Blatter | Das sanfte Gesetz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 432 Seiten

Reihe: Freiamt-Trilogie

Blatter Das sanfte Gesetz

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-95307-8
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 432 Seiten

Reihe: Freiamt-Trilogie

ISBN: 978-3-492-95307-8
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Das sanfte Gesetz« ist der dritte Band von Silvio Blatters großer Freiamt-Trilogie, die ihn zu einem der bedeutendsten und meistgelesenen Schweizer Autoren machten. Sie gilt als ein Meisterwerk des Realismus und eine literarische Rehabilitierung des Heimatbegriffs. In den Mittelpunkt von »Das sanfte Gesetz«, dem Schlussband der Trilogie, rückt der Autor die Familie Wolf, die im Freiamt ihre Heimat hat. Silvio Blatters anderer großer Protagonist, die Natur, bleibt in diesem Buch nicht verschont vom menschlichen Zerstörungsdrang. Die Verschmutzung der Flüsse und der Luft, die Verstrahlung der Erde nach einem Atomunfall - immer mehr setzt der Mensch seiner eigenen Lebensgrundlage zu. »Mit dem Roman ?Das sanfte Gesetz?, dem Abschluß seiner Freiamt-Trilogie, hat Silvio Blatter endgültig bewiesen, daß er ein Erzähler von Rang ist.« Süddeutsche Zeitung Der dritte Band der Freiamt Trilogie »Das sanfte Gesetz«

Silvio Blatter gilt als einer der 'herausragenden Schweizer Gegenwartsautoren' (Südwest Presse). Seine Romantrilogie 'Zunehmendes Heimweh', 'Kein schöner Land', und 'Das sanfte Gesetz' machte ihn bei einem breiten Publikum bekannt. Blatter erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, u.a. den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Preis der Neuen literarischen Gesellschaft Hamburg. Zuletzt erschien von ihm 'Wir zählen unsere Tage nicht'. Silvio Blatter lebt in München und Zürich.
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3


Philip knackte mit den Fingergelenken. Seit seiner Jugendzeit machte er mit diesem Geräusch alle nervös. Nochmals überflog er den Brief, die Einladung für ein Klassentreffen, und ging in Gedanken die Namen seines Jahrgangs durch. Es fielen ihm nicht alle ein. Er wollte auch gar nicht alle erinnern, sie waren ihm gleichgültig. Vielmehr berührte ihn ein einziges, ein ganz bestimmtes Gesicht. Es wischte alles andere weg. Der Brief hatte ihm ein Lächeln in Erinnerung gerufen, Wasser auf gebräunter Haut, einen Duft und Gesten, Bilder eines Mädchens, die er längst ausgelöscht geglaubt hatte. Sie tauchten auf, als besitze das Vergessen keine Macht; sie waren einfach da, deutlich und stark, wie auferstanden, und er hatte gemeint, sie verloren zu haben, fast unbemerkt, unterwegs durch die Jahre.

Philip Wolf war gelernter Jurist und verwaltete die Liegenschaften der Familie, er diente seinem Vater als Rechtsberater und spielte im Unternehmen eine Rolle, die ihn manchmal auch langweilte.

Das Bedürfnis, seine Schulkameraden wiederzusehen, war nur gering. Was hatte er noch mit ihnen zu schaffen? Zwar spürte er auch Neugier, doch sie war ein zu vernachlässigender Grund, als er sich anmeldete, ja, obwohl es ihm ein Gräuel war, sich bereits für einen Anlass des nächsten Winters zu verplanen, sagte er seine Teilnahme zu: die Hoffnung, Margrit Fischer wiederzusehen, war stärker als alle Abneigung.

