E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten
Reihe: Peter Förster-Reihe
Bischoff Mörderische Obsession
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-4821-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Renaissance-Mysterium
E-Book, Deutsch, Band 2, 316 Seiten
Reihe: Peter Förster-Reihe
ISBN: 978-3-7693-4821-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nachdem er sich nach vierzig Jahren in der Werbung, in leitender Position in der Industrie und als Inhaber einer erfolgreichen Werbeagentur 2014 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, entdeckte Hans Bischoff seine Lust am Schreiben von Kriminalromanen und originellen Kurzgeschichten. Insgesamt sind sechs Romane von ihm veröffentlicht. Geboren und aufgewachsen in Stuttgart, lebt Hans Bischoff heute als Autor, Fotograf und Filmer in Überlingen am Bodensee.
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Mai 1919, Turin. Der Sammler
Die beiden Herren mittleren Alters trafen sich wie zufällig vor der kleinen Bar auf der Piazza Vittorio Veneto.
Rund fünf Monate nach Ende des furchtbaren Krieges, dieser Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, waren Bars, Cafés und Restaurants auch auf den Prachtstraßen Turins noch nicht wieder so dicht gesät wie vor dem großen Gemetzel, in das sich auch Italien gestürzt hatte.
Die riesige, lang gezogene Piazza, die sich als Ponte Vittorio Emanuele I. über den durch Turin fließenden Po fortsetzte, war in dieser späten Nachmittagsstunde wie leer gefegt. Ein böiger Wind peitschte vom Fluss über den Platz und in die Stadt hinein. Der Mai zeigte sich in diesen ersten Tagen in keiner Weise von seiner wonnigen Seite.
»Selbst das Wetter weiß noch nicht genau, wo es hin will. Machen wir dennoch einen kurzen Spaziergang, da sind wir ungestört?«, meinte der größere der beiden. Er wartete nicht auf Antwort.
Eduardo Morsini war knapp über fünfzig und trotz der Kriegswirren ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Kunstsammler aus der kleinen Gemeinde Castagnole, zwischen Asti und Alba in den Hügeln des Roero im Piemont gelegen. Ein unbedeutender Ort. Korrekt im schwarzen Gehrock gekleidet, aufrecht mit der selbstbewussten Haltung des vermögenden Geldadels schreitend, hinterließ er einen durch und durch seriösen Eindruck. Er stützte sich beim Gehen wegen einer im Krieg erlittenen Verletzung am Bein auf einen mit silbernem Griff veredelten Spazierstock. Sein Blick, sein ganzes Auftreten strahlten Härte, Distanz und Selbstbewusstsein aus. Er schien es gewohnt zu führen.
Sein Begleiter dagegen verkörperte bereits die Bohème der kommenden Zwanziger Jahre. Elegantes bordeauxrotes Jackett, grauweiß gestreifte Hose, hellgrauer Hut. Er war etwa im selben Alter wie sein Gesprächspartner, wirkte jedoch in seinem ganzen Auftreten jünger und ungezwungener.
Giovanni Andreotti war Kunsthändler und besaß eine vor dem Krieg gut gehende Galerie in Turin. Im Moment jedoch kämpfte er, wie viele andere Unternehmen gegen die Tristesse der Nachkriegszeit. Andreotti hatte die Galerie 1896 gegründet und sich von Anfang an auf Werke der Renaissance spezialisiert.
»Dottore Morsini, ich schließe mich Ihnen gerne an. Gehen wir.«
Beide blickten sich unauffällig um, bevor sie sich in Richtung Fluss auf den Weg machten. Die ersten Meter gingen sie stumm nebeneinander her. Morsini starrte nach vorne, Andreotti blieb einen halben Schritt hinter seinem Begleiter zurück und versuchte, sich einen Eindruck von Morsini zu verschaffen. Sie hatten zwar in den vergangenen Jahren das ein oder andere Geschäft miteinander gemacht, waren sich aber persönlich noch nie begegnet. Alles lief stets über Mittelsmänner. Morsini wollte bei seinen Käufen stets anonym bleiben.
Er hatte dem Galeristen vor drei Tagen ein Telegramm geschickt und zum ersten Mal um ein persönliches Treffen gebeten. Er hätte einen etwas speziellen Wunsch, von einem Auftrag war nicht die Rede. Andreotti hatte sich dennoch sofort zu diesem Treffen bereit erklärt.
»Was will der von mir und plötzlich persönlich?«, fragte er sich nun erneut, als sie schweigend über das rötliche, von großformatigen hellen Steinplatten unterbrochene Pflaster des Platzes schritten. Er entschied sich, abzuwarten. »Soll der andere doch beginnen«, sagte er sich.
»Signor Andreotti, wie Sie sicher inzwischen wissen, bin ich Anwalt und fanatischer Kunstsammler. Wir hatten ja schon mehrfach das Vergnügen.«
Andreotti nickte nur, Morsini machte eine kurze Pause.
»Ich kenne und schätze Sie als vertrauenswürdigen und vor allem verschwiegenen Geschäftspartner und komme deshalb mit einem ganz speziellen, sogar fragwürdigen Anliegen heute zu Ihnen. Ich gehe davon aus, dass dieses Treffen und mein Wunsch ausschließlich unter uns bleiben. Auch falls Sie Nein sagen sollten, was ich Ihnen selbstverständlich zugestehe. Allerdings ungern.« Er schaute Andreotti abwartend an.
