Blatter | Wir zählen unsere Tage nicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Blatter Wir zählen unsere Tage nicht

Roman
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-492-96926-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-492-96926-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Familie, vier Personen, zwei Generationen. Isa und Severin, Radiomoderatorin und Bildhauer, ein vitales Künstlerehepaar - doch ihre großen Tage sind vorbei. Wer, wenn nicht die Kinder, könnte in ihre Fußstapfen treten? Aber die kämpfen mit den Fallstricken der bürgerlichen Existenz, denn die Zeiten haben sich geändert. - Isa, die Frau mit der markanten Stimme, die Diva des Hörfunks, feiert einen letzten Triumph im Radio, dann tritt sie ab. Severin hat sich in der Mondlandschaft einer Kiesgrube sein Atelier und eine eigene Welt geschaffen. Doch eines Tages tauchen Männer mit Schutzwesten und dunklen Masken auf und drohen den Ort zu erobern, an dem sich Severin vom Fortgang der Zeit unberührt glaubte ... Klug und souverän erzählt Silvio Blatter von der Erfüllung von Lebensplänen und den großen Auseinandersetzungen zwischen den Generationen.

Silvio Blatter gilt als einer der »herausragenden Schweizer Gegenwartsautoren« (Südwest Presse). Seine Romantrilogie »Zunehmendes Heimweh«, »Kein schöner Land«, und »Das sanfte Gesetz« machte ihn bei einem breiten Publikum bekannt. Blatter erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, u.a. den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis und den Preis der Neuen literarischen Gesellschaft Hamburg. Zuletzt erschien von ihm »Wir zählen unsere Tage nicht«. Silvio Blatter lebt in München und Zürich.
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Sie lebten nicht mehr zusammen. Matthias war bei Amelie ausgezogen. Endgültig. Ein festes Paar waren sie nie gewesen, hatten aber ein Kind zusammen. Ihre Lucie kam nun in die erste Klasse, die Kleine wuchs rasend schnell, sie würde auch in der Schule die Größte sein.


Leider hatte das gemeinsame Kind ihre Liebe nicht gefestigt, sie hatten sich nicht zu einer stabilen Familie gefügt, waren immer auf Crashkurs geblieben, Matthias und Amelie, ein unverheiratetes Elternpaar, das sich nicht zueinander bekannte.

Amelie, so kam es ihm vor, litt wenig darunter. Sie war eine fokussierte Sportlerin, der Club war ihre Familie. Matthias hatte sich damit abzufinden. Diese Amelie Brisac hatte sein Herz gestohlen, aber auf der Liste ihrer Prioritäten war er bestenfalls auf Platz vier gelandet.

Ich bin froh, dass das ewige Drama endlich beendet ist, hatte seine Mutter gesagt und ein ungewohntes Register gezogen, als hätte sie einen auffallend schwierigen Fall zu moderieren. Glaub mir, lieber Matti, Frauen wissen, was Frauen wollen: Amelie will dich nicht.

Trotzdem ist sie die Mutter meiner Tochter.

Das Kind hat in ihre Planung gepasst, Matthias, und du bist ein guter Vater, verlässlich und solvent, sagte Isa süffisant und fuhr nach einer gezielten Pause fort: Als Coach bis du erfolgreich, deine Seminare sind ausgebucht, aber wenn es um Frauen geht, fehlt dir die Erleuchtung.

Er rümpfte die Nase.

Herzensangelegenheiten lassen sich nicht mit dem Kopf optimieren.

Seine Mutter ließ nicht locker. Er konnte es nicht ausstehen, wenn Isa ihn bewertete.

Amelie ist nicht der Typ Frau, die ihr Leben nach den Erwartungen eines Mannes ausrichtet, strich sie heraus: Ich hätte dir das voraussagen können, und du hättest es voraussehen müssen.

Halt endlich die Klappe, Mama.

Doch Isa beendete ihren Gedanken aufreizend ruhig: Versteh mich bitte nicht falsch, unsere quirlige Lucie, mein Lieber, deine batteriebetriebene Kleine ist ein Riesenschatz.

Ob er Amelie verlassen oder ob Amelie ihn weggeschickt hatte? Matthias war sich nicht ganz sicher. Wenn er nicht gegangen wäre, hätte sie ihn vor die Tür gesetzt. Seine Drohungen auszuziehen hatten sie nie besonders beeindruckt, Mattis Beteuerungen, bei ihr und Lucie bleiben zu wollen, blieben wirkungslos. Matt war an den Regeln gescheitert, die Amelie aufgestellt hatte.

Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein.

Geh doch, hatte sie gefaucht, ich halte dich nicht auf.

Ihre Worte verletzten und ärgerten ihn, aber er spürte auch Erleichterung. Er beherrschte sich, sagte zum wiederholten Mal: Lucie ist auch meine Tochter, Lucie ist mein Kind, und ich habe als Vater auch Rechte!

Eine halbe Stunde lang redete er auf sie ein.

Nein, ein Sorgerecht hast du nicht.

Matthias hatte nie infrage gestellt, Lucies Vater zu sein, hatte die Vaterschaft schriftlich anerkannt, alle Formulare ausgefüllt, wie es die Behörde von ihm verlangte.

Der amtliche Beistand hatte einen Pflichtbesuch gemacht, Matt hatte sich aufgeregt. Ein Beistand, wozu? Zum Schutz des Kindes und der Mutter, hatte die Amtsperson, ein freundlicher, unaufdringlicher Mensch, dem herabgewürdigten Vater erklärt. Nichts zu beanstanden, Herr Lerch, so hatte er Matt verabschiedet und zu Amelie gesagt: Melden Sie sich bei mir, wenn es Probleme gibt, wenn Sie mich brauchen.

Amelie brauchte sie beide nicht. Weder den amtlichen Beistand noch den leiblichen Vater. Amelie bestimmte, Lucie trug ihren Namen, Lucie war ihr Mädchen, sie zog es vor, eine alleinerziehende Mutter zu sein, unterstellte Matthias gar, sie in die Abhängigkeitsfalle locken zu wollen, und wies ihn zurück.

Wir leben doch unter einem Dach zusammen, begehrte er auf.

Schon viel zu lange, schrie sie ihn an und machte, als er tatsächlich ging, keinerlei Anstalten, ihn zum Bleiben zu bewegen.

Jeder Schmerz verpufft einmal, schrie die schwedische Sängerin ins Mikrofon, deren Album Matthias immer wieder hörte, seit er sie bei einem Open Air erlebt hatte. Ihre Stimme, ihre Texte, wie sie tanzte, ihr Auftritt hatte ihn bewegt, er war von ihren Songs begeistert gewesen.

Dass Schmerz verpufft, hörte sich akzeptabel an, es war eine brauchbare These. Aber Matthias spürte den Schmerz noch in den Knochen und wartete darauf, dass er Amelie nicht mehr vermisste. Bei ihm baute sich der Schmerz langsam ab, wie ein beharrlicher Muskelkater. Eines Morgens würde Matthias aufwachen, sich die Augen reiben und feststellen, dass etwas fehlte.

Der Schmerz.

Amelie Brisac kam aus der Romandie, aus Lausanne. In der Sportabteilung eines Warenhauses betreute sie halbtags den Shoe-Corner, der auf die doppelte Größe gewachsen war, seit die CD-Abteilung geschlossen worden war. Außerdem testete Amelie Schuhe für die großen Hersteller und lief immer in den neuesten Modellen herum. Sie wusste Bescheid über Schuhe. Und über seine Füße war sie Matthias das erste Mal nähergekommen. Er hatte ein Zipperlein beim Joggen erwähnt.

Wie schwer bist du, hatte sie gefragt, läufst du auf Asphalt oder im Wald? Wie lang? Zieh Schuhe und Socken aus.

Amelie hatte seine nackten Füße in die Hände genommen, sie angeschaut, abgetastet, gedehnt und gesagt: Für dich sind Asics Gel-Kayano die besten.

Da Amelie dieselbe Schuhnummer wie Matthias hatte, schenkte sie ihm ein Paar aus ihrer Kollektion.

Kennengelernt hatte er Amelie im Fitnessstudio. Zuerst hatte Matt sie auf einem der Bildschirme entdeckt, die überall hingen, zur Kontrolle, als Ansporn. Sie arbeitete mit einer Kraftmaschine, trainierte gezielt den Rücken und die Schulterpartie.

Eine große Frau, schlank, athletisch. Matthias hatte noch nie einen so klar definierten weiblichen Rücken gesehen, Deltamuskel, Trapezmuskel, es war überwältigend.

Matt konnte den Blick nicht mehr von ihr abwenden.

