Bjergfeldt | Mr. Saitos reisendes Kino | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

Reihe: HarperCollins eBook

Bjergfeldt Mr. Saitos reisendes Kino

Roman | Bestseller aus Dänemark | Für Fans von John Irving und Isabel Allende | »Das Beste, was ich seit sehr, sehr langer Zeit gelesen habe« Jussi Adler Olsen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7499-0847-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Bestseller aus Dänemark | Für Fans von John Irving und Isabel Allende | »Das Beste, was ich seit sehr, sehr langer Zeit gelesen habe« Jussi Adler Olsen

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

Reihe: HarperCollins eBook

ISBN: 978-3-7499-0847-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt ...

So beginnt Litas wundersame Reise mit ihrer schönen Mutter Fabiola, die neben Schuhen vor allem Tango liebt und so manches Chaos anzieht. Als die beiden dank dieser Eigenschaft gezwungen sind, ihre Heimat Hals über Kopf zu verlassen, landen sie unplanmäßig auf einer windgepeitschten Insel vor der Küste Neufundlands. Unterschlupf finden sie in einem Seemannsheim, das von einer Vielzahl schrulliger Charaktere bewohnt wird. Lita freundet sich schnell mit der gehörlosen Tochter der Gastgeber an, der einzigartigen Oona McGregor. Als sie den auf der Insel lang herbeigesehnten Mr. Saito das erste Mal begegnet, der mit seinem Wanderkino Nachrichten aus aller Welt zu ihnen bringt, ahnt Lita nicht, dass er ihr Leben für immer verändern wird.

»Mr. Saitos reisendes Kino« ist eine unvergleichliche Odyssee über das Finden von Familie an unerwarteten Orten, einen Fischerjungen mit bernsteinfarbenen Augen, Herzklopfen, entlaufene Tangoschuhe und die Liebe in all ihren Formen.

»Das Beste, was ich seit sehr, sehr langer Zeit gelesen habe« Jussi Adler Olsen



Annette Bjergfeldt ist nicht nur eine viel beachtete, dänische Autorin, sondern auch eine für einen Grammy nominierte Singer-Songwriterin und Malerin. Zudem hält sie regelmäßig Songwriting-Sessions in örtlichen Gefängnissen und für Kinder mit besonderen Bedürfnissen ab.Ihre Begabung für das Geschichtenerzählen entwickelte sich, als sie für mehrere Jahre mit ihrer Musik durch die USA tourte und das Publikum zwischen den Liedern mit Geschichten unterhielt. Ihr musikalisches Gespür spiegelt sich auch in der lyrischen Prosa ihres gefeierten Debüts und ihrem zweiten Bestseller-Roman»Mr. Saitos reisendes Kino« wider, die zusammen in 27 Sprachen übersetzt werden.

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Der Schuhkarton


Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt. Die Hintergrundmusik dazu war Carlos Gardels Tango , der sich in jenem Jahr in Argentinien landesweit zu einem Ohrwurm entwickelt hatte. Wer meine Mutter Fabiola Cordero de Dios kannte, wunderte sich vermutlich kaum über die Umstände meiner Entstehung.

Später waren eine Seereise in den Norden, ein Rauswurf in Nova Scotia und eine besondere Kopfhautmassage nötig, um ihr diese Angaben zu entlocken. Doch im Grunde war die Sache mit der Tanzfläche für niemanden eine Überraschung. Am allerwenigsten für mich. Schon als Kind wusste ich, dass Fabiola eigene Wege ging. Dass sie eine Fuchsmutter mit vielen Fluchtwegen war.

Fabiola war siebzehn Jahre vorher, 1910, irgendwo in San Telmo, dem ältesten Einwandererviertel von Buenos Aires, zur Welt gekommen. Da wog sie nur achtzehnhundert Gramm, weil sie zwei Monate zu früh geboren wurde.

Wenige Minuten nachdem Fabiola das Licht der Welt erblickt hatte, starb ihre Mutter im Wochenbett. Der frischgebackene Vater wusste nicht, was er machen sollte. Also bettete er in einem Anfall von Panik seine neugeborene Tochter in einen Schuhkarton, in dem früher ein Paar handgenähte Herrenschuhe aus weichem Kalbsleder gelegen hatte, jene Schuhe, in denen er im Jahr zuvor den Brautwalzer getanzt hatte. Den Schuhkarton hatte er vorher mit Lumpen ausgepolstert, und er starrte das kleine Geschöpf ungläubig an. Achtzehnhundert außergewöhnliche Gramm waren auf die Welt gekommen, doch seine Gedanken kreisten nur um die Frau, die er gerade verloren hatte.