»Meine absolute Diskretion kennen Sie, Dottore.«
»Gut, ich habe das erwartet. Ich möchte nicht darum herum reden, kurz gesagt, sie sollen für mich den jugendlichen Johannes der Täufer von Andrea del Sarto besorgen.«
Andreotti blieb abrupt stehen, riss die Augen auf und starrte seinem Gegenüber fassungslos ins Gesicht. Beide schwiegen. Der Galerist brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder einigermaßen zu fassen.
»Wenn mich nicht alles täuscht, hängt genau dieses Gemälde in der Sammlung des Königshauses Savoyen hier in Turin. Im Palazzo dell‘Accademia delle Scienze!«
»Stimmt! Und Sie sollen es für mich dort heraus holen. Egal, was es kostet. Zumindest fast egal.«
Morsini war bei diesen Worten ebenfalls stehen geblieben, jetzt setzten sich beide wieder in Bewegung. Es dauerte geraume Zeit, bis Andreotti aufschloss und sich kopfschüttelnd wieder äußerte.
»Sie sind sich sicher, dass dieser Wunsch Ihr Ernst ist?«, fragte er den Anwalt. »Das ist ein Meisterwerk der Renaissance, hängt seit vielen Jahren ...«
»Seit 1869.«
»... in der königlichen Sammlung, nachdem es aus Florenz hergekommen war.«
»Das ist zweifellos richtig, aber in Zukunft soll es in der Villa Morsini in Castagnole hängen. Und zwar nur für mich! Können Sie das verstehen? Ein Kunstwerk, nur für mich!«
Morsini lief nun schneller, nachdem sie den Fluss erreicht hatten. Andreotti hatte Mühe, ihm zu folgen. Er kam leicht außer Atem. Morsini stoppte plötzlich, wandte sich um und deutete mit dem Spazierstock auf den Begleiter.
»Signor Andreotti, können Sie das für mich realisieren? Ich will dieses Bild haben und bezahle Ihnen fast jeden Betrag dafür. Die anmutige Natürlichkeit, der ganze Charakter des Bildes und der klassische Bildaufbau machen dieses Gemälde einzigartig. Für mich! Holen Sie es heraus. Bitte!«
Morsini war ins Schwärmen geraten, übergangslos wurde er wieder der nüchterne Anwalt. »Ich weiß, dass es Ihnen nicht gut geht, jetzt nach dem Krieg. Sie haben massive Probleme mit Ihrer Galerie und stehen vor dem Ruin. Sie wären auf einen Schlag saniert! Ja oder nein?«
»Aber ich müsste einen wahnsinnigen Diebstahl begehen. Ein Gemälde aus diesem gut bewachten Museum zu stehlen, ist Wahnsinn. Vergessen Sie das! So sehr mich, zugegeben, Ihr Wunsch reizt.«
»Ich war dort. Das Museum hat so gut wie kein Geld mehr, um gute Wachleute zu bezahlen. Da laufen drei, vier alte, gebrechliche Männer herum, Kriegsveteranen. Für einen einigermaßen talentierten Kriminellen dürfte das kein Problem sein.« Morsini schaute zweifelnd auf den Kunsthändler. »Sie sollten öfter ins Museum gehen, dann wüssten Sie, wie schlecht derzeit bewacht wird. Wahrscheinlich hätte ich das Bild heraus tragen können, und keiner hätte es gemerkt. Aber vielleicht sind Sie doch der falsche Partner für ein wirklich großes Geschäft.«
Andreotti fühlte sich wie in einem Schraubstock eingespannt. Entweder pleite oder Verbrecher! Pest oder Cholera. Er konnte wählen.
»Dottore, lassen Sie mir Bedenkzeit, ich muss das erst …«
»Sie hätten im Krieg sein sollen, dann wüssten Sie, was es heißt, schnell zu entscheiden«, unterbrach ihn der Anwalt schroff. Morsini blickte dabei verächtlich auf seinen Begleiter. »Aber in Ordnung. Sie überlegen sich bis in zwei Tagen, ob und wie Sie das Ganze ausführen wollen. Ich bin am Freitag wieder hier in Turin und treffe Sie am gleichen Ort wie heute gegen siebzehn Uhr. Dann wissen Sie, ob Sie sich ein gutes Geschäft durch die Lappen gehen lassen wollen oder wie Sie es machen werden. Arrivederci, Signor Andreotti! Buon giorno. Vielen Dank für Ihre Zeit.«
Morsini drehte sich ohne ein weiteres Wort um, ließ Andreotti stehen und bog mit schnellen Schritten in die nächste Querstraße ein, die vom Po wegführte.
Der Galerist verharrte bewegungslos, er wollte Morsini erst noch etwas nachrufen, ließ es dann jedoch bleiben.
»Das ist alles nicht wahr«, versuchte er sich selbst einzureden, als sein Auftraggeber um die Hausecke verschwand und nur noch das sich entfernende Klacken seines Stockes auf dem Pflaster zu hören war.
Die Galerie erreichte Andreotti nach wenigen Minuten Fußmarsch, er schloss die Ladentür auf, trat ein und ließ das Schild in der Tür auf Chiuso, Geschlossen, hängen. »Was tue ich hier? Wasche ich meine Hände schon mal in Unschuld?«, schoss ihm in den Kopf, als er in der Toilette seine nassen Hände abtrocknete. Zurück in der Galerie goss er sich zuerst einen doppelten Grappa ein, den er sofort hinunter kippte. Sein Hals brannte wie Feuer, er schnappte nach Luft und ließ sich in einen der drei bequemen Sessel fallen, die sich um einen kleinen runden Tisch gruppierten. Seine Gedanken begannen sich zu überschlagen.
Giovanni Andreotti war gewiss kein Mensch mit allzu großen Skrupeln, was Geschäfte anbetraf. Auch...




