E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Paul Kramer
Bliesener Hotel Silber – neue Zeit, alte Schuld
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-193-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Paul Kramer
ISBN: 978-3-98707-193-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kai Bliesener, geboren 1971 in Waiblingen, war als Kommunikationsexperte, Mediendesigner und Pressesprecher für verschiedene Verbände und Unternehmen tätig. Er arbeitet als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Theaterhaus Stuttgart sowie als freiberuflicher Autor und Texter. Er lebt mit seiner Familie in Weinstadt.
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PROLOG
Stuttgart, Ende März 1945
Nervös und frierend standen sie im Schutz der zerbombten Mauerreste des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Schatten des sechsundfünfzig Meter hohen Turms auf der Südseite des Kopfbahnhofs bot ihnen Schutz vor der feuchten Kälte des Morgens, während sie auf Heinz Koller warteten.
Vera Wallner legte den Arm um die Schultern ihrer schlotternden Tochter. Margarete schaute aus großen Augen zu ihrer Mutter, dann zu ihrem Vater Johann. Jeder hatte nur die Kleider am Leib und ein paar Habseligkeiten in einer Tasche oder einem Koffer dabei. Mehr war ihnen ohnehin nicht geblieben. Es musste reichen. Bald würden sie in Sicherheit sein.
»Wo bleibt er denn?«, fragte Johann flüsternd in die Stille hinein und schlang sich die Arme um den Oberkörper. Ihm war kalt. Sie alle froren.
Vera zuckte hilflos mit den Schultern. Sie hatte das Zittern in seiner Stimme gehört und hoffte, dass es wegen dieser verfluchten Kälte war. Ihr rechtes Bein schmerzte höllisch vom langen Laufen und Stehen, aber sie versuchte, keine Miene zu verziehen. Sie musste stark sein. Zumindest bis sie hinter der Grenze waren. Sie alle mussten jetzt alle verbliebene Kraft aufbringen, wenn sie überleben wollten.
Vor drei Monaten hatte sie den Bescheid für die Deportation in den Osten bekommen. Oben in der linken Ecke prangte der mächtige Reichsadler, in seinen Krallen das im Land allgegenwärtige Hakenkreuz. Darunter in feinstem Amtsdeutsch und kurzen Sätzen ihr Todesurteil.
Dabei ist dieser verdammte Krieg doch schon verloren, war der erste verzweifelte Gedanke, der ihr gekommen war. Sahen die das nicht? Aber es gab noch einen Funken Hoffnung, gerettet zu werden. Auch wenn er noch so klein war, er brannte jeden Tag. Und falls alles nach Plan verlaufen würde, wären sie am Abend in Sicherheit. Alles, was sie benötigten, war etwas Zeit. Die Alliierten rückten an sämtlichen Fronten rasch voran, wie von überall hinter vorgehaltener Hand zu hören war. Man musste dennoch enorm vorsichtig sein. Wer von einer drohenden Niederlage Hitlers sprach und die Worte an jemand Falschen richtete, war automatisch in Lebensgefahr.
Doch die Gegenwehr der Wehrmacht war gebrochen. So gebrochen wie Veras Bein. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper beim Gedanken daran. Aber Schmerzen waren ihr Ausweg gewesen, um wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Ein paar Tage nachdem sie den Bescheid bekommen hatte, war sie mit ihren Töchtern Margarete und Frida zu Gertrude Brandt in die Praxis gegangen. Natürlich erst, als die anderen Patienten die Räume verlassen hatten. Gertrude Brandt war Ärztin und Freundin zugleich. Sie wusste, dass sie kommen würden, und sie hatten ein Klopfzeichen vereinbart, nach dem sie die Praxistür öffnen würde. Gertrude hatte sie immer behandelt, obwohl sie wusste, dass man sie bestrafen würde, wenn es herauskam, und sie mit Repressalien zu rechnen hatte.
