Blaine | Rendezvous für einsame Herzen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Blaine Rendezvous für einsame Herzen

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99893-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-492-99893-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bonjour, mon amour! Ein französisches Dorf, eine kleine Buchhandlung und ganz viel Liebe ...  Buchhändlerin Sarah hat schon viele Liebesgeschichten gelesen, aber noch keine selbst erlebt. Ihr Herz gehört gebrauchten Büchern, denen sie in ihrem liebevoll dekorierten Buchladen mit Lese-Café eine zweite Chance gibt. Doch nach einem Wasserschaden steht Sarahs Herzensprojekt vor dem Aus. Zum Glück hat sie im Dorf gute Freunde. Hilfe bekommt sie auch vom draufgängerischen Schauspieler Maxime, der Sozialstunden in seinem ungeliebten Heimatort leisten muss. Trotz aller Gegensätze kommen die beiden sich näher, und Sarah erkennt, dass es Happy Ends nicht nur in Büchern gibt. Eine wunderschöne Liebesgeschichte mit viel französischem Flair von einer der erfolgreichsten Romance-Autorinnen Frankreichs ... für alle Fans der Romane von Julie Caplin und der Filme »Chocolat« und »Die fabelhafte Welt der Amélie«.

Emily Blaine ist Wahl-Pariserin und stammt ursprünglich aus der Bretagne. Sie gehört zu den erfolgreichsten französischen Romance-Autorinnen und arbeitet am liebsten rund um die Uhr an ihren herzerwärmenden Liebesromanen.
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Weitere Infos & Material


1


Maxime


Ich rutschte tiefer in das schwarze Samtpolster der Couch und breitete die Arme auf der Rückenlehne aus. Über das Geländer hinweg betrachtete ich die dichte Menschenmenge, die im Stockwerk unter mir zu lauter Musik die Hüften schwang. Die dunklen Wände und glitzernden Böden vibrierten unter wummernden Bässen, farbige Spots ließen abwechselnd nackte Beine, Dekolletés und schweißglänzende Gesichter aufblitzen. Die Tänzer streiften einander, berührten sich gelegentlich, trugen ein laszives Lächeln zur Schau. Im Vorübergehen zwinkerten mir ein oder zwei Mädels zu, während sie sich in einer aufreizend engen Umarmung mit einem Typen befanden.

Ich mochte diese Atmosphäre, in der es nach berauschenden Parfüms und den Ausdünstungen von Sex und Alkohol roch. Was diesen Club von allen anderen unterschied, war die Tatsache, dass zusätzlich der dezente, aber nachhaltige Duft von Geld in der Luft hing. Dieser Ort war Lichtjahre von der Diskothek entfernt, in der ich erstmals eine ganze Nacht verbracht hatte – ein provinzieller, altmodischer Laden, in dem es nach billigem Bier roch. In meiner Gegend war das damals die einzige Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben, und die Disko war genauso trostlos wie der Rest meines früheren Lebens.

In jenem anderen Leben beschränkten sich meine Berufsaussichten auf eine Stelle als Lagerist in einem Großmarkt in der Charente. Von Dienstag bis Samstag schleppte ich Holzkisten durch die Gegend, acht Stunden täglich. Ich leerte sie aus, stellte sie aufeinander, schlug sie in Stücke oder trug sie in Fünferstapeln von einem Ort zum anderen. Jede Woche zog ich mir zehn Holzsplitter ein, meine Hände bluteten, und der Lohn war so karg, dass er innerhalb von zehn Tagen aufgebraucht war. Ich übte zwar einen anderen Beruf aus als mein Vater, lebte im Endeffekt aber das gleiche Leben wie er, und das machte mich wütend. Ich fürchtete mich davor, so zu enden wie er: krumm vor Erschöpfung, gelähmt vor Schmerzen. Ich hasste mein Leben. Ich hasste es so sehr, dass ich es systematisch verpfuschte. Ich stritt mich mit meinen Eltern, prügelte mich so oft wie möglich, beleidigte all die Menschen, die mich missachteten, und ertränkte das Ganze in Alkohol.

