E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Blaß Freundschaft mit der Natur
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-89060-392-6
Verlag: Neue Erde
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sich verwurzeln – Kraft schöpfen – Den Himmel berühren
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-89060-392-6
Verlag: Neue Erde
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Blaß, 1972 in Bremen geboren, studierte Philosophie, Neuere Deutsche Literatur und Politikwissenschaft in Tübingen. Auf der Suche nach erdverbundener Lebensweisheit verließ er das Studierzimmer, um zum Lehrling der Natur zu werden. Zahlreiche Reisen führten ihn zu indigenen Völkern und Lehrern, wodurch er intensiv mit dem Wissen alter Kulturen vertraut wurde. Im Jahr 2000 gründete er die Naturschule Wildniswandern, die er bis heute leitet. Mittlerweile ist die Schule eine der größten und bekanntesten ihrer Art in Deutschland bildet unter anderem jährlich 250 Naturpädagogen aus.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINLEITUNG
JAHRESRAD
Frühling
Sitzplatz
Ostkraft
Tipifeuer
Glutbrennen
Eulenblick
Fuchsgang
Vogelgesänge
Alarmsysteme
Sommer
Danksagung
Südkraft
Feuerbohren
Schnurdrillen
Sinnesübungen
Pflanzenmeditation
Pflanzenarten
Grünkost
Herbst
Räucherkunst
Westkraft
Kochgrube
Laubhütte
Wasserintuition
Baumfühlung
Wassergüte
Waldsurvival
Winter
Naturzeremonien
Nordkraft
Wurfholz
Medizinbeutel
Naturspiegel
Medizinwandern
Trittsiegel
Fährtenlesen
RESÜMEE
AUSBLICK
Literatur, CDs, Webseiten, Apps…
Naturschule Wildniswandern
Dankeschön!
Der Autor
SITZPLATZ
Dein bester Naturfreund
Herzlich willkommen zum ersten Frühlingskapitel, in dem ich dir zunächst einen neuen Freund vorstelle. Es sollte mich nicht wundern, wenn du ihn im Nachhinein als beeindruckendste Erfahrung betrachten wirst, zu der dich dieses Buch ermutigt hat. Ich nenne diesen Freund und Lehrer fortan deinen »Sitzplatz«.
Finde einen Ort in der Natur, an dem du dich wohlfühlst. Besuche diesen Platz regelmäßig und freunde dich mit ihm an. Nimm mit deinem ganzen Wesen wahr, was dort vor sich geht. Lerne den Platz zu allen Tageszeiten, zu allen Jahreszeiten und bei allen Wetterlagen kennen, so dass du mit der Zeit erfährst, wie Pflanzen, Tiere und Mineralien dort zusammenleben. Wie sie dir immer vertrauter werden, so vertraut, dass der Platz sogar mit dir zu sprechen beginnt. Vielleicht vermag die folgende Geschichte auszudrücken, was ich mit alledem meine. Und warum ich den Sitzplatz ausgewählt habe, um den Bereich der Naturspiritualität zu eröffnen.
Die Amsel mit der weißen Feder
An meinem eigenen Platz sind mir besonders die Vögel ans Herz gewachsen. Es dauerte nicht lange, bis ich sie mit Vornamen kannte. Unter ihnen war ein Amselmännchen, das seltsamerweise eine weiße Feder im schwarzen Kleid trug. Ich beobachtete die Amsel häufig dabei, wie sie im Laub nach Futter zu suchen pflegte. Wieder und wieder warf sie etwas Laub auf, indem sie zuckende Schnabel- und Flügelbewegungen vollführte. Offensichtlich, um kleine Bodenbewohner zu verspeisen, die dadurch zum Vorschein kommen. Bei dieser Beschäftigung vergaß die Amsel aber nie, sich zwischendurch mal aufzurichten und ihre Umgebung wahrzunehmen, damit sie beim Futtern nicht plötzlich selbst von einem Fuchs gefuttert wird.
