E-Book, Deutsch, 388 Seiten
Bloomfield Die Reise ins Riesenland
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-7121-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Märchen aus aller Welt
E-Book, Deutsch, 388 Seiten
ISBN: 978-3-7460-7121-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bei einem Spaziergang am Strand entdecken Lips und Phips einen riesengroßen Schuh. Schnurstracks klettern sie hinein und segeln damit nach Riesenland zu dem Riesen Donnerkeil. Der verspeist zwar gerne Menschenkinder zum Frühstück, aber Lips und Phips lassen sich nicht abschrecken. Wird es ihnen gelingen, das gefährliche Abenteuer im Riesenland heil zu überstehen? Und was für eine Rolle spielen dabei der Wassermann Schlammhuhn und der Elf Gondikop? Märchen aus verschiedenen Ländern Europas und der ganzen Welt entführen auf abenteuerliche Reisen zu Riesen, Zwergen und Feen und erzählen fantasievolle Geschichten von entführten Prinzessinnen, tapferen Helden sowie Zauberwesen und sprechenden Tieren, die den Menschen in der Not zu Hilfe kommen.
Autoren/Hrsg.
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Zwei kleine Jungen gingen einmal am Meeresstrand spazieren. Da kamen sie plötzlich an einem riesengroßen Schuh vorüber. Sie konnten sich gar nicht denken, was der hier zu suchen hatte.
»Lips«, sagte Phips, »schau dir mal diesen Quadratlatsch an! Ist das nicht der herrlichste Kahn, den man sich denken kann? Wollen wir uns nicht hineinsetzen und auf Entdeckungsreise gehen?«
»Gut, können wir machen«, meinte Lips. »Aber das Ding hat keine Segel, und ohne Segel geht es nicht.«
»Die sind doch leicht beschafft«, entgegnete Phips. »Wir nehmen dazu unsere Taschentücher. Und wenn die nicht ausreichen, holen wir uns von zu Hause noch mehr Stoff.«
Gesagt, getan! Die Taschentücher reichten aber für den Riesenschuh bei weitem nicht aus. Also marschierten die beiden nach Hause, holten ganz leise ihre Schlafanzüge aus ihrem Zimmer, schlichen sich dann in die Küche und nahmen einen Laib Brot, eine Handvoll Rosinen und eine große Flasche Wasser mit. Schnell stahlen sie sich wieder aus dem Haus, ehe jemand fragen konnte, wohin sie denn mit den Sachen wollten.
Es dauerte gar nicht lange, da waren ihre Spazierstöcke zu einem Mast zusammengebunden und die Schlafanzüge zu Segeln gespannt. Dann stießen Phips und Lips das fertige Boot ins Wasser, stiegen hinein und fuhren weg und segelten, bis nicht einmal mehr das kleinste Stückchen Land zu sehen war.
Als aber nach langer Zeit immer noch kein neues Land in Sicht war und es ringsum nichts als Wasser gab, da sagte Lips zu Phips: »Ach, Bruder, ich glaube, wir müssen sterben! Das wird schlimm!«
Und da saßen nun die beiden zusammengekauert im Riesenschuh und fingen an zu weinen. Die Tränen liefen ihnen über die Wangen, und da sie keine Taschentücher mehr hatten, ließen sie sie über Bord ins Wasser fallen. So traf eine dicke Träne genau das Augenlid eines Wassermannes, der tief unten auf einem Felsen saß und seine Unterwasserpfeife rauchte.
