E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Blümel Haben Sie die Geister gesehen?
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-6100-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten und Gespenster aus Rye
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7494-6100-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor ist als gebürtiger Niedersachse der Küste und dem Meer zugewandt. Seine 42 Berufsjahre, verbunden mit 22 Umzügen, trugen ihn durch ganz Deutschland, aber auch viele Jahre von Kalifornien bis Pakistan, von Norwegen bis Südafrika. Um sich in immer neuen Ländern und Umgebungen schnell mit den dort lebenden Menschen anzufreunden, sind ihm die Kenntnis der lokalen und regionalen Geschichten und Schicksale immer sehr wichtig gewesen. Er lebt seit Jahren in Rye/East Sussex UK und in Deutschland.
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II
Es ist die Nacht vom ersten Montag zum ersten Dienstag im Mai.
Seit 750 Jahren treffen sich alle uns bekannten und unbekannten Geister von Rye zum Das ist der altenglische Begriff für eine Versammlung.
Zwischen den Jahren 1377 und 1743 fanden diese Versammlungen im Bereich des alten Friedhofs bei St. Mary statt, wo ein – ein Geister-Friedhofswächter – die Aufsicht führte. Wenn ein neuer Friedhof entstand, pflegten die Menschen früher ein unglückliches Opfer bei lebendigem Leibe im ersten Grab zu beerdigen. Auf diese Weise entstand ein Wächter aus einer anderen Welt, da Geister in der Regel am Ort ihres Todes verweilen. Mit Vorliebe wurden kleine Kinder begraben, da diese die aggressivsten Geister hervorbringen sollen. Auch bei den Grundsteinlegungen von Häusern verfuhr man ähnlich. Daher stammt die Redewendung, dass in »jedem Keller eine Leiche liegt«.
Seit 1743 versammeln sich die Geister in der Town Hall, dem Rathaus und Sitz des Bürgermeisters der lebenden Menschen und seines Rates, nur einen Steinwurf vom alten Friedhof entfernt. Auch Geister haben gerne ein Dach über dem Kopf und verlegten den Versammlungsort vom zugigen Friedhof in ein Gebäude. Der im Jahr 1377 ins Auge gefasste 30. April als Versammlungstermin der Geister konnte nicht genommen werden, da an diesem Tag alle Hexen von Rye und Umgebung schon seit Menschengedenken ihren Aperitif zur Einstimmung auf die anschließende Walpurgisnacht in der Stadt nahmen. Die Hexen machen an diesem Tag Rye unsicher sowie die Menschen misstrauisch. Aber davon soll ein andermal erzählt werden…
Nachdem heute, wie jedes Jahr am ersten Montag im Mai, der neue Menschen-Bürgermeister von Rye bekannt gegeben wurde und dieser als Zeichen der Wohltätigkeit, wie es die Tradition verlangt, frisch geprägte, noch heiße Penny-Geldstücke für die Kinder aus dem Fenster der Town Hall nach unten auf die Market Street geworfen hat, kehrt irgendwann Ruhe im Rathaus ein. Das Rathaus wurde 1743 fertig gestellt und steht, wie bereits erwähnt, auf den Resten dreier ehemaliger Rats- und Gerichtsgebäude. Das Haus war beim Bau insoweit einzigartig, als dass es zwei Amtszimmer hatte. Eins davon war für den , den Bürgermeister, und eins für des Mit dessen Anwesenheit im Rathaus wurde der besonderen Beziehung zwischen dem Monarchen einerseits und dem erstem Kriegsschiffsteller Rye andererseits seit 1705 Rechnung getragen. Der Bailiff – der Begriff ist normannisch – war das, was die Sachsen einen nannten. Er ist der Beauftragte der Gerichte, der deren Entscheidungen durchsetzt. Die Gerichte saßen damals nicht nur zu Gerichtsverhandlungen bei Straftaten zusammen, sondern entschieden auch alltägliche Verwaltungsdinge, zum Beispiel ob Herr Smith seinen Zaun wirklich Rosa anstreichen darf, Frau Miller vielleicht eine Hexe sei und näher untersucht werden müsse, der Bürgersteig auf Stadt- oder Anliegerkosten erneuert werden soll, was man gegen den Fischgestank tun könnte oder ob die Gaststätten den Bierpreis erhöhen durften. Das Gremium war also sowohl Verwaltungs- als auch Strafgericht. Ab dem 19. Jahrhundert trennte man Gerichte und Stadträte. Örtliche Gerichte waren nun vergleichbar Amtsgerichten und ernannten ihren Bailiff. Höhere Gerichte ernannten einen Sheriff. Meist stammten die Bailiffs aus einem anderen Landesteil Englands, damit Korruption und Vetternwirtschaft gar nicht erst entstehen konnten. Bis heute heißt ihr Zuständigkeitsbereich .
Der Verschluss des Rathauses wird heute Abend noch vom Town Sergeant kontrolliert. Das eiserne Tor zum , dem offenen Vorraum im Rathaus, wird mit einem altertümlichen Schloss und einer Kette verriegelt. Rye geht jetzt, bis auf ein paar wackere Zecher im , im oder im , zu Bett. Wenn man die High Street, die nur von altertümlichen Straßenlaternen romantisch beleuchtet ist, entlangbummelt, kann man aus den geöffneten Fenstern in den ersten Stockwerken hier und da schon ein leises Schnarchen der Bewohner vernehmen. Die Innenstadt von Rye ist bewohnt und damit auch nach Geschäftsschluss belebt. Es droht heutzutage keine Gefahr mehr, dass sich aus diesen Fenstern unvermutet der Inhalt eines Nachttopfes über einem ergießt. Inzwischen verfügen alle Häuser über eine Toilette.
