Bittner | Die Decke des Schweigens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 339 Seiten

Bittner Die Decke des Schweigens

Fünfte neu überarbeitete Auflage
Fünfte neu überarbeitete Auflage
ISBN: 978-3-96589-010-7
Verlag: TOS Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fünfte neu überarbeitete Auflage

E-Book, Deutsch, 339 Seiten

ISBN: 978-3-96589-010-7
Verlag: TOS Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Deutschland gibt es das Sprichwort: 'Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.' Für manche Menschen ist dies der Grund, weshalb sie ihr Schweigen mit positiven Eigenschaften verbinden. Jemand, der schweigen kann, gilt als charakterlich gefestigt und stark. Im Licht der Bibel sieht das anders aus. Der höchste Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen zeigt sich in der Fähigkeit der direkten Kommunikation. Wie viel Schmerz, Trauma und Unbewältigtes in der Vergangenheit kann hinter dem Schweigen eines Menschen verborgen sein? Und wie viel kann an Heilung, Wiederherstellung und Veränderung passieren, wenn ein Mensch es schafft, dieses Schweigen zu durchbrechen?

Jobst Bittner ist evangelischer Theologe, Buchautor und zusammen mit seiner Frau Charlotte der Gründer der TOS-Dienste. Das internationale Werk umfasst zahlreiche Gemeinden und soziale Hilfsdienste in 12 Nationen. Als Gründer und Initiator des Marsch des Lebens hat er eine Bewegung ins Leben gerufen, die sich weltweit für Israel und gegen Antisemitismus einsetzt und jährlich Millionen Menschen erreicht.
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Einleitung


Die Entstehung dieses Buches zog sich über einige Jahre hin. Je mehr ich mich mit der „Decke des Schweigens“ beschäftigte, desto mehr entdeckte ich, wie sehr jeder Bereich unseres Lebens damit verbunden ist. Immer mehr Erfahrungen und Erkenntnisse fügten sich hinzu. Jetzt kann ich das fertige Buch vorlegen und hoffe, dass es Ihnen hilft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Sehr wahrscheinlich sind Sie mehr von der „Decke des Schweigens“ betroffen, als Sie es bisher wahrgenommen haben.

Wir leben unter einer Decke des Schweigens und merken es meistens nicht. Sie wird von Generation zu Generation weitergegeben und verhindert Versöhnung, Heilung und Wiederherstellung. Steckt das Schweigen der Kriegsgeneration zum Holocaust immer noch in unseren Knochen? Die Vernichtung der europäischen Juden hatte im deutschen Familiengedächtnis leider nie wirklich einen Platz. Erst in den frühen 80er Jahren wurden in Deutschland die Spätfolgen des Kriegs bei den nachkommenden Generationen entdeckt. Die meisten Familien in Deutschland leben bis heute unter einem Schatten der Vergangenheit.

Ich möchte versuchen, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar unterschiedliche Hintergründe und Ursachen hat, aber dennoch für die Folgegenerationen der deutschen Kriegsgeneration und der Holocaustgeneration gleichermaßen gilt. Die Nachkommen beider Generationen entdecken nur langsam, wie sehr sie die Bürde ihrer Familiengeschichte mit sich getragen haben. Allmählich lernen sie, darüber zu sprechen und sorgen dafür, dass die Geschichte ihrer Familie ans Licht kommt und bearbeitet werden kann. So sehr sich auch in Deutschland viele Christen in Kirchen und Gemeinden wünschen, dass das Kapitel des Nationalsozialismus endlich abgeschlossen wird und nicht immer wieder neu ins Blickfeld gerät, so wenig entspricht dies der Realität. Beide, die Opfer- und die Tätergeneration, leiden immer noch an dem Erbe ihrer Vergangenheit und werden nur Heilung und Wiederherstellung erleben können, wenn sie einander wahrnehmen, sich vergeben und versöhnt zueinander finden. Das kann nur passieren, wenn eine Decke des Schweigens über ihnen zerbricht. Ausgehend von den eigenen biografischen Erfahrungen in Tübingen, einer Universitätsstadt, die zur Zeit des Nationalsozialismus eines der ideologischen Zentren war, aus dem Exekutoren und Massenmörder hervorgingen, werde ich versuchen, aus biblisch-theologischer, kirchengeschichtlicher und psychologischer Sicht zu beleuchten, woher die Decke des Schweigens kommt und wie sie zerbrochen werden kann.

DIE FAMILIÄRE EBENE


Ich werde mich in diesem Buch mit der Decke des Schweigens auf unterschiedlichen Ebenen beschäftigen. Am persönlichsten betrifft uns sicher die familiäre Ebene. Mehr als drei Viertel aller deutschen Familien haben damit zu tun. Sie sind die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration und tragen die schuldhaften Verstrickungen, traumatischen Erfahrungen sowie die Flucht und Vertreibung dieser Generation heute noch mit sich herum. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist das Schweigen. Viele gehen durch endlose Wüsten, ohne dass sich für sie eine Veränderung abzeichnet. Sie haben sich mit seelischen Verstimmungen, Ängsten, Blockaden, Bindungsstörungen und innerer Starre abgefunden, ohne deren Ursache gefunden und die befreiende Macht des Kreuzes wirklich kennengelernt zu haben.

Wird das Schweigen der Generationen gebrochen und werden die unerzählten Geschichten erzählt, eröffnet das völlig neue Möglichkeiten, inneren Frieden, Sicherheit und Heilung finden zu können.

