Bläsing | Vollkasko | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Bläsing Vollkasko

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8412-0310-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0310-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ehekrise, Klimakrise, Identitätskrise.

Für Arno, Mitte 40, geht es so nicht weiter. Immer hat er ja gesagt, zu Silke, zum Haus, zu den Kindern, sogar zur Familienkutsche. Einmal muss er etwas anders machen als die anderen. Er beschließt, ein Jahr lang in kein Auto zu steigen - obwohl er in einem Landstrich lebt, in dem der eigene Wagen so lebensnotwendig ist wie der Colt im Wilden Westen. Das gibt Ärger. Mit Silke, mit der Familie, den Kollegen. Nur nicht mit Annette, Grünen-Politikerin und Arnos Jugendliebe ... 



Rolf Bläsing, geboren 1958, gewann durchs Laufen wichtige Erkenntnisse: Regelmäßige Bewegung relativiert kleinere bis mittlere Fehler beim Ess- und Trinkverhalten - und: Selbst bei Regen kann man sich draußen bewegen, ohne daran zugrunde zu gehen.Er lebt, läuft und schreibt in Hessen

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Kapitel 1


Arno Eggenthal dachte nach. Das war nichts Besonderes, denn Arno Eggenthal verbrachte viel Zeit mit Nachdenken über das, was einem im Leben so passieren konnte, über Krankheiten zum Beispiel, die man bekommen konnte, oder über mögliche Lottogewinne oder Beziehungsprobleme; alles Dinge also, die das Leben veränderten und in seinem Falle doch eher theoretischer Natur waren, denn er war bisher nie ernstlich krank gewesen und er spielte auch kein Lotto, und ein echtes eigenes Beziehungsproblem, wie es bei Bekannten ständig vorkam, das war ihm bisher fremd erschienen, fast unangemessen und auch ein bisschen anstrengend. Meinungsverschiedenheiten, wenn man das so nennen wollte, hatte es in letzter Zeit allerdings auch zwischen ihm und Silke, seiner Frau, häufiger gegeben. Wie vor einigen Minuten.

Sie hatten ihn in der Küche stehenlassen, Silke, die seinen Ausführungen nicht weiter zuhören wollte, und Luca, sein sechzehnjähriger Sohn, der ihm schon seit etwa einem Jahr nicht mehr zugehört hatte, und so war Arno die Treppe hinauf ins obere Stockwerk gegangen, in sein Arbeitszimmer, wo er jetzt am Fenster stand und hinausschaute.

Es war Freitagabend, die Nachbarn kamen von der Arbeit nach Hause, stellten ihre Wagen ab, und die Straße füllte sich. Zu manch einem Haus gehörten vier Autos, denn das Dorf hatte keine Verkehrsanbindung, es gab fast ein Parkplatzproblem hier am Ortsrand, in der Siedlung, wie sie es weiter unten im Dorf nannten.

Eggenthal musste diesmal aus einem ganz persönlichen Grund nachdenken, es ging um etwas, das ihn direkt betraf. Er hatte vorhin in der Küche durch einen einzigen Satz seine Lage verändert, es war dramatischer verlaufen, als er es geplant hatte, und es ging darum, ob er sich jetzt im Recht fühlen und trotzig sein durfte und, der erhofften Unterstützung seiner Frau beraubt, unbeirrbar sein Ziel weiterverfolgen konnte. Oder ob er, wie Silke es beim Verlassen der Küche formuliert hatte, sie tatsächlich nicht mehr alle hatte.

Die Ursachen für den Disput lagen Monate zurück. Es hatte im Sommer des vergangenen Jahres begonnen. Ein brandheißer, staubig trockener Juli war nach einem Kälteeinbruch von einem verregneten August abgelöst worden, Eggenthal wurde im Urlaub mit Wasser nur so zugeschüttet, und dieser Umstand gab ihm zwangsläufig viel Zeit zum Nachdenken und schärfte seine Sinne für die weitere Entwicklung.