Als das Weinen des Kindes immer lauter wurde, lief er mit dem Schuhkarton in der Hand auf die Straße und stellte ihn samt Kind vor dem Tor des Klosters Santa Magdalena ab. Zur Erklärung hatte er ein paar Worte auf einen Zettel gekritzelt, allerdings ohne seinen Namen zu hinterlassen. Zum Schluss schrieb er Dann schob er den Zettel schnell zwischen die Lumpen und verschwand in der Nacht.

Als am nächsten Morgen beim ersten Hahnenschrei der Klostergärtner das Tor öffnete, um die Abfälle nach draußen zu bringen, sah er zu seinem Erstaunen den Karton auf der Türschwelle stehen, und als er hineinschaute, starrten ihn die klarsten Halbmondaugen an. Behutsam trug er den Schuhkarton in die Küche, wo er ihn an Schwester Delphine übergab. Sie stellte den Karton mit dem Kind neben den Kachelofen, und im Lauf des Vormittags wussten alle im Kloster, dass ein kleines Mädchen bei ihnen angekommen war.

Aus natürlichen Gründen konnte keine der Nonnen Milch geben, und nur sehr wenige rechneten damit, dass das winzige Wesen im Schuhkarton überlebte. Doch was uns nicht umbringt, macht uns bekanntlich stärker, und das Mädchen versetzte alle in Erstaunen.

Die Priorin, die aus Italien stammte und von Papst Pius X. ernannt worden war, gab dem Kind den Namen Fabiola, was bedeutet. Weil das Mädchen keine Eltern hatte, banden die Nonnen ihr den Nachnamen … wie eine hoffnungsvolle Schleife um. Nun konnte das Lamm ins Kirchenbuch eingetragen werden, und Fabiola wurde in die Schar der von Gott behüteten Lebewesen aufgenommen.

Da Fabiola so schmächtig war, hielten es die Magdalenen-Schwestern nicht für möglich, dass das Mädchen viel größer würde als die Erbsenpflanzen im Kräutergarten. Aber die Ziege im Klosterhof gab Milch, und mit jedem Tag wurde Fabiola größer und kräftiger. Der Karton war ihr Start in die Welt, und im schwachen Duft der Kalbslederschuhe vom Vater fühlte sich das Kind geborgen.

Die Priorin betete zur Jungfrau Maria um ein Zeichen. Durfte das Kloster das kleine Mädchen behalten, oder musste es in eine richtige Familie weitergegeben werden?

Noch am selben Abend flog während der Vesper ein schwarzer Rabe ins Kloster und ließ sich weit oben unter den Gewölben nieder. Dort saß der Vogel eine Weile, um sich seine glänzenden Flügel zu putzen, und behielt dabei die Nonnen scharf im Auge. Falls die Priorin gehofft hatte, die Madonna würde eine zarte Misteldrossel schicken, die ihren Gesang anstimmte, wenn alle Vöglein zur Ruh’ gegangen waren, hatte sie sich geirrt.

Aber man muss die Zeichen nehmen, die man bekommt. Rabe hin oder her. Die Priorin beschloss, dass es der Wunsch der Jungfrau Maria sei, dass das Kind bei ihnen bleibe.

Und so wuchs Fabiola im Haus Gottes auf. Wie die Nonnen ernährte sie sich von dem klostereigenen Gemüse, den Hühnereiern und den süßen blauen Weintrauben, die an den Hängen rund um die alten Gebäude wuchsen. Während spanische, russische und italienische Einwanderer um einen Platz in den Elendsvierteln kämpften, lernte Fabiola im Schutz der Klostermauern die Barmherzigkeit der Jungfrau Maria kennen. Die acht Stundengebete im Kloster folgten dem Zyklus des Tageslaufs und stellten ein Musikstück für sich dar. Die Nonnen von Santa Magdalena kamen aus aller Welt, und wenn sie nicht gerade beteten und sangen, brachten sie dem Mädchen Italienisch, Französisch und Englisch bei.

Sobald Fabiola aus ihrem Schuhkarton krabbeln konnte, wurde sie zu einer echten Streunerin. Die Priorin hatte gehofft, das Lamm Gottes würde schwanzwedelnd sein Leben im Kloster Jesus weihen, aber weit gefehlt. Das Mädchen hatte genug vom Eingesperrtsein.

Im Alter von vierzehn Jahren war Fabiola zu einer dunkeläugigen Bohnenstange mit sehr hohen Wangenknochen herangewachsen. Schlank gebaut, aber mit einem Paar erstaunlich langen Stelzen, auf denen sie leicht wie nichts aus dem Klostertor hinunter zum Rio de la Plata schlüpfte.

