E-Book, Deutsch, Band 2, 504 Seiten
Reihe: Freiamt-Trilogie
Blatter Kein schöner Land
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-95308-5
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 504 Seiten
Reihe: Freiamt-Trilogie
ISBN: 978-3-492-95308-5
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Silvio Blatter gilt als einer der 'herausragenden Schweizer Gegenwartsautoren' (Südwest Presse). Seine Romantrilogie 'Zunehmendes Heimweh', 'Kein schöner Land', und 'Das sanfte Gesetz' machte ihn bei einem breiten Publikum bekannt. Blatter erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, u.a. den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Preis der Neuen literarischen Gesellschaft Hamburg. Zuletzt erschien von ihm 'Wir zählen unsere Tage nicht'. Silvio Blatter lebt in München und Zürich.
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1
Es war, als ob die Landschaft warten müsste, vorsommerlich heiß war es, still – und nichts geschah
im Freiamt, Ende Mai
seit Tagen hielt das gute Wetter an, Schwalben, hoch fliegende Schwalben verbürgten es, und Katrin, die mit dem Rad über Land fuhr, sah sie als kleine schwarze Sicheln am Himmel ziehen. Kein Wind, der wehte, alles stand reglos. Nur die Schwalben kamen manchmal näher, entfernten sich wieder, schön war ihr Spiel in diesem hellen Tag. Und es leuchtete das Gelb des Rapsfeldes, das sich längs des Wegs erstreckte, dahinter das dunkle Grün des Waldes, und kein Mensch war unterwegs, weit und breit kein Mensch außer Katrin auf dem Rad, dem roten Fahrrad, dessen Chromteile glänzten …
Auf der asphaltierten Straße täuschte die flimmernde Luft Wasserlachen vor, wo nichts lag als Hitze, und einer, der barfuß gegangen wäre, hätte Spuren hinterlassen, Zehenabdrücke im aufgeweichten Belag. Doch heute ging niemand mehr barfuß, selbst die Kinder, die Frisbee spielten auf dem schattigen Platz beim Schulhaus, trugen Turnschuhe, weiße Turnschuhe, und die grellfarbenen Plastikscheiben segelten lautlos von Hand zu Hand, Flugbahnen beschreibend vor den Platanen, und manchmal ratschte eine Frisbeescheibe ins Laub, manchmal schieferte eine über den Boden und blieb abseits liegen, rot, blau …
Das erste Heu konnte eingebracht werden.
Es hatte zwar in den ersten Märztagen stark geregnet, noch einmal war ein Frost eingebrochen, hatte in den Obstplantagen Schäden angerichtet und im Rebberg der Gemeinde auch. An den Bachläufen waren die Triebe der Nussbäume erfroren, und man hatte die warmen Kleider wieder hervorholen müssen. Aber heute konnte das erste Heu eingebracht werden – darum war Katrin unterwegs. Sie hatte einem Bauern versprochen, ihm bei der Arbeit zu helfen, hatte die Stadt Bremgarten bereits hinter sich gelassen. Im Talgrund sah sie den Fluss, das aufglimmernde Wasser, es war, als wälze die Reuss flüssiges Blei dem Meere zu. Und so ohne Eile dahinfahrend, zufrieden mit dem Tag, kam Katrin ein Satz aus einem Buch in den Sinn, das Pablo ihr geschenkt hatte:
Schön wie ein Wunder lag die Sonne auf der Welt.
Das Buch erzählte die Lebensgeschichte eines Malers, der die Welt am liebsten so betrachtete: den Körper vornübergeneigt, den Kopf zwischen den Beinen.
In waldreicher Umgebung, verteilt auf zwei Terrassen, zwischen den sanften Höckern des Wagenrains und den steilen Abhängen des Hasenbergs, in der Biegung des Flusses … hätte dieser Maler, wenn er noch leben würde, die Stadt Bremgarten gesehen. Sie war gebaut worden, wo die Reussschleife am engsten ist, auf einen Buckel die kompakte Oberstadt mit dem ›Schlössli‹, in die vom Fluss begrenzte Auebene die lockerer gefügte Unterstadt.
Hier war Katrin aufgewachsen.
Am Fuß des Mutschellenpasses zweigte ein Weg von der Straße ab, steinig und steil. Katrin musste bald aus dem Sattel steigen und das Rad schieben. Als sie einige Zeit bergauf gegangen war, geriet sie ins Schwitzen, und als sie einhielt, um zu verschnaufen, spürte sie den Schweiß aus den Achselhöhlen herabrinnen, etwas kühler als die Haut. Katrin schaute auf die Stadt hinunter, auf den Fluss, die im überflutenden Sonnenlicht lagen, im Sonnenlicht des Mittags, und für einen Augenblick glaubte sie, in der Ferne auf dem Zifferblatt der Stadtkirche den Glanz der großen Zeiger zu sehen, golden, und die Zeit stand doch still, wie der Bussard stillstand über Katrin in der Luft.
Abgesehen von der mittelalterlichen Anlage, bot die Stadt einen merkwürdig zerrissenen Anblick, zahllose neue Bauten und die zersiedelte Au bildeten das aus dem Boden gestampfte ›moderne‹ Bremgarten, alles stand eng und verquer, und es tat Katrin weh, es zu betrachten … Nach dem Bogen, den sie um die Stadt zog, krümmte sich die Reuss scharf nach Norden und formte ein Knie, das vom Chesselwald bedeckt war. Im Wald fiel eine Rodung auf. Dort war früher die offene Abfallgrube gewesen, immer hatte ein Feuer geschwelt, Kinder hatten noch brauchbare Sachen gesucht, Altmetall, Aluminium, mit dem Auto war man vorgefahren, um ein kaputtes Sofa in die Grube zu kippen, Schwärme von Insekten waren da gewesen, Mücken, Fliegen, und ein Verwesungsgeruch, fingernd in den Wald hinein.
