Blatter | Es war einmal ... ganz anders | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Blatter Es war einmal ... ganz anders

Märchenklassiker, neu erzählt
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9937-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Märchenklassiker, neu erzählt

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-6957-9937-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es war einmal ... Aber in diesem Märchenland ist alles anders: Der Wolf freundet sich mit den Geißlein an, Aschenputtel jagt den Prinzen zum Teufel und wie meistert der Froschkönig eine Ehekrise? Mit scharfem Humor, literarischer Eleganz und wachem Blick auf gesellschaftliche Themen entstehen Geschichten, die vertraut beginnen und überraschend enden: Fantasie öffnet den Blick in eine Welt voller Möglichkeiten. Einfach magisch!

Ulrike Blatter arbeitete als Ärztin "von der Wiege bis zur Bahre": zuerst in der Geburtshilfe, später auf dem Drogen-Kiez und in der Rechtsmedizin. Nichts Menschliches ist ihr fremd. Die erfolgreiche Krimiautorin lädt in diesem Band zu einem literarischen Totentanz - vollkommen befreit vom Zwang einen Täter zu ermitteln oder Recht und Gesetz durchzusetzen. Ulrike Blatter erhielt für ihr Werk mehrmals Stipendien. Wenn sie nicht schreibt, unternimmt sie mit ihrem Mann lange Radreisen - und lotet auch hier die Grenzbereiche seelischer Belastbarkeit aus. Homepage: www.ulrike-blatter.de
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Autoren/Hrsg.


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Es war einmal ein kleiner Junge, der liebte das Schreiben über alles. Kaum, dass er das Alphabet einigermaßen beherrschte, reimte er kurze Gedichte, steigerte sich zu kleinen Erzählungen und verfasste schließlich einen Roman, den er im Alter von acht Jahren ohne größere kreative Geburtswehen in drei dicke Schulhefte niederschrieb. Kurz darauf stellte er fest, dass alle seine Werke bereits existierten – und, was noch schlimmer war: in viel besserer Form. So verbrannte er unter heißen Tränen alle Schulhefte, und statt Künstler zu werden, erlernte er ein vernünftiges Handwerk, das einen Mann ernähren konnte. Er wurde Maßschneider und Spezialist für edelste Stoffe.

»Wenn ich nun auch nicht mehr mit literarischen Stoffen arbeiten kann«, tröstete er sich, »so bereiten mir doch auch Kaschmir und Seide sinnliche Freuden.«

Die sinnlichen Freuden waren jedoch begrenzt, wie er zutiefst frustriert feststellen musste. Am liebsten hätte er schöne Frauen durch opulente Roben in Göttinnen und Prinzessinnen verwandelt. Aber rasch sprach es sich herum, dass er ein bisschen zu sehr die Nähe suchte und beim Maßnehmen nicht Maß halten konnte. Es gab einen hässlichen Prozess mit einer ebenso hässlichen Geldstrafe. Nur knapp entkam er dem Gefängnis, aber dort, wo er lebte, war er erledigt. Da beschloss unser Held ein neues Leben zu beginnen und begab sich nach alter Tradition auf Wanderschaft. Aber kann man hier überhaupt von einem Helden sprechen? Dass er kleingewachsen und von schwächlicher Statur war, kann man ihm zwar schlecht vorwerfen, aber ist es im Märchen nicht so, dass man vom Äußeren auf einen zweifelhaften Charakter schließen kann? Als mickriger Stubenhocker, dessen Haut von zu viel Fastfood picklig geworden war, bot der Schneider wahrhaftig keinen schönen Anblick. Wer jedoch die Märchen genauer liest, weiß auch, dass die Gestalten mannigfache Wandlungen durchlaufen. In der Literatur sind solche Geschichten als »Heldenreise« bekannt. Nun denn, schicken wir das Schneiderlein auf die Reise und wer will, kann ja darauf wetten, ob ein Held hinten rauskommt.

Am Anfang dieser Reise stand jedoch erst einmal eine gehörige Portion Verunsicherung. Um emotional wieder ins Gleichgewicht zu kom men, gönnte sich das Schneiderlein zur Feier des Abschieds den Besuch eines einschlägig bekannten Hauses. Und tatsächlich – an diesem Abend fühlte er sich wirklich wie ein Superheld. War es ein ungewohntes Aufflackern jugendlicher Kräfte oder lag es an der blauen Zauberpille, die er genossen? Jedenfalls gelang es ihm im Laufe dieser wundersamen Nacht nicht fünf, nicht sechs, nein sieben der hochprofessionellen Damen zu beglücken. Als er dies solchergestalt geleistet, wusste er sich vor Stolz kaum zu lassen. Auch wagte es keine der Schönen mehr, ihm herablassend über die Halbglatze zu streicheln oder ihn gar »Schneiderlein« zu nennen. Nein, nach dieser Nacht war alles ganz und gar verwandelt und das Leben schien neu zu beginnen.