Nachdem ich meinen Sitzplatz etwa ein Jahr lang besucht hatte, fiel mir an einem milden Februartag etwas auf. Die Amsel mit der weißen Feder suchte mit größerer Ausdauer nach Nahrung, als ich es von ihr gewohnt war. Eine entschlossene Stunde lang wirbelte sie immer wieder Laub auf, wobei sie sich langsam vorwärtsbewegte und eine schmale Schneise am Boden hinterließ, die am Ende stolze vier Meter maß. Außerdem bemerkte ich, dass sie seltener als sonst ihren Kopf aus dem Laub emporstreckte, um die Sicherheitslage zu prüfen.
Während ich die Amsel studierte, kam noch ein Trupp Schwanzmeisen vorbei. Ich kannte den Trupp von Spaziergängen, die ich rund um meinen Platz unternahm. Beim Sitzen waren mir die langschwänzigen Flauschbälle jedoch nie so nah gekommen wie heute. Ich hörte schon von weitem, wie sie sich mit ihren schnarrenden Kontaktrufen unterhielten und allmählich auf mich zu kamen. Bis sich die Schwanzmeisen, nur zwei Armlängen von mir entfernt, für Minuten in einem Busch aufhielten, um einige Happen von den Zweigen zu lesen. Ich freute mich sehr über ihre Nähe und bestaunte zugleich die Unbekümmertheit, die sie mir gegenüber an den Tag legten. In ihrem Verhalten gab es keine Anzeichen für eine Beunruhigung.
Schließlich waren sowohl die »Langschwänze« als auch »Weiße Feder« wieder verschwunden. Ich blieb noch eine Weile in der Wahrnehmung des Ortes. Irgendwann, während ich hierüber ganz still geworden war, bekam ich einen überraschenden Gedanken ins Bewusstsein eingespielt, als wäre er aus der Tiefe aufgestiegen wie eine Luftblase aus dem Meer: »Es wird schneien.« Ich wunderte mich, schenkte dem Gedanken aber weiter keine Beachtung und ging nach Hause, nachdem mir am Nachmittag kalt geworden war.
Am nächsten Morgen ging ich nachdenklich zu meinem Platz. Es war nicht zu übersehen, dass es in der Nacht geschneit hatte. Der Waldboden war vollständig mit Schnee bedeckt. Auch musste ich nicht lange sitzen, um zu spüren, wie deutlich sich die Stimmung gewandelt hatte. Heute war es unerhört still, und kaum ein Tier regte sich. Schlagartig war ich mir sicher: Die Vögel hatten gestern schon gewusst, dass es schneien wird. Sie hatten vorausgesehen, dass sich die Bedingungen für die Nahrungsaufnahme verschlechtern würden. Deshalb waren sie gestern geschäftiger gewesen und haben ihr Sicherheitsbedürfnis abgesenkt, Nahrung war einfach wichtig. Ich hatte die Veränderungen im Muster des Ortes wahrgenommen, auch wenn ich zunächst nicht wusste, was sie bedeuten. Aber der Platz hatte es mir ins Ohr geflüstert!
Ich war berührt von der Verbundenheit, die ich erlebt hatte. Und ein bisschen unheimlich war mir auch.
Wie du den Platz findest
Bist du neugierig geworden? Verspürst du Lust, dir selbst so einen Platz zu suchen? Hattest du schon einen im Sinn, als du die vorangegangenen Seiten gelesen hast? Vielleicht ist es genau dieser. Es könnte ein stattlicher, vertrauenserweckender Baum sein. Eine heimliche Lichtung oder ein verwunschener Teich. Schlendere durch die Natur und warte auf den Augenblick, dass dich ein lauschiges Plätzchen anspricht. Es sollte sich so anfühlen, als würdest du eingeladen werden. Ich gebe dir hier noch weitere Hinweise mit auf den Weg, die dir helfen sollen, deinen Platz auszuwählen.
Schön wäre es, wenn die Natur dort möglichst abwechslungsreich ist. Wenn sie sowohl Deckung als auch offene Bereiche anbietet, vielleicht Wasser und ein paar Sträucher mit Beeren. Interessant sind die Übergangsbereiche von unterschiedlichen Landschaftstypen, zum Beispiel Waldränder oder Ufer. Hier erwartet dich eine hohe Artenvielfalt, und Tiere sind besonders aktiv.
