Blatter | Vier Tage im August | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Blatter Vier Tage im August

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7844-8146-3
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8146-3
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jeder wähnt sich auf der sicheren Seite. Ein heißer Sommer, Ferienzeit, alles zieht ruhig seine Bahn. Aber dann liegt ein Lastwagen mit gebrochener Achse quer zur Straße, blockiert den Verkehr. Der Zufall führt zwei Männer wieder zusammen, eine alte Geschichte flammt nochmals auf, sie entfaltet ihre zerstörerische Macht, bricht über die Protagonisten herein. Vier Tage im August erzählt von einer Kettenreaktion und Verstrickungen - von Menschen, die einmal Freunde waren: Am Ende ist deren Welt eine andere.

Silvio Blatter, geboren 1946, ist Schriftsteller, Maler und Kolumnist. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, zuletzt 'Die Glückszahl', 'Eine unerledigte Geschichte', 'Zwölf Sekunden Stille' und 'Zwei Affen'. Seit der Trilogie 'Tage im Freiamt' ist er einem breiten Publikum bekannt. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Der Autor lebt heute in Zürich und München.
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IN LIGURIEN HATTE EIN SCHLECHT gewarteter Lastwagen, der liegen blieb, ein Radrennen gestoppt. Der Verkehr stand still, und auf der Unfallstelle war ihm ein alter Widersacher über den Weg gelaufen … nein, Leo Zimny hatte das Unheil nicht vorhersehen können. Und nicht seine Folgen, seine Bedeutung. Nichts war zu seltsam, um einzutreten, er musste das einmal mehr erleben. Und ausbaden. Es war über ihn gekommen, er hatte handeln müssen, doch die Sache war noch nicht ausgestanden.

Leo Zimny stand auf dem kleinen Balkon vor seiner Küche. Von dem asiatischen Gericht, das er aufgewärmt hatte, roch es nach Hähnchen und Curry. Er war verwundert über die Abendsonne, die ihm ins Gesicht schien. Er ließ sich das gern gefallen, hielt eine Flasche Bier in der Hand und stützte sich mit der anderen auf dem Geländer ab. Es hätte einen neuen Anstrich nötig, ja, er sollte im Supermarkt eine Dose Lackfarbe kaufen und das Geländer frisch streichen. Rot. Er schaute vom vierten Stock auf eine weitläufige, halb im Schatten liegende Baustelle hinunter. Ein aufgeräumtes Schlachtfeld. Er nahm einen langen Schluck des kühlen Biers. Die Baustelle ließ ihn an Phuket denken, wo er lange gelebt hatte. Hier dominierte schweres Baugerät, es waren immer nur wenige Männer zu sehen. Auf Baustellen in Phuket hatte es von Arbeitern mit nackten Oberkörpern gewimmelt, die mit langen Stangen Gerüste bauten und mit Pickeln und Schaufeln und Tragkörben arbeiteten.

Die Abrissbirne, eine schwere Eisenkugel, hing reglos am Stahlseil. Ein Bulldozer stand schräg auf dem Bauschutt, zwei Schaufelbagger und mehrere Lastwagen waren am Rand geparkt. Es arbeitete niemand mehr auf der Baustelle, die Baracke war zugesperrt. Eine Zeile Häuser, auf deren Fassade Leo nun fünf Jahre geblickt hatte, war dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein einschneidendes Ereignis. Leo grübelte, ob es einen Anfang oder ein Ende darstellte. Aber das Wichtigste waren die Konsequenzen. Er hätte das längst wissen müssen. Bei allen Dingen war es der Fall: Tu nichts, ohne an die Folgen zu denken. Weil du im Zorn blind bist, steckst du wieder im Schlamassel. Du bist zu wenig kaltblütig, Leo. Du hast einen zu weichen Kern. Scheiße statt Eisen.