Jeden Morgen betrachtete ich mein Spiegelbild im Badezimmer meiner Eltern. Eine Narbe über der rechten Braue, ein angeschlagener Zahn und dunkle Augen, die aber glasig vor Müdigkeit waren, ein muskulöser Körper – das einzig Positive an meinem Job – und ein Tattoo in Form einer Dornenranke, die sich um meinen linken Bizeps wand … Kein Wunder, dass die meisten Leute ziemlich Schiss vor mir hatten.

Ich gebe es gern zu: Ich habe Glück gehabt. Ein so großes Glück, dass mir mein neues Leben wie ein riesiger Schwindel vorkam. Ich war ein potenzieller Betrüger, ein Hochstapler. Berühmt und reich, okay, aber trotzdem ein Betrüger.

Als mich diese Castingfrau damals entdeckt hat, war ich gerade dabei, eine Palette abzuladen. Nach zweimaligem Vorsprechen und überzeugenden Probeaufnahmen in Paris wurde ich erstmals in Dreharbeiten für einen Spielfilm und in ein Leben katapultiert, in dem ich mir beim Arbeiten nicht mehr die Hände ruinieren musste. Das war das Beste daran: Ich wurde bezahlt, um zornige Typen zu spielen, durfte kämpfen und Mädels küssen, die mich normalerweise nicht einmal angesehen hätten. Ein herrlicher Schwindel.

Ich hatte mich von meinen altmodischen, provinziellen Gewohnheiten verabschiedet, von den billigen Klamotten, dem abgestandenen Bier und den jämmerlichen Freunden. Ich hatte einen Haken unter die Vergangenheit gesetzt und nicht die geringste Absicht, jemals nach Hause zurückzukehren. Inzwischen hatte ich die Geringschätzung in den Blicken der anderen beinahe vergessen. Für all diese Leute, für jeden, der mich beim Kistenschleppen gesehen hatte, war ich ein Niemand.

Beinahe. Denn jetzt war ich derjenige, der das Sagen hatte. In jeder Beziehung.

Mit einem Glas Cognac in der Hand kostete ich mein neues Leben aus. Ich hatte Geld, wurde bewundert, genoss Anerkennung. Ich zog von Bars zu Clubs, von Dreharbeiten zu Interviews, von Fashionshows zu schicken Partys. Ehrlich gesagt, hatte ich seit fast anderthalb Jahren keinen Supermarkt mehr von innen gesehen. Nervtötende Besorgungen hatte ich an eine Haushälterin, eine Assistentin und meine Agentin delegiert. Mein Kühlschrank war voll, meine Bar gut bestückt, und die Panoramafenster meiner Wohnung, die auf den Parc Monceau hinausgingen, waren spiegelblank geputzt.

Ich hatte alles, was ich wollte, und mein früheres Leben fehlte mir nicht im Geringsten. Dennoch brodelte dicht unter der Oberfläche die Wut in mir, bereit, sich am kleinsten Funken zu entzünden. Mein überwältigender Erfolg hatte sie nicht besänftigen können; die vielen Jahre des Grübelns über mein erbärmliches Leben hatten ihre Spuren hinterlassen. Manchmal vermisste ich das Adrenalin, und ich prügelte mich immer noch gern, selbst wenn keine Kamera in der Nähe war. Nach zwei von der Presse breitgetretenen Skandalen hatte meine Agentin rasch das passende Gegenmittel gefunden: eine private Boxhalle, in der ich zweimal wöchentlich für vier Stunden meine destruktive Energie abreagieren und gleichzeitig in Form bleiben konnte.

Wenn sich die Presse nicht gerade auf meine Skandale stürzte, bestaunte sie meine Entschlossenheit, meine offensichtliche Lust am Erfolg und mein angeborenes Talent. Mag sein, dass ich all das besaß. Tatsächlich aber wollte ich in diesem Augenblick nur in diesem Club sein, die Welt von oben betrachten, die Massen beherrschen und mir eine der Frauen aussuchen, die sich mir förmlich an den Hals warfen. Hier auf dem Samtsofa, in Designerjeans und mit einer sündhaft teuren Uhr am Handgelenk, war ich fest entschlossen, meinen Platz keinem anderen zu überlassen.

»Auf welche hast du’s abgesehen?«

Ich drehte mich in die Richtung, aus der Simons Stimme kam. Ohne meine Antwort abzuwarten, lehnte er sich an das Geländer und ließ den Blick über die Menge schweifen. Ein Raubtierlächeln umspielte seinen Mund, und er nahm einen Schluck von diesem widerwärtigen, völlig unerschwinglichen Whisky, den er so gern mochte.

