E-Book, Deutsch, 812 Seiten
Blum / Lindberg / Winter Sommerkuss und Inselglück
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-783-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Drei Romane in einem eBook: »Das Flüstern des Schicksals« von Lena Lindberg, »Das Leuchten deines Herzens« von Marie Winter und »Familienleben auf Freiersfüßen« von Britta Blum
E-Book, Deutsch, 812 Seiten
ISBN: 978-3-96655-783-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Britta Blum arbeitete lange als Paartherapeutin, bevor sich die erprobte Vierfachmutter ganz dem Schreiben widmete. Ihre eigenen Söhne schickte Blum nicht nur zum Fußball oder Kampfsport, sondern obendrein zum Ballett und in die Tanzschule - wofür ihr die Damenwelt bis heute dankbar ist. Mit viel Herz und Augenzwinkern verarbeitet die Autorin, die im Rheinland lebt, in ihren Romanen Geschichten aus dem prallen Familienleben. Britta Blum veröffentlicht bei dotbooks folgende Romane: 'Babys fallen nicht vom Himmel' 'Familienleben auf Freiersfüßen' 'Mama geht baden' 'Kleine Männer sind die größten' 'Schräge Töne' 'Honig und Stachel'
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
1970
Eva war gerade dabei, eine hellblaue Mustang-Jeans mit weit ausgestelltem Bein zurück ins Regal zu räumen, als ihre Kollegin Claudia sie von hinten antippte: »Du sollst sofort zum Alten kommen. Er will dich sprechen. Ich würde mich beeilen. Er sah ziemlich wütend aus.«
»Was will er denn?«
»Keine Ahnung. Aber an deiner Stelle würde ich ihn nicht lange warten lassen.«
Eva atmete tief durch, denn sie hatte bereits eine Vorahnung, weswegen Herr Kaltenfluss, Inhaber des gleichnamigen Jeans-Fachgeschäftes »mit Tradition«, sie in sein Büro bestellt hatte. Auf dem Weg dorthin legte sie sich deshalb gedanklich schon einmal passende Worte der Entschuldigung bereit.
Aber ob ihm das reichte? Wohl nicht. Kaltenfluss war ein unangenehmer Zeitgenosse und ein ziemlich jähzorniger Chef. Oft schon hatte er sie oder ihre Kolleginnen wegen absoluter Lappalien angeschnauzt und Eva durchdrang schon jetzt das dumpfe Gefühl, dass er ihr die gestrige Aktion wohl nicht verzeihen würde.
Sie musste einfach an sein soziales Gewissen appellieren und zeitgleich ihre weiblichen Reize, die sie zweifelsohne besaß und denen Herr Kaltenfluss im Allgemeinen sehr aufgeschlossen gegenüber war, in Szene setzen.
Also legte Eva einen kurzen Zwischenstopp im Personalraum ein, um ihr Aussehen noch einmal kritisch zu überprüfen.
Sie blickte in den großen Wandspiegel, über den Kaltenfluss ein Schild hatte anbringen lassen: »So sieht Sie der Kunde«.
Eva war zufrieden mit dem, was die Kunden und auch sie selbst sahen. Ihr lilafarbener Mini-Rock war frisch gebügelt und saß am Po knackig. Ihre braunen Overknee-Stiefel mit den Plateauabsätzen waren ordentlich geputzt und die rosa Rüschenbluse mit den kleinen lila Kornblumen darauf betonte ihre schlanke Taille und ihren üppigen, aber festen Busen geradezu ideal. Der schwarze Kajalstift, mit dem sie ihre strahlenden blauen Augen umrandet hatte, war noch unverschmiert und mit dem blass rosafarbenen Lippenstift, den sie noch schnell aus der Häkeltasche in ihrem Spind fischte, zog sie auch noch einmal ihre Lippen nach. Dann tupfte sie sich ein paar Spritzer ihres derzeitigen Lieblingsparfums Janine D. hinter die Ohren und positionierte die Haarspange, auf der eine Blume appliziert war, noch einmal akkurat in ihrem langen, glatt geföhnten, blonden Haar. Sie schaute in den Spiegel und ließ ihren Blick über ihren Körper gleiten. Perfekt! Das musste Kaltenfluss einfach milde stimmen. Und wenn nicht? Eva überlegte, was sie nun noch tun könnte. Schnell knöpfte sie ihre Bluse auf, öffnete den Verschluss ihres BHs und warf diesen zusammen mit ihrer Häkeltasche zurück in ihren Spind. Das Scheppern des Wandlautsprechers riss sie aus ihren Gedanken. »Fräulein Mayrhuber bitte umgehend 100. Fräulein Mayrhuber bitte!«
Es war Kaltenfluss persönlich. Jetzt musste sie sich aber wirklich beeilen.