Er brach sein Work-out ab, als sie ihr Training beendete. Sein Plan ging auf. Geduscht, die Haare noch nass, kam sie aus der Garderobe geschlendert und setzte sich an die Theke. Matthias gesellte sich dazu, bestellte einen Milchshake. Sie trug ein lilafarbenes T-Shirt mit dem Schriftzug Volero Zürich.

Wofür steht der Name?

Für Volleyball, so heißt mein Club.

Du spielst Volleyball?

Du hast es erraten, sagte sie, ich bin Amelie Brisac.

Ich heiße Matt, sagte er, Matthias Lerch.

Amelie trank einen doppelten Espresso mit viel Zucker und aß einen Powerriegel. Als sie ging, war ihr kurzes Haar trocken, sie setzte eine lila Cap auf, boxte ihn kurz gegen die Brust, grinste.

Er besuchte ihr nächstes Spiel und richtete es so ein, dass sie ihn in der Halle entdecken musste. Er war von ihrer Athletik und Technik beeindruckt, wie hoch sie sprang, wie genau getimt sie blockte, wie mutig sie nach Bällen hechtete. Der Lärm der Zuschauer, die Kommandos der Spielerinnen, ihre Freude, ihre Enttäuschung. Sie schwitzten und schrien und klatschten einander nach jedem gewonnenen Punkt ab.

Der Duft von weiblichem Testosteron.

Amelie verausgabte sich für jeden Punkt, sie hatte ein Kämpferherz. Wenn sie schlecht gespielt hatte, schleuderte sie zornig die Sportschuhe weg. Ein erfolgreicher Schmetterball machte sie überglücklich. Sie sprang hoch, reckte die Faust.

Er kam auch zu den folgenden Spielen, kaufte sich sogar einen lila Schal mit dem Schriftzug Volero Zürich. Matt ließ nicht locker. Seine Hartnäckigkeit ließ Amelie nicht kalt.

Amelie hatte keine Zeit für Kino oder Essengehen; sie verabredeten sich zum Joggen im Wald. Matthias hatte Mühe, ihr zu folgen, mit langen, ausgreifenden Schritten lief sie vorneweg. Im Fitnessstudio, bei den Kniebeugen mit der freien Hantel, lud Amelie viel mehr Gewicht auf als er.

Matthias hatte es sich angewöhnt, Amelie nach dem anstrengenden Volleyballtraining in der Halle abzuholen. Das schätzte sie. Amelie saß erschöpft und aufgedreht neben ihm im Auto, sie redete, analysierte, es gab noch Details, die nicht abgehakt waren. War endlich alles geklärt, sackte Amelie in sich zusammen, und das Schild der lila Volero-Cap bedeckte ihr Gesicht. Vor dem Haus, in dem sie allein wohnte, stieg sie aus dem Auto und war schon durch die Eingangstür, bevor Matthias den Motor abstellen konnte.

Endlich das erste Mal.

Sie nahm Matthias mit in ihre Wohnung und begann gleich sich auszuziehen, zuerst den Trainingsanzug, den sie fast immer anhatte, flink, als schickte der Trainer sie aufs Feld, als gelte es, keine Zeit zu verlieren, und als erwäge sie eine taktische Maßnahme, stand in ihrer atmungsaktiven und blickdichten Sportlerinnenunterwäsche eine stramme Sekunde lang vor ihm still, bevor sie auch diese Teile zügig ablegte.

Sie war größer als er.

Nackt, bis auf die lila Volero-Cap.

Prunklose Sportlerinnenbrüste.

Blaue Flecken, Amelie hatte beim letzten Spiel und im Training ein paar Bälle und Schläge abbekommen, Körpertreffer.

Ganz nackt hatte er sie kein einziges Mal gesehen, Amelie trug meistens eine Kniebandage, und auf ihrem Rücken und den Schenkeln klebten immer Tapes, farbige Streifen. Auch ihre Finger waren getapt. Aber noch nie hatte Matt mit einer Frau geschlafen, deren Begehren so heftig war, die so geschmeidig und stark war, so laut, als hätte sie lange unter Entzug gelitten.

In jener Nacht hätte die Zeit stehen bleiben sollen. Es hätte für sie nie morgen werden dürfen. Doch als hätten sie als Paar keine Wahl gehabt, wurde Amelie bald schwanger. Sie...



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