Leo Zimny hatte die präzise Arbeit der Männer mit den gelben Helmen und ihren höchst wirkungsvollen Maschinen mit Skepsis verfolgt und den ganzen Lärm und Staub der Abbrucharbeiten stoisch ertragen. Zuerst waren die Außenwände aufgeschlagen worden. Er hatte plötzlich in fremde Küchen und Zimmer hineingesehen. Vielmehr sah er, was davon noch übrig war, zersprungene Fliesen, gekappte Leitungen und die hellen Vierecke auf dem schmutzigen Boden, wo der Kochherd und der Kühlschrank gestanden hatten. Leo stellte sich vor, wie Leute dort Fertiggerichte in die Mikrowelle geschoben und mürrisch vor dem Fernseher gesessen hatten. Die Häuser lagen offen da wie verlassene Puppenstuben. Leo glaubte, das Gekritzel eines Kindes auf einer Wand zu erkennen, auf Kniehöhe. In Räumen, die übereinanderlagen und Schlafzimmer gewesen sein dürften, unterschied er die Motive der Tapeten und entdeckte ein Loch in der Decke, als hätte ein Blitz vom Dach her durch alle Stockwerke geschlagen. Leo hatte keinen der früheren Bewohner persönlich gekannt. Telefone hatten geklingelt. Das hatte er gehört.

Du bist immer ein Außenseiter gewesen, Leo.

Das stimmte, Alice sah das richtig, ihre Einlassung musste dennoch ergänzt werden. Leo hätte oft gern dazugehört: zu einer Gruppe, zu einem Team, zu einer Mannschaft. Er wollte nie ein gehässiger Einzelgänger werden, passte aber auf Dauer in kein Gefüge.

Abgesehen von der Sonne, die seinen mickrigen Balkon beschien, seit die Abrissbirne dafür Raum geschaffen hatte, ging Leos neue Aussicht auf eine belebte Straße hinaus. Die Trambahn und der Bus zogen vorbei, überall umtriebige Menschen. Das war gewöhnungsbedürftig. Leo könnte das neue Bild für eine Fata Morgana halten, wären die Einzelheiten nicht allzu real. Besonders, weil sich durch den Alkohol alles zu verlangsamen schien und mitten in der Bewegung zu erstarren drohte. Der Mann mit dem riesigen Kinderwagen, er trug einen Bart. Die Frau auf dem Fahrrad, ihre rote Mütze war ein munterer Farbakzent. Der Junge mit dem Ball unter dem Arm. Blöde Tauben, die nach Essbarem suchten. Vom Balkon aus gelang es ihm, die Plakate neben dem Eingang des Supermarkts zu lesen. Und wenn Leo nun einerseits hier stehen bleiben und anderseits auch vor dem Supermarkt Position beziehen könnte, um von dort aus das heruntergekommene Mehrfamilienhaus zu betrachten, ja, dann könnte Leo sich von dort drüben auf seinem Küchenbalkon beobachten. Aber das war nicht möglich. Er müsste sich dafür verdoppeln können. Für den Doppelgänger wäre es dann ein Leichtes, den langen, dicken Biertrinker mit einem Gewehrschuss vom Balkon herunterzuholen.

Der Altbau, in dem Leo allein lebte, befand sich in einem schlechten Zustand; es war nicht viel Fantasie erforderlich, um sich auszumalen, dass auch seine Tage längst gezählt waren. Es reizte Leo, den kleinen Meteoriten, der in seiner Hosentasche steckte, gezielt Richtung Abrissbirne zu schleudern. Aber der Himmelsstein aus Eisen und Nickel war als Geschenk für seine geliebte Alice gedacht, die gerade irgendwo zwischen den Sternen unterwegs war. Leo nahm ihn in die Hand, der Stein wog schwer, und gerade die Tatsache, dass er auf die Erde hinuntergestürzt war, machte ihn kostbar.

Die Bauarbeiter würden, wenn sie einmal loslegten, höchstens ein paar Tage benötigen, und auch das Haus, in dem er wohnte, wäre ein Trümmerhaufen. Die zweite Etappe war bestimmt schon in Planung, der Eingriff beschlossene Sache. Es gab keine Sicherheit, nein, nicht einmal die eigenen vier Wände boten einem Schutz. Bestimmt erhielten die verbliebenen Mieter demnächst einen eingeschriebenen Brief des Hausbesitzers, die Kündigung. Auch Leo müsste seine Sachen dann in Koffer und Säcke verstauen und die Möbel wegschaffen. Was hielt ihn denn hier noch fest? Nichts. Er sollte ein Ticket kaufen und wieder nach Asien fliegen.

Leo hatte eine weitere Flasche Bier geöffnet. Statt der achtundvierzig Wohneinheiten, die von einem Generalunternehmer in den kommenden Monaten hochgezogen werden sollten, sähe er da unten lieber eine Wiese mit Bäumen und eine Dönerbude an der Ecke oder einen kleinen Tempel, wie es sie in Thailand überall gab. Er grinste. Aber ihn fragte ja keiner um seine Meinung.

