bleibt seine Argumentation doch implizit rassistischen Erklärungsmustern verhaftet. Wenn im Folgenden die historischen und sozialen Bedingungen der kubanischen Musikwelt genauer betrachtet werden, dann wird dabei der historische Konstruktionscharakter einer solchen Perspektive selbst problematisiert. Hautfarbe und Abstammungen waren wichtige Kriterien, die im Musikleben die Möglichkeitsräume einzelner Akteur:innen bestimmten, doch eine so simplifizierende Trennung in eine »schwarze« und »weiße« Bevölkerung existierte auch in der Musikwelt in der Realität nicht.
Seitdem Cristóbal Colón 1492 auf die Ostküste der Insel getroffen war stand Kuba in andauerndem Kontakt mit dem europäischen Kontinent. Die intensivste Austauschbeziehung bestand dabei mit Spanien, das die Insel in den Jahrzehnten nach Colóns Landung militärisch eroberte und kolonisierte. Dabei wurde die autochthone Bevölkerung der Insel nahezu ausgelöscht. Lebten dort Ende des 15. Jahrhunderts noch etwa 112.000 Indigene, sank ihre Zahl bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts auf 3.000.114
Parallel dazu begannen spanische Siedler:innen mit der Erschließung Kubas. Im Jahr 1519 wurde Havanna an der Nordküste der Insel gegründet. Die heutige Hauptstadt erhielt in den Jahrzehnten nach ihrer Gründung eine wichtige Rolle als »Schlüssel zur Neuen Welt« und wurde im 16. und 17. Jahrhundert zum Sammelpunkt für die spanische Silberflotte vor der Atlantiküberquerung.115 Davon profitierte die Stadt, deren Bewohner:innen die notwendigen Dienstleistungen zur Reparatur von Schiffen oder der Beherbergung von Seeleuten erbrachten. Auf diese Weise kamen Menschen und Geld in die Kolonie. Im 16. Jahrhundert sah sich die Stadt, genauso wie Santiago de Cuba im Osten der Insel, aufgrund ihrer strategischen Lage immer wieder Angriffen anderer europäischer Mächte ausgesetzt. Die spanische Kolonialmacht reagierte auf diese Attacken durch den Bau dreier Festungen beiderseits der Hafeneinfahrt von Havanna. Dennoch nahmen englische Soldaten die Stadt im Jahr 1762 während des Siebenjährigen Krieges zeitweise ein. In seiner zuerst 1770 erschienen stellte der Abbé Raynal kurze Zeit später die strategische Bedeutung Kubas für Spanien heraus, indem er betonte, dass Kuba allein ein Königreich wert sei.116
Nach zehn Monaten tauschte Spanien die Stadt gegen das Gebiet von Florida zurück. Allerdings hatte die englische Besetzung der Stadt weitreichende Konsequenzen. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war Kuba eine Subsistenzkolonie gewesen, die wenig für den Export produzierte. Ausnahmen bildeten Viehhaltung und Tabakproduktion. Sklaverei war bis zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Phänomen der Hafenstädte gewesen. Dies änderte sich nun: Während der kurzzeitigen englischen Okkupation erfuhr Havanna einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nach dem Rücktausch der Stadt reagierten die spanischen Verantwortlichen unter König Karl III. und begannen, die Beziehung zwischen Metropole und Kolonie zu reformieren. Nun war es Kuba möglich, mit spanischen und später ebenso nicht-spanischen Häfen frei Handel zu treiben. Diese Öffnung für andere Märkte ließ in der Folge den Zuckeranbau für die kreolische, also europäischstämmige, Oligarchie in Havanna attraktiv werden und dies auch, weil nun der freie Erwerb von versklavten Menschen aus...