Katrin wischte mit der Hand über die Stirn, schmeckte mit der Zunge den Schweiß auf der Oberlippe. Sie schaute noch einmal auf den Fluss, als sie in einen zum Hang verlaufenden Feldweg einbog und wieder fahren konnte. Der Fluss war immer da, immer schon dagewesen, und manchmal meinte Katrin, ihre Liebe habe damit zu tun: in welche Richtung sie als Kind auch gelaufen war, der Weg hatte nach einiger Zeit an den Fluss geführt … Die schimmernde Gischt und ein paar weiße Schaumkronen deuteten an, dass die Reuss dahinströmte, ja, mit ihrem Fließen hatte sie die Landschaft geschaffen, geprägt, und wenn alles andere gebaut worden war, verkörperte der Fluss das Bleibende, seine Wasser nahm Katrin als Zeichen für das, was vorüberzieht und nicht wiederkommt. Der Fluss erneuerte sich fortwährend, dies war sein Geheimnis.
Katrin war eine Frau von vierunddreißig Jahren. Sie trug einen dünnen Wickelrock mit feinem Blumenmuster und eine verwaschene Bluse, die einmal rot gewesen war. Nach dem anstrengenden Aufstieg fuhr Katrin fast gemächlich auf dem schmalen Pfad; der Schatten lief neben ihr her, verdunkelte Gras, Steine, den Boden für eine Sekunde. Den Gedanken hing sie nach, und das Licht stürzte herab aus dem Himmel; als eine Last lag die Hitze auf den Feldern. Fast versonnen fuhr Katrin, bis sie von einem schrillen Ruf aufgeschreckt wurde. Seltsames Geschrei von Vögeln drang aus einem gepflegten Garten, wo im noch dürftigen Laubwerk eines Nussbaums zwei Ara-Papageien herumturnten. Mit gestutzten Flügeln hüpften sie auf einen abgestorbenen Ast, zankend, vergnügt, einer war blau-gelb, der andere rot-weiß im Gefieder – prächtig zwischen den helleren Blättern des Baums.
Das Fahrrad holperte über den Weg; und als würde ihr der Klang von weit her zugeweht, hörte Katrin eine Fabriksirene. Dies erinnerte sie für einen Moment an ihren Bruder René, der in der Auebene, nah an der Reuss eine Firma für Zäune und Drahtwerk betrieb – ein Bruder, mit dem sie im Grund nicht mehr viel verband.
Nah fühlte sie sich Pablo, dem Mann, in dessen Haus sie nun wohnte. Er malte Landschaftsbilder und er besaß einen großen schwarzen Hund, einen Neufundländer, den sie gern hatte, den sie auf den ersten Blick mochte wie seinen Herrn. Der Hund hatte auf dem Platz vor dem Haus gelegen, als Katrin zum ersten Mal gekommen war, um Wohnung und Töpferwerkstatt zu besichtigen. Der Hund hatte sich erhoben und war auf sie zugetrottet, bedächtig, lief etwas schräg, wie Hunde es tun, und sie hatte sich nicht gefürchtet vor dem mächtigen, zottigen Tier. Sie hatte ihm die Hand hingehalten, und er leckte sie mit seiner warmen Zunge. Erst nach der freundschaftlichen Annäherung hatte sie auch den Mann entdeckt, der im Gras unter dem Kirschbaum saß, lesend. Sie war auf Pablo zugegangen, stand vor ihm, den Hund wie einen treuen Begleiter an der Seite, so nah, dass sie die Berührung des Tieres spürte.
Aus der Ferne, vom Waffenplatz her, der jenseits der Reuss, in Nachbarschaft der Fohlenweide, im sanft gewellten Gelände zwischen Wiesland und Wald lag, hörte sie Schüsse, platzende Schüsse von Sturmgewehren, begleitet von monotonen Serien aus einem Maschinengewehr; eine Gummiwand schien den Hall der schnellen Salven und Punktfeuer zu schlucken, die aufsässig ein weiteres, die Stille verletzendes Geräusch untermalten, den laufenden Motor eines Traktors, sein gleichförmig tiefes Surren, das einschläfernd wirken konnte, an einem derart heißen flirrenden Tag, der einem Behutsamkeit abforderte, langsame Bewegung. Die Straße verlief etwas flacher, war weniger mit Steinen besetzt, rechter Hand stand Futtermais, gut im Wuchs, kaum vom Pilz befallen, linker Hand und reusswärts senkte sich die abgemähte Wiese beinah sanft als langgezogenes, helleres Rechteck hinab, auf dem ein grauer Traktor mit einem angekoppelten Kreiselschwader, der die Mahden schichtete, hin und her fuhr. Vereinzelte Obstbäume auf beiden Seiten des Wegs bildeten eine verschattete Gasse. Apfel, Birne. Kirschbäume trugen schon fingerbeerengroße Früchte, versteckt im dunkleren Laub.
Katrin sah den Traktor, sah den Bauern auf dem Traktor sitzen. Das am frühen Morgen geschnittene Gras war trocken, junges Heu. Fuhr der Traktor hin, häufte sich die Mahd rechts, fuhr er her, entstand die Mahd auf der linken Seite, gleichmäßig und gerade. Der Bauer, er war ein schon alter Mann, hatte Katrin bemerkt. Er hielt vor der nächsten Wende am Rand der Wiese an, stieg vom...