Das wichtigste ist jedoch, dass du schnell zu deinem Platz gelangen kannst. Angenommen, du müsstest erst eine halbe Stunde lang im Auto sitzen, um bei deinem Traumplatz einzutreffen. Dann wirst du das wahrscheinlich nicht regelmäßig tun und folglich nicht viel davon haben. Idealerweise brauchst du nur etwa 5 bis 15 Minuten, bis du zu Fuß oder mit dem Fahrrad da bist. Im Zweifelsfall kann sich der Platz direkt in deinem Garten befinden, sogar auf dem Balkon, in einem Stadtpark oder im versteckten Winkel einer verwildernden Brachfläche. Du wirst staunen, wie viele Tiere es in der Stadt gibt! Eventuell musst du mehrere Orte durchprobieren, um herauszufinden, was für dich funktioniert.
Maßgeblich bleibt dabei, dass du dich wohlfühlst. Dein Platz sollte Ruhe und Geborgenheit ausstrahlen. Du solltest dort sitzen können, ohne häufig gestört zu werden.
Wie du dich anfreundest
Sobald du mit einem Platz übereingekommen bist, kann es richtig losgehen. Besuche ihn, so oft du kannst und es dir gefällt, ob das nun einmal am Tag, in der Woche oder im Monat bedeutet. Je öfter du freilich hingehst, um so inniger wird die Verbindung werden. Freundschaften möchten gepflegt werden. In warmen und kalten Jahreszeiten, bei Sonnenschein und Regen, am helllichten Tag oder wenn es dunkelt.
Du triffst dich mit deinem Platz unter vier Augen, gehst also allein hin. Lass auch dein Smartphone, Bücher oder Chips zurück. Diese Dinge sind nicht übel, doch kannst du dich ihrer auch anderenorts erfreuen. Am Sitzplatz stehen sie der Erfahrung im Wege, um die es geht. Entscheidend ist, dass du dort zur Ruhe kommst, dass du mit deinem Herzen dabei bist, aus den Ablenkungen des modernen Lebens aussteigst und wirklich an diesem Platz ankommst.
Nutze schon den Hinweg, um den Staub deines Alltags abzulegen und dich der Natur zu öffnen. Dann setze dich. Richte dich bequem genug ein, dass du dich entspannen kannst. Wahrscheinlich ist es förderlich, wenn du dich irgendwo anlehnst und warm genug bekleidet bist. Vielen hilft es, jede Sitzung mit einer kleinen Meditation zu beginnen. Du könntest eine bis zwei Minuten auf deinen Atem achten, deine Aufmerksamkeit durch alle Regionen deines Körpers wandern lassen, um dich im Hier und Jetzt zu verankern. Natürlich kannst du auch eigene Meditationen verwenden, die dir ohnehin schon vertraut sind. Oder all jene, welche ich noch im Verlaufe dieses Buches vorstellen werde, zum Beispiel in den Kapiteln »Ostkraft«, »Eulenblick« und »Sinnesübungen«.
Nachdem du dich eingestimmt hast, gibt es am Platz nichts weiter zu tun, als wahrzunehmen. Vielleicht 20 Minuten bis eine Stunde lang. Ist das nicht eine schöne Aufgabe? Einfach nur da zu sein? Und noch dazu in der Natur?
Wie du ein Naturtagebuch führst
Zu guter Letzt möchte ich dir empfehlen, deine Erfahrungen in einem Notizbuch festzuhalten. Nicht während der Sitzung, weil das ablenken würde, sondern danach. Im beschreibenden Zurückschauen sinkt noch tiefer in dich ein, was dir am Platz wirklich wichtig war. Außerdem entsteht durch deine Aufzeichnungen allmählich ein persönliches Nachschlagewerk. Du kannst zum Beispiel nachschauen, ob die Schwalben diesmal in der gleichen Woche zurückgekehrt sind wie in den Vorjahren. Oder du entdeckst beim Stöbern...