»Ich bin Ärztin geworden, um Menschen zu helfen. Ich habe einen Eid geschworen. Und deshalb werde ich Juden nicht anders behandeln als alle anderen, die zu mir in die Praxis kommen und Hilfe brauchen«, hatte sie Vera einmal gesagt.
Dann hatten sie an diesem kalten Januarabend im hinteren Behandlungszimmer der Praxis gesessen. Längst gab es kaum noch Verbandsmaterial und Medikamente, die gläsernen Schränke waren mehr oder weniger leer, sahen aus, als wären sie geplündert worden. Doch inzwischen gab es so gut wie keinen Nachschub mehr, und das spärliche Material wurde meist direkt an die Front geschickt, um die verwundeten Soldaten halbwegs zusammenflicken zu können, ehe man sie wieder in den Kugelhagel schickte.
Gertrude hatte sie mit durchdringendem Blick gemustert, doch Veras Entschluss stand fest.
Kurze Zeit später hielten die Töchter fest die Hände ihrer Mutter. Vera hatte einen dicken Holzstift zwischen den Zähnen, um zu verhindern, dass sie den Schmerz der Behandlung laut in die Nacht brüllte. Der Stift war Vera am Ende in zwei Teilen aus dem Mund gefallen, nachdem ihr Gertrude das rechte Bein gebrochen hatte. Vera hatte schwer geatmet, Schweiß war ihr über das Gesicht gelaufen, aber sie hatte sich alle Mühe gegeben, ihre Töchter möglichst wenig von dem Schmerz sehen zu lassen, der durch ihren Körper pulsierte.
Am nächsten Tag war sie ins Robert-Bosch-Krankenhaus eingewiesen und kurz darauf für transportunfähig erklärt worden. Damals hatte sie gehofft, dass es die Schmerzen wert waren, wenn es keine andere Möglichkeit gab, sich und ihre Familie vor der drohenden Deportation zu retten.
»Da, da kommt er«, rief Frida leise und zeigte auf eine Gestalt, die sich aus dem Dunkel löste. Sie erkannte ihn trotz der Entfernung. Es war Heinz Koller. Er trug einen abgewetzten Mantel um den ausgemergelten Körper und eine Schiebermütze auf dem runden Kopf. Im Gesicht hatte er zahlreiche Narben. Die seien von seiner Zeit im KZ, hatte er Vera erzählt, als sie ihn im Krankenhaus kennengelernt hatte. Er hatte laut seiner angedeuteten Geschichten viel durchmachen und einige Gewalt ertragen müssen, wovon sein Aussehen Zeugnis ablegte. Vera hatte den Eindruck gewonnen, als sei er eine traurige, bemitleidenswerte Gestalt, aber eine, die ihr helfen konnte. Zusammen mit ihrer Tochter Frida hatte er sie in der Klinik besucht. Tage zuvor war Frida dem Mann bei einer Bekannten zum ersten Mal über den Weg gelaufen. Sie war mit ihm ins Gespräch gekommen. Vorsichtig tastend, hatte sie sich anfangs zurückhaltend gegeben. Doch er wirkte vertrauenswürdig, hatte selbst im KZ gelitten und äußerte sich dezidiert kritisch über das Regime. Und er hatte Kontakte. Kontakte, die ihnen hoffentlich das Leben retten würden.
Er trat zu der wartenden Familie in die dunkle Ecke neben einem Pfeiler, nickte den vier hoffnungsvoll dreinschauenden Augenpaaren zur Begrüßung kurz zu und versuchte sich an einem unsicher wirkenden Lächeln.
»Haben Sie alles?«, wollte er wissen.
»Ja«, sagten Johann und Vera Wallner im Chor und warfen sich ein leichtes Schmunzeln zu. Es fehlte in diesem Moment nur ein Hauch, und es wäre eine Last von ihr abgefallen. Doch Vera Wallner war bewusst: Sie waren längst nicht am Ziel, sondern erst am Anfang ihrer gefahrvollen Reise.
