E-Book, Deutsch, Band 5, 70 Seiten
Reihe: Die Elfenkrone-Reihe
Black Die verlorenen Schwestern - Eine Elfenkrone-Novelle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-24551-1
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 70 Seiten
Reihe: Die Elfenkrone-Reihe
ISBN: 978-3-641-24551-1
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Während Jude sich am Hof von Elfenheim mit Prinz Cardan einen erbitterten Machtkampf liefert, verliebt sich ihre Zwillingsschwester Taryn in Locke, den schönen und betrügerischen Freund Cardans. Hier beschreibt Taryn in ihren eigenen Worten, wie es zu dem Verrat kommen konnte und wie sie versucht, die Vergebung ihrer Schwester zu erlangen …
Die faszinierende Hintergrundgeschichte zu »Elfenkrone«, erzählt aus der Sicht von Judes Schwester Taryn.
Alle Bände der »Elfenkrone«-Welt:
ELFENKRONE (Band 1)
ELFENKÖNIG (Band 2)
ELFENTHRON (Band 3)
Wie der König von Elfenheim lernte, Geschichten zu hassen (Illustrierter Zusatzband)
Die verlorenen Schwestern - Eine Elfenkrone-Novelle (nur als E-Book verfügbar)
ELFENERBE - Der gestohlene Thron
Holly Black ist eine Nr.-1-New-York-Times-Bestsellerautorin von Fantasy-Büchern, darunter die Romane über Elfenheim, »Coldtown«, »Die Spiderwick Geheimnisse«, ihr Debüt für Erwachsene, »Book of Night«, sowie ein Artuslegende-Bilderbuch namens »Sir Morien«.?Sie stand auf der Shortlist für den »Eisner Award« und den »Lodestar Award« und wurde mit dem »Mythopoeic Award«, einem »Nebula« und einem »Newbery Honor« ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden weltweit in 32 Sprachen übersetzt und verfilmt. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Neuengland in einem Haus mit einer geheimen Bibliothek. Mehr über die Autorin online unter blackholly.com.
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Erinnerst du dich an das Märchen »Mr Fox«?
Es war einmal ein Mädchen, das war schön und klug, und seine großen Brüder lagen ihm ebenso zu Füßen wie seine Verehrer, darunter ein gewisser Mr Fox. Man wusste nicht viel über ihn, außer dass der galante Kavalier über tadellose Manieren verfügte und in einem sehr großen Schloss wohnte. Das Mädchen hatte ihn lieber als die anderen und bald war die Vermählung beschlossene Sache.
Das Mädchen war nicht nur schön und klug, sondern auch neugierig, und als Mr Fox vor der Hochzeit einmal sagte, er müsse auf Geschäftsreise gehen, machte es sich auf, das Schloss zu erkunden, in dem es leben sollte. Es war genauso groß, wie die Leute erzählten, mit hohen, starken, efeubewachsenen Mauern und einem tiefen, morastigen Wassergraben. Als das Mädchen näher herankam, entdeckte es über dem Tor eine Inschrift. Diese Worte waren in den Stein eingraviert: SEI MUTIG. SEI MUTIG.
Das Mädchen ging weiter durch das Tor zur Tür, wo es erneut auf Wörter stieß: SEI MUTIG. SEI MUTIG, ABER NICHT ZU MUTIG.
Dennoch ging es weiter und betrat das leere Haus. Es lief durch herrliche Säulenhallen und Salons, bis es zu einer breiten Prachttreppe gelangte. Das Mädchen stieg sie hinauf zu einer weiteren Tür mit einer Warnung, die aus noch mehr Wörtern bestand: SEI MUTIG. SEI MUTIG, ABER NICHT ZU MUTIG. SONST SCHLÄGST DAS HERZ DU DIR BLUTIG.
Als es diese Tür öffnete, stieß es auf zahllose tote Bräute. Einige waren erst kürzlich getötet worden und ihre Gewänder waren voller Blut. Andere dagegen waren bereits zu Skeletten verwest. Es war nicht zu übersehen, dass sie alle an ihrem Hochzeitstag ermordet worden waren.