In Thailand hatte Leo Buddhas Pfad mehrmals gekreuzt. Während der Betrachtung eines steinernen Fußabdrucks war in seinem Kopf ein Wecker losgerasselt. Der Lärm hatte ihn schier umgehauen. Nach der Attacke war ihm gewesen, als sei er jäh aufgeweckt worden. Das entsprach auch der Notwendigkeit, ihm klar vor Augen zu führen, dass er sich nicht auf der inneren Suche und nicht auf einer grandiosen Asienreise befand, sondern auf der Flucht.

Der riesige Fußabdruck war ein starkes Statement. Es überzeugte Leo viel mehr als das Kreuz der Christen. Buddha war hier, signalisierte der Fußabdruck. Der Gekreuzigte schaute auf einen herab: Ich bin für dich gestorben. Leo hatte ihn nicht um dieses unsägliche Opfer gebeten, im Gegenteil, es widerstrebte ihm, dass der sich anbiedernde Schmerzensmann unbedingt auch für ihn gestorben sein wollte.

Tritt nicht in meine Fußstapfen, war Buddhas Botschaft: Such deinen Weg selbst, zünde eine eigene Lampe an.

Das Bier stieß ihm auf, Leo zog süßlichen Rotz hoch und spuckte auf die Baustelle hinunter. Ohne sie zu erreichen. Was auch nichts geändert hätte. Insgeheim betrachtete sich Leo Zimny als Denker, auf jeden Fall als geplagten Mann, dessen Kopf nie Ruhe gab, der Gedanken wälzte und wälzte und selbst unter die Walze geriet.

Dass er nun, die letzten Sonnenstrahlen im Gesicht, mit Blick auf die Straße und den Supermarkt, der noch offen hatte, auf dem Balkon stand, besänftigte ihn eine Weile. Die Abrissbirne imponierte Leo auch. Sie machte Wege frei. Sie verwaltete ein gigantisches Zerstörungspotenzial.

Es gab Dinge, die wusste Leo einfach. Unterschwellig. Er hatte das im Gespür. Keine Ahnung, woher es kam. Leo redete mit niemandem über dieses zugeströmte Wissen, weil er niemandem traute. Und er hatte die Erfahrung gemacht, dass ihm schwere Fehler unterliefen, wenn er es ignorierte. Der einzige Mensch, dem er sich öffnete, war Alice. Niemals lachte sie ihn aus. Sie wusste über alles Bescheid, was ihn bewegte, war seine Vertraute, seine Verbündete, seine Geliebte. Von den zahlreichen, in seinem Kopf durcheinanderredenden Stimmen hatte nur diejenige von Alice eine persönliche Färbung. Leo erkannte sie sofort. Unverwechselbar wie das Solo einer Amsel klang sie in seinem Kopf. Alice sprach und führte ihn, als würde sie in ihm wohnen. Und Buddha? Er verfügte über keine hörbare Stimme, seine Worte erschienen in Luftspiegelungen oder als Flammenschrift an der Wand.

Was immer mit der Abrissbirne aus der Welt geräumt wurde, es entstand keine Lücke. Die Zerstörung öffnete den Blick auf das, was bisher dahintergelegen hatte. Zum Beispiel auf die Reihe japanischer Kirschbäume, die man vom Supermarkt aus würde bewundern können, sobald sein Haus die Sicht darauf nicht mehr verstellte. Aber auch die Kirschbäume, falls man sie fällte, würden nicht wirklich fehlen. Schrott und Schutt und Asche und Grab. Ein Sorgengrund war es nicht. Leo könnte sich selbst wegputzen. Schadensumme null. Und er konnte weggeputzt werden.

Du bist stark, aber einmal kommt einer, der dich besiegt.

Der würde ihn zermalmen. Oder...


Silvio Blatter, geboren 1946, ist Schriftsteller, Maler und Kolumnist. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, zuletzt "Die Glückszahl", "Eine unerledigte Geschichte", "Zwölf Sekunden Stille" und "Zwei Affen". Seit der Trilogie "Tage im Freiamt" ist er einem breiten Publikum bekannt. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Der Autor lebt heute in Zürich und München.



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