Johann griff in seine Tasche, zog einen prall gefüllten Beutel heraus und warf ihn dem Mann zu. Der fing die metallisch klappernde Stofftasche mit einer geschickten Handbewegung auf. Koller öffnete die Schlaufe, die verhinderte, dass etwas herausfiel, warf einen raschen Blick hinein und zog den Beutel dann wieder zu. Er nickte zufrieden.
»Sehr gut«, sagte er.
»Unsere Pässe«, meinte Vera dann auffordernd. Plötzlich überkam sie ein ungutes Gefühl. Woher, konnte sie nicht bestimmen, doch sie mahnte sich deswegen zur Eile. »Wir müssen zum Zug.«
Johann streckte erwartungsvoll die rechte Hand aus, um die Papiere in Empfang zu nehmen. Koller hatte versprochen, sie mit gültigen Pässen zu versorgen, die sie außer Landes bringen würden, trotz Ausreiseverbot. Da das Familienvermögen durch die sogenannte Judensteuer längst von den Nazis enteignet worden war, hatten sie ihm zur Bezahlung für seine Hilfe die letzten Reste des gut versteckten Familienschmucks angeboten.
In diesem Moment tauchte wie aus dem Nichts eine Gruppe Männer auf, die sie umringten. Einige trugen die grauen Uniformen der SS, andere waren in Zivil. Gegen die Kälte waren fast alle in die ebenso grauen Mäntel gehüllt. Auf den Schirmmützen der Uniformierten prangte der Totenkopf, das Wappen der nationalsozialistischen Kampforganisation. Vera konnte nicht sehen, wie viele es waren. Ein halbes Dutzend oder mehr vielleicht. Und sie sahen nicht aus, als seien sie zufällig hier vorbeigekommen. Sie haben auf mich gewartet, schoss es ihr durch den Kopf. Sonst hätten wir sie doch kommen sehen.
Veras Hand suchte tastend den Arm ihres Mannes, während sich die beiden Töchter dichter an sie drängten. Ihr Körper begann zu zittern. Doch diesmal war es nicht nur die Kälte. Es waren Angst und Panik, die sie jetzt schlottern ließen. Sie brauchte Halt und musste gleichzeitig stark bleiben. Sie wusste, dass ihr die Furcht ebenso anzusehen war wie Johann und den Mädchen, in deren Gesichter sie nacheinander blickte. Vera realisierte als Erste, dass ihre Flucht vorbei war, ehe sie begonnen hatte. Sie waren aufgeflogen, oder man hatte sie verraten. Aber wer? Koller? Er stand teilnahmslos bei ihnen, vermied es, jemandem in die Augen zu sehen, während ein Uniformierter seine behandschuhte Hand um Kollers Oberarm gelegt hatte. Und doch hatte er sich sichtbar abgesondert, stand etwas abseits der Familie, so als wolle er demonstrieren, dass er mit den vier Personen nichts zu schaffen hatte. Auf ihn können wir nicht zählen, er rettet seine Haut.
Der Trupp hatte sie eingekreist. Es gab keine Chance zu entrinnen. Vera sah in die versteinerten Gesichter der uniformierten Männer und dann in die schreckensbleichen ihrer Kinder. Johann wirkte durch das Auftauchen der Soldaten wie gelähmt und apathisch.
»Sie sind verhaftet. Mitkommen!«, bellte einer der Männer und packte Vera grob am Arm, zog sie unsanft mit sich, sodass sofort wieder ein fürchterliches Stechen durch ihr noch nicht ausgeheiltes Bein fuhr. Johann, Frida und Margarete erging es nicht besser. Auch sie wurden angetrieben wie widerspenstiges Vieh auf der Weide. Koller hatte Vera inzwischen aus dem Blick verloren, so sehr war sie damit beschäftigt, nach den kräftigen und unsanften Stößen des SS-Mannes in ihren Rücken nicht zu stürzen.
Ihr Bein schmerzte mit jedem Schritt, den sie machte, mehr, während sie die Königstraße entlang über den Schlossplatz gestoßen wurden. Ein...