Mitternacht ist traditionell Geisterstunde. Kinder, die um Mitternacht geboren werden, haben die Gabe, Geister zu sehen.
So wie wir Menschen um zehn Uhr morgens und um fünfzehn Uhr nachmittags unser körperliches und geistiges Leistungshoch haben, sind die Spukgestalten um vierundzwanzig Uhr voll fit. Der Geist des streift durchs Rathaus und macht seine übliche Runde. Er kontrolliert, ob das Haus menschenleer ist, ob alle Türen und Fenster verschlossen sind, ob die Heizung und die Kaffeemaschine ausgeschaltet ist, ob alle Lichter gelöscht sind, ob ausreichend Tische und Stühle vorhanden sind, ob Hexenflüche das Haus belasten und ob die Alarmanlage eingeschaltet ist.
Alle Geister von Rye streben um Mitternacht der Town Hall zu, um am Geméting und damit der Wahl des oder der – Vorsitzenden – teilzunehmen. Der Raum füllt sich langsam. Es gibt im Rathaussaal neunzig Sitzplätze. Da derzeit nur etwa fünfzig Geister ihre Heimat in Rye gefunden haben, herrscht trotz zahlreicher Ehrengäste kein Platzmangel. Und da Geister sowieso lieber Schweben als Sitzen, gleiten sie mehr durch die Stuhlreihen hindurch als Platz zu nehmen. Außerdem gilt ; man schlendert von Gruppe zu Gruppe und macht Smalltalk. Die Geisterpolitik ist nicht ganz so wichtig. Hauptsache, man trifft sich einmal im Jahr, klatscht und tratscht und amüsiert sich auf uns fremdartig anmutende Geisterart.
Eine kleine, graue Maus schaut neugierig aus einem Loch in der Wand unter dem Podium der Town Hall. Ihre schwarzen Knopfaugen leuchten im Widerschein des Lichtes der Straßenlaternen da draußen. Ihre streichholzlangen Schnurrbarthaare erfassen die Schwingungen in der Luft. Für die Tiere sind alle Geister so präsent wie wir Menschen. Tiere haben sich Sinne bewahrt, die den meisten von uns verloren gegangen sind. Wenn ein Tier in freier Natur morgens aufsteht, bewegen es nur zwei Fragen: 1. Was fresse ich heute? 2. Wer will mich heute fressen? So ein Leben hält die Sinne und die Geistesgegenwart wach.
Auf dem Dach des Rathauses meckern drei Möwen lautstark über die unerwartete Störung ihrer Nachtruhe. Eine von ihnen löst sich mit einem unanständigen Geräusch nach unten Richtung Eingang und trifft den Geist einer Frau mit einem Blumenhut, der nun durch einen großen Klacks weißen Guanos verziert ist. Ein Rotkehlchen schwirrt aufgeregt durch die Büsche im kleinen Hinterhof des Gebäudes. Ein Zaunkönig zetert auf der baufälligen Dachrinne. Eine Amsel poltert durch die Magnolien Richtung St. Mary. Ein Schwarm Sandpfeifer schwirrt vom Meer kommend übers Rathaus landeinwärts, um dort die nächste Ebbe abzuwarten. Um 21.13 Uhr war gestern Hochwasser, das heißt in etwa zweieinhalb Stunden liegen die Sand- und Kiesbänke zwei Meilen südwärts wieder frei und die Stelzvögel können vier Stunden lang auf Wurm-, Krabben- und Larvensuche gehen.
Man darf sich das Geméting der Geister nicht ganz so wie eine Stadtratssitzung, wie ein Jahrestreffen des Schützenvereins oder wie eine Hauptaktionärsversammlung vorstellen. Manche Geister gleiten unter dem, seit dem 5. Dezember 1964 über dem Eingang der Town Hall eingelassenen Stein vom Namensvetter Rye/New York/USA über zwei steinerne, ausgetretene Stufen durch das verschlossene, eiserne Tor, dann acht Stufen, mit roten Seilen und goldenen Einfassungen auf beiden Seiten des Durchgangs, geradeaus hinauf, dann weitere sieben Stufen nach rechts, und dann noch einmal acht Stufen nach rechts in den Vorraum und endlich in den Rathaussaal. Rechts im Vorraum versteckt sich eine kleine Tür. Durch die geht es über eine sehr enge Treppe auf den Dachboden. Dort hängt der Originalkäfig, in dem die Leiche des Mörders John Breads jahrzehntelang vor der Stadt und in der Kirche zur Schau gestellt wurde. Nur seine Schädeldecke ist nach all den seitdem vergangenen Jahrhunderten in dem eisernen Behältnis übriggeblieben. Wer gute Beziehungen in Rye hat, dem öffnet sich der Dachboden, und der darf sich das Schmuckstück ansehen.
Die Namen aller Bürgermeister, aller und aller Bailiffs seit dem Jahre 1289 sowie alle Namen seit 1300 AD sind in der Town Hall in Gold auf große Holztafeln gemalt und an den Wänden verewigt. Über Geister findet man dort zunächst keine schriftlichen Hinweise. Die Namen der Ealdors sind unsichtbar direkt unter die Decke des Saales gemalt. In der Johannisnacht zu ganz bestimmter Stunde leuchten die Buchstaben, für Menschen sechs Minuten sichtbar, kurz auf. Die Tischglocke des Bürgermeisters aus dem Jahre 1565 – für die Geister die – hat eine...