Der Chef saß hinter seinem schweren Mahagoni-Schreibtisch und sah sie ziemlich wütend an. »Grüß Gott, Herr Kaltenfluss! Sie wollten mich sprechen?«
»Da sind Sie ja endlich, Fräulein Mayrhuber. Setzen Sie sich. Warum hat das denn so lange gedauert?«
»Entschuldigung, ich war noch in einem Verkaufsgespräch mit einer Kundin und wollte diese natürlich nicht einfach so stehen lassen.«
Eva setzte sich auf den Besucherstuhl, dem Chef direkt gegenüber. Sie bemühte sich, dieses möglichst sexy zu tun. Überschlug ihre Beine, fuhr sich mit der Hand noch einmal kunstvoll durch ihr Haar und beugte sich schließlich so weit nach vorne, dass Herr Kaltenfluss den einen oder anderen Einblick in ihr Dekolleté musste erhaschen können. Ihr attraktives Aussehen, verteilt auf 175 Zentimeter, war jetzt ihre einzige, wenn nicht sogar letzte Chance. Das war ihr klar. »Fräulein Mayrhuber. Wie lange sind Sie nun schon bei uns?«
»So ungefähr ein halbes Jahr«, sagte Eva.
»Diese Zeit sollte Ihnen doch eigentlich gereicht haben, sich mit den Gegebenheiten unseres Hauses vertraut zu machen, oder?«
»Ja, schon.«
»Sie wissen, dass ich Ihnen damit, Sie sofort in den Verkauf zu lassen, eine sehr große Chance gegeben habe? Schließlich sind Sie eine ungelernte Kraft.«
»Ja, ich weiß.«
»Und bisher waren nicht nur Ihre Abteilungsleiterin Frau Schmidt, sondern auch ich immer zufrieden mit Ihren Leistungen. Sie haben sich schnell eingearbeitet, immer gut verkauft und waren bei Kunden und Kollegen äußerst beliebt. Aber mit dem, was gestern passiert ist, haben Sie mein Vertrauen in Sie maßlos enttäuscht.«
»Herr Kaltenfluss. Lassen Sie es mich bitte erklären.«
Eva berichtete ihrem Chef von der alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter, die mit ihren drei Kindern in den Laden gekommen war. Die ihr dann ihr Leid geklagt hatte, über ihre düstere Situation ohne Mann, Job und Geld. Der Eva, weil sie ihr so leid tat, dann drei Kinderjeans zum Preis von einer gab, indem sie die Preisetiketten umgeklebt und so Neuware zu herabgesetzten Restposten umdeklariert hatte. Dummerweise hatte Brigitte Kaltenfluss, die Chefgattin, die sich um die Buchhaltung kümmerte und kurzzeitig die Kasse übernommen hatte, als die Kollegin eine kurze Pause machte, den Betrugsversuch sofort entdeckt.
»Wie ich sehe, geben Sie den Verstoß zu. Sie wissen, was das heißt?«, fragte Kaltenfluss.
»Nein«, sagte Eva kleinlaut. »Es tut mir so leid. Aber ich wollte doch nur...«
Weiter kam sie nicht, denn Kaltenfluss fiel ihr direkt ins Wort. »Fräulein Mayrhuber! Wir sind doch hier nicht bei der Heilsarmee. Oder beim Roten Kreuz. Das geht so nicht. So leid es mir tut, ich muss Ihnen kündigen.«
»Aber ich habe doch nichts gestohlen.«
»Das vielleicht nicht, aber Sie haben uns hintergangen. Fräulein Mayrhuber, hier trennen sich unsere Wege. Sie werden das Haus sofort verlassen. Weil ich kein Unmensch bin, werde ich Ihnen den angebrochenen Monat bezahlen und damit hat es sich. Meine Frau wird Ihnen Ihre Unterlagen zuschicken.«
Eine halbe Stunde später hatte Eva bereits ihren Spind geräumt, sich von ihren geschockten Kolleginnen verabschiedet und schlich nun wie ein angeschossenes Reh durch die Kaufingerstraße, Münchens belebte Einkaufs-Fußgängerzone und dachte dabei über ihr verkorkstes Berufsleben nach.