»Die Blondine mit der Jeansshorts?«, fragte er.

»Nee. Brünett. Goldenes Minikleid.«

Er kniff die Augen zusammen und versuchte das Objekt meiner Begierde im blendenden Spotlicht zu erkennen.

»Das Mädel, das da vorn mit dem Typen tanzt?«

Er drehte sich zu mir, und ich nickte. Simon, Schauspieler und in meinem letzten Film für eine Nebenrolle besetzt, unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. Er leerte sein Glas in einem Zug und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Mit einem Typen, der garantiert nicht ihr Bruder ist«, fügte er hinzu.

»Eine kleine Herausforderung hat noch keinem geschadet«, sagte ich.

»Du suchst keine Herausforderung, du hast einfach Lust auf eine Schlägerei.«

»Ist schon lange her, dass ich jemandem eine Tracht Prügel verpasst habe.«

Simon deutete ein Lächeln an, als ich mit der rechten Faust in meine linke Handfläche schlug. Beim letzten Mal hatte die Presse die Gelegenheit genutzt, um meine Zukunft im Filmgeschäft grundsätzlich infrage zu stellen – ich sei zu labil, zu schwierig, zu gestört. Mir war aufgefallen, dass ich komischerweise, sowohl in meinem jetzigen als auch in meinem früheren Leben, ständig unter die Lupe genommen und beurteilt wurde. Ob Dorfbewohner oder Paparazzi, im Grunde unterschieden sie sich nicht sonderlich voneinander.

Ich trank ein weiteres randvolles Glas Cognac aus, während ich mit geistesabwesender Miene eine ausgesprochen hübsche Bedienung musterte. Auch um diese Frau hätte ich mich liebend gern geprügelt, denn nach dem anstrengenden Dreh hatte ich das Bedürfnis, Dampf abzulassen. Seit fast einem Monat hatte ich nicht mehr geboxt, und ich war angespannt; mein ganzer Körper stand unter Druck, ich war quasi kurz vorm Implodieren. Ich ballte die Fäuste und atmete tief durch.

»Das wird eines Tages böse für dich enden. Warum machst du so was?«

»Um mich abzureagieren. Ich prügele mich gern. Und inzwischen mache ich es ganz unauffällig.«

»Hm. Normale Menschen nehmen einfach mal Urlaub. Du könntest … einen Abstecher nach Kanada machen oder auf Weltreise gehen.«

»Ich denk drüber nach«, log ich und unterdrückte den Drang zu lachen.

Hätte ich dem Filmgeschäft in diesem Moment den Rücken gekehrt, wäre meine Karriere zu Ende gewesen. Die Welt der Kunst verabscheut die Leere, und wer nicht an einem Projekt arbeitet, existiert praktisch nicht mehr. Urlaub zu nehmen kam also überhaupt nicht infrage. Ich gab der Bedienung ein Zeichen und ließ ihr im Tausch gegen zwei neue Gläser ein großzügiges Trinkgeld zukommen. Sie schenkte mir ein kesses Lächeln, wobei sie mich neugierig musterte.

Mit etwas Geduld hätte ich die Tusse klarmachen können, und ich hätte sie nicht mal mit nach Hause nehmen müssen. Mein Auto, eine Seitenstraße oder die Toilette des Clubs, und die Sache wäre gebongt. Aber Simon hatte recht, mir war tatsächlich nach einer saftigen Prügelei zumute.

»Hast du demnächst einen Dreh?«, fragte ich ihn in der vagen Hoffnung, mich doch noch zu beruhigen.

»In zwei Monaten, in Griechenland. Emma kommt mit.«

Ich verzog das Gesicht. Ich verstand nicht, warum Simon so vernarrt war in dieses leicht dümmliche Mädchen, das wie eine Klette an ihm hing und ernsthaft von den Leuten erwartete, dass sie zur Begrüßung einen Knicks vor ihr machten. Unerträglich … und noch dazu war sie hochnäsig. Sie wusste genau, wo ich herkam, und es machte ihr offenbar irre viel Spaß, mich bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern.

»Aber du wirst doch nicht...



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