Sie schmeckte ihm diesmal gar gut, denn selten hatte das Wasser in der Pfeife so prächtig Feuer gefangen. Es kam auch nicht oft vor, dass das Salz aus dem Rauch so schön in der Kehle biss. Wie jetzt aber die Kinderträne auf sein Auge fiel, nahm der gutmütige Wassermann seine Pfeife aus dem Mund und dachte darüber nach, was das wohl gewesen sein könnte. Und in dem Moment traf ihn noch eine. Da wandte er sich seinem Nachbarn zu und sprach: »Lieber Seestern, eine Menschenträne! Das ist eine Seltenheit hier zur See! Ich muss doch mal hinauffahren und nachsehen, was das zu bedeuten hat.«
Schon hatte er seine gute Pfeife weggesteckt und gab sich einen ordentlichen Schubs, so dass er wie ein Korken aus dem Wasser auftauchte. Da sah er Lips und Phips, die so bitterlich weinten, dass sie ihn gar nicht bemerkten.
»Holla!«, rief der Wassermann.
Die beiden Jungen blickten auf, und obgleich sie noch nie mit einem Nix Bekanntschaft gemacht hatten, fanden sie, dass dieser da besonders hässlich aussah. Trotzdem sagten sie aber nichts, denn sie waren unendlich froh, überhaupt jemand zu sehen.
»Holla!«, sagte der Wassermann noch einmal. »Was ist denn los?«
»Ach bitte, Herr«, entgegneten die beiden, »wir sind losgesegelt, um neue Länder zu entdecken, aber wir wissen nicht, wo wir jetzt sind.«
Der Wassermann ließ sich von einer Welle hin- und herschaukeln. Doch nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, brummelte er schließlich:
»Hm, was für ein Land wollt ihr denn auskundschaften?«
Am liebsten hätten Lips und Phips gesagt: die Heimat. Aber weil sie sich ein bisschen voreinander schämten und nun schon eher doch etwas Neues erleben wollten, sagten sie: »Wo es Abenteuer gibt. Deshalb sind wir ja ausgezogen.«
»Dann seid ihr am besten im Riesenland aufgehoben, dort gibt’s genug Abenteuer«, meinte der Wassermann. »Ich will euch den Weg dahin zeigen. Aber schiebt die Schuld nicht auf mich, wenn man euch dort auffressen will!«
»O, wir lassen uns nicht so schnell verspeisen«, riefen Lips und Phips voll Entzücken. »Bitte führen Sie uns hin, Herr Fisch!«
Bei dieser Anrede tat der Wassermann aber ganz beleidigt und betrachtete die kleinen Jungen würdevoll von oben bis unten.
»Ich bin Schlammhuhn, der Wassermann«, rief er, »und kein Fisch!«
Das sagte er in einem so ernsthaften Tonfall, dass Lips und Phips einander ganz beschämt ansahen.
Der Wassermann aber fuhr fort:
»Ich will euch diesmal noch verzeihen. Ich hätte ja allerdings gedacht, dass mein Name mehr bekannt ist.«
Ohne noch ein Wort zu verlieren, fasste nun Herr Schlammhuhn den Riesenschuh und schob ihn auf dem Wasser vor sich her. Er schwamm so ungeheuer schnell, dass die beiden Jungen bereits nach ganz kurzer Zeit Land auftauchen sahen.
»Das ist Riesenland«, sprach Schlammhuhn und schaute über den Rand des Schuhs. »Wollt ihr wirklich dort an Land gehen? Oder wollt ihr nicht doch lieber umkehren und zu eurer Mutter zurück? Ihr könnt mir wirklich leidtun, ihr armen, heimatlosen Seefahrer. Es ist sehr traurig, wenn so kleine Leute wie ihr ganz allein in der Welt umherziehen und sich niemand um sie kümmert.«
Lips und Phips wurden ganz rot vor Ärger, und jedem blitzte ein Zornfünkchen im Auge.
»Danke! Sie brauchen uns überhaupt nicht zu bedauern!«, sagte Lips. »Wir sind ausgezogen, um Abenteuer zu erleben, und da können wir kein Mitleid brauchen.«
»Wir sind Ihnen aber trotzdem für die Hilfe sehr dankbar, Herr Schlammhuhn«, fügte Phips hinzu, um den Wassermann nicht zu beleidigen.