Am Fluss reihten sich Bars, Bordelle und Tanzsalons aneinander. Fabiola setzte sich auf eine Bank unter die violetten Jacarandabäume und versank, vor sich hin summend, in Träumereien, wobei sie die Passanten beobachtete und von den Ereignissen am Boden gefesselt war.

Dort unten gab es einiges zu entdecken: eine Schnecke auf dem Weg nach Spanien, eine unleserliche Postkarte mit exotischer Briefmarke und ein Schlüssel, der auf das nasse Flussufer gefallen war. Hatte ihn jemand vor Wut weggeworfen? Oder aus Zerstreutheit verloren?

Auf ihren Streifzügen schnappte Fabiola auch eine Menge Verwünschungen und Flüche auf, die Leute in die Gosse gespuckt hatten: und noch Schlimmeres.

Vor allem jedoch wetteiferten Schuhe laufend um ihre Aufmerksamkeit. Im Kloster Santa Magdalena hatten die Nonnen den Blick gen Himmel gerichtet, wobei ihre Sandalen unter ihren Gewändern verborgen blieben.

Jetzt, am Flussufer, eröffnete sich ihr eine ganz neue Welt. Fabiola wurde zur Wachhündin des Augenblicks, zu einem Mädchen mit einem Auge fürs Detail.

In den Straßen wimmelte es von Füßen. Ein wettergegerbter Gaucho ritt zu Pferd in langschäftigen Reitstiefeln vorbei. Ein Huf, eine Klaue, eine Pfote. Was machten diese Lackschuhe da … Hatten sie sich verlaufen? Dort stand ein einbeiniger Unglücksvogel an einen Baum gelehnt; und da drüben stolzierte eine Frau mit schönen Knöcheln, die Fabiola mit ihren eigenen aber noch haushoch übertraf.

Hier liefen die Tagträumer, die Mutlosen, die Liederlichen, die Volltrunkenen, die Humpelnden, die mit schweren Beinen und natürlich die frisch verliebten Zicklein auf Champagnerbeinen.

Fabiola fiel auf, dass einige ihre Füße nach innen drehten, um nicht noch mehr Platz in Anspruch zu nehmen, wohingegen andere unverhohlen mit pummeligen Schuhspitzen und frechen Kreuzriemchen in Versuchung führten. Wohin gingen die Schuhe? Lief vielleicht irgendwo ein Paar, das Fabiolas Vater gehörte? Vor allem musste sie so schnell wie möglich ihre flachen braunen Flechtsandalen loswerden.

Der Gang eines jeden Menschen auf Erden ist einzigartig. Wie kommen wir dahin, wo wir hinwollen? Auf eiligen Absätzen, leichten Fußes oder mit schleppenden Schritten? Oder laufen wir bloß vor allem davon?

Alles fängt mit den Füßen an. Je nach Ziel braucht es natürlich das passende Schuhwerk: Ballettschläppchen, Kletterstiefel oder ein Paar große Schwimmflossen.

Fabiola schwor sich, ihre Reise in Tangoschuhen zu machen, denn Füße sind zum Tanzen da. Und die Füße meiner Mutter konnten nicht anders als mitzuschwingen, sobald irgendwo in der Stadt eine Melodie angestimmt wurde. Je mehr die Schwestern gen Himmel blickten, desto häufiger zog es Fabiola zu den Wundern auf dem Straßenpflaster. Sie blieb den Mahlzeiten im Kloster fern und schwänzte die Kommunion. Wenn die Nonnen ihren Namen riefen, hallte als einzige Antwort nur ein Echo von den Wänden wider: Und Fabiola? Sie war unten am Rio de la Plata, um Riemchen, Absätze und Schuhspitzen zu studieren. Obwohl die Nonnen sie auf ein Leben in Kontemplation vorbereitet hatten, waren sie in dem Punkt machtlos. . Das Mädchen war einfach verrückt nach Schuhen.

Nach vielen ernsten Gesprächen und gemeinsamen Gebeten zur Heiligen Madonna in der Seitenkapelle hatte die Priorin endlich ein Einsehen, und 1925 gelang es ihr, Fabiola eine Lehrstelle in einem exklusiven Schuhgeschäft im Zentrum von Buenos Aires zu verschaffen.

El Palacio del Zapatos lag in der Calle Florida in einer beeindruckenden Sahneschnitte von Gebäude, das garniert war mit geschwungenen Balkonen und einer kobaltblauen Markise, die sogar den Himmel in den Laden lockte. Der Schuhpalast besaß das schönste Schaufenster in der ganzen...



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