Bjornson | Thomas Rendalen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 285 Seiten

Bjornson Thomas Rendalen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0497-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 285 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0497-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Ein historischer Roman des norwegischen Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers. Bjørnson verfasste unter anderem die norwegische Nationalhymne Ja, vi elsker dette landet und war der Begründer des Riksmålsforbundet.

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10. Erziehungssorgen.


Die nächste Folge dieses Besuches war, daß sie die Überzeugung gewann, sie müsse jemand haben, mit dem sie sich beraten könne; denn es gab noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts, und darüber mußte sie Bescheid haben. Sie wählte ohne Bedenken den Mann, vor dem sie die tiefste Ehrfurcht hegte, den »alten« Pastor Green. So gewiß wie der Nachmittag selbst kam der alte Pastor nachmittags auf seinem Spaziergang an ihrem Garten vorüber.

Thomasine stellte sich am Gartenpförtchen auf, um ihn zu erwarten. Aber in der letzten Zeit hatte sie ihn fast niemals allein gesehen; immer befand sich in seiner Gesellschaft der Schuhmacher Nils Hansen, das größte Original der Stadt, der zudem mit einer Frau verheiratet war, die Thomasine vom Auslande her kannte und die eine Freundin von ihr gewesen.

Als eines Tages Thomasine wieder an der Gartenpforte stand, um zu sehen, ob der Pastor allein sei, vernahm sie schon von weitem seine und Hansens Stimme. Damals machten im Norden die Mormonen, welche um diese Zeit ihre ersten Sendboten ausschickten, viel von sich reden; fortwährend war in den Blättern allerlei über die neue Lehre zu lesen.

»Mormonen?« hörte sie Nils Hansen mit seiner lauten Stimme sagen; »hier bei uns zulande gibt's ebensogut Mormonen wie in Amerika. Wie viele Frauen hat denn ein Mann, eh' er sich in der Kirche trauen läßt?«

Sie kamen näher, und Thomasine vernahm, wie der Pastor antwortete:

»Sehen Sie, Hansen, ich bin der Ansicht, daß noch wenige Geschlechter sich bis zur Monogamie – zur wirklichen Monogamie entwickelt haben; die meisten sind noch Polygamisten.«

»Was ist das für eine Menschenrasse?«

Der Pastor blieb stehen:

»Monogamisten – das sind Menschen, die sich mit einem Weibe begnügen; Polygamisten solche, welche mehrere Frauen haben.«

»Aha – – ja, ja!«

Sie gingen weiter – Thomasine hörte nichts mehr. »Es gibt noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts,« dachte Thomasine wieder.

Da sie nicht den Mut hatte, ohne weiteres den Pastor aufzusuchen, ging sie erst zu Nils Hansen. Der lebte in den besten Verhältnissen; trotzdem hatte er den Haß der ganzen wohlhabenden Bürgerschaft auf sich geladen. Sein Verbrechen bestand darin, daß er vor einigen Jahren überall eine Kontrolle, sowie eine Verteilung der Gemeindelasten durchgesetzt hatte, welche die leitenden Männer höchst verderblich fanden. Sein ärgster Schurkenstreich aber war vermutlich der, daß er mit Hilfe auswärtigen Kapitals für die kleinen Leute eine Sparkasse eingerichtet hatte, so daß viele aus ihren bedrückten Verhältnissen sich herausgearbeitet hatten und unabhängig geworden waren.

Es hatte die größte Heiterkeit erregt, als eine der Lehrerinnen der Stadt, eine schöne, blonde Dame von mehr als gewöhnlicher Bildung – die zudem eine Erbschaft zu erwarten hatte – mehrere »ausgezeichnete« Partien ausschlug, um sich mit dem rohen, häßlichen Schuhmacher Hansen zu verheiraten! Obendrein war sie noch vollständig in ihn verliebt! Sie errötete über das ganze Gesicht, so oft von ihm gesprochen wurde, geschweige denn, wenn er leibhaftig vor ihr stand mit seinem schnurrigen Gesicht, den blinzelnden Augen und den ungeheuren Schultern und Händen. Es wurden hinter ihrem Rücken klassische Witze über sie gemacht; unter anderm behauptete man, daß sie als Braut und später als neuvermählte Frau für ihren Hansen eigens eine Privatschule eingerichtet habe.

Sie war einige Jahre älter als Thomasine, aber früher ein paar Monate in England mit ihr zusammen gewesen. Als Thomasine nach Hause zurückkam, war Laura schon ein Jahr verheiratet. Infolge dieser Verheiratung war sie aus dem Kreise, in dem Thomasine verkehrte, herausgekommen, Thomasine aber suchte sie häufig auf, weil ihr die kleine gesunde Frau gefiel.

Eben darum ward sie vor allem böse auf sie, weil sie ihr nicht mit einem Worte abgeraten, obgleich sie sehr wohl wußte, was John Kurt für ein Mann war. Nach Johns Tode hatte Laura wiederholt Thomasine zu sprechen versucht; doch immer vergebens.

Aber jetzt dachte Thomasine: Wenn fast alle Frauen über irgend etwas zu klagen haben und doch keine sich dadurch von der Ehe zurückschrecken läßt – warum dann verlangen, daß sie mir einen anderen Rat geben sollten, als sie vielleicht selbst befolgt hätten?