Viele Christen in Kirchen und Gemeinden verpassen eine ganz wichtige Entwicklung, die in der Gesellschaft schon längst zum „Trend“ geworden ist. Sie sind der Überzeugung, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit längst geschehen sei. Man solle endlich seinen Schuldkomplex hinter sich lassen und nach vorne schauen. Erstaunlicherweise hat sich aber in der Öffentlichkeit die Aufarbeitung des Nationalsozialismus noch intensiviert. Die Genealogie, also die Erforschung der Familiengeschichte, boomt seit Jahren. Ahnenforschung ist nicht mehr der schrullige Zeitvertreib von Rentnern und Adligen, sondern gilt als Ausdruck eines gewachsenen Bedürfnisses nach innerer Verwurzelung und Identität. Die Grundlage jeder Veränderung ist die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ich hatte mich selbst jahrelang dagegen gewehrt und musste meinen inneren Widerstand aufgeben. Das geschah in einem Gottesdienst, in dem ich das Vorrecht hatte, vor zahlreichen Holocaustüberlebenden zu predigen. Ich erlebte dort eine völlig andere Realität. Meine deutsche Sprache rief bei vielen schmerzliche Erinnerungen hervor und Gespenster der Vergangenheit standen wieder auf. Nach einer Zeit der Heilung und Versöhnung erzählten sie mir von den Ängsten und Traumata, die sich von ihren Eltern und Großeltern auf sie weitervererbt hatten. Millionen der zweiten und dritten Generation von Holocaustnachkommen leiden immer noch an den Folgen. Eigentümlicherweise sind sie in einer ähnlichen Sprachlosigkeit gefangen wie die Nachkommen der Tätergeneration. Solange die Opfer- und die Tätergeneration noch immer unter dem Erbe der Vergangenheit leiden, dürfen Christen ihre Verantwortung nicht als beendet erklären.

DIE HISTORISCHE EBENE


Eine andere Ebene der Decke des Schweigens ist die geschichtliche. Mit dem Neuaufbau Deutschlands nach 1945 begann der mühsame Prozess der Aufarbeitung. Nazitäter versuchten unterzutauchen, was ihnen zum großen Teil auch gelang; Mitläufer und Mitwisser flohen in das Schweigen des Alltags und versuchten, die Vergangenheit zu verdrängen. Erst 20 Jahre später begann die Decke des Schweigens langsam durchlässig zu werden. Angesichts der sechs Millionen Juden, die im Holocaust auf grausamste Art ermordet wurden, und des strategisch geplanten und akribisch durchgeführten Massenmordes an 30 Millionen Menschen in Osteuropa stellte man sich die Frage, ob es für die Deutschen zulässig ist, sich hinter der Schuld einiger fanatischer Einzeltäter zu verstecken. Hinter dem Schweigen verbarg sich eine kollektive moralische Schuld, eine Verantwortung der schweigenden Mehrheit, die dem mörderischen Treiben zuschaute und tatenlos gegenüberstand. Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beispiellose Zeit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hinter sich. Auf unzähligen Konferenzen wurde Deutschlands Vergangenheit thematisiert und darüber Buße getan. Mit dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung hatte der Herr unser Land sichtbar geheilt. Und auch weiterhin vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht Berichte, Aufklärung und auch Diskussionen über den Holocaust und andere Kriegsverbrechen gibt. Holocaustleugner werden strafrechtlich verfolgt. Jährliche Regierungskonsultationen zwischen Israel und Deutschland sind ein Zeugnis der freundschaftlichen Verbundenheit. Eine große Zahl an Kirchen und Gemeinden stehen in einem lebendigen Kontakt zu Israel.

DIE KIRCHENGESCHICHTLICHE EBENE


Und dennoch ist die Decke des Schweigens noch nicht verschwunden. Es gibt einen tief verwurzelten Antisemitismus, der weit hinter die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Er ist wie eine negative Saat in unserer westlichen Kultur verborgen und in unser Denken eingepflanzt, sodass er immer wieder aufbrechen kann.

Sei es gegenüber der Relativierung des Holocaust, der Leugnung des Existenzrechts Israels oder den antijüdischen Haltungen und Einstellungen – das gemeinsame Kennzeichen dieser negativen Saat ist das Schweigen. Es ist das gleiche Schweigen wie das der schweigenden Mehrheit zur Zeit des Nationalsozialismus. In Form von Gleichgültigkeit und Passivität ist es tief in unsere Gemeinden eingedrungen. Beides sind Kennzeichen eines „genetischen Defekts“, den das Christentum seit der Trennung von seinen jüdischen Wurzeln in sich trägt. Um diese These zu erhärten, werden wir uns mit der kirchengeschichtlichen Dimension der Decke des Schweigens beschäftigen. Dabei geht es um die Frage, warum die Kirche in der westlichen Welt ihre Vollmacht verloren hat. Die frühe Kirche konnte sich, trotz der Widerstände eines hellenistisch geprägten Mittelmeerraums, sehr schnell ausbreiten. Mit dem Verlust ihrer jüdischen Wurzeln tauschte sie ihre geistliche Kraft gegen weltliche Autorität ein und wurde schließlich zum Verursacher der jahrhundertelangen Leidensgeschichte des jüdischen Volkes. Warum wir die Vollmacht der Gemeinde nur mit dem klaren Bekenntnis zur Schuld der Christen gegenüber dem jüdischen Volk und dem offenen Bekenntnis zu unserem hebräischen Erbe zurückgewinnen können, wird eine weitere wichtige Fragestellung dieses Buches sein. Sie führt uns zu der Überlegung, womit die Gemeinde sich auseinandersetzen muss und was dabei ihre Mittel sind. Bevor wir in alte Denkmuster verfallen, sollten wir uns darauf einlassen, noch einmal neu über die zentrale Rolle der „Stellvertretenden Buße“ und die kontrovers diskutierte Frage des „Geistlichen Kampfes“ nachzudenken.

DIE ÜBERNATÜRLICHE...




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