Ihm fiel damals auf, dass der Sommer erst im Herbst fortgesetzt wurde, um dann allerdings bis Ende Oktober anzuhalten. Der November und auch der Dezember brachten Temperaturen, die an den Frühling erinnerten. Dann kam der Winter, gleich drei Mal. Das erste Mal vom 26. bis 27. Januar, und zwar mit Minustemperaturen! Das zweite Mal mit Schnee am 7. Februar von 7 bis 12 Uhr und dann noch mal, völlig unverhofft, am 8. Februar von 14 bis 17 Uhr.

Es schien, als wären die Jahreszeiten, so wie er sie bisher kannte, verschwunden, und zwar so plötzlich, als hätte jemand mit dem Finger geschnippt oder als hätte es einfach nur »Peng!« gemacht. Nachdem sie früher schon hin und wieder unzuverlässig gewesen waren, was sich durch das falsche Wetter zum falschen Zeitpunkt geäußert hatte und als zufälliges und immer wieder mal auftretendes Phänomen erklärt worden war, waren sie nun ganz weg, hatten sich abgemeldet und aufgelöst, so jedenfalls empfand es Eggenthal.

Und dann kam, Anfang Februar, auch noch die offizielle Bestätigung, der große Klimakatastrophenaufschrei, und alles, was die Zeitungen seit über zehn Jahren in kleinen Überschriften auf Seite siebenundzwanzig gedruckt hatten, brachten sie plötzlich auf Seite eins in Großbuchstaben. Die Reaktionen waren eher putzig und zeigten, dass noch nicht alle bereit waren für die neue Erkenntnis: Im Radio stellte der Nachrichtensprecher fest, dass das Unglück nicht aufzuhalten und die Lage ernst sei. Eine Minute später sagte eine Moderatorin des gleichen Senders: »… und wir freuen uns auf einen phantastischen Tag mit Sonne und Temperaturen bis siebzehn Grad!« Siebzehn Grad plus wohlgemerkt, im Februar.

Eine Woche später hieß es im Nachrichtenteil seiner Tageszeitung, dass die Klimaveränderung nur noch durch sofortiges Handeln gemildert werden könne. Am nächsten Tag brachte die gleiche Zeitung auf der Autoseite einen Bericht mit der Überschrift: »Faszinierender neuer Audi R8. Alles richtig gemacht!« Die technischen Daten: 420 PS, 301 km/h Spitze. Verbrauch: 20 Liter.

Die Tourismusbranche ließ ganz sachlich verlautbaren, dass der Klimawechsel eine Veränderung der Reisegewohnheiten mit sich bringen werde, auf die man sich einzustellen habe, und ein Kollege von Eggenthal sagte mit einem Blick aus dem Fenster: »Ohne die Klimaveränderung würden die Blumen jetzt nicht so schön blühen.« Na ja. Er war erst dreiunddreißig.

Eggenthal hatte die Thematik bisher nie wirklich an sich herangelassen, doch das mit den Jahreszeiten beunruhigte ihn schon ein wenig. An denen hing er nämlich, wie ihm jetzt auffiel, ziemlich stark. Sie gehörten zu seiner Ordnung. Er konnte sich noch daran erinnern, wie die Menschen auf dem Dorf früher, als er fünf oder sechs gewesen war, nach ihrem Rhythmus gelebt hatten. Der blühende Garten im Frühling, das Wachstum auf den Feldern, die Tiere, die aus den Ställen auf die Weiden kamen. Getreideernte und Heumachen im Sommer, im Herbst Rüben und Kartoffeln, die neue Aussaat, der laubbedeckte Garten mit leeren Beeten und dunklen, schweren Farben. Schließlich wurden die Feldmaschinen gereinigt, der Lauf der Dinge verlangsamte sich, es ging auf Weihnachten, und die Weihnachtszeit begann tatsächlich erst Anfang Dezember und nicht schon im Oktober mit dem üblichen Kitsch in den Geschäften.