Und so ging sie hinunter zu Laura Hansen. Sie wohnte in einem kleinen, altertümlichen Hause am Markt. Sie war eine zarte, aber wohlgewachsene Frau mit klaren Zügen. Einige fanden sie zu keck, andere zu schüchtern. Diese nannten sie redselig, jene wortkarg. Es kam eben auf die Personen an, mit denen sie redete.

Die Freundinnen hatten einander seit fünf Jahren nicht gesehen. Laura saß in der Stube hinter dem Laden und nähte. Verwundert und etwas rot und erregt erhob sie sich. Da stand also Thomasine wieder vor ihr!

Anfangs hatten sie beide etwas Steifes in ihrem Wesen. Auf einem kleinen Schemel saß ein kleines, schwarzlockiges, dralles Mädchen und lernte nähen; sie schaute so klug zu ihnen auf! Sie wurde hinausgeschickt; die Mutter begriff sofort, daß die beiden ehemaligen Freundinnen allein sein müßten.

Nach verschiedenen Einleitungen sagte Thomasine, was sie gegen die Freundin auf dem Herzen hatte, rücksichtsvoll, aber doch verständlich genug. Laura antwortete:

»Wenn ein Mädchen sich von einem Leben, wie das, welches John Kurt geführt, nicht abgestoßen fühlt, so können andere wohl kaum in der Sache etwas tun.«

Laura ihrerseits hatte mehrere Männer abgewiesen, eben weil sie in dieser Hinsicht zweifelhaft oder eigentlich mehr als zweifelhaft gewesen. Von Hansen aber wußte sie, daß er auch in diesem Punkte echt war.

Die große Thomasine sank zusammen unter den festen Augen und der ruhigen Rede der kleinen Laura. Die Klägerin ward zur Angeklagten. Und zudem hatte sie sich noch mehrere Jahre oben auf dem Gute vornehm abgeschlossen gehalten! Oh, nur wenige Worte hatten genügt, ihr ganzes stolzes Gebäude umzustoßen.

Sie bekam wenig Respekt vor ihren eigenen Fähigkeiten, ja einen Augenblick war sie sehr unglücklich über ihre Kurzsichtigkeit. Es war ihr ordentlich ein Bedürfnis, zu beweisen, daß sie in anderen Dingen nicht so dumm sei. Doch gewann sie bald so weit das Gleichgewicht wieder, daß sie begriff, wie man zum großen Teil infolge der Verhältnisse dazu komme, die Dinge so einseitig zu betrachten.

Ohne ein Wort zu sagen, ja ohne auf Lauras Rede noch weiter zu hören, saß sie da. Und Laura benutzte diese Gelegenheit, sich in die Küche zu begeben, um ihrer Freundin eine Tasse Schokolade zu bereiten. Da streckte ihr Mann den Kopf zur Tür herein. Er war so glücklich über Thomasinens Besuch. Er hatte das Schurzfell vor und hielt in der Linken den Spannriemen. Thomasine stand auf, um seine Rechte zu ergreifen. Aber lachend hielt er sie hin: sie war nicht zum Anfassen. »Ich wollte nur einem guten, alten Freunde guten Tag sagen!« bemerkte er und zog sich nickend wieder zurück. Aber in demselben Augenblick kam die kleine Auguste wieder vom Laden herein.

Sie war ungewöhnlich groß und kräftig für ihr Alter. Sie war ungefähr ein Jahr älter als Thomas. Verwundert betrachtete Thomasine dieses Kind. Ihre Augen und ihre Stirn waren so klar wie bei einem erwachsenen Mädchen; auch ihre Sprache hatte etwas ungemein Klares und Bestimmtes. Es war der vollständigste Gegensatz zu ihrem nervösen Rotkopf, der nie drei Sätze über ein und denselben Gegenstand sprechen konnte, sondern unruhig fortwährend von einem zum andern übersprang.

Die kleine Auguste hörte nicht eher auf zu fragen, bis sie über alles Bescheid wußte; erst dann kam sie ganz ruhig auf etwas anderes. Ihre Hände waren rund und doch fest; die seinen mager, sommersprossig und unruhig. Sie hatte dunkles und ungewöhnlich volles Haar; trotzdem wurde es nur von einem Zopfband zusammengehalten; das seine stand ihm gleichsam in starren roten Büscheln vom Kopfe ab. Er war starkknochig und mager; sie voll und von gesunder Kraft.

Thomasine empfand etwas wie Neid. An der kleinen Samtjacke, die Auguste trug, bemerkte sie nicht einen Fleck, und doch war sie durchaus nicht mehr neu. Thomasine suchte so lange nach einem Fleck, bis das ganze Mädchen ihr vorkam wie solider, fester Samt.

Die Mutter kam mit der Schokolade herein, und nun war das Eis gebrochen, und sie unterhielten sich über die verschiedenartigsten Dinge, namentlich als das Kind wieder hinausgeschickt war. Thomasine fragte, wie denn die Kleine so liebenswürdig, ruhig und verständig geworden, und mußte nun hören, daß sie nie unruhig gewesen.

»Auch in der ersten Zeit nicht?«

»Niemals.«

Es hatte früher Thomasine unmöglich geschienen, daß sie einmal nachteilig von ihrem Sohn sprechen könnte; aber der Gegensatz war so auffallend... Und nun sprach sie davon, was sie alles mit ihrem Kinde habe erleben müssen, und wie außerordentlich sorgfältig sie auch jetzt noch darüber wachen müsse.

Laura gewann die feste Überzeugung, daß Thomasine das auf die Dauer...



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