Das war er nun gewesen. Ihr dritter Job in nicht einmal 12 Monaten. Jetzt musste sie also bei schönstem Wetter im Mai, statt gemütlich im Englischen Garten zu liegen, die neue Sommermode zu kaufen oder im Eiscafé zu sitzen, erst einmal wieder die Stellenanzeigen in der Abendzeitung lesen und wieder auf ihrer alten Schreibmaschine, auf der das »M« immer klemmte, Bewerbungsunterlagen tippen. Ihr graute davor. Vielleicht sollte sie es mal in einer ganz anderen Branche als dem Einzelhandel versuchen? Der hatte ihr ja weiß Gott irgendwie kein Glück gebracht. Im Hotelgewerbe? Sprachbegabt war sie. Englisch, Französisch und Spanisch konnte sie. Hätte sie bloß ihre blöde Fremdsprachenschule nach der Mittleren Reife fertig gemacht. Dann wäre sie heute bestimmt Sekretärin oder Übersetzerin und müsste sich nicht mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Aber die Lehrer waren einfach wirklich zu spießig gewesen. Und dann war vor zwei Jahren ja auch noch Alex auf einer Party in ihr Leben getreten. Sie hatten eine wilde Zeit gehabt. Viel gefeiert, viele Kurse und Vorlesungen geschwänzt. Er die Uni und sie ihre Fremdsprachenschule. Tagelang lagen sie nur im Bett. Bis Eva schließlich durch zwei große Prüfungen gerasselt war und das letzte Schuljahr komplett hätte wiederholen müssen. Doch dazu hatte sie beim besten Willen keine Lust gehabt.
Seitdem versuchte sie es in diversen Klamottenboutiquen, in einem Blumengeschäft und einer Bäckerei und hatte trotz den ganzen Jobwechseln eigentlich immer ganz ordentlich verdient. Zwar nicht die Welt, aber genug zum Leben, so dass es für sie keinen Grund gab, sich um einen Ausbildungsplatz zu bemühen und dann wieder nur mit ein paar hundert Mark im Monat auskommen zu müssen. Zu sehr gefiel es ihr, sich ab und zu etwas zu gönnen. Ein paar Klamotten hier, eine Langspielplatte dort, ein teures Parfum….
Alex hingegen hatte sein Musikstudium trotz der verpassten Vorlesungen fast geschafft, alle Scheine beisammen und obwohl die Karriereaussichten für Studenten dieses Fachs eher mäßig waren, vor ein paar Wochen einen absoluten Treffer in Susis Tanzbar gelandet. Susis Tanzbar war ein übler Anmachschuppen für alleinstehende Mittvierziger in Schwabing, in dem Alex dreimal pro Woche abends auftrat. Eine Art Kontaktcafé mit Damenwahl. Ähnlich dem berühmten Café Keese auf der Hamburger Reeperbahn. Mit viel Plüsch und Kitsch, inklusive kleinen Tischtelefonen und großer Discokugel. Alex stand hier auf der Bühne, sang die aktuellen Schlager der Hitparade rauf und runter und begleitete sich dabei selbst am Keyboard oder ließ zu seinem Gesang ein Halbplayback mit der Musik vom Band laufen. Weniger, um sich künstlerisch zur verwirklichen, wie er immer sagte, sondern mehr, weil der Job recht gut bezahlt war und ihm die ein oder andere flirtwillige Dame gerne ein üppiges Trinkgeld zusteckte, wenn er mit seiner »wunderbar rauchigen und unverwechselbaren Stimme«, wie sie immer sagten, noch einmal »Dein schönstes Geschenk« von Roy Black oder »Du« von Peter Maffay für sie zum Besten gab.
Es war kein Wunder, dass Alex so gut bei den weiblichen Gästen ankam: Er war ein absoluter Frauentyp. 27 Jahre alt, 1,91 Meter groß, mit breiten Schultern und schmaler Taille. Dazu halblanges, dunkelbraunes Haar, braune Knopf-Augen und schlanke, aber doch männliche Hände. Auch Eva hatte sich vor gut zwei Jahren sofort in ihn verliebt, als er ihr von einer Freundin auf besagter Party vorgestellt...