Erinnerungen erzeugten in Philip Wolf gemischte Gefühle. Er unterhielt ein gebrochenes Verhältnis zu ihnen, angemessen den frühesten Bildern seiner Kindheit, in denen er sich in einem Bohnenbeet sitzen und weinen sah, neben Mutter, die sich nicht mehr bewegte, die sich nicht mehr um ihn kümmerte, sondern mit geschlossenen Beinen ausgestreckt dalag, gefällt, das Gesicht gegen die Erde gepresst, das Schwarz ihres Haars wie ein Fächer ausgebreitet, unter dem der Kopf verborgen lag. Der Vater war in den Garten gerannt, atemlos. Er hatte die Mutter auf den Rücken gedreht, über ihre Stirn floh eine kleine Spinne.

Philip verdrängte die Gedanken an den frühen Tod seiner Mutter und besann sich auf das Leben, auf Margrit, und in die Erinnerung an sie mischte sich auch Begehren.

Er hörte das Aufklatschen eines Balls und Stimmen. Sandro spielte mit Andreas Basketball, sie übten Korbwürfe. Man hätte die beiden Spieler für Brüder halten können, und vielleicht fühlten sie sich auch entsprechend.

Andreas war Philips Junge, ein siebenjähriges Kind.

Ich will nie hundertjährig werden, erklärte Andreas.

Warum denn nicht?

In diesem Alter kann man sterben.

Philips Hoffnung, Margrit bei dem Klassentreffen zu begegnen, verengte sich zu einer Erwartung.

Sie kommt bestimmt.

Er stellte sich die Frau vor, die sie nun sein musste – sein könnte, sah sich auf sie zugehen, verhalten, zögerlich und doch auch entschlossen, mit einem Ausdruck im Gesicht, der ihn verriet. Die mögliche Begegnung ließ ihn ganz fiebrig werden, weckte seine Leidenschaft.

Margrit, ja?

Er würde das leichthin aussprechen, ihr die Hand hinstrecken und gleichzeitig mit dem Ja ihre Hand berühren.

Und zwischen ihnen wüchse eine Wand.

Wüchse keine Wand.

Margrit und Philip hatten es als Jugendliche versäumt, sich zu berühren, ihre Körper hatten einander verpasst, als sie noch frisch waren. Nun standen beide in einem Alter, in dem es für eine Umarmung wohl zu spät sein würde.

Warum zu spät?

Die Verkettungen, die Kerker.

Vermögen zwei Körper, die einander, als sie unverbraucht waren, heftig anzogen und wie gleichpolige Magnete auch abstießen, später noch zusammenzufinden?

Zusammenzuschießen?

Vielleicht litte jede Berührung an der Vorstellung, wie es damals hätte sein können, und die späte Liebe ähnelte einer traurigen Leibesübung.

Aus Gründen der Vernunft war Philip Jurist geworden, er hatte dem Drängen seines Vaters nachgegeben, ohne große Widerrede, vielleicht um ein Liebhaber der Literatur zu bleiben. Immer wieder spürte er das Bedürfnis, sich zurückzuziehen zur Lektüre, er liebte es, im ledernen Stuhl am Fenster zu sitzen – zu lesen und zu trinken. Bücher mit Gedichten, die es ihm nahelegten, sie auch zu schließen, um über die Verse nachzudenken, waren ihm die wichtigsten. Er saß gern da, einen Finger im Buch; eigentlich zog er dieses Aufgehobensein allen anderen Zuständen vor:

Im Erlenschatten, Liebste,

im Erlenschatten, nicht.

Unter der Pappel, ja,

dem Weiß und Grün der Pappel.

Weißes Blatt du,

grünes Blatt, ich.

Philip Wolf war sanft, sensibel, introvertiert. Aber mit dem untrüglichen Sinn dafür, wie stark und hart er auch sein musste, um sich im Wolfschen Unternehmen zu behaupten, obwohl er bestimmt kein Geschäftsmann aus Leidenschaft war. Er wäre das mitunter gern gewesen und beneidete den Vater um die Besessenheit und den nie erlahmenden Willen, sich einer Sache ganz zu verschreiben. Philip liebte schöne Dinge, er war verführbar. Ein Anzug aus nachtblauer Seide, eine kleine indianische Skulptur, eine Leselampe, italienisches Design: dem wollte er nicht widerstehen. Und die Gedichtsammlungen, die er immer wieder zur Hand nahm, hatte er sich in dunkelrotes Leder einbinden lassen, Alberti, Williams –