Der gute Wassermann war aber gar nicht gekränkt, sondern sagte: »Ich habe auch zwei so übermütige Söhne gehabt, bin selber ein richtiger Draufgänger gewesen und bewundere euren Mut außerordentlich. Aber trotzdem will ich euch nicht eher an Land gehen lassen, bis ich euch nicht meinem Freund Gondikop, dem Elfen des Landes, vorgestellt habe. Er wird auf euch aufpassen, damit euch nichts Schlimmes zustößt.«
Kaum hatte die Schuhspitze das Land berührt, so steckte Herr Schlammhuhn zwei Finger in seinen großen Mund, zog ihn breit und pfiff, dass es nur so gellte. Und im nächsten Augenblick tauchte hinter einer dichten Hecke ein ganz merkwürdiger kleiner Geselle auf.
Er hatte große, vorstehende Augen, eine kleine, spitze Nase und einen sehr breiten Mund. Er trug ein goldbraunes Gewand, und an seinem spitzen Hütchen ragte eine purpurrote Feder empor.
Er sah höchst erstaunt aus, als er langsam zum Ufer hinabstieg. Dann rief er:
»Nanu, Schlammhuhn, was bringst du mir denn da?«
»Zwei wundervolle, kleine Kerlchen, die der Menschheit entwischt und auf Entdeckungen ausgezogen sind«, antwortete der Wassermann schmunzelnd. »Gib dir keine Mühe, sie zur Umkehr zu überreden. Es nützt nichts. Sieh ihnen nur in die Augen! Hast du schon einmal zwei so ausgemachte Herumtreiber gesehen? Ich nicht. Aber was kannst du für sie tun, wenn sie unter die Riesen geraten?«
Gondikop schaute die Kinder eine Weile nachdenklich an, dann sagte er:
»Ich kann ihnen das Aussehen von zwei tapferen Rittern geben und sie mit einer Rüstung versehen, die sie vor allen Unannehmlichkeiten schützt, solange der Riese Donnerkeil sie nicht durch sein Zauberglas betrachtet. Da freilich merkt er, wen er wirklich vor sich hat – und dann könnten sie in Lebensgefahr geraten.«
»Das ist das Unangenehme bei den Abenteuern, dass sie einen leicht in Gefahr bringen«, bemerkte Schlammhuhn.
»Ich denke noch mit Schrecken daran, wie mich mal ein Walfisch, der sehr nachtragend war, zweitausend Meilen weit verfolgt hat, nur weil ich unter ihm ein Unterseespringbrunnen losgelassen hatte.«
Lips und Phips fanden das gar nicht so besonders interessant. Und da sie es kaum erwarten konnten, etwas Richtiges zu erleben, sprangen sie mitten in Schlammhuhns Rede aus dem Schuh und liefen den Strand hinauf.
»Da siehst du, wie sie sind«, schmunzelte der alte Seebär.
»Nun, Gondikop, sieh zu, dass du etwas für sie tun kannst!«
»Das will ich gern«, gab dieser zur Antwort, denn es sind wirklich zwei prima Kerlchen.«
»Das stimmt!«, sagte der Wassermann und versteckte den Riesenschuh unter dem überhängenden Buschwerk am Ufer und ließ sich dann wieder auf den Meeresgrund sinken.
»He, ihr beiden«, sagte Gondikop, als er Lips und Phips eingeholt hatte, »wisst ihr denn auch, dass euch von allen Seiten Gefahren drohen?«
Doch Lips und Phips taten, als hätten sie nichts gehört. Nicht die Spur kümmerten sie sich um Gefahren und rannten kichernd Hand in Hand vorwärts.
»Ist auch gut«, murmelte Gondikop und blieb stehen, als ob er nicht weiter mit ihnen gehen wollte. »Also wollt ihr eben keine Ritter in schönen Rüstungen sein, mit einem ordentlichen Schwert an der Seite?«
»Aber ja, das wollen wir schon!«, riefen Lips und Phips wie aus einem...