Im Morgengrauen eilte der Schneider zur Werkstatt, die schon fast leergeräumt war. In einer Ecke fand er jedoch noch einen Streifen nachtblauer Seide; mit dem setzte er sich an die Nähmaschine. Er spannte einen goldenen Faden ein und suchte die Stickfunktion. Flugs verwandelte er so das Stück Stoff in eine breite Schärpe, auf der geschrieben stand:

Selbstverständlich verschwieg er, dass es sieben Huren in einem einschlägig bekannten Hause gewesen, aber seine Brust war dermaßen von Stolz geschwellt, dass sich die Schrift gut leserlich entfaltete und er sich gerüstet fühlte für seine Wanderung.

»Jetzt werden sie endlich Respekt vor mir haben«, murmelte er, als er die Tür hinter sich abschloss und den Schlüssel wegwarf.

Dann startete er auf seinem Handy zwei Apps: eine zur Routenplanung und eine Social-Media-Plattform. Unter dem Titel »Sieben auf einen Streich« eröffnete er ein Profil mit der Beschreibung »Mein Weg zur wahren Männlichkeit«. Er tippte: »Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt« und postete das Bild eines steinigen Gebirgspfades. Es war nicht die Straße, auf der er stand, aber das machte nichts. Genau wie in der Mode kam es auch hier nur auf den äußeren Schein an. Die ersten Likes trudelten ein, er packte den Wanderstab und zog los.

Am ersten Abend hatte er Blasen an den Füßen und überhaupt war alles viel anstrengender als gedacht. So endete die Wanderschaft in irgendeinem Kaff, wo ein möbliertes Zimmer mit Internetanschluss nicht die Welt kostete. Dort saß er auf dem Sofa, den Laptop auf den Knien und nahm seine Follower mit auf die Reise: Seine Route führte ihn über Saumpfade und schneebedeckte Gipfel bis in ferne Länder. Er kämpfte sich durch reißende Fluten. Nachts beobachtete er Sternschnuppen und Polarlichter. Manchmal besuchten ihn am flackernden Lagerfeuer Wölfe; einmal sogar ein Bär. Schöne Frauen liebten ihn, aber er verließ sie nach nur einer Nacht. Zumindest, wenn man seinem Online-Reisetagebuch Glauben schenkte. Seine Fabulierlust, der er als Kind abgeschworen hatte, erwachte zu neuem Leben. Er postete Bilder vom Strand, obwohl er in Wirklichkeit fröstelnd im Wartehäuschen einer norddeutschen Bushaltestelle saß und in den Nieselregen starrte. Und immer wieder Lebensweisheiten, Fitnesstipps und Steinzeitrezepte mit überdimensionalen Fleischportionen. Sein eigenes Gesicht zeigte er nie. So spann er einen nicht enden wollenden bunten Faden erfundener Geschichten – und traf offensichtlich einen Nerv. Die Zahl seiner Follower wuchs rasant. Im Nu waren es 70.000 und er überlegte, ob er die Aufschrift auf der Schärpe ändern sollte: Wäre nicht passender? Ließ es aber bleiben, denn auch diese Zahl war bald schon übertroffen. Nun sollte er Werbung machen für muskelaufbauende Präparate und Outdoorkleidung. Wildfremde Frauen wollten ihn heiraten, obwohl sie keine Ahnung hatten, wer er war und wie er aussah. Bislang hatte er noch kein einziges Bild von sich gepostet. Niemand wusste von seiner schlüpfrigen Vergangenheit – und er begann zu hoffen, dass er tatsächlich neu anfangen und seinen alten Kindheitstraum vom Schreiben verwirklichen könnte. Er kaufte sich ein Schulheft und begann wieder Gedichte zu schreiben. Die behielt er aber für sich, denn er schämte sich dafür. Welcher echte Kerl schrieb schon Gedichte?

Durch die Werbeeinnahmen konnte er sich jedoch eine bessere Wohnung leisten und ein Abo im Fitness-Studio. Er trainierte verbissen, aber es tat sich nicht viel. Er engagierte einen Personal Trainer, aber trotz aller Schinderei, trotz Proteinshakes und Hormonen blieb er spirrelig und verkrampft. Der Coach sagte schließlich: »Aus dir wird nie ein Bodybuilder, du kommst gegen deine Natur einfach nicht an. Dein Sport ist wohl eher das Laufen.«

Das weckte schmerzliche Erinnerungen an die Blasen nach seinem ersten Wandertag, aber dennoch ließ er den Mut nicht sinken, kaufte sich Joggingschuhe und begann mit dem Lauftraining. Auf seinem Social-Media-Profil verschwieg er das genauso schamhaft wie seine literarischen Versuche. Aber tatsächlich: Das Laufen lag ihm und er steigerte sich in dieser Sportart mit Leichtigkeit. So lebte er zufrieden in zwei Welten: Nach außen Muskelmann und Survival-Experte, im Privaten ein begnadeter Läufer, der auf langen Strecken unermüdlich an Texten feilte, die er dann ganz altmodisch mit Bleistift auf Papier schrieb.

Wer von euch hat zu Beginn der Reise darauf gewettet, dass aus dem Schneiderlein ein Held wird? Ist diese Wette nun gewonnen? Eine Heldenreise bedeutet, dass auf einem langen Weg verschiedene...



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