Entsetzt schloss das Mädchen die Tür und lief die Treppe hinunter. Es wäre aus dem Schloss gestürmt, wäre nicht im selben Augenblick Mr Fox hereingekommen, der sein jüngstes Opfer ins Haus schleppte. Das Mädchen versteckte sich hinter einer hohen Vase und verhielt sich ganz still, während Mr Fox seine frisch angetraute Braut die Treppe hinauftrug. Als er ihr am Treppenabsatz den Ring vom Finger ziehen wollte und es ihm nicht gelang, griff er zu einem Dolch und hackte die Hand des toten Mädchens ab. Doch kaum hatte er das getan, fiel sie, glitschig vom Blut, dem Mädchen in seinem Versteck direkt in den Schoß. Mr Fox, der beschloss, später danach zu suchen, brachte die Leiche in sein Beinhaus, und das Mädchen ergriff die Flucht.
Am nächsten Tag stattete Mr Fox dem Mädchen einen Besuch ab, weil es an der Zeit war, den Bund der Ehe zu schließen. Im Kreis seiner Brüder und Verwandten schilderte das Mädchen, was geschehen war, als wäre es ein schlimmer Traum gewesen. Bei jeder Wendung, die ihre Geschichte nahm, stritt Mr Fox alles ab, doch als es die Hand der ermordeten Braut hervorholte, an deren Finger noch der Ring glänzte, glaubte ihm niemand mehr. Schließlich sprangen die Brüder des Mädchens auf und hackten Mr Fox in tausend Stücke.
Ich denke viel über diese Geschichte nach. Die ganze Zeit denke ich darüber nach.
Das ist ein Märchen nach deinem Geschmack. Die Bösen werden erschlagen, und das auch noch mit einem Schwert. Der Vergeltung wird Genüge getan. Mut wird belohnt. Aber was ist mit all diesen Mädchen, diesen gehorsamen Mädchen, die Vertrauen hatten, die liebten, heirateten und starben? Waren sie denn nicht auch mutig?
Wetten, dass du nicht so denkst? Wetten, dass du meinst, sie wären einfach dumm gewesen?
Das ist der Kern deines Problems. Du fällst ein Urteil. Jeder macht mal einen Fehler. Man glaubt den falschen Leuten, man verliebt sich. Aber du nicht, nein. Und deshalb ist es so schwer, dich um Verzeihung zu bitten.
Doch genau das werde ich tun, also dich um Verzeihung bitten. Ich werde versuchen, zu erklären, wie es dazu kam, und wie leid es mir tut.
Fangen wir mit einer Liebesgeschichte an.
Vielleicht ist es aber auch nur eine weitere Horrorstory. Anscheinend besteht der Unterschied vor allem darin, wie sie ausgeht.
Es war einmal eine Frau, die war schön und klug und glaubte, dass sie wegen ihrer Schönheit und Klugheit immer glücklich sein würde. Vielleicht hätte sie es besser wissen können, doch so war es nicht.
Als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte, roch er nach Blut, geöltem Stahl und windumtosten Felsen. Er machte ihr auf eine charmante altmodische Weise den Hof. Ihm haftete das Versprechen von Fremde und Abenteuer an. Und wenn ihre Eltern sich mit ihm nicht wohlfühlten und ihre Freunde Angst vor ihm hatten, so ließ das ihre Liebe noch stärker und bedeutender erscheinen. Falls sie selbst Vorbehalte hatte, kehrte sie sie unter den Teppich. Bisher war in ihrem Leben immer alles gut gegangen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals anders laufen würde.
Und deshalb zog sie zu ihm in sein Schloss hinter den Meeren und deckte all die Schrecken auf, die er geheim gehalten hatte.
Ich frage mich, ob du Mom für so dumm hältst wie die toten Mädchen in dem Märchen. Doch Moms Geschichte ist eine Lektion. So wie alle anderen Geschichten auch.
Märchen kommen mit einer Moral daher: Bleib auf dem rechten Weg. Hab kein Vertrauen zu Wölfen. Stiehl nicht, nicht einmal das, was keinem normalen Menschen etwas bedeuten könnte. Gib etwas von deinem Essen ab, aber misstraue jenen, die ihre Speisen mit dir teilen wollen; iss ihre glänzenden roten Äpfel nicht, auch nicht ihre Knusperhäuschen, einfach gar nichts. Sei nett, immer schön nett, und höflich zu allen: Königen und Bettlern, Hexen und verletzten Bären. Halte, was du versprichst.
Sei mutig, sei mutig, aber nicht zu mutig.
Es ist wichtig, dass wir die Lektionen lernen, die unsere Mütter nicht begriffen haben.