Das Mädchen Margrit hatte dunkles Haar und ganz helle Haut. In seiner Erinnerung saß sie auf einem Felsbrocken, der aus dem Fluss ragte. Er hockte neben ihr, die Knie angezogen und mit den Armen umschlungen. Sie hatten sich von einer Gruppe abgesetzt, die sich über das nahe Wehr treiben ließ. Er hatte Angst bekommen. Sie auch. Beiden klebte das Haar am Kopf, und auf der Haut sträubten sich die feinen Härchen.

Das war vor zwanzig Jahren, Philip.

Sie redeten über die Geometrieprüfung des Vormittags, über die Konstruktion des »Goldenen Schnitts«. Eine Scheu hinderte ihn, Margrit zu berühren.

Und dann hatte er sie aus den Augen verloren.

Die Stimme von Andreas störte Philip auf. Der Junge war ins Haus gekommen und suchte seinen Vater.

Hunger, rief er, ich sterbe vor Hunger.

Er war verschwitzt und übermütig, trat ins Zimmer und stellte sich vor seinen Vater hin.

Sandro spielt mit Laura Tennis, sagte er.

Sie gingen zusammen in die Küche. Philip gab dem Jungen eine Dose Cola, schnitt ein Sandwichbrötchen auf und füllte es mit Schinken.

Sandro Wolf, der Athlet der Familie, war vierundzwanzig Jahre alt und studierte Betriebswirtschaft. Er konnte ganze Tage mit Sport verbringen und schien dabei unermüdlich zu sein, eine Maschine. Seit langer Zeit, und manchmal so verbissen, als sei das Gelingen sein Lebensziel, übte er den »dunking«, ein Kunststück beim Basketballspiel.

Er müsse dabei so hoch springen, erklärte Andreas seinem Vater, dass er den Ball ohne Wurf in den Korb legen könne.

Wie ein Ei ins Nest, sagte der Junge und verlangte eine zweite Dose Coke und noch ein Schinkensandwich.

Sie hörten Schläge vom Tennisplatz her. Mit einem stumpfen Klang traf der Ball auf dem Boden auf, hell tönend sprang er vom Schläger weg, weich und etwas klirrend war das Geräusch nach dem Aufprall an der Umzäunung.

Bist du schon bei Großvater gewesen, fragte Philip.

Andreas grinste: Er hat mir fünf Franken geschenkt.

Wie geht es Mutter, fragte Philip.

Er konnte sich diese Frage nicht abgewöhnen, obwohl der Junge nie darauf einging.

Hast du Eis?

Philip ging zum Kühlschrank und holte eine Packung.

Mövenpick Walnuss, schwärmte Andreas, die putzen wir weg.

Er leckte mit der Zunge über den Mund. Und zusammen legten sie los. Philip zuerst etwas freudlos, bald mit zunehmender Lust, als er spürte, wie er dem Jungen beim Eisessen näherkam, in diesem albernen Wettbewerb, seine Hälfte als Erster zu schaffen.

Es gab Tage, da vermisste er den Jungen – dieses Einvernehmen, das möglich war mit dem Kind, Vertrauen: eine Nähe, die er immer auch bei Frauen suchte, mit einer Frau aber noch nie so blindlings erlebt hatte. Der Junge nahm ihn ohne Vorurteil an, und Philips Spannung löste sich, ein Vorbehalt verschwand, die Reserve, mit der er allen Menschen begegnete.

Meinst du auch Männer, wenn du Menschen denkst?

Ja, aber vor allem Frauen.

Bisher waren es stets Frauen gewesen, die sein Bedürfnis nach Nähe weckten.

Um es dann nicht mit ihm zu teilen.

Der Junge setzte sich auf seine Knie. Philip sog den wilden Geruch des Kindes ein, Schweiß, Gras, Katzenfell, Urin, getrocknetes Blut und Mövenpick...



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