Er dachte an die schönen Momente, die er als Erwachsener mit den Jahreszeiten gehabt hatte. Früher zum Beispiel, so bis er Ende zwanzig war, kam er an den Wochenenden öfter betrunken heim, nachts natürlich. Manchmal war dann November, und er stand noch ein bisschen vorm Haus und schaute nach oben zum Himmel. Der Nieselregen störte ihn in seinem Zustand nicht, der Wind war stark und angenehm und jagte hell- und dunkelgraue Wolkenfetzen vor sich her, die hin und wieder den Mond durchblicken ließen. Das Gleiche funktionierte in den Winternächten, wenn Schneetreiben das Licht der Straßenlaternen dämpfte, und im Frühjahr, wenn die Vögel bereits anfingen zu lärmen und die Katzen der Nachbarin um ihn herumstrichen, und im Sommer, wenn er in lauen Nächten das ferne Quaken der Frösche hören konnte.

Solche Eindrücke hatte er natürlich nicht nur nachts und betrunken, sondern auch am Tag und nüchtern. An dem Land, in dem er wohnte, liebte er vor vielem anderen die Jahreszeiten, sie waren immer da gewesen, verlässlich und beständig. Er wollte sie behalten. Wenn der Winter hart war, hatte man sich das Frühjahr verdient, dann machte es umso mehr Spaß. Nicht aber, wenn sich ab November das Wetter auf eine mittlere Einheitstemperatur von zehn Grad plus einpendelte und zwischendurch alle paar Wochen ein idiotischer Wind stundenlang zwischen den Häusern rumjaulte. Das war kein Zustand. Das war eine Katastrophe.

Allerdings war er sich nicht sicher, ob von solchen Sentimentalitäten ein hinreichender Anspruch auf den Erhalt der Jahreszeiten abzuleiten war. Als er seine Gedankengänge eines Abends Silke unterbreitete, hatte er nicht das Gefühl, dass sie es für sinnvoll hielt, ihnen zu folgen. Offensichtlich stand seine Argumentation auf tönernen Füßen. Was er brauchte, war eine Legimitation, etwas Handfestes, vielleicht auch etwas Radikales. Möglicherweise musste er sogar selbst etwas tun und ein Zeichen setzen.

Dieser Eindruck verstärkte sich, als er am Samstagvormittag eine Zeitungsmeldung über eine kleine verkehrspolitische Revolution im etwa einhundertfünfzig Kilometer entfernten Gantenheim las: »Grüne unter Führung von Annette Felber setzen Umgehungsstraße durch.« Da war sie, auf dem Foto, mit vier anderen Abgeordneten, etwas kleiner als die Leute um sie herum, aber sie zog den Blick auf sich, und ihr Lächeln war offen und nicht so verkniffen wie das der anderen.

Annette. Sie tauchte immer mal wieder in seinen Gedanken auf, er wusste nicht, ob ein System dahintersteckte, aber vielleicht waren es ja genau solche Situationen wie jetzt, in denen er sich an sie erinnern sollte. Auf Verdacht googelte er ihren Namen und wurde fündig: »Annette Felber für die Grünen im Stadtparlament von Gantenheim«, las er. Annette war sich also treu geblieben, die ganze Zeit. Und sie lebte immer noch in der Nähe von Frankfurt. Es war ein paar Jahre her seit ihrem letzten Treffen. Sie war eine Klassenkameradin, das heißt eigentlich war es etwas mehr, was sie verbunden hatte. Damals.

Eggenthal dachte wieder an sein Jahreszeitenproblem. Er beschloss, erst einmal die weitere Entwicklung der Lage zu beobachten. Es gab im Frühjahr erste Kalkulationen darüber, wie viel die Rettung der Welt kosten würde, man veranschlagte so etwa fünfhundert Milliarden, Eggenthal las es und fragte sich unwillkürlich, wo man denn seinen Anteil einzahlen könne, es wäre ja schließlich ganz praktisch, wenn jeder seinen Beitrag leisten würde, und das Problem wäre behoben.

Er war fast erstaunt, als ihm bewusst wurde, dass er sogar bereit wäre, das Haus dafür zu verkaufen, wenn damit die Sache aus der Welt zu schaffen sei. Aber es war eben nur eine Theorie. Als er solche und ähnliche Gedankengänge eines Abends Silke unterbreitete, hatte er nicht das Gefühl, dass sie es für sinnvoll hielt, ihnen zu folgen.

Ein Lösungsansatz musste her, und in diesem Zusammenhang drängte sich ihm ein verwegener Gedanke auf. Es hatte etwas mit dem Ka zu tun. Eggenthal hatte...



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