Es waren einmal drei Schwestern, die lebten in einer Siedlung eines Vorortes. Drei Mädchen, Vivienne, Jude und Taryn. Die Älteste gehörte dem Kleinen Volk an, mit längs geteilten Pupillen und sanft zugespitzten Ohren. Die zwei Jüngsten waren Zwillinge mit pfirsichrunden Wangen, die zum Reinbeißen einluden. Ihr Vater war Schmied und verkaufte Schwerter im Internet. Ihre Mutter half ihm bei seinen Geschäften. Sie hielt nichts davon, sich mit unangenehmen Dingen aufzuhalten, beispielsweise Fehler zu bereuen, Dingen nachzutrauern oder sich damit zu beschäftigen, dass sie ihre Vergangenheit abgefackelt hatte und vor ihrem Ehemann im Elfenland davongelaufen war.
Und als Moms Vergangenheit sie einholte, musste sie nicht einmal mit den Folgen leben. Sie und Dad, innerhalb weniger Sekunden waren sie tot. Und wir Mädchen wurden übers Meer verschleppt und von einem Ungeheuer großgezogen. Die drei verlorenen Schwestern. Klingt das nicht wie ein weiteres Märchen?
Wir überspringen all das Blut, das Geschrei und die Angst vor einem entsetzlichen Ort mit entsetzlich magischen Leuten.
Kommen wir gleich zum Anfang all dessen, was ich falsch gemacht habe.
Es begann mit einem Zettel, den Locke in meinen Rucksack schmuggelte. Er hat es wohl auf dem Palastgelände getan, wo die Kinder des Adels – und wir – in Geschichte, Rätselraten, Wahrsagen und all den anderen Fächern unterrichtet wurden, die nützliche Mitglieder der Elfengemeinschaft im Leben brauchten.
Wenn ich an deinem Fenster erschiene, würdest du herauskommen?
Locke, der dem jüngsten Prinzen von Elfenheim nicht von der Seite wich, dessen Haar dem Fell des Fuchses glich – und wenn er lachte, fielen die Äpfel vor Entzücken von den Bäumen. Wieso sollte er einem sterblichen Mädchen diese – oder irgendeine – Nachricht zukommen lassen?
Vermutlich bin ich ihm irgendwie aufgefallen.
An einem Tag, als du für das Turnier trainiert hast und ich ein Märchenbuch gelesen habe, hat Locke mir über die Schulter gesehen und die Zeichnung einer Schlange betrachtet, die sich um eine Prinzessin mit einem langen Dolch gerollt hatte.
»Wie fühlt sich das an?«, fragte er. »Wenn man in einem Märchen feststeckt?«
»Wie fühlt es sich an, eins zu sein?«, konterte ich und kam mir augenblicklich dumm vor. Es war immer riskant, mit einem von Prinz Cardans schrecklichen Freunden zu reden, aber wenn Locke grinste, fühlte es sich mutig an.
»Ich habe ein Faible für Geschichten«, sagte er. »Und vielleicht auch für dich.«
Und drei Tage später kam dann die Nachricht.
Im Märchen müssen Mädchen oft warten, ausharren oder leiden. Gute Mädchen. Gehorsame Mädchen. Mädchen, die Brennnesseln mit der bloßen Hand zerdrücken, bis es blutet. Mädchen, die für Hexen Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Mädchen, die Wüsten durchwandern oder in der Herdasche schlafen oder ihren verwandelten Brüdern im Wald einen Unterschlupf bauen. Mädchen ohne Hände, ohne Augen, ohne die Macht der Rede, Mädchen ohne jegliche Macht.
Doch dann prescht ein Prinz heran, sieht das Mädchen und findet es schön. Schön, und zwar nicht, obwohl es gelitten hat, sondern genau deswegen.
Und als ich den Zettel in meinem Rucksack gesehen habe, dachte ich, vielleicht müsste ich nicht mehr in einem Märchen stecken bleiben, sondern könnte zur Heldin werden.
Während des langen Abendessens, als Oriana den kleinen Oak umsorgt und Vivi ihm Grimassen geschnitten hat und du deinen Wildbraten erdolcht hast, war ich hoffnungslos zerstreut. Immer wieder musste ich an Locke denken. Später, als ich die Stickerei auf meinem Samtumhang fertigstellen wollte, habe ich mir so oft mit...




